Die Katholische Kirche und die Wissenschaft.

Und wieder ein Artikel zu dem mich ein Social-Media-Kommentar Inspiriert hat:

„Die Kirche im Mittelalter hat Wissen unterdrückt, Bücher vernichtet, Wissenschaftler verfolgt und ganz allgemein alles getan, um dem Volk jegliches höheres Wissen vorzuenthalten. Deshalb war medizinisches Wissen nicht vorhanden, es wurden praktisch keine Erfindungen gemacht und wenn es das Mittelalter nicht gegeben hätte, würden wir jetzt vermutlich schon den Weltraum erkunden.“
Das dürfte in etwa das allgemein verbreitete Bild wiedergeben.

Ich bin Atheist und stimme mit Freuden zu, dass die katholische Kirche in ihrer langen Geschichte haufenweise Verbrechen begangen hat.
Ich bin aber auch der Ansicht, dass wirklich jeder es verdient hat, nur die Verbrechen vorgeworfen zu bekommen, die er auch tatsächlich begangen hat.

Wir müssen uns zunächst folgende Dinge klarmachen:

1. Die mittelalterlichen Machthaber waren verhältnismäßig schwach. Das Reich ist in unzählige kleine Fürstentümer unterteilt, die ihrerseits wiederum aus kleinen Grundherrschaften bestehen.
All diese kleinen und großen Herren unterstehen nur sehr locker der Herrschaft ihres jeweiligen Lehnsherren (und sind von den meisten Steuern befreit). Die allermeisten Einnahmen für einen Fürsten oder König stammen aus den wenigen Gebieten, die sie nicht als Lehen vergeben haben, sondern durch Vögte verwalten lassen, die ihnen direkt unterstehen.

2. Dadurch ist nur die Kirche mit ihren aus der Spätantike übernommenen Verwaltungsstrukturen und ihrer in ganz Europa zentral auf Rom ausgerichteten Organisation finanziell in der Lage, öffentliche Aufgaben wie Bildung (durch Pfarr- und Domschulen und später die Universitäten), medizinische Versorgung (durch die Klöster und später durch Spitäler in den Städten) und Armenfürsorge zu übernehmen. Außerdem waren die Kirchlichen Strukturen für die Weltlichen Machthaber auch von unbezahlbarem Nutzen für die Verwaltung ihrer Reiche.

3. Dadurch sind Kirche und Staat im Mittelalter effektiv eins. Ein Auflehnen gegen die Gebote der Kirche ist gleichzeitig ein Auflehnen gegen die Gesetze des Staates. Dementsprechend wurde beides auch mit der selben Härte verfolgt.

Sehen wir uns jetzt also einmal an, wie sich diese drei Punkte auf Wissenschaft und Bildung im Mittelalter auswirkten:

Tatsächlich hatte der überwältigende Großteil des so genannten „antiken Bücherschwunds“ während der Krisen der Spätantike stattgefunden.
Dennoch wurden auch im Frühmittelalter antike Texte zerstört, ja.
Das blieb aber die Ausnahme und in den meisten Klöstern wurde tonnenweise Antikes Wissen erhalten, das sonst verloren gegangen wäre.

Die antiken Autoren wie Aristoteles, Ptolemäus, Vegetius oder Galen waren die Grundlage aller mittelalterlichen Wissenschaft, die voll Respekt auf die „weisen Heiden“ zurückblickte, mit einer Einstellung, die auch manchem modernen Wissenschaftler guttun würde: „Wir sind Zwerge auf den Schultern von Riesen. Wir sehen mehr und weiter als diese, aber nicht weil wir größer wären als sie, sondern weil unser Weniges zu ihrem Vielen dazukommt.“
Auch das Wissen, das ab dem 12. Jahrhundert aus dem Orient nach Europa kam, wurde begierig aufgesogen und in den bestehenden Lehrplan eingefügt.
Die Scholastik lehrte, dass die Antike Philosophie und das Christliche Weltbild kein Wiederspruch sein müssen.
Denker wie Albertus Magnus, Duns Scotus oder (heute vielleicht der bekannteste) William of Ockham entwickelten Methoden wissenschaftlichen Arbeitens, die noch heute zur „wissenschaftlichen Methode“ gehören. („Ockham´s Rasiermesser“, irgendjemand?)
Alle drei waren Kleriker.
Und es gab viele mehr.

