Hört auf, religiöse Fanatiker als „mittelalterlich“ zu bezeichnen!

Wenn dieser Tage über religiösen Fanatismus gesprochen wird, hört man viele dumme, pauschale und vorurteilsbehaftete Aussagen, die einen wütend machen.
Eine dieser Aussagen verärgert mich aber nicht nur als Menschen sondern auch als jemanden, der sich wissenschaftlich mit der Geschichte auseinandersetzt, und mit dieser will ich mich hier befassen.

Es geht darum, dass entweder einzelne Religionen als Ganzes (heutzutage meist das Christentum oder der Islam) oder (marginal weniger dämlich) die Ansichten religiöser Fundamentalisten, beziehungsweise die Lebensbedingungen in von fundamentalistisch-religiösen Regimes geprägten Ländern als „mittelalterlich“ bezeichnet werden.
Dieser Vergleich bedient nicht nur das überholte Klischee vom „finsteren Mittelalter“, er verdeckt ausserdem den eigentlichen Grund, warum Fanatismus in einer Gesellschaft gedeiht, oder eben nicht.

Im Mittelalterlichen Europa waren Staat und Kirche untrennbar eng miteinander verbunden. Nicht zuletzt weil die Herrscher Europas auf die aus der Spätantike übernommenen Verwaltungsstrukturen der Kirche angewiesen waren, um ihre Reiche zu regieren. Auflehnung gegen den Machtanspruch der Kirche war also gleichzeitig Rebellion gegen die weltliche Macht und wurde entsprechend brutal bekämpft.
Zudem ist in einer Zeit relativ schwacher Zentralgewalt, in der die Gemeinschaft viele öffentliche Aufgaben wie Sozialfürsorge, Gewerbeaufsicht, Rechtsvertretung u.s.w. übernimmt, das Überleben des Einzelnen davon abhängig, dass besagte Gemeinschaft ihn akzeptiert. Wer sich nicht an die Regeln der Gemeinschaft hält, steht alleine da.
Dennoch ist die Vorstellung falsch, das Leben im Mittelalter sei von spaßfeindlicher Sittenstrenge bestimmt gewesen in der jede Form von Ausgelassenheit, Freude, Körperlichkeit oder gar Sexualität von der Kirche mit allen Mitteln unterdrückt wurde.
Uns sind Bußpredigten erhalten, in denen sich Kirchenleute über die körperbetonte, farbenfrohe und verschwenderische Mode aufregen und noch mehr Quellen, die bezeugen, dass sich kaum jemand daran gestört hat. Mittelalterliche Karnevalsbräuche lassen das heutige Narrentreiben zahm aussehen und Walter von der Vogelweide dichtete politische Satire von boshafter Schärfe und Humor. Er und andere Minnesänger besingen die Liebe zu einer verheirateten Dame, die nicht immer unerfüllt bleiben muss und die Lieder der Carmina Burana unterscheiden sich in ihren Themen von übermäßigem Alkoholgenuss und sexuellen Eroberungen nicht von heutigen Studentenliedern.
Es ließen sich ohne Mühe noch zahlreiche weitere Beispiele nennen, aber an dieser Stelle soll das erst einmal genügen.
Selbstverständlich waren die Moralvorstellungen des Mittelalters deutlich strenger als unsere heutigen, nicht zuletzt wegen der christlichen Religion. Und dennoch war das Mittelalter im direkten Vergleich in vieler Hinsicht weniger sittensteng als das Deutschland der 50er und 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Der Vergleich mit den Zuständen im heutigen Afghanistan oder dem Iran ist wie der zwischen Tag und Nacht.

Aber warum ist das So? Warum waren in einer Zeit, als in Europa die Katholische Kirche auf dem Höhepunkt ihrer Macht war, die religiösen Regeln weit weniger streng und wurden weit weniger brutal durchgesetzt, als in den radikal-religiösen Terroregimen unserer Zeit?

