Die wissenschaftliche Methode – Das unbekannte Wesen

 

Wir leben in einer Zeit, in der viele Menschen die Wissenschaft hart kritisieren oder sogar komplett ablehnen, besonders, wenn sie den eigenen Wunschvorstellungen oder der eigenen Weltanschauung widerspricht.
Dieses Phänomen betrifft nicht nur die Natur- sondern auch diverse Geisteswissenschaften, unter anderem auch mein „Fachgebiet“, die Geschichte.

„Es gibt so viel zwischen Himmel und Erde, was die Wissenschaft nicht erklären kann.“
„Wissenschaftler raten ja auch nur.“
„Ganz sicher wird man es nie wissen können, also hat meine Meinung genauso viel Anspruch auf Richtigkeit, wie die der Wissenschaft.“
„Die Wissenschaftler haben schon so oft zugeben müssen, dass sie sich geirrt haben.“
„Wissenschaft ist dogmatisch und lässt keine neuen Ideen zu, die dem Mainstream widersprechen.“

Diese und ähnliche Argumente zeigen vor allem eines: Viele Menschen haben keinerlei Ahnung, was Wissenschaft überhaupt ist und wie die wissenschaftliche Methode funktioniert.
Deshalb soll dieser Text eine kleine Einführung bieten und mit den häufigsten Missverständnissen aufräumen.
Der Schwerpunkt wird hierbei auf den Geschichtswissenschaften liegen, da ich mich auf diesem Gebiet schlicht am besten auskenne. Dennoch will ich versuchen, den Text so allgemein zu halten, dass er auf wissenschaftliches Arbeiten als Ganzes zutrifft.

 

Zunächst einmal das Grundlegendste:

Es ist absolut zutreffend, dass wir NICHTS mit absoluter, 100%iger Sicherheit wissen können. Unsere Sinne sind geradezu lächerlich leicht zu täuschen, Experimente, Studien, Statistiken können durch die kleinsten Einflüsse verfälscht werden, historische Quellen können ebenfalls verfälscht sein, oder sogar lügen.
Diese Tatsache führt die wissenschaftliche Methode aber nicht ad absurdum, sondern ist im Gegenteil ihre Grundlage!

Die Wissenschaft sucht nicht nach der mit absoluter Sicherheit wahren Antwort auf unsere Fragen, sondern nach der jeweils momentan *wahrscheinlichsten* Antwort.

Der Fehler der Pseudowissenschaft liegt daher auch nicht darin, das völlig richtig festzustellen, sondern in der Behauptung, etwas besseres anbieten zu können.

Man könnte also tatsächlich sagen, dass Wissenschaftler raten. Der Unterschied zu Esoterikern und sonstigen Pseudowissenschaftlern besteht allerdings darin, dass Wissenschaftler ihre Chancen beim „Raten“ ganz gewaltig erhöhen können.
Genau dazu dient die „wissenschaftliche Methode“.

 

Deren erster Schritt besteht in einer klaren Fragestellung, auf die im Folgenden die wahrscheinlichste Antwort gesucht wird.

Daraufhin müssen sämtliche zur Verfügung stehenden Informationsquellen gesammelt und ausgewertet werden.
Je nach wissenschaftlicher Disziplin und Fragestellung können diese Informationsquellen ganz unterschiedlicher Art sein: Von der schlichten Beobachtung, über Experimente, Tests, Messverfahren, Umfragen, bis hin zu den archäologischen, schriftlichen, bildlichen und sonstigen Quellen der Geschichtswissenschaften.

Hierbei ist zum Einen darauf zu achten, dass man wirklich *alle* für die Fragestellung relevanten Informationsquellen mit einbezieht und nicht bloß diejenigen, die das „gewünschte“ Ergebnis bestätigen. Zum Anderen muss man die sog. „confirmation bias“ vermeiden, die natürliche Tendenz, Informationen, die das „gewünschte“ Ergebnis bestätigen stärker zu gewichten und als zuverlässiger zu betrachten, als Informationen, die dem „gewünschten“ Ergebnis widersprechen.

Als Nächstes gilt es, Faktoren herauszufiltern, die das von den Informationsquellen vermittelte Bild verfälschen könnten: Beobachtungen, Messungen und Experimente werden unter verschiedenen, jeweils streng kontrollierten Bedingungen durchgeführt, um Verfälschungen durch Umwelteinflüsse zu vermeiden und viele Male wiederholt, um zufällige Abweichungen (und menschliche Fehler) auszugleichen.
Sozialwissenschaftliche Studien und Umfragen werden aus den selben Gründen mit möglichst vielen Testpersonen mit möglichst unterschiedlichen Hintergründen und Eigenschaften durchgeführt.

