Sauberkeit im Mittelalter

Kaum ein Mythos über die mittelalterliche Epoche hält sich so hartnäckig, wie der vom dreckigen Mittelalter, in dem die Menschen sich maximal zweimal im Jahr wuschen, die eine Garnitur Kleidung die sie besaßen noch seltener und Abfälle sowie den Inhalt ihrer Nachttöpfe einfach auf die Straße kippten, in der man also nach kurzer Zeit durch eine schenkelhohe Kloake watete.
Menschen, Straßen, Häuser. Alles war erfüllt von Gestank und Dreck, so hört man immer wieder.

Wie sah es aber wirklich aus?
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Mittelalterliche Städte waren nicht im Ansatz so dreckig, wie man sich das heute meist vorstellt.
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Fäkalien auf die Straße zu kippen war bei hoher Geldstrafe verboten.
Es geschah nachweislich trotzdem, aber es war nicht der Normalfall, geschweige denn akzeptiert.
Was tatsächlich aus den Fenstern auf die Straße geschüttet wurde war Schmutzwasser, das vorher zum Waschen, Putzen oder Spülen benutzt worden war.
Und auch hier regelten die Gesetze, dass bei hoher Geldstrafe darauf zu achten war, niemanden zu treffen.
In einer Zeit, in der die Wasserspülung im Klo Standard ist, verbinden wir Abwasser mit Fäkalien, daher wahrscheinlich der verbreitete Irrtum.

Im Mittelalter hingegen gab es auf jedem Grundstück (ob in der Stadt oder auf dem Land) eine Latrine, deren Kammer auch regelmäßig geleert wurde, um den Inhalt vor der Stadt als dringend benötigten Dünger an die Bauern zu verkaufen.
Es gibt sogar noch erhaltene Urkunden in denen den Bauern eines Dorfes das „Privileg“ gewährt wurde, die Latrine eines nahen Klosters oder einer Burg (in letzterem Fall meist einfach der Burggraben über dem die Aborterker aus der Mauer ragten) zu leeren und mit dem Inhalt ihre Felder zu düngen.

Besonders dicht bebaute Grundstücke in spätmittelalterlichen Städten teilten sich oft einen so genannten „Ehgraben“, der zwischen den Häusern lag, an beiden Enden mit einer Mauer abgegrenzt wurde und über dem die Latrinenerker der Häuser lagen und sich in ihn entleerten.
Über diese Ehgräben haben wir relativ viele Schriftquellen erhalten, da es zwischen den Grundstücksbesitzern oft Rechtsstreitigkeiten gab, wer in welchem Ausmaß für die Kosten der Leerung und Reinigung aufzukommen hatte.

In den Latrinen landete neben dem Offensichtlichen auch der meiste kleinere Hausmüll, weshalb alte Latrinenschächte heute archäologische Fundgruben sind, in denen man allerhand kaputte Schuhe, zerbrochenes Kochgeschirr und andere Dinge des täglichen Lebens finden kann, die hierhin entsorgt wurden, nachdem sie nicht mehr zu gebrauchen waren.

Für alles, was zu groß für eine derartige Entsorgung war, gab es in den meisten spätmittelalterlichen Städten eine geordnete „Sperrmüll“-Abholung. Und genau wie heute war auch damals geregelt, dass der Sperrmüll erst am Abend vor der Abholung rausgestellt werden durfte.

Eine Kanalisation ist erst ab einer gewissen Bevölkerungsdichte notwendig, die es so nur in der Antike und dann erst wieder in einigen der größten fürstlichen Residenzstädte des Absolutismus und flächendeckend sogar erst ab der industriellen Revolution gab.
Für die Mengen an Müll und Fäkalien, die in einer mittelalterlichen Stadt anfiel, reichten die vorhandenen Ensorgungswege völlig aus.

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Was aber ist mit der Kleidung, die die Menschen angeblich trugen, bis sie ihnen in Fetzen vom Leib fiel?

Auch wenn der Durschnittsmensch im Mittelalter deutlich weniger Kleidungsstücke besaß als heute, verraten uns Dienstverträge von Knechten , Mägden und Handwerksgesellen ab dem 14ten Jahrhundert, dass selbst diesem doch relativ weit unten auf der sozialen Leiter stehenden Personal meist eine bis zwei neue Garnituren Oberkleidung pro Jahr, sowie Schuhe und Unterwäsche „nach Bedarf“ zustanden.
Kleidung, die nicht mehr tragbar war, wurde zu Flicken, Lappen und Polster- oder Dichtungsmaterial weiterverarbeitet, wie archäologische Funde belegen.

