4 Ebenen der Wissensvermittlung

Heute wird es mal ein wenig theoretisch.
Wenn wir als Inforo an einer Veranstaltung mit mehr oder minder historischem Bezug teilnehmen, dann tun wir das in erster Linie, um Wissen über eine vergangene Kultur zu vermitteln.
Wissen vermitteln. Diese Formulierung hört man oft in der Szene, aber wenn historische Darsteller darüber reden, stellt sich oft heraus, dass sie völlig unterschiedliche Dinge damit meinen. Nach einer langen und sehr fruchtbaren Diskussion auf Facebook bin ich zu folgendem Ergebnis gekommen:

Meiner Meinung nach, gibt es vier verschiedene Ebenen, auf denen Wissensvermittlung im Kontext historischer Darstellung stattfindet:

Die erste besteht daraus, ein Bild zu schaffen, dass sich der Besucher anschauen kann. Kleidung, Hausrat, Zelte, Waffen und dergleichen vermitteln bereits Informationen über die Epoche, ganz ohne jede Form von Interaktion mit dem Besucher.

Die zweite besteht daraus, unkommentiert etwas vorzuführen. Wenn ich im Lager handwerke, mich auf der Wiese kloppe, oder auch am Lagerfeuer feiere, vermittelt auch das einen Eindruck beim Betrachter.

Diese beiden Vermittlungsebenen haben den Vorteil, keinerlei kommunikative Fähigkeiten zu benötigen. Dafür aber den immensen Nachteil, dass alles Gesehene genauso, wie es eben gesehen wird, vom Besucher wahrgenommen und von diesem in den seltensten Fällen hinterfragt wird.
Ich als Darsteller habe keine Möglichkeit zu erklären, inwiefern, geschweige denn warum, das Gesehene eventuell von der historischen Realität abweicht.

Auch wenn man noch eine andere Art der Vermittlung betreibt, bleiben diese beiden IMMER zusätzlich aktiv. Egal wieviel ich mit den Besuchern, die bei mir stehen bleiben, rede: Die, die nur gucken und dann weitergehen, bekommen nur die Informationen der ersten beiden Ebenen mit.
Weshalb es völlig unabhängig von der Art der Vermittlung so unglaublich wichtig ist, dass man auf der visuellen Ebene nicht schon einen falschen Eindruck vermittelt.

Die dritte Ebene ist das kommentierte Vorführen. Ich zeige dem Besucher Schaustücke oder Tätigkeiten (Handwerk, Kampfkunst, Rituale…) und erläutere, was er sieht. Eventuell erzähle ich sogar noch etwas zum Hintergrund des Gezeigten. Wenn ich dem Besucher etwa eine Replik eines Schwertes Zeige, kann ich erklären, wie es konstruiert ist, aus welcher Zeit der Typus stammt, dem es entspricht und welche Eigenschaften es hat. Zusätzlich kann ich noch ausführen, wie diese Eigenschaften und Konstruktionsweisen die Kampfweise mit diesem Schwert beeinflusst haben und andersherum. Oder warum ausgerechnet zu dieser Zeit diese Klingenform aufkommt, aufgrund welcher Veränderungen, etwa in der Rüsttechnik.

Eine Sonderform der dritten Ebene ist meiner Ansicht nach die interaktive Vermittlung. Hier lasse ich den Besucher selbst Dinge in die Hand nehmen oder ausprobieren. Ich erkläre, was er tun soll, wie es funktioniert und liefere ansonsten die selben begleitenden Erklärungen, wie beim kommentierten Vorführen. Die interaktive Vermittlung ist aufwändiger und erfordert neben den kommunikativen Fähigkeiten auchnoch moderative (um dafür zu sorgen, dass Erwachsene ebenso wie Kinder keinen Blödsinn machen), hinterlässt aber dafür einen wesentlich bleibenderen Eindruck beim Besucher und wird von diesem auch meist als die mit Abstand unterhaltsamste Form der Wissensvermittlung empfunden.
Sie ist leider aber nicht für jedes Thema gleichermaßen geeignet.

Beiden Formen der dritten Ebene ist gemein, dass jetzt ein direkter, kommunikativer Kontakt zum Publikum besteht. Das gibt mir die Möglichkeit, zu erklären, Informationen zu vermitteln, die Objekte und Tätigkeiten alleine nicht vermitteln können. Ich muss wissen, was ich den Besuchern zeige, damit ich es ihnen erklären kann. Und ich muss es auf unterhaltsame und verständliche Art und Weise erklären können.
Die Hauptlast der Vermittlung übernimmt aber immer noch das Objekt oder die Tätigkeit,, die der Besucher wahrnimmt, während ich nur begleitend kommentiere. Nichts desto trotz ist dieses Kommentieren wichtig und kann den Informationsgehalt eines Schaustückes oder einer Vorführung immens aufwerten.

