Medizin im Mittelalter

Eine kleine Anmerkung am Anfang: Die Geschichte der Medizin ist ein sehr komplexes Thema und ich bin kein Arzt. Dieser Artikel dient lediglich dazu, den verbreitetsten Klischees zu widersprechen und kann darüber hinaus höchstens einen sehr groben Überblick über das Thema geben.
Erst recht bin ich kein Befürworter von „Alternativmedizin“ oder ähnlichem, der hier aufzeigen will, dass die mittelalterliche „Naturheilkunde“ der modernen „Schulmedizin“ ja weit überlegen sei.
Ich will nur aufzeigen, dass die damalige Medizin zwar selbstverständlich nicht mit unserem heutigen Wissensstand mithalten konnte, aber doch deutlich besser war, als ihr Ruf.

„Die mittelalterliche Medizin war ein Albtraum.
Bestenfalls wirkungslos und oft schlimmer als die eigentliche Krankheit.
Die gelehrten Ärzte hatten keine Ahnung, wovon sie redeten, da das medizinische Wissen der Antike ja durch die Kirche vernichtet worden war.
Das einfache Volk hatte aber sowieso nur Zugang zu umherziehenden Quacksalbern und bestenfalls zu Kräuterfrauen, die am Rande des Dorfes lebten und altes geheimes Heilwissen hüteten, ständig in der Gefahr dem Mob oder der Kirche zum Opfer zu fallen.“

Medizin ist einer der Klassiker unter den Klischees vom finsteren Mittelalter. Vermutlich weil hier mehrere andere Klischees so hervorragend zusammentreffen.
Die Vorstellung von der wissenschaftsfeindlichen Kirche, dem allgegenwärtigen Dreck, der unfassbaren Frauenfeindlichkeit und der himmelschreienden Dummheit, die die Epoche in den Augen der meisten Menschen prägt wirkt sich extrem negativ auf das Bild der medizinischen Versorgung aus.
Zudem ist dies eines der Themen, in denen am liebsten Zustände aus verschiedenen Phasen des Mittelalters zusammengeworfen werden, die nie gleichzeitg vorhanden waren. Später dazu mehr.

Fangen wir also an:

Das Wissen über Medizin im Frühmittelalter befand sich exakt auf dem selben Niveau, wie in der römischen Antike.
Galenus, der Vater der Römischen Medizin war das ganze Mittelalter hindurch und bis weit in die Neuzeit die Grundlage aller ärtztlichen Tätigkeiten.

Galens Medizin basiert auf der 4-Säfte-Lehre: Die Grundidee ist, dass die Gesundheit des Körpers vom Gleichgewicht der 4 Säfte (oder Körperflüssigkeiten) Blut, Schleim, schwarzer Galle und gelber Galle bestimmt ist. Ist von einem Saft zu viel oder zu wenig da, geht es dem Patienten schlecht, und die Therapie muss das Gleichgewicht der Säfte wiederherstellen. Hauptsächlich durch Veränderungen in der Ernährung und dem Lebenswandel des Patienten und erst in zweiter Linie durch Medikamente.
Die „Humoralpathologie“, wie diese Lehre auch genannt wird, ist tatsächlich noch wesentlich komplizierter, aber an dieser Stelle soll das fürs grobe Verständnis genügen.

Diese Erklärung ist nach heutiger Erkenntnis natürlich völlig falsch. Das bedeutet aber nicht, dass die auf ihr basierende Medizin nicht funktionierte.
Man wusste aus Jahrhunderten von Erfahrung, dass Thymian bei Infektionen hilft. Dafür musste man nicht wissen, was Bakterien sind, was Antibiotika sind oder dass bestimmte Pflanzen ein natürliches Antibiotikum enthalten. Man hatte ein Modell, mit dem man bemerkenswert akkurat bestimmen konnte, welche Behandlung gegen welche Symptome wirkt.
Lediglich die Erklärung, WARUM die Behandlung funktionierte, ist inzwischen einer besseren gewichen.
Selbstverständlich ist unsere heutige Medizin der mittelalterlichen weit überlegen, aber wirkungslos war Letztere nachweislich nicht.

