„Mittelalter machen“ nicht ein Hobby, sondern mehrere.

Nahezu jedes Wochende sieht man irgendwo in der Republik komisch angezogene Menschen, die auf Feuer kochen, handwerken oder mit mittelalterlichen Waffen hantieren. Viele Menschen sind fasziniert und begeistert von dem, was sie sehen und wollen dazu gehören.

Dieser Text soll eine Orientierungshilfe für die sein, die neu in der Szene sind und noch nicht genau wissen, wohin die Reise gehen soll.

Zunächst einmal die grundlegendste Erkenntnis und der Grund für diesen Text: DAS Mittelalterhobby gibt es nicht. Stattdessen gibt es eine Vielzahl von Hobbys, zwischen denen durchaus Berührungspunkte existieren, die sich aber eben doch stark voneinander unterscheiden.

Es gibt immer wieder unnötigen Streit zwischen Leuten, die nicht merken, dass sie über völlig verschiedene Sachen reden.
Um das zu vermeiden, sehen wir uns nun die wichtigsten „Mittelalter“-Hobbys einmal näher an.

Dabei vergleichen wir, worum es in dem Hobby jeweils geht, welche Ansprüche und Anforderungen damit verbunden sind und unter welchen Umständen dieses Hobby für dich etwas sein könnte.

 

Cosplay

Der Begriff kommt vom englischen „costume play“ also das Spiel mit Verkleidungen. Hier geht es vor allem darum, möglichst genau den Look einer fiktiven Figur nachzustellen. Oft mit einem bemerkenswerten Ausmaß an handwerklichem Geschick und Aufwand. Ursprünglich gab es Cosplays vor allem von Anime-, Manga und Videospiel-Charakteren, aber inzwischen tauchen neben Figuren aus Filmen und Comicbüchern auch zunehmend Cosplays von historischen Personen, etwa nach Vorlage von Gemälden auf.

Was Cosplay von den anderen hier behandelten Hobbys unterscheidet ist, dass es hier praktisch ausschließlich darum geht das Aussehen einer bestimmten Figur zu kopieren. Der Cosplayer tut in seinem fertigen Kostüm nicht viel, ausser sich zu präsentieren, zu posieren und maximal gelegentlich eine berühmte Szene der Figur nachzuspielen (etwa den legendären „Ich bin dein Vater“ Moment aus Starwars).

Der Anspruch an die Genauigkeit und Detailtreue der Rekonstruktion ist von Cosplayer zu Cosplayer sehr verschieden und solange man ehrlich bleibt und sich nicht mit unverdienten Lorbeeren schmückt, können diese verschiedenen Ansprüche gut nebeneinander existieren.

Wenn du also vor allem in schöner rekonstruierter Kleidung des Mittelalters posieren willst und dir der Rest eigentlich herzlich egal ist, könnte Cosplay genau das Richtige für dich sein.

 

Larp

„Life action role-play“ oder Liferollenspiel ist ein Hobby, in dem es darum geht, in die Rolle eines meist selbst erstellten Charakters zu Schlüpfen und in einer Spielwelt nach bestimmten Spielregeln mit anderen Spielern zu interagieren. Oft geht es darum, gemeinsam Abenteuer zu erleben und Aufgaben zu meistern. Und das eben nicht am Computer oder auf dem heimischen Wohnzimmertisch, sondern in echt.

Am bekanntesten sind Larps, die in einer mittelalterlich inspirierten Phantasy-Welt wie Tolkiens „Mittelerde“ spielen. Es gibt aber durchaus auch andere Genres, die bespielt werden, wie etwa Western, Science-Fiction, Postapokalyptik oder Steampunk. Und auch tatsächlich historische settings finden sich hin und wieder.

Sollte es dir vor allem um Abenteuer und das Rollenspiel gehen, ist Larp vielleicht dein Hobby.

 

Mittelaltermärkte

Definitiv das Bekannteste der hier behandelten Hobbys, sind Mitteltermärkte zunächst mal Volksfeste mit einem bestimmten Thema (ähnlich wie etwa Weihnachtsmärkte). Schon früh hat sich unter Teilnehmern wie Besuchern aber eine Hobby-Szene gebildet, die diese Veranstaltungen nutzt, um gleichgesinnte zu treffen und in eine andere Umgebung, Athmosphäre und Lebenswelt einzutauchen. Sie dienen zudem oft als Einstieg für Anfänger, die mit der Zeit in ein anderes Hobby abwandern.

Teile der Marktszene haben inzwischen stark etwas von einer Subkultur. Mit einem starken Wir-Gefühl, eigenen Umgangs- und Sprachformen und einem eigenen Lebensgefühl. Andere nutzen das Hobby einfach, um mal ein Wochende lang abzuschalten und abzutauchen.

So oder so ist in diesem Hobby das wissenschaftlich fundierte Mittelalter bei den Meisten nicht ansatzweise so wichtig wie das, was dem eigenen, inneren Bild vom Mittelalter entspricht.

Wenn es dir vor allem um die Gemeinschaft, das Feeling und ein gemütliches Wochenende in uriger Umgebung geht, könntest du auf Mittelaltermärkten deinen Spaß haben.

 

Living History

Das Hauptmerkmal dieses Hobbys ist die Bemühung, ein möglichst genaues und korrektes Bild der Vergangenheit zu zeichnen. Es gibt drei Hauptwege, auf denen eben das geschieht:

Reenactment

Hier wird ein bestimmtes historisches Ereignis, wie etwa eine Schlacht oder eine Krönung nachgestellt. Ähnlich, wie ein riesengroßes öffentliches Theaterstück. Der Anspruch an historische Genauigkeit bei Ausstattung und Drehbuch ist sehr hoch. Schauspielerisches Talent ist nur für die wenigen Sprechrollen nötig. Auf Schlachtenreenactments gibt es wortwörtlich hunderte von Statistenrollen.

