Seife und ihre Belegbarkeit vor 1300

Die Verwendung von Seife ist für das 14. und 15. Jahrhundert vielfach durch Quellen wie Hausbücher, Zolllisten und Rezeptsammlungen gesichert.
In einer Facebook-Gruppe über das 13. Jahrhundert kam allerdings vor einer Weile die Frage auf, wie denn die Belegbarkeit von Seife nördlich der Alpen vor dem 14. Jahrhundert ist und wie teuer oder erschwinglich sie war.

Ich fand, dass ich das als Krämer eigentlich wissen müsste und fing an zu recherchieren. Das sind bis jetzt meine Ergebnisse:
Das ursprüngliche, und bis weit in die Neuzeit verbreitetste Reinigungsmittel ist Pottasche. Die enthält Kaliumsalze, welche mit Wasser zu Kalilauge reagieren, die ein hervorragender Fettlöser ist.
Pottasche wiederum ist nichts anderes, als die Asche, die beim Verbrennen von Harthölzern zurückbleibt.

Eine Alternative hierzu ist eine Natronlauge aus, naja, Natron, das allerdings deutlich teurer ist, als Pottasche.

Auch aus „Seifenkraut“ kann man Salze von diversen Alkalimetallen gewinnen, die sich auch alle hervorragend für die Herstellung von Waschlaugen eignen.

Seife stellt man her, indem man solch eine Lauge mit Fett kocht. Das Fett neutralisiert die Lauge teilweise und macht sie damit bedeutend Haut und oberflächenfreundlicher.

Die alten Römer schrieben die Erfindung der Seife den Germanen zu und importierten sie, wenn auch hauptsächlich als Pflege- und Schönheitsmittel.

Das althochdeutsche Wort Seifa oder Seipha meint ursprünglich eine Fettige, tropfende, zähflüssige Masse.

Dies ist die simpelste Form von Seife, die man durch die Reaktion von Aschenlauge und Fett bekommt, die „Schmierseife“.

Im 7. Jahrhundert beschreibt der Arzt Paulus von Ägina, dass man Schmierseife in eine feste, schneidbare Masse verwandeln kann, wenn man der Mischung beim Kochen ungelöschten Kalk hinzufügt. Etwa gleichzeitig wird die selbe Technik auch im arabischen Raum beschrieben.

Das Ergebnis dieses Verfahrens nennt man „Kernseife“

Da die von den Römern importierte Seife aber in Form von festen kleinen Kugeln beschrieben wird, liegt es nahe, dass dieses Verfahren auch schon den Germanen bekannt war und Paulus von Ägina es lediglich als Erster schriftlich festgehalten hat.

Das Capitulare de Villis Karls des Großen aus dem späten 8. Jahrhundert erwähnt nicht nur Seifensiedereien als Handwerksbetriebe die seine Kaiserpfalzen haben sollen, sondern auch feste Seifenblöcke als Abgabe von Hörigen.

Die Mappae Clavicula aus dem Kloster Reichenau um 821-822 angefertigt und in einer Abschrift aus dem 10. Jhdt. erhalten, enthalten ein Rezept zur Herstellung von Schmierseife.

Sowohl Schmier- als auch Kernseife dürfen also nördlich der Alpen als gesichert gelten. Die Rohstoffe sind Billig, die Herstellung nicht wirklich aufwändig. Ich halte solche Seifen also nicht für ein Luxusgut.

Was ist aber mit der teuren Seife aus dem Orient und Italien, die in Handelslisten auftaucht?

Nun, das Fett für die Europäische Seife war normalerweise Talg.

Im Orient stellt man im Frühmittelalter fest, dass die verwendung von Pflanzenöl (insbesondere Olivenöl) die Seife nicht nur fester, sondern auch sehr viel hautpflegender macht.

In europäischen Quellen taucht diese Pflanzenölseife ab dem 12. Jhdt. Als „Heidenseife“ oder „Judenseife“ auf. (Für die Juden war eine rein pflanzliche Seife besser mit ihren strengen Speisevorschriften vereinbar.)

Im 13. Jhdt. beginnen die Italiener, vor allem Venedig, selbst Olivenölseife für den Export herzustellen, die als „venetianische Seife“ in Handelslisten nördlich der Alpen auftaucht.

Ein weiteres Zentrum für die Produktion einer besonderen Seife für den Export ist die Gegend rund um Marseille. Dort wurde im 12. Jhdt. die kurz zuvor von den Arabern entwickelte Herstellung von Seife aus der Asche einer Meerespflanze („Barilla“) übernommen, die deutlich homogener und fester wurde, als die aus Pottasche.

Um 1300 ist „Sabonier“ ein weitverbreiteter Nachname in der Region Marseille.

Ab dem 14. Jahrhundert wird die Beleglage durch Hausbücher und dergleichen bedeutend besser, aber ich sehe keinen Grund, davon auszugehen, dass sich um 1300 irgendetwas grundlegendes in der Verwendung von Seife und Aschenlaugen verändert hat. Lediglich die Menge an verfügbaren Quellen hat deutlich zugenommen (wie sie das im Spätmittelalter gerne tut…).

Quellen wie das Menagier de Paris oder die Zunftordnungen der Bader beschreiben, dass auch hier immer noch Aschelaugen das Mittel der Wahl für die Reinigung von Körper und Kleidung sind. Kernseife wird bei besonders hartnäckigen Flecken direkt eingerieben. Schmierseife erfreut sich großer Beliebtheit für die Reinigung von Haus und Mobiliar, da sie nicht nur das Holz deutlich weniger angreift, als eine Aschelauge, sondern auch zähflüssiger ist und ich damit nicht so unglaublich nass putzen muss (was unbehandeltes Holz auch heute so überhaupt nicht mag).

Ich halte es für durchaus gangbar, von der selben grundlegenden Verwendung im 13. Jhdt. auszugehen.

Mit deutlichen Preisunterschieden zwischen der einheimischen Pottasche-Talg – Seife und den importierten Barilla- oder Olivenölseifen (erst recht, wenn selbigen noch irgendwelche feinen duftstoffe beigemischt wurden).

(Kleiner Nachtrag: Ich wurde inzwischen darauf aufmerksam gemacht, dass die Aussagen zur Chemie so nicht ganz richtig sind. Ich recherchiere in dieser Richtung und werde den Artikel bei Gelegenheit entsprechend anpassen. Bis dahin bitte ich darum, den Chemie-bezogenen Teil des Textes mit einer gewissen Vorsicht zur Kenntnis zu nehmen.)

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