Wir lachen gerne über aus heutiger Sicht abergläubische und widersinnige Behandlungsmethoden und vergessen dabei, dass wir im Zeitalter von Homöopathie, Reiki, MMS, Schwarzer Salbe und ähnlichem leben (ganz zu schweigen davon, dass es studierte Ärzte gibt, die so etwas verschreiben).
Unsere Zeit vermischt esotherischen Blödsinn genau so gerne mit wissenschaftlich erwiesenen Fakten, wie jede Andere. Wir haben kein Recht, uns da als überlegen aufzuspielen.
Bei vielen scheinbar unsinnigen Behandlungsmethoden ist mittlerweile sogar ein medizinischer Nutzen nachgewiesen worden. Erst vor Kurzem ging die Meldung durch die Nachrichten, dass eine mittelalterliche Wundsalbe aus Schafdung, Frischkäse und Honig nachweislich nicht nur sterilisierend wirkt, sondern auch ein bislang unbekanntes Antibiotikum freisetzt!
Und der oft als Paradebeispiel für die „barbarische“ Medizin der Zeit genannte Aderlass wird heute noch gegen manche Beschwerden eingesetzt…

Bewahrt und gelehrt wurde das medizinische Wissen der Antike zunächst in Klöstern und an den Domschulen. Mit dem Entstehen der Universitäten bilden sich auch dort schnell medizinische Fakultäten.
Entgegen dem verbreiteten Bild waren diese kirchlichen Bildungseinrichtungen neuem Wissen nicht im Mindesten abgeneigt. Neues Wissen, dass zu Beginn der Kreuzzüge aus der muslimischen Welt kam, wurde auch hier, wie in anderen Wissenschaften, begierig aufgesogen und in den Lehrkanon übernommen. Insbesondere die großen Persischen Ärzte Avicenna und Rhazes wurden als „Fürsten der Ärzte“ gleichwertig neben Galen verehrt.

Im 12. Jahrhundert verbot die Kirche Klerikern (und damit auch den rechtlich als Kleriker geltenden Studenten und Gelehrten) den Umgang mit Blut („Ecclesia abhorret a sanguine“ die Kirche schreckt vor dem Blut zurück), was dazu führte, dass nur noch die innere Medizin an den kirchlichen Bildungseinrichtungen gelehrt wurde (wobei die Universität von Salerno hier eine bemerkenswerte Ausnahme darstellte).
Die Chirurgie hingegen wurde ein Handwerk, das weitgehend mündlich weitergegeben wurde. Die scharfe Trennung und die (heute meist kollegiale) Rivalität zwischen beiden Disziplinen ist uns bis heute geblieben.

Diese „handwerklichen“ Chirurgen waren aber keineswegs Stümper. Die wenigen erhaltenen Quellen, die Chirurgische Eingriffe behandeln zeugen von ihrem Können und die Zunftordnungen der Städte beweisen, wie streng Ausbildung und Arbeit dieser Berufsgruppe kontrolliert wurden.
Sehr häufig waren sie auch mit dem Städtischen Barbier und/oder Bader identisch, kümmerten sich also um alle Belange der äußeren Körperpflege.
Wie in allen zünftig organisierten Gewerben waren auch hier die Preise für ihre Dienstleistungen von der Stadt festgeschrieben, damit sich auch die einfachen Einwohner die Behandlung leisten konnten.

Im Übrigen betonten sowohl die Lehrbücher der Universitäten als auch die Ordnungen der Zünfte immer wieder, wie wichtig größtmögliche Sauberkeit bei der Behandlung eines Patienten ist…

Die einfachen Menschen auf dem Land konnten sich natürlich keinen Doktor der Medizin, der in Salerno oder Paris studiert hatte, leisten. Waren sie also aufgeschmissen? Nein!

Zum Einen gehörte zum Grundwissen über Haushaltsführung, das eine Mutter ihren Töchtern beibrachte, auch sehr viel medizinisches Wissen. In den Haushaltsbüchern des Spätmittelalters nimmt es einen Gutteil des Inhalts ein.
Es handelte sich hier auch nicht um irgendwelches geheime, aus heidnischer Zeit überlieferte Wissen, dass von der Kirche unterdrückt wurde!
Tatsächlich entspricht das wenige, was uns an „Hausmitteln“ überliefert ist, so ziemlich exakt der Kräutermedizin der Klöster.
Natürlich hatten die ältesten Hausfrauen die meiste Erfahrung in diesen Dingen und wurden daher im Zweifel um Rat gefragt. Das Waren dann aber eben keine „Kräuterhexen“, die misstrauisch beäugt am Rande der Gesellschaft standen, sondern die Großmütter und Urgroßmütter der Gemeinschaft, die sich mit ihrem über die Jahre angesammelten Wissen und ihrer Erfahrung noch nützlich machen konnten, auch wenn körperliche Arbeit ihnen nicht mehr möglich war. Genauso, wie man alte Männer in der Gemeinschaft um Rat beim Anbau oder der Einschätzung des Wetters fragte.
Es gibt keinen Beleg, dass in den Hexenprozessen der frühen Neuzeit das Praktizieren von Kräutermedizin irgendwie eine Rolle bei der Schuldfrage gespielt hätte.

