Die Arbeitende Bevölkerung

Einer der Topfavoriten unter den Mythen vom finsteren Mittelalter sind die furchtbar geschundenen Bauern.
„90% der Menschen im Mittelalter waren Bauern und mussten 12 Stunden am Tag extrem schwere körperliche Arbeit auf ihren Feldern und denen ihres Herren verrichten. Wegen der Lächerlich hohen Steuern waren sie trotzdem ständig halb verhungert. Sie hatten keinerlei Rechte und waren komplett der Willkür ihres Herrn ausgeliefert.“
Keine noch so extreme Beschreibung scheint dem unsagbaren Leid der Landbevölkerung im Mittelalter gerecht zu werden.
Nun, zunächst einmal: Ja, 90% der Menschen lebten selbst am Ende des Mittelalters noch auf dem Land, das ist richtig.
Was den Rest betrifft…

Zu Beginn des Mittelalters ist Europa sehr dünn bevölkert und es ist im absoluten Interesse eines Grundherren, seine Bauern weder verhungern zu lassen, noch so zu misshandeln, dass sie ihm weglaufen und sich anderswo Arbeit suchen.
Denn wo sollte er bitte Ersatz hernehmen?
Und ein Grundherr ohne Bauern hat im nächsten Jahr selber nichts mehr zu fressen…

In der Zeit von ca. 800 bis ca. 1300 erlebt europa eine Zeit sehr günstigen Wetters (mittelalterliche Warmzeit), die zusammen mit Neuerungen in der Landwirtschaft (Dreifelderwirtschaft, Kummet, Wendepflug, Windmühle…) zu einer gewaltigen Ertragssteigerung führt.  Gleichzeitig werden in ganz Europa Wälder gerodet und Sümpfe trockengelegt, um neues Ackerland zu schaffen. Die slawischen Gebiete im heutigen Ostdeutschland und Polen werben massiv Siedler aus dem Westen an. Und im 12ten bis 14ten Jahrhundert erleben wir die große Zeit des Städtewachstums. Um 1300 gibt es im heutigen Deutschland 20 mal so viele Orte mit Stadtrecht, wie 100 Jahre vorher!
All diese Faktoren sorgen dafür, dass die Nachfrage nach Arbeitskräften noch schneller steigt, als die Bevölkerung, sodass die Bauern jetzt in der Position waren, Forderungen zu stellen, damit sie blieben und sich nicht wie so viele Andere buchstäblich „vom Acker machten“.
Im Laufe des Hochmittelalters und auch noch weiter Teile des Spätmittelalters sehen wir, dass aus Leibeigenen und Hörigen freie Pächter werden, dem Herren geschuldete Dienste und Arbeiten extrem eingeschränkt oder ganz aufgegeben (und durch fixe Pachtzahlungen ersetzt) werden und viele Dörfer sich weitgehend selbst verwalten.
Zumal die Städte nicht nur als alternativer Lebens- und Arbeitsplatz wertvoll sind, sondern auch durch den Markt, auf dem der Bauer seine Überschüsse verkaufen kann und damit regelmäßig an Geld kommt.

Missernten kamen selbstverständlich auch im hoch- und spätmittelalterlichen Wirtschaftsboom vor und brachten großes Leid mit sich, waren aber nichts Alltägliches. Die selbe Region wurde etwa einmal alle 2 bis 3 Generationen von so etwas heimgesucht. Heute leiden wir in westlichen Ländern nicht mehr unter ausfallenden Ernten, aber Wirtschafts- und Bankenkrisen haben ähnliche Auswirkungen auf uns und passieren etwa genau so häufig.

Die Steuerlast lag im Schnitt bei 30 – 40% vom Einkommen (Kirchenzehnter inbegriffen), wobei die Steuern pro Haushalt abgerechnet wurden und nicht für einzelne Personen.

12 Stunden knochenbrechende Arbeit am Tag sind Unsinn.
Als Selbstversorger auf einem Hof ist zwar wirklich jeden Tag irgendetwas zu tun, aber abseits der kurzen Zeiten wirklich intensiver Arbeit (Ernte, Holzschlag, Aussaat) kommt man selten auf einen 8-Stunden Tag.
Das sagen uns sowohl erhaltene Dienstverträge für Landarbeiter aus dem Spätmittelalter, Wistümer, in denen das ländliche Gewohnheitsrecht inklusive der von den Bauern zu leistenden Frondienste festgahalten war, als auch Experimente in Museumsdörfern.

Zudem gibt es Zeugnisse von Menschen aus der Zeit der Industriellen Revolution, die in den Fabriken arbeiteten, weil es auf dem Land nicht genug Arbeit gab. Diese Menschen bescheinigen durchgehend, dass die Arbeit in den Fabriken SEHR viel härter und länger war als die Feldarbeit, die sie gewohnt waren.

Der mittelalterliche Kalender hat insgesamt über 100 arbeitsfreie Feiertage!
Und wir haben mehr als genug Belege, dass es an diesen Tagen hoch her ging, mit großen Festen, Musik und sportlichen Wettkämpfen.

Das ändert sich erst am Ende des Mittelalters, als durch eine immense Klimaverschlechterung („kleine Eiszeit“, „spätmittelalterliche Agrarkrise“) die Landwirtschaft ins Stocken geriet, die Nachfrage an Arbeitskräften also massiv sank und plötzlich nichtmehr der Arbeitnehmer dem Arbeitgeber sagen konnte „mach mir ein besseres Angebot, oder ich suche mir jemand anderen“, sondern umgekehrt.
Angebot und Nachfrage, eigentlich ganz einfach.
Und das Selbe erleben wir doch gerade selbst im Zuge der Wirtschaftskrise.
Erschwerend kam noch hinzu, dass die zentral regierten Fürstenstaaten der Renaissance sehr viel mehr Macht und Wirtschaftsmittel zur Verfügung hatten, als die Masse an kleinen Grundherren, über die beides im mittelalterlichen Feudalsystem noch verteilt war.

Das führte dazu, dass die bäuerlichen Aufgebote, die in den Bauernkriegen im 16. Jahrhundert darum kämpften, ihre im Laufe des Mittelalters ertrotzten Rechte zu behalten, erst die feudalen Aufgebote von Landadel und Klöstern aufmischten um dann den riesigen, professionellen Söldnerarmeen, die eben nur ein Renaissancefürst aufstellen konnte, zu unterliegen.

Unsere Vorstellungen vom Leben eines Mittelalterlichen Bauern entsprechen durchaus der Realität, aber eben der des 16. 17. und 18. Jahrhunderts. An diesen wirklich finsteren Zuständen hat erst die industrielle Revolution ganz langsam etwas geändert.
Zwar waren die Arbeitsbedingungen in den Fabriken zunächst nochmal eine ganze Ecke schlimmer, als die auf dem Land, aber die erneut rapide steigende Nachfrage an Arbeitskräften gab der Arbeiterschicht wieder ein Druckmittel in die Hand.

Leseempfehlungen:

Ein sehr guter Artikel zur tatsächlichen Arbeitslast mittelalterlicher Menschen:
http://groups.csail.mit.edu/mac/users/rauch/worktime/hours_workweek.html

Bäuerliches Leben im Mittelalter: Schriftquellen und Bildzeugnisse
Siegfried Epperlein
ISBN-10: 3412136026

DAS Buch zum Thema „Bauern im Mittelalter“

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