Die Kinder von Adligen und Stadtbürgern lernten in Pfarrschulen Lesen, Schreiben, Rechnen und Latein (das nicht nur für den Gottesdienst, sondern auch als internationale Verkehrssprache sehr nützlich war). Dafür sangen sie im Kirchenchor und es gibt erhaltene Gerichtsakten über Streitigkeiten zwischen Kirche und Bürgerschaft, welchen Anteil der Gesangsunterricht verglichen mit den anderen Fächern haben sollte. Der Besuch der Universitäten stand jedem christlich getauften und ehelich geborenen Mann frei, so er ihn sich leisten konnte. Studenten und Studierte galten rechtlich automatisch als Kleriker (was einige nützliche juristische Immunitäten mit sich brachte), unabhängig davon, ob sie Priester oder gar Theologen waren oder werden wollten.
Aber wie sieht es mit der Unterdrückung naturwissenschaftlicher Forschungen durch die Kirche aus?

Schon Augustinus der Große hatte verkündet, dass die Schöpfungsgeschichte der Bibel nicht wörtlich zu verstehen ist, sondern nur eine bildliche Erklärung für die Erschaffung der Welt, die wir verstehen können.
Die Kirche unterschied zwischen der Naturwissenschaft, die sich mit der materiellen und diesseitigen Welt beschäftigte und für die die metaphorischen Aussagen der Bibel nicht wörtlich bindend seien, und der Theologie, die sich mit der Natur Gottes und seinem Willen beschäftigte und für die die Aussagen der Bibel (beziehungsweise deren Auslegung durch die Kirche) absolut bindend waren.

Galileo ist ein schönes Beispiel hiefür:
Als er seine These von der Bewegung der Erde um die Sonne aufstellte, fand er viele Befürworter und Förderer in der Kirche, unter anderem auch den Papst, der ihn später verurteilen sollte.

Was war also passiert?

Die Gelehrten der Kirche waren von Galileos These fasziniert, aber nicht überzeugt, da er keine stichhaltigen Beweise vorbringen konnte und sein Modell nicht in der Lage war, die Bewegung der Planeten am Himmel auch nur annähernd so präzise wiederzugeben, wie es das auf Ptolemäus basierende geozentrische Weltbild konnte (erst Johannes Kepler, der übrigens keine hohe Meinung von Galileo und seiner Arbeit hatte, gelang es etwa zeitgleich ein wesentlich besseres Modell zu entwickeln, das akkurate Berechnungen der Planetenbahnen ermöglichte).
Trotzdem fanden sie das heliozentrische Modell interessant genug, dass Galileo den offiziellen päpstlichen Auftrag bekam, ein von der Kirche finanziertes Lehrbuch zu schreiben, das beide Modelle, das geozentrische wie das heliozentrische, als gleichberechtigte Möglichkeiten nebeneinanderstellte.

Galileo, wütend darüber, dass seine These nicht als allein gültige Lehrmeinung übernommen worden war, schrieb daraufhin ein Buch, in dem er die Vertreter des alten geozentrischen Weltbildes als ungebildete Idioten darstellte, die zu dumm seien, die Bibel richtig auszulegen.

Bumm.
Das war der Moment, in dem Galileo aus gekränktem Stolz eine naturwissenschaftliche in eine theologische Debatte verwandelt hatte und nur dafür wurde er vor das Inquisitionsgericht zitiert.

Heißt das, die Kirche hatte das recht jemandem mit dem Tod zu drohen, der ihre theologische Lehrmeinung und damit ihre Machtbasis angriff?
Nein, natürlich nicht!
Aber jetzt reden wir über ein komplett anderes Unrecht: Nicht mehr die prinzipielle Unterdrückung von Wissenschaft, sondern die Unterdrückung von Rebellionen und Abspaltungen, wie sie die allermeisten Machthaber in der Geschichte begangen haben und noch heute begehen.

Bezeichnenderweise konnte selbst Theologie trotzdem diskutiert werden und auf Basis solcher Diskussionen hat es in der kirche mehrfach teils tiefgreifende Reformen gegeben, solange man einige Grunddogmen, wie etwa die Notwendigkeit der Beichte bei und der Absolution durch einen Priester, oder die Apostolische Nachfolge unangetastet ließ, weil man diese Lehren nicht aufgeben konnte, ohne den gesamten Machtanspruch der Kirche zum Einsturz zu bringen.

Wie hätte wohl ein König reagiert, wenn ich öffentlich verkündet hätte, er sei unfähig zu regieren und überhaupt bräuchten wir garkeine Könige, wir könnten uns auch gut selbst regieren?
Natürlich ist es ein Unrecht, seine politische Macht mit Gewalt zu erhalten, aber die Kirche hat damit kein größeres Unrecht begangen, als jeder andere Machthaber ihrer Zeit (und anderer Zeiten) auch.