In der Geschichtswissenschaft nennt man diesen Vorgang „Quellenkritik“. So, wie ich in der Naturwissenschaft prüfe, ob mein Testergebnis durch äußere Einflüsse gestört wird, prüfe ich hier anhand des Kontextes, ob etwa ein Chronist Grund hatte, die Ereignisse anders zu schildern, als sie tatsächlich passiert sind, ob er vielleicht selbst falsch informiert oder voreingenommen war. Wir prüfen, warum Kunstwerke etwas bestimmtes Darstellen, ob es sich um eine Abbildung der Realität handelt, oder ob bestimmte Elemente der Symbolik oder dem Kunststil der Zeit geschuldet sind, oder ob das Kunstwerk womöglich sogar völlig phantastische Elemente, etwa aus der Mythologie oder einem Roman wiedergibt. Bei archäologischen Funden prüfe ich, ob die Fundstücke tatsächlich zusammen in die Erde gelangt sind, oder ob einzelne Stücke später dazu kamen. Ich muss hinterfragen, ob es sich beispielsweise bei Grabbeigaben tatsächlich um alltägliche Dinge handelte, oder um Objekte, die aus kultischen Gründen nur Toten mitgegeben wurden.
Vor allem aber verlässt man sich genau wie in der Naturwissenschaft nicht auf eine einzige Quelle, sondern vergleicht möglichst viele verschiedene Quellen miteinander, um auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen.

Dies ist nur ein sehr verkürzter und grob vereinfachender Überblick, der vor allem demonstrieren soll, wie aufwendig, komplex und schwierig dieser Prozess ist.
Wenn also Verschwörungstheoretiker, Esoteriker und Geschichtsverdreher die Wissenschaft ablehnen mit dem Verweis auf all die Faktoren, die ihre Ergebnisse verfälschen können, zeigen sie damit nur, dass sie nicht genug Ahnung haben um zu wissen, dass der Prozess, eben diese Faktoren so gründlich wie möglich herauszufiltern, den mit Abstand größten und wichtigsten Teil der Arbeit eines Wissenschaftlers bildet.

Der letzte Schritt besteht darin, zu ermitteln, welche der vielen möglichen Antworten auf die anfangs gestellte Frage die nun gefilterten Informationen am besten erklärt.
Hierbei muss noch einmal betont werden: Wissenschaft ist die Suche nach der *wahrscheinlichsten* Antwort, nicht nach der Antwort, die einem persönlich am besten gefällt.

Die so ermittelte „momentan wahrscheinlichste Antwort, basierend auf den uns im Moment zur Verfügung stehenden Informationen“ nennt man im wissenschaftlichen Sprachgebrauch eine „Theorie“. An dieser Stelle merkt man auch den Fehler an der Aussage, Evolution sei ja „nur eine Theorie“. Eine Theorie im wissenschaftlichen Sinne ist im Gegensatz zur Umgangssprache nicht bloß eine wage Vermutung, sondern wird durch einen langen Prozess der Beweisführung gestützt.

Soll so eine Theorie nun aktueller „Forschungsstand“, also allgemein akzeptierter Konsens, werden, muss sie noch eine letzte Hürde überwinden: Das „peer review“.
Hierbei überprüfen andere Wissenschaftler des selben Fachbereiches die Theorie und ihre Beweisführung, suchen nach Fehlern und wägen ab, ob diese neue Theorie die vorhandenen Informationen besser erklärt und damit eine höhere Wahrscheinlichkeit besitzt, als die Bisherige.
Hierdurch sollen menschliche Fehler ausgeglichen und bewusste Täuschung durch unsauberes Arbeiten erschwert werden.
Es ist also kein Wunder, dass die „revolutionären Entdeckungen“ von Pseudowissenschaftlern spätestens am peer review scheitern.

Damit eine Theorie überhaupt auf diese Art überprüft werden kann, muss sie im wissenschaftlichen Sinne „nachvollziehbar“ sein. Das bedeutet, jeder Schritt auf dem Weg zur Theorie muss sorgfältig dokumentiert werden, damit andere Wissenschaftler ihn exakt nachgehen und dabei nach Fehlern suchen können.

Wie bereits mehrfach gesagt: Wissenschaft ist die Suche nach der wahrscheinlichsten Antwort. Sollten am Ende mehrere Theorien annähernd gleich gut zu den vorhandenen Informationen passen, können beide auch durchaus gleichberechtigt nebeneinander stehen, bis neue Informationen oder eine neue, bessere Erklärung für die vorhandenen Informationen auftauchen.

