Münzen am Niederrhein um 1300

Münzen am Niederrhein um 1300

Dieser Artikel soll dazu dienen, die gebräuchlichsten Münzen, die um 1300 im heutigen Rhein-Ruhr-Gebiet im Umlauf waren, in ihrem Wert und ihrem Verhältnis zueinander zu beschreiben, sowie eine Vorstellung davon zu vermitteln, was man für diese Münzen damals kaufen konnte.

Grundsätzliches:

Im Gegensatz zu einer heutigen Euro-Münze, die in Material und Herstellung vielleicht ein paar Cent kostet und deren Wert als Währung daher rein künstlich ist, haben mittelalterliche Münzen den Wert des in ihnen enthaltenenen Edelmetalls. Die Prägung ist lediglich ein Qualitätssiegel des Münzherren und eine Garantie, dass diese Münze tatsächlich soviel Edelmetall enthält, wie sie soll.

Da also der Herr, der die Prägung der Münzen in auftrag gegeben hatte, mit seinem guten Ruf für deren Qualität einsteht, wundert es nicht, dass Falschmünzerei als hochverrat ausgelegt und entsprechend hart bestraft wird.

Ursprünglich war das Prägen von Münzen ein königliches Privileg, aber um 1300 haben sich in den meisten Gebieten Mitteleuropas lokale Fürsten und Landesherren und selbst einige Städte das Recht erworben, eigene Münzen zu prägen.

Die einzelne Münze wird als „Pfennig“ oder „Denar“ bezeichnet. 12 Denare sind ein Schilling (oder lat. Solidus), 12 Schilling (also 144 Denare) sind eine Mark, 20 Schilling (also 240 Denare) ein Pfund. In England ist die Zählung in Pfund üblich, im Rest Europas eher die Zählung in Mark. Diese Begriffe bezeichnen alleine noch keine Währung, sondern lediglich einen Zählwert, also 1, 12, 144 oder 240 Münzen einer bestimmten Währung. Um einen Wert zu haben, müssen wir erst wissen um was für Pfennige es sich handelt. Und genauso werden Beträge in mittelalterlichen Urkunden auch beschrieben: „10 Denare kölner Münze.“

Münzen können „in Verruf geraten“. Das bedeutet, dass die alten Münzen für ungültig erklärt und 1:1 gegen neue, oft geringerwertige, Münzen eingetauscht werden müssen.

Im ersten Moment bringt das einemMünzherrn immensen profit ein. Auf Dauer jedoch schadet es der Wirtschaft extrem (und bringt die eigenen Untertanen gegen einen auf…) sodass kluge Münzherren dieses Mittel sehr sehr sparsam einsetzen. Aber nicht jedes Mal, wenn eine neue, auch minderwertige, Münze geprägt wird, gerät die alte in Verruf. Das Führt dazu, dass in Verträgen zu zahlende Beträge etwa folgendermaßen angegeben werden: „10 Denare alter, guter und schwerer Kölner Münze“. Oft werden Andere Münzen, deren Wert lange stabil geblieben ist, als Vergleich genommen: „10 Denare Kölner Münze, von denen je 4 einen königlichen Denar von Tours wert sein sollen.“

Viele lokale Münzen werden nur innerhalb eines sehr begrenzten Radius verwendet und akzeptiert, aber einige kann man bedenkenlos europaweit verwenden. Besonders auf diese Münzen will ich mich hier konzentrieren.

Auch wenn verschiedene Herren Münzen von stark unterschiedlichem Wert prägen, ist man bemüht, zumindest bei den international gebräuchlichsten Münzen, den Wert so zu bemessen, dass sie sich glatt durcheinander teilen lassen. Das erleichtert Fernhändlern das Umrechnen und fördert damit den Handel, wovon jeder Herr profitiert.

Oft ist auf Märkten nur die Verwendung bestimmter Münzarten (vor Allem natürlich die des Marktherren) erlaubt. Dies wird damit begründet, dass es so einfacher ist, Falschmünzen zu erkennen. Es hat aber auch den Effekt, dass Händler und Besucher ihre jeweilige Währung bei einem Geldwechler umtauschen müssen. Und an den dafür erhobenen Gebühren verdient natürlich auch der Marktherr mit. Auf den Messen der Champagne gibt es sogar eine eigene Messewährung, die nur auf der Messe gilt.

