Schriftlichkeit im Mittelalter

 

Eines der am häufigsten genannten Argumente, wenn es darum geht, die Menschen des Mittelalters als dumm, ungebildet und unterentwickelt darzustellen, ist die Tatsache, dass nur ein sehr geringer Anteil der mittelalterlichen Gesellschaft lesen und schreiben konnte.
Gerne verbunden mit der Anklage, dass die geringe Schriftlichkeit von der Obrigkeit gezielt herbeigeführt worden sei, um das Volk dumm und leicht kontrollierbar zu halten.

Zunächst einmal: Es ist tatsächlich so, dass die allermeisten Menschen im Mittelalter weder lesen noch schreiben konnten.
Bedeutet das aber, dass sie dumm und ungebildet waren oder gar von oben so gehalten wurden?

Wir leben heute in einer Welt, in der ein Großteil unserer Kommunikation und praktisch die gesamte Verwaltung und Organisation unserer Gesellschaft schriftlich funktioniert. Wer des Lesens und Schreibens nicht mächtig ist, kann deshalb nur in sehr eingeschränktem Maße am gesellschaftlichen Leben teilhaben.

Das war im Mittelalter anders:
Die großen und kleinen Reiche des Mittelalters waren nicht im Ansatz so zentralisiert, wie es das römische Reich der Antike oder die absolutistischen Staaten der frühen Neuzeit waren.

Die meisten Menschen lebten auf dem Land, in kleinen dörflichen Gemeinschaften, die für die Organisation des täglichen Lebens keine Schriftlichkeit benötigten.
Auch die alltägliche Verwaltung eines Fronhofes kam zum größten Teil ohne Schrift aus.

Nur Dinge von besonderer Wichtigkeit, wie etwa Verträge, neue Gesetze, Verleihungen und Schenkungen von Land und Rechten, oder die Chroniken wohlhabender Familien oder mächtiger Herrscherhäuser wurden schriftlich festgehalten, damit sie nicht in Vergessenheit gerieten.

Die Urkunde, mit der Graf Adolf V. Von Berg im Jahr 1276 dem Ort Ratingen Stadtrechte verleiht, drückt es in ihrer Einleitung recht Poetisch aus:
„Es pflegt die Unwissenheit mit der Wahrheit zu kämpfen und das Vergessen ist eine ständige Brutstätte des Zankes, wenn nicht die Erinnerung durch das lebendige Wort der Zeugen oder durch die Schrift bewahrt wird. Haltet daher auf ewige Zeiten fest, was folgt.“
Wir sehen hier aber auch schon, dass die Urkunde nur eine zusätzliche Absicherung für die Zukunft darstellte. Die unmittelbare Legitimation erhielt ein solcher Rechtsakt durch öffentliche, stark ritualisierte Symbolhandlungen im Beisein von Zeugen, die am Ende der Urkunde auch genannt werden.

Einzig die Katholische Kirche hatte sich einen großen Teil der komplexen römischen Verwaltungs- und Organisationsstrukturen bewahrt.
Neben der Tatsache, dass das Christentum eine Buchreligion ist und ein Geistlicher deshalb die Bibel sowie die Schriften der Kirchenväter lesen können musste, machte das die Kirche zum Träger der Schriftlichkeit im frühmittelalterlichen Europa.

Es wäre für einen Adligen Herren schlicht Verschwendung gewesen, Lesen und Schreiben zu lernen, wenn es ohnehin nur alle Paar Monate notwendig war, eine Urkunde auszustellen oder in den alten Urkunden nachzuforschen, um Sicherheit in einer unklaren Rechtslage zu bekommen, wenn er doch sowieso einen Hofgeistlichen hat, der schon allein für seine religiösen Pflichten der Schrift mächtig sein musste.

Die Sprache der Kirche, die jeder Geistliche (mehr oder weniger gut) beherrschte, war Latein und so bot sich selbiges auch als Sprache für Urkunden und Briefe zwischen den Europäischen Herrschern an. Der König von Ungarn mochte den von England nicht verstehen, aber beide hatten Hofgeistliche, die sowohl ihre Sprache, als auch Latein sprachen.

So wurden Kloster- und Domschulen zu den Ausbildungsstätten für herrschaftliche Verwalter, Gelehrte, Chronisten und Diplomaten.
Das alles hatte wenig damit zu tun, dass die Kirche diese Aufgabengebiete an sich riss, sondern eher damit, dass sie sich dafür schlicht am besten anbot.

Im Laufe des Hoch- und Spätmittelalters wurden Gesellschaft und Verwaltung wieder komplexer. Die beginnenden Fürstenstaaten verwalteten ihre Ländereien ab dem späten 13ten Jahrhundert wieder zunehmend direkter und zentralisierter, die neue Rentengrundherrschaft mit freien Hofpächtern auf dem Land erforderte eine aufwändigere Buchführung als die Bewirtschaftung eines Fronhofes durch Hörige.
Und insbesondere die immer zahlreicher und größer werdenden Städte beherbergten so viele Menschen auf so engem Raum, dass das Zusammenleben und gemeinsame Wirtschaften all dieser Leute ohne Schriftlichkeit nicht zu organisieren war.
Lehrverträge für Handwerker und Händler verpflichteten den Meister oft, seinem Lehrling nicht nur das Handwerk, sondern auch Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen. Wohlhabendere Bürger schickten ihre Kinder vor der Lehrzeit auf eine Pfarr- oder Klosterschule, wo sie neben den oben genannten Fächern noch Musik lernten, um im Gegenzug für den Unterricht im Kirchenchor zu singen. Es gibt erhaltene Rechtsstreite zwischen Bürgern und Pfarren, welchen Anteil die Musik im Lehrplan gegenüber den aus der Sicht der Bürger nützlicheren Fächern einnehmen sollte…

Dadurch stieg der Grad an Schriftlichkeit stark an, blieb aber dennoch auf die Ober- und Teile der Mittelschicht beschränkt.
Für die einfache Hausmagd in der Stadt oder den kleinen Ackerknecht auf dem Land gab es schlicht keinen Grund, lesen und schreiben zu können.