Zudem lassen sich aus Wollstoff, der den Großteil der Oberbekleidung ausmachte, bemerkenswert viele Flecken einfach ausbürsten (mein persönlicher Rekord ist Schmierfett von einer Fahrradkette). Auch gegen Gerüche, die sich im Gewebe festgesetzt haben, hilft sehr oft einfaches Auslüften. Wolle muss nur sehr selten gewaschen werden, um sauber und präsentabel zu bleiben.
Leinen hingegen lässt sich problemlos kochwaschen und bleichen, ohne dass der Stoff großartige Schäden davontragen würde und war damit perfekt geeignet, um als Unterwäsche die Wollkleidung vor dem eigenen Schweiß zu schützen.
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Entgegen dem oft wiedergekäuten Klischee, war es auch nicht so, dass die Menschen sich von Dreck und Gestank nicht gestört fühlten oder ihn einfach hinnahmen
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Die Lebensgeschichten von Heiligen wie etwa Bernhard von Clairvaux oder Franziskus von Assisi, die aus religiöser Askese die Körperpflege stark vernachlässigt wenn nicht komplett eingestellt hatten, erwähnen mehrfach, dass sowohl ihr Erscheinungsbild als auch ihr Geruch ihren Mitmenschen extrem unangenehm waren.

Der junge Held Parzival wird im gleichnamigen höfischen Roman aus dem 13ten Jahrhundert von seinem Lehrmeister Gurnemanz deutlich zurechtgewiesen, er solle sich gefälligst waschen, wenn er von einer Reise zurückkommt, anstatt sich dreckig vor Staub, Schweiß und Rüstungsöl zum Essen zu setzen.

Spätmittelalterliche Zunftordnungen nennen Strafen für Mitglieder, die mit ihrem Erscheinungsbild oder dem ihrer Hausgenossen in der Öffentlichkeit den Ruf der gesamten Zunft beschädigt hatten.

Ab spätestens dem Hochmittelalter war es Brauch, Gästen die ins Haus kommen die Möglichkeit zu geben, sich die Hände zu waschen. Es gibt es erhaltene Gießgefäße (so genannte „Aquamanilen“) und Schalen, die nur diesem Zweck dienten und meist nach den Möglichkeiten des Besitzers verziert waren.

Zudem ging die mittelalterliche Medizin davon aus, dass Krankheiten durch üble Gerüche übertragen werden. Sauberkeit war nicht nur angenehmer, sie war nach dem zeitgenössischen Wissenstand ein notwendiger Schutz vor Krankheiten!
Zeitgenössiche medizinische Fachbücher, wie die Schriften der Trotula von Salerno oder das Medizinbuch des Ortholf von Baierland weisen mehrfach darauf hin, wie wichtig Sauberkeit bei der Behandlung von Patienten ist.

Bei Geschichten von besonders asketischen Heiligen oder Orden, die nur ein oder zweimal im Jahr badeten, muss man zum einen bedenken, dass es sich hier um extreme religiöse Enthaltsamkeit und selbstgeißelung handelte und eben nicht um etwas, was allgemein üblich oder gar von der Kirche vorgeschrieben war. Im Gegenteil: Die Kirchenführung stand solchen extremen Formen von Askese das gesamte Mittelalter hindurch sehr kritisch gegenüber und duldete sie nur widerwillig.

Zum anderen aber darf man „nicht Baden“ nicht mit „nicht Waschen“ gleichsetzen!
Es ist absolut möglich, sich mit einem Tuch oder Schwamm, einer Schüssel warmem Wasser und einem Stück Seife oder etwas Aschelauge gründlich zu waschen.
Diese Art der täglichen Wäsche taucht in höfischen Romanen wie auch in medizinischen Traktaten auf.

Entgegen dem Mythos war Seife auch kein teuer Luxusartikel für die reiche Oberschicht.
Seife besteht in ihrer einfachsten Form aus nichts weiter als Asche und Fett.
Teurer Luxus waren die importierten Seifen aus Olivenöl, versetzt mit orientalischen Kräutern, nicht die einfache Kernseife.