Wir sehen also, Naturwissenschaftliche Forschungen oder die Verbreitung ihrer Ergebnisse stellten keine Bedrohung für die Kirche dar und es gab auch keinen Anlass, sie zu unterdrücken.
Eher im Gegenteil: Wissenschaftlicher Fortschritt ließ die Wirtschaft und damit die Kirchlichen Steuereinnahmen wachsen.

Medizinisches Wissen war nicht vorhanden?

Medizin im Mittelalter ist ein sehr komplexes und Spannendes Thema, dem ich definitiv nochmal einen eigenen Artikel widmen werde, deshalb hier nur grob und in Kürze:

Das medizinische Wissen im Frühmittelalter entsprach exakt dem der Römischen Antike (Galen war die Grundlage aller ärztlichen Arbeit bis ins 19. Jahrhundert) und wurde ab dem Hochmittelalter durch wissen aus der Arabischen Welt (vor allem Avicenna und Rhazes) erweitert.
Gegen die meisten Krankheiten die bekannt waren, kannte man Mittel und Behandlungen.
Man darf nicht vergessen, dass die Pest von 1347 bis 1349 vor allem deshalb so zuschlug, weil sie seit fast 800 Jahren zum ersten mal nach Europa kam.
Nicht nur hatten die Menschen keine Antikörper gegen den Erreger, die Ärzte waren mit einer komplett neuen Krankheit konfrontiert, und soetwas ist bis heute eine Katastrophe.
Natürlich ist unser heutiges Wissen weiter, wir kennen mehr Behandlungen gegen mehr Krankheiten mit höheren Erfolgschancen.
Das ändert aber nicht das Geringste daran, das die meisten mittelalterlichen Behandlungen wirkten, weil man aus Erfahrung gelernt hatte, was bei einer bestimmten Erkrankung funktionierte und was nicht.
Nur die Erklärung, warum sie funktionierten, war nach heutigem verständniss grundfalsch.
Dass sie funktionierten, wenn auch natürlich nicht mit den selben erfolgschencen wie heute, steht fest.

Heißt effektiv: Ich muss nichts von Bakterien und Viren wissen, um zu wissen, dass Sauberkeit = weniger Krankheiten ist.

Ein nicht unerheblicher Teil unserer heutigen hören Lebenserwartung hängt im übrigen an der Wirksamkeit von Antibiotika, die kein Ergebnis brillianter wissenschaftlicher Forschung und Entwicklung sind, sondern ein reiner glücklicher Zufallsfund.

Ich empfehle nochmal, sich das Bild mit den Zwergen und den Riesen vor Augen zu rufen…

Oft wird auch die Tatsache angeführt, dass die Kirche das Sezieren von Leichen Verbot, um somit zu beweisen, dass das Christentum der wissenschaftlichen Forschung ja doch im Weg stand.

Spannenderweise gab es nie ein offizielles kirchliches Verbot für das Sezieren von Menschen.
Wenn überhaupt, gab es ein gesellschaftliches Tabu dagegen, dass allerdings schon lange vor der Christianisierung bestand. Schon Galen hatte größtenteils Tiere seziert und daraus Rückschlüsse auf die menschliche Anatomie gezogen.
Spätestens ab dem 14ten Jahrhundert gehörten Sezierungen von menschlichen Leichen zum Lehrplan der Chirurgischen Fakultäten in Bologna und Paris.

Aber kirchlich oder Gesellschaftlich, dieses Tabu ist kein Beweis für eine grundsätzlich ablehnende oder gar feindliche Haltung gegenüber der Wissenschaft, sondern nur für moralische Vorbehalte gegen bestimmte *Methoden*, die bei der Forschung angewendet wurden.
So wie es heutzutage noch moralische Bedenken gegen Stammzellenforschung sowie jedwede Form von Gentechnik gibt, die nichts mit einer Abneigung gegen Wissenschaft zu tun haben.

Es gab keine Erfindungen?

Hier eine kleine und bei weitem nicht vollständige Liste von Erfindungen, die entweder während des Mittelalters gemacht wurden, oder über die Fernhandelswege aus dem Orient zu uns kamen (und hier oft noch massiv verbessert wurden):

Neue Technologien und Verfahren in der Metallverarbeitung, die dafür sorgten, dass Stahlwaren im Laufe des Hoch- und Spätmittelalters immer günstiger wurden und immer weitere Verbreitung fanden.