Die Antwort ist: Gerade WEIL die Kirche auf dem Höhepunkt ihrer Macht war, konnte sie es sich erlauben, den Menschen mehr Freiräume zu lassen.
Im Hoch- und Spätmittelalter erlebte Europa dank der „mittelalterlichen Warmzeit“ und den Neuerungen der „Agrarrevolution“ ein rasantes Wirtschaftswachstum, das erst am Übergang zur Renaissance mit dem Beginn der „kleinen Eiszeit“ und den darauf folgenden sozialen und wirtschaftlichen Krisen endete. Die Bevölkerung wuchs sprunghaft an, Städte schossen aus dem Boden und durch die nicht enden wollende Nachfrage nach Arbeitkräften verbesserte sich auch die wirtschaftliche, rechtliche und soziale Situation der einfachen Bevölkerung.

In einem System mit stabilen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Strukturen ist es im Interesse jedes Machthabers, diese Strukturen so wenig wie möglich zu stören. Denn auf diesen Strukturen basiert nicht nur seine Macht sondern auch seine Steuereinnahmen.
Zufriedene Menschen lehnen sich nicht auf und arbeiten effizienter, können also auch mehr Steuern zahlen. Ein kluger Machthaber versucht daher, seine Interessen und die seiner Untertanen ins Gleichgewicht zu bringen.

Wenn die Grundbedürfnisse eines Menschen wie Nahrung, Obdach und Sicherheit gestillt sind, ist sein nächstes Interesse das Streben nach Freiheit und Selbstbestimmung.
Sind diese Grundbedürfnisse jedoch in Gefahr, treten Freiheit und Selbstbestimmung wieder in den Hintergrund.

In Krisenzeiten sind Menschen bereit, auf einen Großteil ihrer Rechte zu verzichten, um dafür Schutz und Sicherheit zu bekommen (oder auch nur die Illusion von Schutz und Sicherheit). Es ist für einen Machthaber einfach, die Ängste und die Unzufriedenheit der Menschen zu nutzen, indem er sie auf einen Sündenbock lenkt. Anstatt der komplizierten und vielschichtigen Ursachen, die zu solch einer Krise führen, verkündet er, „die Anderen“ seien Schuld an der Situation. Je strenger nun die Bedingungen werden, die man erfüllen muss, um nicht „anders“ zu sein und je härter gegen die „Anderen“ vorgegangen wird, desto besser fühlen sich die Menschen vor der vermeintlichen Gefahr beschützt.
Es ist dabei völlig gleichgültig, ob es sich bei den „Anderen“ um Juden, Hexen, Ungläubige, den Westen, Muslime, angebliche „Sozialschmarotzer“ oder um Einwanderer handelt. Hauptsache, die Gruppe ist entweder klein genug, um entbehrlich zu sein und steht sowieso schon am Rande der Gesellschaft, oder es handelt sich von vornherein um einen äußeren Feind.
Der Machthaber nimmt den Menschen ihre Rechte und ihre Freiheit und sie sind ihm dafür von ganzem Herzen dankbar.

Werfen wir zum Vergleich einen Blick auf den heute oft als „mittelalterlich“ bezeichneten Islam:

In den Jahrhunderten nach Mohammeds Tod (also in eben dem Mittelalter, in dem der Islam ja laut manchen noch steckt), als die Muslimische Welt unter einem starken Kalifat in Bagdad geeint war und der Handel zwischen Ost und West florierte, war die Kultur des Islam weltoffen und tolerant. Kunst und Wissenschaft blühten und viele wichtige Entwicklungen erreichten Europa über das Morgenland. Dieses „goldene Zeitalter des Islam“ endete, als das Kalifat in mehrere sich gegenseitig bekriegende Kleinstaaten zerbrach. Die Ausschreitungen gegenüber der in Palästina lebenden christlichen Minderheit, die auf diese Krise folgten, waren einer der Hauptgründe, mit denen Papst Urban II. den 1. Kreuzzug rechtfertigte.

Wenden wir unseren Blick weg vom Frühmittelalter und zum 20ten Jahrhundert:

Es gibt Fotos aus Afghanistan und dem Iran aus den 1960ern, die Frauen in westlicher Kleidung zeigen, eine moderne, offene Kultur. Jetzt, nachdem beide Länder furchtbare Krisen und blutige Regimewechsel erlebt haben, regieren religiöse Fanatiker mit der Angst vor den „Anderen“.