Der Besuch in den öffentlichen Badehäusern, die es nicht nur in den Städten, sondern auch in vielen größeren Dörfern gab, war verhältnismäßig günstig. Gesellen und Hausdiener bekamen ab dem Spätmittelalter in vielen Städten sogar Samstags früher frei und zudem den „Badepfennig“ von ihrem Meister, um ins Bad gehen zu können.
Der Besuch im Badehaus war nicht nur Körperpflege, sondern ein durch sämtliche Bevölkerungsschichten verbreitetes Vergnügen.
Neben Schwitz- und Wannenbädern sowie Diensten wie Haareschneiden, Rasieren, Schröpfen und Aderlass boten die Bader oft auch Getränke und Speisen an.
Es gab sogar Badehäuser, die gleichzeitig als Bordelle fungierten.
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Das was wir uns unter mittelalterlichen Hygiene-Bedingungen vorstellen, setzt eigentlich erst in der Neuzeit ein (und selbst da gibt es viele Mythen und Missverständnisse, die das Bild um ein Vielfaches düsterer zeichnen, als es tatsächlich war).
Zum Teil durch die immense Dichte an Einwohnern in den großen Fürstenstädten (und erst Recht während der Industrialisierung), die die Systeme zur Abfallentsorgung, die im Mittelalter noch völlig ausreichend gewesen waren, schlicht überforderte, was vor allem zu Beginn der Industrialisierung zu einer zunehmenden Verwahrlosung der Arbeiterwohnviertel führen sollte.

Vor allem aber wegen des ansonsten eigentlich sehr gescheiten Arztes Paracelsus. Der kam angesichts der im 16. Jahrhundert um sich greifenden Syphillis zu dem folgenschweren Fehlurteil, Schuld sei das viele Baden. Im Wasser würden sich die Poren der Haut öffnen, sodass krankmachende Stoffe in den Körper gelangen können. Man sollte also den Kontakt mit Wasser so weit wie irgend möglich beschränken.
Auch wenn sich die Menschen der frühen Neuzeit entgegen dem Klischee trotzdem noch wuschen (In der Oberschicht mit parfümgetränkten Tüchern, die aufgrund des hauptbestandteiles von Parfüms dieser Zeit – Alkohol – ähnlich wirkten, wie heutige Desinektionstücher. In der unterschicht eher mit in Seifenwasser oder Waschlauge getränkten Tüchern.) war die große Zeit der öffentlichen Badehäuser vorbei.

War das Mittelalter so klinisch rein, wie unsere heutige, sterilisierte Lebenswelt? Mit Sicherheit nicht. Verschmutzung war, gerade in den Städten, ein ständiges Problem, gegen das konstant angegangen werden musste.
Konnten die Menschen sich und ihre Umgebung ausreichend sauber halten, dass nicht alles ständig mit Dreck verschmiert war und auch eine heutige Nase nicht sofort Selbstmordgedanken hegen würde? Nach dem gegenwärtigen Stand der Forschung: Eindeutig Ja!
Ich wage sogar die Behauptung, dass eine mittelalterliche Stadt sich in Punkto Sauberkeit und Geruchskulisse nicht vor manchen heutigen Hauptbahnhöfen verstecken musste…

Zum Weiterlesen:

Ein Beitrag von mir zu zwei Missverständnissen zu mittelalterlichen Brunnen, die in Zusammenhang mit dem Thema dieses Beitrages immer wieder zur Sprache kommen.
https://inforo1300.wordpress.com/2018/04/15/zwei-haeufige-missverstaendnisse-ueber-brunnen-im-mittelalter/

Der großartige Artikel der Wienische Hantwërcliute 1350 zu diesem Thema (unbedingt auch die Links am Ende des Artikels anschauen!).
https://wh1350.at/de/kleidung/mittelalterliche-kosmetik-und-schoenheitsroutine/#zahnpflege

Sehr Lesenswerter Artikel von Histofakt über Zahnpflege im Mittelalter.
https://blog.histofakt.de/?p=939


Zur Müll- und Fäkalienentsorgung in mittelalterlichen Städten (und zu vielen anderen Themen) kann ich sehr den großartigen Ausstellungskatalog „Stadtluft, Hirsebrei und Bettelmönch. Die Stadt um 1300“ von 1992 empfehlen.

Zur Persönlichen Hygiene wiederum sind die Schriften der Trotula von Salerno aus dem 12ten Jahrhundert sehr zu empfehlen. Unter „the Trotula“ findet man eine sehr gute englische Übersetzung ins Englische.

Unter dem Titel „Ein mittelalterliches Hausbuch: Ratgeber für Familie, Haus und Garten“ findet man eine gute deutsche Übersetzung des Menagier de Paris, eines um 1400 geschriebenen Buches über die Führung eines großbürgerlichen Haushalts, das neben vielen vielen anderen Themenbereichen auch die Sauberhaltung des Hauses und die Bekämpfung von Ungeziefer behandelt.

 

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