Können wir einmal kurz über Putz reden?

Können wir einmal kurz über Putz reden?

Ich mag Putz!
Und die Menschen im Mittelalter mochten ihn auch.

Die hübschen mittelalterlichen Bruchsteinmauern, die wir heute an mehr oder weniger erhaltenen mittelalterlichen Bauwerken sehen, waren fast allesamt verputzt. Mit einer dicken Schicht Lehmputz und einer dünneren Schicht Kalkputz für eine strahlend weiße Oberfläche.
Nicht nur geben diese zwei Schichten Putz der Wand eine hübsche, ebene, glatte Oberfläche (die sich zudem wunderbar bemalen lässt und auch oft bemalt wurde), vor allem schützen sie das Mauerwerk vor der Witterung.
Die leider immer noch verbreitete Vorstellung, mittelalterliche Steinbauten wären grundsätzlich zugig und feucht gewesen, verdanken wir dem 19. Jahrhundert, als einige Romantiker den vielfach noch erhaltenen mittelalterlichen Putz von den Mauern schlugen, um diese „mittelalterlicher“ aussehen zu lassen. Ohne die notwendige Schutzschicht brauchten die Elemente nicht lange, um Kanäle für Feuchtigkeit und Zugluft in den Mörtel zu fressen. Als würde ich von einem erhaltenen mittelalterlichen Haus das Dach abdecken und dann meine wissenschaftliche Erkenntnis präsentieren, dass es in mittelalterliche Häuser hinein geregnet hat…

Mit genau dem selben Lehmputz wurden auch die Flechtwände in Fachwerkbauten verkleidet und spätestens ab dem Hochmittelalter ist auch eine Schicht Kalkputz darüber Standard, selbst auf dem Land. Beides besteht aus reichhaltig vorhandenen Rohstoffen und ist definitiv nie Luxusware gewesen. Selbst der Fußboden in den meisten Häusern besteht aus dem selben Lehmputz, wie die Wände.
Der Begriff „gestampfter Lehmboden“ hat hierbei in der Vergangenheit für Verwirrung gesorgt: Es ist keinesfalls der natürliche Erdboden gemeint, der nur durch darauf Herumtrampeln ein wenig verdichtet wird. Stattdessen ist mit „Stampfen“ in diesem zusammenhang einfach das Durchmengen des Lehm-Wasser-Gemischs mit den Füßen gemeint, während Stoffe wie Sand, Kiesel oder diverse Fasern (Wolle, Flachs, Stroh…) hinzugefügt werden, um den Lehm „abzumagern“ und damit härter und widerstandsfähiger zu machen. Ein „gestampfter Lehmboden“ ist also nichts Anderes, als ein Boden aus Lehmputz.
Selbst der Belag vieler Straßen bestand aus Lehmputz, wenn auch einem deutlich Gröberen. Für die Abmagerung dieses Straßenputzes wurden in vielen Städten Keramikscherben und Knochensplitter verwendet. Diese waren nicht nur als typische Haushaltsabfälle sehr billig, sondern halfen durch ihre poröse Struktur auch, Wasser abzuleiten und die Straße vor Frost zu schützen.
Immer noch werden diese absichtlich zur abmagerung beigemischten Materialien leider fälschlicherweise als „Beleg“ für die längst widerlegte Aussage verwendet, in mittelalterlichen Städten seien Abfälle und Fäkalien grundsätzlich auf die Straße gekippt und dann einfach dort gelassen worden…

Wenn derjenige, der solch einen mittelalterlichen Putz herstellt, sein Handwerk versteht, ist daran nichts Grobes oder Bröckeliges. Erhaltener Putz an mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Häusern zeigt uns, wie hart, eben und gleichmäßig die Oberfläche eines guten Putzes sein kann. Zumal wir hier über keine rein mittelalterliche Technologie reden. Lehmputz wurde von der römischen Antike bis in unsere heutige Zeit verwendet und war immer in der Lage saubere und widerstandsfähige Oberflächen zu erzeugen.

Der Kalkputz dient zudem noch einem weiteren oft unterschätzten Zweck: Lichtausbeute.
Der Innenraum von mitelalterlichen Kirchen oder Häusern, bei denen der Kalkputz fehlt, ist oft nicht nur trist, sondern auch dunkel. Selbst der Kölner Dom mit seinen riesigen Fensterflächen ist innen meist ziemlich düster. Wenn die Oberfläche der Innenwände aber nicht aus nacktem Mauerwerk oder graubraunem Lehmputz sondern aus leuchtend weißem Kalkputz besteht, reichen aufeinmal bemerkenswert wenige Fenster oder Kerzen, um selbst große Räume hell zu erleuchten.

Wenn wir also in oder vor einem mittelalterlichen Gebäude stehen, dürfen wir auf keinen Fall vergessen, dass zumindest das grobe Bruchsteinmauerwerk praktisch immer verputzt und sehr oft auchnoch knallbunt bemalt war. (An den Ecken der Mauern und den Einfassungen von Fenstern, Türen oder Bögen finden sich oft sorgfältig geglättete, rechtwinklig gearbietete, große Quader, die meist unverputz belassen wurden und einen schönen Kontrast in der ansonsten verputzten Wand bildeten. Wobei auch sie natürlich oft und gerne Farbig gestrichen sein konnten.)

Anlass für diesen kurzen Artikel ist die Tatsache, dass in Filmen, Dokumentationen, Videospielen oder Illustrationen immer noch nacktes Bruchsteinmauerwerk bei Kirchen und Burgen und brauner, grober, bröckeliger Lehmputz bei einfacheren Häusern überwiegt. Und das stört mich gewaltig. Es sieht furchtbar aus und kein mittelalterlicher Mensch hätte in einem Haus mit unverputzten Wänden leben wollen.

Wer immer also mittelalterliche Gebäude rekonstruieren, malen, animieren oder sonst irgendwie sichtbar machen will:
VERGESST BITTE NICHT DEN PUTZ!

Denn ich mag Putz.
Und die Menschen im Mittelalter mochten ihn auch.

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