Die einzelnen Münzen:

Der Englische Sterling-Penny

In England bleibt im gegensatz zum Kontinent das Münzregal (alos das alleinige Recht des Königs, Münzen prägen zu lassen) das ganze Mittelalter hindurch bestehen. Das führt zu einer sehr stabilen Währung. Der Sterling-Penny ist in ganz Europa beliebt und wird von anderen Münzherren nachgeahmt.

Der Kölner Denar

Die für den Niederrhein im Hochmittelalter wohl wichtigste Münze. Viele andere Münzprägungen, selbst in königlichem Auftrag, orientieren sich an seinem Wert, auch wenn nur wenige besagten Wert so lange halten können, wie der „ewige Pfennig“. Mit dem Machtverlust des Kölner Erzbischofs in Folge der Schlacht von Worringen 1288 endet diese Zeit jedoch und spätere Prägungen des Kölner Pfennigs verlieren stark an Wert, auch wenn noch viele „gute, alte“ Kölner Denare im Umlauf sind und auch in Verträgen gerne genannt werden.

Der Brabantiner „Sterling“

Diese Münze, die unverkennbar eine Nachahmung des Sterling-Pennys darstellt, wird vom Sieger von Worringen in Auftrag gegeben und löst den Kölner Denar als verbreitetste Währung des Niederrheins ab.

Alle drei Münzen haben ein Feingewicht (also einen Silberanteil) von etwa 1Gramm, was sie zum perfekten Vergleichswert für andere Münzen macht.

Der Heller

Mit dem Wachstum der Städte zu Beginn des 12. Jahrhunderts steigt auch die Arbeitsteilung. Geld wird nicht mehr nur benutzt, um das Wenige, das man nicht selbst herstellen kann, für das ganze Jahr auf Vorrat zu kaufen, sondern immer öfter auch im Alltag. Für Kleine Einkäufe sind die üblichen Pfennige aber viel zu kaufstark. Während man sich in England und Skandinavien damit behilft, die Pfennige mit einem Messer zu Teilen und in „Halfpennies“ und „Quarters“ zu bezahlen, lässt Friedrich Barbarossa in Halle an der Saale eine kleine Münze für den Alltag prägen. Der Heller ist ein Drittel eines Kölner Pfennigs wert, hauchdünn und mit einer denkbar schlichten Prägung versehen: Ein Kreuz auf der einen Seite und eine Hand auf der Anderen. Er wird daher auch als Handheller bezeichnet, gerade im Vergleich zu einer späteren und sehr viel hochwertigeren Münze, die ebenfalls Heller heißt.

Der kleine Turnose

Auch Ludwig der Heilige von Frankreich kommt auf eine ähnliche Idee wie Barbarossa und lässt in Tour eine Münze von gleichem Wert, wie den Heller prägen. Der kleine Turnuspfennig (oder kurz Turnose) ist aufgrund seines geringen Silbergehalts fast schwarz, weshalb er auch als schwarzer Turnose oder im Rheinland als „Möhrchen“ (von „Mohr“) bezeichnet wird.

Der Alltag ist nun abgedeckt, aber auch für wirklich große Verkäufe sind die vorhandenen Pfennige denkbar ungeeignet. In Tübingen wird 1295 ein Landgut für 2000 Pfund gezählter Heller, also 480000 einzelne Münzen verkauft! Zum Teil behilft man sich damit, solche Beträge in Silberbarren zu bezahlen, aber wirklich praktisch ist das nicht. Die Italiener bringen als erste eine neue sorte Münze heraus. Die großen Pfennige, „Denari Grossi“ werden in Deutschland als „Groschen“ bekannt. In der Nordhälfte des Reiches spielen die Italienischen Groschen zu unserer Zeit aber noch keine Rolle und werden deshalb hier Ignoriert. Der Einzige Groschen, der um 1300 hier schon Bedeutung hat ist:

Der königliche Turnose

Diese auch als großer Turnose bezeichnete Münze wird gleichzeitig mit dem kleinen Turnosen herausgebracht und ist 12 von Diesem (oder 4 Kölner Pfennige) wert. Damit ist er die erste Münze nördlich der Alpen, die tatsächlich den geprägten Schilling einer Anderen darstellt. Er taucht deshalb in französichen und englischen Quellen auch gerne als Sou (franz. Für Schilling) auf. Er erweist sich als extrem wertstabil (manche sprechen vom „Dollar des Mittelalters“) und wird bis weit ins 14. Jahrhundert gerne als Maßstab genommen um festzustellen, welchen Wert die in einem Vertrag genannten Münzen haben sollen.

Alle der bisher genannten Münzen bestehen aus Silber. Goldmünzen (oder Gulden) kommen lange Zeit vor Allem im byzantischen Raum (der sog. Besant) und im nahen Osten vor. Ludwig der heilige von Frankreich bringt zwar in den 1270ern eine Goldmüze, den Ecú d´or (oder Goldschild) heraus, diese kann sich aber nicht durchsetzen. Wieder sind es die Städte Norditaliens, die Pionierarbeit leisten.

Der Goldflorin

Diese in Florenz geprägte Goldmünze ist die einzige, die sich bis 1300 im Rheinland durchgesetzt hat und ist 42 Denare wert. Sie wird auch noch das ganze 14. Jahrhundert europaweit in Gebrauch bleiben, dann allerdings in Konkurrenz zum Venezianischen Dukaten.

„Und was kriege ich dafür?“

(Sofern nicht anders Angegeben, wurden die hier genannten Beträge der Einfachheit halber von mir auf den Kölner Denar umgerechnet.)

Mehrere Zunftordnungen legen für Handwerksgesellen und festangestellte Hausknechte einen Lohn von 6 Denaren am Tag fest, wobei die Hälfte davon wieder für Kost, Unterbringung und Kleidung vom Meister einbehalten wird. Tagelöhner sollen 4 Denare bekommen.

In Romanen und Gedichten des 13.Jahrhunderts werden 2 Denare pro Tag immer wieder als das absolute Existenzminimum beschrieben.

In Landshut wird 1256 festgelegt, dass man für einen Heller Pfennig 1 Elle einfachen Wollstoff, 2 Ellen einfaches Leinen, ein Pfund Talg für Kerzen, zwei „gute und mittelgroße“ Würste, 2 Brote, umgerechnet etwas mehr als einen Liter Wein, eine Nacht in einer Herberge oder eine warme Mahlzeit in einem Gasthaus bekommen kann. (Nur weil die Nachfrage schon kam: EINES von diesen Dingen, nicht alle!)

In Köln bekommt man Ende des 14ten Jahrhunderts für den Tageslohn eines Gesellen 24 Pfund Salz.
Für ein Pfund Pfeffer müsste der selbe Geselle einen Wochenlohn hinlegen.
Für ein Pfund Safran sogar einen Monatslohn!

Ebenfalls für einen Tageslohn erhält unser Geselle zwei Pfund Reis, Honig oder Hammelfleisch oder 6(!) Pfund Rindfleisch.
Für etwas weniger als zwei Tageslöhne bekäme er einen ganzen Karpfen, 87 Eier oder ein paar einfache Schuhe.

Die Kleinstadt Ratingen (die zu dieser Zeit wohl zwischen 300 und 500 Einwohner zählt) verpflichtet sich bei der Erhebung zur Stadt 1276 ihrem Stadtherrn, dem Grafen von Berg, jährlich eine Steuer von 10 Mark kölner Münze (1.440 Pfennige also) zu zahlen.

Auf Friedrich von Isenberg, den Mörder des Kölner Erzbischofs Engelbert II., wird 1226 ein Kopfgeld von 2000 Mark Kölner Münze ausgesetzt.

Für Richard Löwenherz erhält der Herzog von Österreich das Astronomische Lösegeld von 150000 Mark! Das sind über 2800 Jahreslöhne für einen Handwerksgesellen…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s