Reenactment könnte etwas für dich sein, wenn du Teil einer wirklich großen Aufführung sein und das Gefühl haben willst, einen wichtigen Moment der Geschichte hautnah mit zu erleben.

Belebung

Von einer Belebung spricht man, wenn ein mittelalterliches Gebäude (ob erhalten oder rekonstruiert) oder ein Zeltlager (wie bei einem Feldzug, einem Turnier oder einer Fernhandelsmesse) für eine bestimmte Zeit möglichst nur mit mittelalterlichen Mitteln bewohnt wird. Das kann vor Publikum oder auch privat rein zum Erkenntnisgewinn der Teilnehmer geschehen.

Der Anspruch an historische Genauigkeit ist hoch und muss es sein. Denn je näher etwa meine Kleidung an der des Mittelalters ist, desto eher kann ich nachvollziehen, wie mittelalterliche Kleidung die täglich bei der Arbeit auftretenden Belastungen aushielt.

Der materielle Aufwand ist meist recht hoch. Denn so ich nicht einen Soldaten darstelle, der sich nachts unter einem Busch in seinen Mantel einwickelt und kaltes Trockenfleisch mit hartem Brot isst, brauche ich für eine Belebung eine ganze Menge Hausrat, angefangen bei Kochgeschirr und Vorratsgefäßen, über verschiedenes Werkzeug bis hin zu Zelten und Möbeln.

Wenn du diesen Aufwand nicht scheust und so nah wie im Moment möglich daran herankommen willst, zu verstehen, wie es ist, mit den mitteln und unter den Bedingungen des Mittelalters zu leben, sind Belebungen vielleicht ganz dein Ding.

Display

Hier steht vor allem die direkte Vermittlung von Wissen an Besucher im Vordergrund. An verschieden Stationen (den besagten Displays) wird dem Besucher jeweils ein bestimmter Aspekt des Lebens im Mittelalter nähergebracht. Ein Display kann ein Schautisch mit Repliken mittelalterlicher Gegenstände sein, die vom Darsteller gezeigt und erklärt werden, eine kommentierte Vorführung, etwa eines Handwerks oder ein Vortrag unter Beteiligung des Publikums.

Ein Display zu betreiben erfordert Redegeschick und ein umfangreiches Fachwissen, da die Gespräche mit den Besuchern gerne mal bei einem völlig anderen Thema enden, als sie begonnen haben.

Dafür hat man nirgendwo sonst so einen direkten Kontakt zum Publikum oder die Möglichkeit so direkt und umfangreich Wissen zu vermitteln.

Wenn du dir zutraust, frei vor fremden Menschen zu reden und es dir Freude macht, dein Wissen weiter zu geben, dann könntest du an einer Display-Darstellung deine Freude haben.

 

Diese drei Hauptwege der Living-History (und es gibt durchaus noch andere) sind nicht ansatzweise so scharf trennbar, wie sich das hier vielleicht liest. Am Rand der meisten nachgestellten Schlachten befindet sich ein Heerlager, das selbstverständlich belebt wird. Ein Handwerker, der als Teil einer Hausbelebung in der Werkstatt arbeitet und Besuchern sein Handwerk erklärt, betreibt damit gleichzeitig auch ein Display.

Ebenso gibt es viele Aktive in der „Mittelalter“-Szene, die mehrere der hier beschriebenen Hobbys betreiben.

 

Das böse Wort mit A

Zum Abschluss dieses Textes will ich noch auf einen Begriff eingehen, über den sich die Anhänger der verschiedenen „Mittelalter“-Hobbys gerne und oft streiten.

Authentisch (im Szeneslang oft als „A“ abgekürzt) bedeutet sinngemäß „exakt so wie es damals war“. Das dieses große A immer nur ein unerreichbares Ideal sein kann, ist eine Tatsache, die leider all zu oft als Ausrede misbrauch wird, warum man nicht wenigstens versucht, so nah wie möglich an „damals“ heran zu kommen.

Unterschiedliche Hobbys und selbst unterschiedliche Aktive innerhalb eines Hobbys haben ganz verschiedene Ansprüche, wie exakt sie bestimmte Aspekte der Geschichte nachstellen wollen.

Grundsätzlich gilt: Fast alles ist legitim, solange man ehrlich bleibt. Es ist völlig in Ordnung, wenn man einfach nur am Wochenende in einer urigen Athmospäre abschalten oder seine Phantasien ausleben möchte. Nicht in Ordnung ist es, vor Besuchern und anderen Aktiven Dinge als mittelalterlich zu bezeichnen, die es nicht sind.

Daniel Severin, mit dem ich auf Facebook schon viele gute Fachgespräche führen durfte, hat sehr schön den einen Anspruch zusammengefasst, den wirklich jeder von uns haben sollte, egal welches Hobby er macht:

„Wir verarschen den Besucher nicht.“

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3 Gedanken zu “„Mittelalter machen“ nicht ein Hobby, sondern mehrere.

  1. Ja, das grosse „A“ Wort. Ich finde es auch sehr schlimm wenn öffentlich auf Veranstaltungen ein falsches Bild einer bestimmten Periode vermittelt wird, aber fast schlimmer finde ich noch immer dass Fernsehsender noch immer keine historisch korrekte Darstellung hin bekommen in ihren Dokumentationen. Vor allem die öffentlich rechtlichen kommen ihrer Mission wissen zu vermitteln nicht nahe genug.

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