Auch Europa hat die selben Entwicklungen erlebt: Als der mittelalterliche Wirtschaftsboom am Übergang zur frühen Neuzeit endete und die Menschen ihre Angst und Wut an angeblichen „Hexen“ ausliessen, als die Nationalsozialisten 1933 die Angst und Wut des deutschen Volkes über Wirtschaftskrise und versailler Vertrag gegen Juden und „Bolschewisten“ richteten und jetzt, wo Rechtspopulisten in ganz Europa die Angst und Wut der Menschen über Wirtschaftskrise und soziale Ungerechtigkeit gegen Muslime und Flüchtlinge richten.

Es begegnet uns zurzeit auch immer wieder das selten dämlichen Argument, der Islam sei ja im Gegensatz zum Christentum nicht reformiert worden und deshalb „gefährlicher“, „rückständiger“ oder sonst irgendwie „böser“.

Der Protestantismus war im Anfang eine radikale Bewegung. Wie alle radikalen Bewegungen (religiös, politisch oder anders) hat er durchaus real vorhandene Probleme und Misstände kritisiert und wäre wohl auch nicht so erfolgreich gewesen, hätte er das nicht getan.
Trotzdem kritisierten Luther und Konsorten eben nicht nur Dinge wie den Ablasshandel und die Verstrickung der Kirche in weltliche Machtpolitik, sondern wetterten auch sehr lautstark, dass die Katholiken nicht mit aller Härte gegen die viel zu selbstständigen Frauen, „heidnische“ Bräuche in der Bevölkerung, Juden, Hexen… vorgingen und allgemein nicht hart genug den Buchstaben des göttlichen Gesetzes durchdrückten.

Man könnte durchaus sagen, dass der Salafismus und andere fundamentalistische Strömungen im heutigen Islam dessen Reformationsbewegung *sind*.

Dass der Protestantismus in Deutschland heute als die „entspanntere“ der beiden großen Kirchen gilt, liegt größtenteils daran, dass er sich im Laufe der Geschichte als anpassungsfähiger und weniger starr erwiesen hat, als die festen, zentralisierten Strukturen der Katholischen Kirche.
In den USA ist diese Wahrnehmung in vielen Regionen genau anders herum. Hier gelten die Katholiken als die, die weniger dogmatisch und streng sind und gelten vielen Evangelikalen deshalb auch garnicht als Christen. „catholism ain´t christian“ ist ein Satz, den ich in letzter Zeit immer häufiger lese.

Mindestens ebenso goldig ist die Vorstellung, Reformation und Aufklärung (die seltsamerweise immer zusammen als Einheit genannt werden) seien etwas einmaliges, was eine Kultur und Religion einmal hinter sich bringen muss und dann für alle Zeiten gegen religiösen Fanatismus geschützt ist.
Dadurch wird die schlichte aber wahrscheinlich unbequeme Tatsache verdrängt, dass die Zu- oder Abnahme von religiösem, politischem, oder sonstigem Fanatismus nicht von einzelnen Großereignissen abhängt, sondern (wie oben erklärt) von einem komplizierten Zusammenspiel wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Faktoren. Vermutlich, weil man sich dann mit der Tatsache auseinander setzen müsste, dass auch wir unter den richtigen Umständen auch jederzeit wieder zu einer Fanatischen Diktatur mit einer radikalen Ideologie werden könnten.

Einzelne Religionen und selbst die radikal-religiösen Strömungen und Diktaturen unserer Zeit als „mittelalterlich“ zu bezeichnen, tut nicht nur 1000 Jahren europäischer Geschichte Unrecht.
Es lenkt auch von der sehr, sehr wichtigen Lektion ab, dass Fanatismus eben nicht davon abhängt, welche Kultur oder welche Religion jemand hat sondern davon, ob er sich sicher fühlt oder Angst hat.
Und ob es jemanden gibt, der diese Angst ausnutzt.
Wenn wir diese Lektion verstehen, verstehen wir auch, dass Fanatismus nicht bekämpft werden kann, indem man die Kultur oder Religion der Menschen bekämpft sondern nur, indem man die Ursachen ihrer Angst bekämpft.
Und die Fanatiker und Hetzer, die diese Angst ausnutzen.

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