Familie im Mittelalter

 

Die Familie gilt bis heute als kleinste organisatorische Einheit der Gesellschaft. Während es aber heute eine wachsende Zahl an Single-Haushalten gibt, wäre das im Mittelalter weitgehend undenkbar gewesen.
Führen eines Haushaltes, geschweige denn eines Hofes, erforderte eine gewisse Mindestmenge an Personen, um die anfallenden Arbeiten schaffen zu können. So lebten nicht nur Eheleute sowie ihre Kinder und Enkel unter einem Dach, sondern auch die deutliche Mehrzahl der Angestellten wohnten im Haus ihres Arbeitgebers.
Hieran macht sich der deutlichste Unterschied des mittelalterlichen Familienbegriffes zum Heutigen fest: Zur Familie gehörten nicht nur Blutsverwandte und Angeheiratete, sondern alle, die im selben Haushalt leben.

Die Strukturen, nach denen ein solcher Haushalt organisiert war, waren straff und quer durch die Stände ziemlich gleich (wenngleich ein hochadliger Haushalt natürlich schon durch seine schiere Größe weit komplexer war, als die 5 Leute, die eine Bauernkate bewohnen): An der Spitze stand der Pater familiae, das Familienoberhaupt. In den allermeisten Fällen war dies tatsächlich der Familienvater im heutigen Sinn, aber auch Frauen konnten Familienoberhaupt sein, vor allem als Witwen.

Im Normalfall war es aber die Aufgabe der Frau, das Hausgesinde zu führen, und sich um Küche, Haushalt, Lagerhaltung und Ersparnisse der Familie zu kümmern.
Das Familienoberhaupt hingegen hatte das Sagen, wenn es um den Broterwerb seiner Hausgemeinschaft ging und war verantwortlich dafür, dass die Verpflichtungen gegenüber dem jeweiligen Herren erfüllt wurden (Steuern, Dienstpflichten, eventuell sogar Kriegsdienst). Zudem vertrat er jedes Mitglied seines Haushaltes vor Gericht.
Da die Chancen des Einzelnen vor Gericht sein Recht zu bekommen ganz massiv vom eigenen sozialen Status abhingen, war diese Vertretung durch den Hausherren für Mägde und Knechte, aber auch für Ehefrauen extrem wertvoll.

Jedes einzelne Mitglied des Haushalts hatte neben dem juristischen und körperlichen Schutz Anspruch auf Unterkunft, Nahrung, Kleidung und durchaus auch hin und wieder auf Geschenke, die über das zwingend notwendige hinausgingen.

Dafür mussten sie der Familie nicht nur ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen, sondern sich auch den Geboten des Hausvaters fügen. Er bestimmte, wie sie sich zu kleiden und zu verhalten hatten, wo sie sich aufhalten und mit wem sie Umgang haben durften und bis wann sie Abends zu Hause sein mussten. Das machte in der mittelalterlichen Gesellschaft auch durchaus Sinn, denn ebenso, wie alle Hausgenossen vom sozialen und damit rechtlichen Status des Oberhauptes profitierten, konnten sie durch unehrenhaftes Handeln der Stellung der gesamten Familie massiv schaden.
Ebenso entschied der Pater Familiae, ob Mitglieder seines Haushaltes heiraten durften, war er es doch, der bei einer Hochzeit sowohl den Ehepartner als auch eventuelle Kinder mit zu versorgen hatte.

Spannenderweise waren diese Rechte und Pflichten für Männer wie für Frauen praktisch gleich. Söhne wie Töchter, die ihr Elternhaus verließen, um in einem anderen Haushalt zu leben und zu arbeiten, verließen die Vormundschaft ihres Vaters und kamen unter die Vormundschaft ihres neuen Herrn. So richtig zum Tragen kam der rechtliche Unterschied zwischen den Geschlechtern erst auf der Ebene des Hausherren und seiner Frau, sowie bei dem Erbe, das Söhne und Töchter zu erwarten hatten.

Diese grobe Grundstruktur „Schutz und Versorgung gegen Dienst und Gehorsam“, war die Selbe, auf der auch das Verhältnis zwischen Hörigen und ihrem Grundherren, sowie Vasallen und ihrem Lehnsherren basierte.
So war die mittelalterliche Famile tatsächlich ein kleiner Spiegel der Gesellschaft im Großen.

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