Was sollten sie auch lesen? Bücher wären sowohl wegen des Arbeitsaufwandes als auch wegen des Pergaments viel zu teuer gewesen (der an einen Baum genagelte Pergametzettel aus den Robin Hood Filmen wäre einem mittelalterlichen Menschen vermutlich als schierer Wahnsinn vorgekommen).
Briefe schreiben war in den kleinen Gemeinschaften schlicht sinnlos, die Organisation der gemeinsamen Arbeiten wie Aussaat und Ernte funktionierte auch problemlos mündlich.

Daran änderte auch das seit dem späten 13ten Jahrhundert langsam aufkommende Papier zunächst wenig bis garnichts. Erst der Buchdruck mit beweglichen Lettern in Verbindung mit dem billigen Papier senkte den Aufwand und damit den Preis von Schriftstücken genug, dass es nun auch für größere Teile der Bevölkerung überhaupt einen Anreiz gab, Lesen zu lernen.

Wir sehen also:
Schreiben und Lesen konnten im Mittelalter diejenigen, die es können mussten.
Wer genau zu diesem Personenkreis gehörte, hängt stark von der jeweiligen Zeit und Region ab.

Aber können wir sagen, dass die breite Masse der Bevölkerung, die nicht lesen und schreiben konnte, dumm und ungebildet war?

Heutzutage neigen wir dazu, Schriftlichkeit mit Intelligenz gleich zu setzen, weil es in unserer schriftbasierten Kultur schlicht keinen Grund gibt, nicht Lesen und Schreiben zu lernen, wenn man es kann.
Auch Bildung setzen wir für gewöhnlich mit Schriftlichkeit gleich, da diese heute zum allergrößten Teil auf schriftlichem Weg vermittelt wird.

Diesen Maßstab auf das Mittelalter anzuwenden, in dem Schriftlichkeit für die meisten Menschen nicht erforderlich war und Wissen größtenteils mündlich von einer Generation an die Nächste weitergegeben wurde, ist mehr als unfair.

Sehen wir uns doch einmal an, was ein durchschnittlicher Bauer (oder auch eine durchschnittliche Bäuerin) alles an Fähigkeiten benötigte, um seinen Alltag bewältigen zu können:

Er musste den korrekten Zeitpunkt für Aussaat und Ernte für dutzende verschiedener Nutzpflanzen kennen, musste wissen, welchen Boden und welche sonstigen Bedingungen die jeweiligen Pflanzen zum Gedeihen brauchten.

Er musste wissen, wie er den vorhandenen Boden durch die richtige Fruchtfolge, das richtige Pflügen und Düngen optimal nutzt.

Er musste sich um eine Vielzahl verschiedener Tiere kümmern können, von der Zucht, über die korrekte Fütterung und Haltung bis hin zur Behandlung von Krankheiten und Verletzungen und natürlich auch der fachgerechten Schlachtung.

Er musste pflanzliche wie tierische Lebensmittel weiterverarbeiten, haltbar machen und einlagern können.

Er musste Brunnen, Zisternen, Be- und Entwässerungsgräben anlegen können.

Für Ersteres musste er wissen, wie man gut erreichbare Grundwasswerdepots findet und deren Qualität einschätzt.

Er musste ein Haus bauen und reparieren können.

Er musste über ein Dutzend Handwerke wenigstens mittelmäßig beherrschen, um den allergrößten Teil an Kleidung, Hausrat und Werkzeug selbst anzufertigen und zu pflegen und das von der Gewinnung und Verarbeitung der Rohstoffe an.

Er musste einschätzen können, wie sich das Wetter in der nächsten Zeit entwickeln würde, etwa um zu wissen, wie viel Zeit ihm noch für die Heuernte blieb.

Er musste (ohne Schriftführung!) den Überblick über seine Vorräte behalten und berechnen, welchen Teil er seinem Herrn als Abgabe und der Pfarre als Zehnten schuldete, welchen Teil er nächstes Jahr für die Aussaat brauchen würde, wie viel er und seine Familie dieses Jahr zu Essen brauchen würden, wie viel er für Notzeiten zurücklegen sollte und schließlich, was an Überschüssen blieb, die er auf dem Markt verkaufen konnte.

Er musste genug Hausmedizin beherrschen, um nicht bei jedem Wehwehchen auf die Mildtätigkeit des nächstgelegenen Klosters oder des Hospitals die nächsten Stadt angewiesen zu sein.

Er musste in einem komplexen System gegenseitiger Abhängigkeiten und größtenteils mündlich überlieferter Gesetze und gesellschaftlicher Spielregeln exakt seine Rechte und Pflichten gegenüber seinem Herrn, seinen Untergebenen und den anderen Mitgliedern seiner Gemeinschaft kennen, ohne sie einfach nachschlagen zu können.

Diese mit Sicherheit nicht Vollständige Liste macht eines Klar:
Einen Menschen, der über all diese Fähigkeiten verfügt, als dumm und ungebildet abzustempeln, weil ihm eine einzige Fähigkeit (eben die zum Lesen und Schreiben) fehlt, ist schlicht lächerlich.

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