Findet sich auf eine bestimmte Fragestellung tatsächlich KEINE Antwort, die die vorhandenen Informationen zufriedenstellend erklären kann (etwa aufgrund von unzureichenden Informationen, oder weil uns auf einem anderen Gebiet noch der entscheidende Durchbruch fehlt, um den Zusammenhang zwischen den Informationen zu verstehen), bedeutet das keineswegs, dass sich zu dieser Frage jetzt jeder die Antwort ausdenken kann, die ihm gefällt, weil ja mangels wissenschaftlicher Erklärung alle Antworten den gleichen Anspruch auf Richtigkeit haben.
Die einzig „korrekte“ wissenschaftliche Antwort auf eine solche Frage lautet: „Wir wissen es nicht. Noch nicht.“ Idealerweise gefolgt von: „Aber wir arbeiten daran!“

 

Jede Theorie ist immer nur die wahrscheinlichste Antwort *im Moment*. Tauchen neue Informationen auf oder findet jemand eine Antwort, die die vorhandenen Informationen besser erklärt, wird es Zeit für eine neue Theorie.
Das ist KEIN Argument GEGEN die Wissenschaft, sondern im Gegenteil ihre größte Stärke!
Die Wissenschaft ist sich bewusst, dass es keine absoluten, unumstößlichen und ewigen Wahrheiten gibt, und passt ihren aktuell akzeptierten Forschungsstand an, wenn es nötig wird.
Zumal neue Erkenntnisse nur selten eine 180-grad-Wende darstellen, sondern meistens die alte Theorie präzisieren und auf dieser Aufbauen.

Also: Dass Wissenschaftler zugeben, wenn sie sich geirrt haben spricht nicht gegen, sondern für die Wissenschaft! Und steht damit im krassen Gegensatz zu Verschwörungstheoretien, Pseudowissenschaften und esoterischen Schwurbeleien, die fest auf dem beharren, was sie erzählen, egal was die Beweise sagen.

 

„Aber die Wissenschaft ist doch so dogmatisch! Die beharren engstirnig auf ihrer Lehrmeinung und akzeptieren keine neuen Theorien!“

Falsch. Aber um als neuer Stand der Forschung anerkannt zu werden, muss eine Theorie durch viele Hürden springen. Und das ist völlig richtig so!
Meist hat es Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte penibler und gewissenhafter Arbeit gebraucht um bis ins kleinste Detail zu beweisen, dass eine Theorie tatsächlich eine bessere Erklärung für die vorhandenen Informationen liefert und damit wahrscheinlicher ist, als die Vorherigen.
Dass von einer neuen Theorie verlangt wird, mindestens ebenso aufwändig und akribisch zu beweisen, dass sie NOCH besser ist, ist nicht engstirnig, sondern schlicht und ergreifend fair.

Wenn eine These, die gerne eine Theorie wäre, grundlegende „Spielregeln“ wissenschaftlichen Arbeitens ignoriert, wird sie völlig zurecht garnicht erst in Erwägung gezogen.
Wenn eine Fußballmannschaft garnicht erst zur Meisterschaft zugelassen wird, weil sie bei den Qualifikationsspielen ständig den Ball in die Hand nehmen, hat das auch nichts damit zu tun, dass der Fußballverband dieser Mannschaft aus purer Engstirnigkeit keine Chance auf den Meistertitel geben will.

 

Zusammenfassend: Die wissenschaftliche Methode ist ein langer und komplizierter Prozess, um die im Moment wahrscheinlichste Antwort auf unsere Fragen, ausgehend von den uns im Moment zur Verfügung stehenden, begrenzten Informationen zu finden.
Das mag für viele unbefriedigend sein, aber es ist das mit Abstand beste, was wir haben.
Zum Weiterlesen:

Denjenigen, die sich über die wissenschaftliche Methode und Arbeitsweise auf meinem „Fachgebiet“, der mittelalterlichen Geschichte weiterbilden möchten, kann ich sehr das Buch „Mittelalterliche Geschichte studieren“ von Martina Hartmann ans Herz legen. ISBN-10: 3825225755

Warum der Verweis auf „eigene Meinungen“ oder die „Meinungsfreiheit“ in einer Diskussion über wissenschaftliche Themen fehl am Platz ist:
https://inforo1300.wordpress.com/2020/04/27/von-meinungen-und-tatsachen/

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