Wo sind die Felder?

 

Wenn man der Darstellung mittelalterlicher Landschaften in Filmen, Videospielen, Dokumentationen und selbst manchen digitalen Rekonstruktionen in Museen glauben kann, gab es im Mittelalter vor Allem eines im Überfluss: Landschaft.

Keinen Meter hinter der Stadtmauer oder der Hecke des Dorfes beginnt das leere Land. Weite Grasflächen, dichte Wälder, ohne jede Spur menschlichen Lebens, abgesehen vielleicht von einem schlammigen Weg.

Die Frage, die dieses verbreitete Bild stets bei mir aufruft ist: „Was um Himmels Willen essen diese Menschen?

Die meisten Menschen des Mittelalters waren Bauern, die ihre eigenen Lebensmittel anbauten. Und auch der Rest bezog seine Lebensmittel nicht wie heute aus einem Supermarkt, der aus aller Herren Länder beliefert wird, sondern von den Bauern des unmittelbaren Umlandes.

Das bedeutet, dass jeder Hof, jede Burg, jedes Dorf und jede Stadt von Feldern und Weiden umgeben war.

Und deren Größe wird oft unterschätzt.
Eine Hufe, die Ackerfläche, die eine durchschnittliche Hofgemeinschaft von 5 bis 8 Personen ernähren konnte, entsprach selbst nach den immensen Ertragssteigerungen, die mit der Agrarrevolution zu Beginn des Hochmittelalters einher gegangen waren immer noch einem Quadrat mit einer Kantenlänge von 250 bis 400 Metern, abhängig von der Güte des beackerten Bodens.
(Wobei die Felder eines Hofes meist kein Quadrat bildeten, sondern mehrere lange und schmale Streifen auf der gemeinsamen Ackerfläche des Dorfes)
Diese Zahl kann man jetzt einmal auf die Fläche hochrechnen, die nötig war, um etwa die 54.000 Einwohner Kölns um 1300 zu ernähren…

Die Ackerfläche war zudem durchbrochen von Zäunen und Hecken, die die einzelnen Felder begrenzten, sowie von Be- bzw. Entwässerungsgräben.
Kurzgesagt: Fast die gesamte Landschaft im Umkreis einer Siedlung war geprägt von der Landwirtschaft.

 

Auch die Wälder in unmittelbarer Umgebung eines Dorfes oder einer Stadt dürfen wir uns nicht als dichte, wilde Urwälder voller Gefahren vorstellen, sondern als von Jahrhunderten menschlicher Bewirtschaftung geprägt.
Wo Wald nicht gerodet wurde, um Platz für Äcker und Häuser zu schaffen, da wurden die Baumstümpfe nach dem Holzschlag stehen gelassen, da aus diesen bedeutend schneller ein neuer Baum wächst, als aus einem Samen im Boden. Im Gegenzug ist das Holz eines langsam aus einem Samen gewachsenen Baumes sehr viel fester, als das aus dem neuen Ausschlag eines Stumpfes. So ließ man auch immer einzelne Bäume stehen, damit diese ihre Früchte fallen lassen konnten.

Zwischen den Bäumen wurden Wege freigehalten und Unteeholz beseitigt, um den Abtransport des Holzes zu erleichtern (und die Gefahr von Waldbränden zu verringern). Die Bäume wurden während des Wachstums regelmäßig beschnitten um wie bei einem Bonsai dafür zu sorgen, dass die Stämme in genau der richtigen Form für die spätere Weiterverarbeitung wuchsen (und weniger Astlöcher bildeten).

Die Nutzwälder um eine Siedlung herum hatten also weniger mit einem romantisch-wilden Urwald voller Gefahren und Abenteuer zu tun, als vielmehr mit einem heutigen Forstbetrieb.

 

Neben der Ernährungsfrage wäre es noch aus einem anderen Grund Wahnsinn, direkt außerhalb der Siedlung die Wildnis beginnen zu lassen: Sicherheit.

Warum sollte man Räubern oder Raubtieren ein Versteck bieten, aus dem sie Reisende nur wenige Meter nach Verlassen des Tores angreifen können?
Warum sollte man feindlichen Armeen eine Deckung bieten, in der sie unerkannt bis an die Mauern herankommen können?

 

Waren die großen und kleinen Siedlungen im dünn besiedelten Europa der Völkerwanderungszeit noch Inseln der Kulturlandschaft inmitten von Wildnis, so war spätestens im Hochmittelalter die Bevölkerung so weit angewachsen, dass in den meisten Gegenden West- und Mitteleuropas menschliche Ansiedlungen in Sichtweite und nur sehr selten in mehr als einer Tagesreise Abstand zueinander lagen.

Im Zuge der Agrarrevolution und der damit verbundenen Bevölkerungsexplosion wurden Wälder gerodet und Sümpfe trockengelegt, um Siedelland zu schaffen.
Unberührte (oder wenigstens weitgehend durch den Menschen unveränderte) Urwälder waren zu dieser Zeit nurnoch selten und vor Allem in den abgeschiedensten Regionen Europas zu finden.

 

Ein Reisender hätte also allerspätestens ab dem 12. Jahrhundert zu beiden Seiten der Straße vor allem Kulturlandschaft gesehen, anstatt der leeren Wildnis, die heute leider meist dargestellt wird.

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Ein Gedanke zu “Wo sind die Felder?

  1. Interessante Infos! Dazu steht auch was im Sachsenspiegel: man darf nicht etwa zum Ausweichen eines entgegenkommenden Fuhrwerks über einen bebauten Acker neben dem Weg fahren, und wer dort Ladung verlor, der musste sie (theoretisch) dem Landbesitzer überlassen. An diese beiden Passagen kann ich mich gerade erinnern, ich meine, dass dort noch mehr zu Landbesitzern und Feldern zu lesen ist (ich habe mich vor allem für die Straßen und das Transportwesen interessiert, siehe meine Webseite). Viele Grüße, Ravana

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