Die vierte Ebene schließlich ist der Vortrag. Das Wort alleine weckt dunkle Erinnerungen an den langweiligen Frontalunterricht in der Schule. Ein Vortrag muss aber nicht so sein.
Er kann den Besucher fesseln, unterhalten und gleichzeitig immense Mengen an Wissen vermitteln. Dafür muss er unterhaltsam sein, darf den Besucher weder über- noch unterfordern und muss vor allem einen Spannungsbogen aufweisen, der den Besucher interessiert hält.
Ein Darsteller, der mit freien Vorträgen arbeiten will, sollte sich gute Märchenerzähler zum Vorbild nehmen.
Die hohe Kunst liegt darin, den Besucher nicht zum bloßen Konsumenten zu machen, sondern in den Vortrag mit einzubeziehen. Ich persönlich arbeite gerne mit Vergleichen zwischen dem Mittelalter und unserer heutigen Lebenswelt, die das Erzählte leichter verständlich machen und eine Verbindung zwischen den eigenen Erfahrungen des Besuchers und dem, was man ihm vermitteln will, schaffen.
Andere arbeiten gerne mit Fragen, die es dem Besucher erlauben, das, was man ihm vermitteln will, selbst herauszufinden (mit den nötigen Informationen und ein paar sanften Schubsern in die richtige Richtung durch den Darsteller). Dadurch wird zum Einen das Belohnungszentrum des Besuchers angesprochen, zum Anderen behalten wir Informationen, die wir uns (wenigsten teilweise) selbst erarbeitet haben, länger und besser.
In jedem Fall ist es ratsam, den Vortrag mehr wie ein gespräch wirken zu lassen dem Besucher Gelegenheit für Fragen oder Kommentare zu geben, eventuell sogar selbst nach seiner Meinung zu fragen um dann darauf ein zugehen und ihm ganz allgemein das Gefühl zu vermitteln, dass er gleichwertiger Gesprächspartner und nicht nur stumpfer Empfänger von Belehrung ist.
Das führt an dieser Stelle aber alles ein Bisschen zu weit…

Beim Vortrag sind im Gegensatz zur Kommentierten Vorführung die Rollen zwischen Darsteller und Objekten oder Handlungen vertauscht. Ich kann meinen Vortrag durch Schaustücke oder kurze Demonstrationen untermauern, aber die Masse der Informationen wird durch das gesprochene Wort vermittelt. Es ist die Vermittlungsform mit den höchsten Anforderungen an die Kommunikationsfähigkeit des Darstellers und kann Besucher sehr leicht langweilen oder gar verschrecken.

Wenn die Dramaturgie des Vortrages aber funktioniert, kann man eine Dreiviertelstunde lang ein Gespräch mit einem Dutzend Besuchern führen, dass bei Gewürzen beginnt, sich über Handel, das Wachstum der Städte, die gestiegene Nachfrage nach Arbeitskräften, die dadurch verbesserten Löhne und Lebensbedingungen, die Nachfrage auch nach weiblichen Arbeitskräften, eine dadurch hervorgerufene rechtliche und soziale Stärkung der Frau, die Position der Kirche zu Frauenrechten und schließlich zu den Falschvorstellungen über die Hexenverfolgung entwickelt. Und das, unter reger und begeisterter Beteiligung des Publikums. Durch Nachfragen, Kommentare, durchaus auch Widersprüche, auf die jeweils eingangen wurde und die es primär waren, die die Richtung bestimmt haben, in die sich das Gespräch bewegte.

Auf Mittelaltermärkten beschränkt sich die Vermittlung meist auf die ersten beiden Ebenen, mit einigen Lagergruppen, die sich auch auf der dritten betätigen.
Auch auf musealen Veranstaltungen spielt sich der Großteil der Vermittlung auf der dritten Ebene ab.

Es kann jetzt so wirken, als würde ich hier eine qualitative Wertung vornehmen, in der die „höheren Ebenen“ besser sind als die niedrigeren.

Das ist absolut nicht der Fall!

Tatsächlich beziehen sich die von mir beschriebenen Ebenen nicht auf die Qualität der Vermittlung, sondern auf den Anteil, den die direkte Kommunikation mit dem Besucher an der Vermittlung hat.

Manch ein Besucher will tiefgreifend über ein Thema diskutieren, ein Anderer will erleben und ausprobieren, noch ein Anderer will nur eine Frage beantwortet haben und wieder ein Anderer will sich das ganze einfach nur mal anschauen. Und idealerweise bekommt jeder dieser Besucher etwas nach seinem Geschmack geboten.

Ich habe an meinem Stand Infotafeln für die Besucher, die kein interesse an einem Gespräch haben und nur mal schauen wollen. Ich erkläre Besuchern, welche Gewürze ich zeige und woher sie im Mittelalter kamen.
Besucher dürfen auch mal Salz abwiegen, auf dem Rechenbrett rechnen oder auf der Wachstafel schreiben.
Und mit den Besuchern, die dafür offen sind, führe ich endlose Gespräche über Gott und die Welt.
Und der Anteil der letzten Gruppe ist deutlich größer, als man vielleicht im ersten Moment glauben will…

Ebenso ist es völlig legitim, wenn ich nicht alle dieser vier Ebenen abdecken kann.
Ich persönlich behaupte, dass ich auf der vierten Ebene zu Hause bin. Das Gespräch mit den Besuchern über die Zeit, die mich so fasziniert, liegt mir und macht mir Spaß.
Dafür habe ich weder die Masse an tollen Repliken noch die Handwerklichen Fähigkeiten, um im größeren Stil auf der dritten Ebene zu agieren. Und freue mich deshalb, wann immer gute Darsteller mit mir auf der Veranstaltung sind, die diese Lücke füllen können.

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