Neue Methoden und Technologien in der Landwirtschaft, die zur „Agrarrevolution“, einer Verzwei- bis Verdreifachung der Ernteerträge und zu einem sprunghaften Wirtschafts- und Bevölkerungswachtum führten:
Die Dreifelderwirtschaft
Der Räderpflug mit schollenwendender Pflugschar aus Eisen
Das Kummet
Das Hufeisen
Windmühlen, die sich der Windrichtung und -Stärke anpassen können.

Neue und verbesserte Maschinen, die von Wasserrädern angetrieben wurden, zum Beispiel:
Automatische Schmiedehämmer
Automatische Blasebälge
Automatische Schleifräder
Automatische Walkmühlen für Tuch
Automatische Schöpfräder für die Wasserversorgung von Städten oder die Entwässerung von Minenschächten
Automatische Erzzerkleinerer
Automatische Sägen

Weitere Erfindungen:

Der Steigbügel
Die Brille
Das Papier
Das Schießpulver
Der Kompass
Die Räderuhr
Hochkomplexe schwenkbare Kräne, angetrieben durch Laufräder.
Massive verbesserungen in der Kartografie
(darunter die Portulankarten, die als erste wirklich präzise Küstenlinien zeigten)
Fortschritte in der Astronomie und der Kalenderberechnung, die Schließlich zur Gregorianischen Kalenderreform führen.
Der Trittwebstuhl
Das Getriebe
Schiffe, die gegen den Wind kreuzen können.
Und last but not least: Massive Innovationen in der Architektur, die schließlich die gotischen Kathedralen hervorbrachten.

Einige Römische Technologien, wie etwa der Aquädukt, waren nicht etwa verschwunden, weil das nötige Know-how fehlte, sondern weil sie unter den wirtschaftlichen und politischen Bedingungen des Mittelalters keinen Sinn machten. (Nicht nur hätte kein weltlicher Machthaber die Mittel für einen Aquädukt gehabt, bei den zersplitterten Feudalen Territorien hätte ein Aquädukt von der nächstgelegenen Quelle bis zu meiner Stadt das Territorium von 5 anderen Herren durchquert und denen damit die perfekte Gelegenheit gegeben, mir die Wasserversorgung abzudrehen.)
Ebenso wie eine Kanalisation sind sie zudem in den eher kleinen mittelalterlichen Städten auch schlicht nicht nötig.

Andere, wie die Toilette mit Wasserspülung und die Fußbodenheizung gab es tatsächlich noch, wenn auch nur in den Häusern der Oberschicht.
Für einen flächendeckenden Einsatz dieser Technologien war im Gegensatz zum römischen Reich schlicht und ergreifend nicht die notwendige Infrastruktur da.

Die Künstler und Philosophen der Renaissance haben sich also nicht am eigenen Schopf aus dem „finsteren Mittelalter“ in die strahlende Neuzeit gezogen, wie sie selbst gerne von sich dachten. Vielmehr war ihre Welt das Endergebnis von 1000 Jahren mittelalterlicher Entwicklung.
Sie hatten vergessen, dass sie „Zwerge auf den Schultern von Riesen“ waren.

Ein sehr lesenswertes Interview zum Thema „Galileo und die Kirche: https://www.philso.uni-augsburg.de/institute/philosophie/Personen/Lehrbeauftragte/neidhart/Downloads/InterviewGalileo.pdf

Auch empfehlenswert, aber inzwischen nurnoch schwer zu bekommen ist diese alte Ausgabe von „Spektrum der Wissenschaft“:
https://www.amazon.de/Spektrum-Wissenschaft-Spezial-2002-Mittelalter/dp/B008OJ1HL0

Zum Mythos, im Mittelalter hätte man die Erde für eine Scheibe gehalten:
https://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/mittelalter-und-moderne-wie-die-erde-zur-scheibe-wurde-a-381627.html

Der großartige Blog von Tim O’Neill, einem Atheisten der die häufigsten antichristlichen und antikirchlichen Mythen detailliert auseinandernimmt und wiederlegt, weil seiner (und meiner) Ansicht die durchaus berechtigte und notwendige Kritik an Religion im Allgemeinen und einzelnen Religionsgemeinschaften im Besonderen auf belegbaren wissenschaftlichen Fakten basieren sollte und nicht auf längst wiederlegten Märchen und Falschbehauptungen.
https://historyforatheists.com/

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