Ehre im Mittelalter

Ein Begriff, der gerne für Missverständnisse sorgt, weil wir heute etwas völlig anderes darunter verstehen, als die Menschen des Mittelalters es taten.

Unter „Ehre“ verstehen wir heute im besten Fall eine Sammlung selbstauferlegter Regeln, an deren Befolgung die eigene Selbstachtung gebunden ist.
Im schlechtesten Fall verstehen wir darunter ein hübscheres Wort für Gruppenzwang. Eine Reihe von Regeln, von deren Befolgung abhängt, ob mein soziales Umfeld mich respektiert, oder nicht.

Dabei vergessen wir aber etwas ganz wesentliches:
Sich gegen „Gruppenzwang“ zu wehren und zu tun, was man für richtig hält, egal was die Anderen von einem denken sagt sich leicht in einer Gesellschaft, in der der Staat jedem Menschen unveräusserliche Rechte garantiert und die schlimmste Folge, die „gegen den Strom Schwimmen“ haben kann, aus dem Verlust von Freunden und sozialer Isolation besteht (wenngleich auch das schon kein kleiner Preis ist).
Im Mittelalter hingegen hingen die Rechte und das Überleben eines jeden Menschen von der Unterstützung durch die Gemeinschaft ab und diese wiederum von seiner Ehre, also dem Befolgen der von der Gemeinschaft festgelegten Verhaltensregeln.

Ein Bauer, der sich ehrlos verhielt, musste seine Felder alleine Pflügen und sein Getreide alleine ernten, während der Rest der Dorfgemeinschaft diese Arbeiten gemeinsam und damit wesentlich schneller und effizienter erledigte.
Ein Knecht oder eine Magd, die als ehrlos galten, fanden niemanden, der bereit war, sie einzustellen.
Ein Besitzer eines Hofes oder eines städtischen Handwerks- oder Handelsbetriebes fand keine Arbeitskräfte und auch keine Kunden, die seine Waren kaufen wollten.
Einem adligen Grundherren liefen die Bauern weg und suchten sich anderswo Arbeit, oder sie baten einen seiner Nachbarn mit einem besseren Ruf, ob dieser nicht kommen und sie von ihrem ehrlosen Herrn befreien wolle.
Seine Nachbarn hatten in seiner Ehrlosigkeit den perfekten Vorwand, um ihn zu Überfallen und seine Verbündeten sowie sein Lehns- und Schutzherr hatten einen guten Grund, ihn im Stich zu lassen.
Ein Ritter, der keine Ehre besaß, fand keinen Herren, der ihn in Dienst nehmen, geschweige denn ihm ein Lehen überlassen wollte.
Ein Lehnsherr und selbst ein König ohne Ehre verlor die Unterstützung seiner Vasallen, die sich eventuell sogar ganz offen, mitsamt ihrem Lehen, anderen Herren unterstellten.
Und für Menschen aller Stände war es ohne Ehre nahezu unmöglich, in eine andere Familie einzuheiraten.
Auch die Chancen des Eizelnen, in der Rangordnung der Ständegesellschaft aufzusteigen, hingen nicht nur von seiner Herkunft und seinen Leistungen ab, sondern ebenso von seiner Ehre.

Ehre war für die Menschen des Mittelalters also nicht bloß eine Frage des Egos oder der Achtung durch Andere, sondern eine harte Währung, eine Ressource, die zum überleben so notwendig war, wie Nahrung, Obdach und Wasser.

Und die Ehre des Einzelnen hing nicht nur von seinen eigenen Taten ab, sondern auch von den Menschen in seinem Umfeld. Wer unehrenhafte Leute in seiner Familie oder in seinem Dienst hatte, in ihrem Dienst stand, Geschäfte mit ihnen machte oder sonst irgendwie Verbundenheit mit ihnen zeigte, konnte dadurch seine eigene Ehre verlieren.

Dass Ehrlose von ihrem Umfeld gemieden und verlassen wurden geschah also nicht aus Böswilligkeit, sondern vor allem aus Selbstschutz.
Ebenso handelte Das Familienoberhaupt, der Handwerksmeister oder der Lehnsherr, der unehrenhaftes Verhalten bei den Menschen, die ihm unterstanden tadelte und notfalls bestrafte, vor allem um sich selbst und den Rest seiner Untergebenen davor zu bewahren, ihre Ehre ebenfalls zu verlieren.

Der Umkehrschluss galt natürlich genauso. Wer als ehrenhaft galt, fand leicht Anschluss und Unterstützung bei Menschen, die durch den Umgang mit ihm ihre eigene Ehre steigern konnten.

Vor diesem Hintergrund bekommen Ehrenstrafen, wie das öffentliche Anketten am Schandpfahl oder der öffentliche Auftritt im Büßerhemd eine ganz andere Dimension.

Ebenso wird klar, warum es nicht möglich war, einen Angriff auf die eigene Ehre oder die Ehre des eigenen Umfeldes, wie eine Beleidigung under eine Verleumdung einfach hinzunehmen. Ein Angriff auf die Ehre konnte genau soviel Schaden anrichten, wie ein Angriff auf jemandes Besitz oder seinen Leib und musste genauso abgewehrt werden, notfalls mit Gewalt.

Der Ehrverlust konnte die eigene Existenzgrundlage massiv bedrohen und einmal verlorene Ehre wiederzugewinnen war ein langer und schwieriger Prozess.

Als William Marshal, ein Ritter mit einem *sehr* ehrenhaften Ruf und zu diesem Zeitpunkt einer der mächtigsten Barone Englands mit seinem König John (dem kleinen Bruder von Richard Löwenherz, den wir aus Robin Hood kennen und der in der Realität ein schlimmerer Schurke war, als in allen Geschichten über ihn) in Streit geriet, bot dieser seinen wichtigsten Vasallen und Gefolgsmännern reichen Lohn an, wenn sie ihren Herrn verraten würden. Gleichzeitig machte er deutlich, dass jeder, der Marshal weiterhin unterstützte, alles verlieren würde, was er hatte. Die Männer berieten sich, wie sie sich entscheiden sollten und Jean D’Earley, den Marshal persönlich augebildet hatte und der nun die Ritter seines Haushaltes anführte, brachte die Aussage dieses Artikels auf den Punkt: „Schande wärt länger als Armut“.
Ihre verlorenen Güter konnten sie sich wieder neu verdienen, aber wenn sie ihren Herrn verraten würden, der ihnen keinerlei Anlass dazu gegeben hatte, würde der resultierende Ehrverlust ihnen langfristig viel mehr schaden.
Das sie Marshal schlieslich die treue hielten geschah also nicht bloß aus menschlichem Respekt, Dankbarkeit und Verbundenheit, sondern durchaus auch aus klugem Pragmatismus.

Hatte das Ehrgefühl diese Männer dazu veranlasst, das Richtige zu tun, so war den Menschen des Mittelalters doch klar, dass die Gesellschaft nicht perekt und ihre Regeln nicht immer gerecht waren. Die ehrenhafte Entscheidung war nicht immer auch die ethisch Richtige (und damit auch gottgefällige).

So beklagt kurz nach Marshals Tod der Sänger Walther von der Vogelweide in seiner berühmten Weltklage „Ich saz uf einem Steine“, dass es in dieser unvollkommenen Welt unmöglich sei, gleichzeitig die drei Schätze Ehre, weltlichen Besitz und Gottes Wohlgefallen zu haben.

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