Zum Anderen galt es seit der Regel des heiligen Benedikt als Pflicht einer jeden Mönchsgemeinschaft, für die Armen und Kranken zu sorgen. Die Meisten Klöster zu unterhielten deshalb ein Hospital (nach dem lateinischen Wort für „gastfreundlich“), das eine Mischung aus Notunterkunft, Pilgerherberge, Suppenküche und eben Krankenhaus darstellte.
Wir haben Hinweise darauf, dass in solchen Hospitälern Chirurgen (denn diese Arbeit durften die Mönche und Nonnen ja nicht selbst ausführen) aber auch Ärzte angestellt waren.

Das heißt also, wenn die Hausmittel versagten, konnten die Bauern das nächste Kloster aufsuchen und dort um Hilfe bitten. Die Tatsache, dass die Klöster diese wichtige Aufgabe übernahmen war einer der vielen Gründe, warum sie vom Adel so reichhaltig gefördert wurden.

Am Übergang zum Spätmittelalter begannen die ersten Universitäten neben Salerno wieder Chirurgie zu unterrichten.
Die erste davon war 1268 die Universität von Paris.
Dadurch standen im Laufe des Spätmittelalters wieder mehr und mehr Chirurgen mit akademischer Ausbildung zur Verfügung. Meist als private Wundärzte für die Oberschicht, während die handwerklich gebildeten Wundärzte die Versorgung der breiten Masse übernahmen. Oft auch als öffentlich besoldeter Stadtphysikus, der die Arbeit und Ausbildung der Baderchirurgen überwachte und bei besonders schwierigen Fällen hinzugezogen werden musste.

Ab dem 13. Jahrhundert gaben viele Klöster ihre Hospitäler auf oder verkleinerten sie zumindest drastisch. Neu gegründete (vor allem Nonnen-) Klöster hatten nun sogar oft von Anfang an überhaupt kein Hospital.
Hatten die monastischen Gemeinschaften Benedikts Ideal der Nächstenliebe verraten?
Nein, sie hatten es nur der veränderten Zeit angepasst.

Durch das Städtewachstum im 12. und erst recht im 13. Jahrhundert lagen die allermeisten Dörfer in direkter Nachbarschaft mindestens einer Stadt.
Das Leben der Bauern hatte sich sehr stark auf die Stadt ausgerichtet: Hier verkauften sie auf dem Markt ihre Ernteüberschüsse und in Heimarbeit hergestellte Handwerksprodukte und hier kauften sie gleichzeitig das ein, was sie nicht selbst herstellen konnten.

Da machte es nur Sinn, auch die Hospitäler in die Städte zu verlegen.
Im 13. Jahrhundert neugegründete Orden wie die Franziskaner, die sich sehr in der Armen- und Krankenfürsorge hervortaten, verlegten sogar oft ihre Klöster in die Städte, ummöglichst nah bei den Menschen zu sein.
Diese Hospitäler wurden immer noch zu einem großen Teil von der Kirche und den Ordensgemeinschaften betrieben, auch wenn vermehrt private Stifter dazukamen.

Selbstverständlich gab es auch im Mittelalter fahrende Scharlatane, die verzweifelten und leichtgläubigen Menschen Wunder versprachen und längst weg waren, wenn sich herausstellte, dass man sein Geld für etwas verschwendet hatte, das bestenfalls wirkungslos war. Deren Zahl nahm mit den wirtschaftlichen und sozialen Kriesen zu Beginn der Renaissance noch zu.
Aber auch hier will ich wieder darauf hinweisen, dass wir in einer Zeit leben, in der Menschen freiwillig Chlorbleiche trinken (und in andere Körperöffnungen schütten…), um Krebs zu heilen (MMS nennt sich dieses Phänomen, für die, die es interessiert).
Nochmal: Wir sind nicht in der Position, mit dem Finger auf andere Zeiten zu zeigen…

Was unter all den Klischees also letztlich bleibt, ist das Bild von einer medizinischen Versorgung im Mittelalter, die deutlich besser war, als ihr heutiger Ruf, auch wenn ich die moderne Schulmedizin nicht um alles in der Welt dafür würde hergeben wollen.

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