Rechtsprechung um 1300

Bei mittelalterlichen Gerichtsverhandlungen denken die meisten Menschen an Willkür, Folter bis zum Geständnis und Gottesurteile, die stets die Schuld des Angeklagten bewiesen.
Wer vor Gericht landete und nicht das Wohlwollen des Richters genoss, war de facto bereits verurteilt.
Oder?

Das Wichtigste vorneweg:

Unser modernes Konzept von der Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz war dem Mittelalter vollkommen fremd.
Welche Rechte jemand hatte, hing davon ab, zu welcher Gemeinschaft er oder sie gehörte. Sei es die Dorfgemeinschaft des Bauern, die Zunft des Handwerkers oder des Händlers, der Orden des Geistlichen, oder das Lehnsverhältnis des Adligen.
Und all diese Gemeinschaften hatten sich im Laufe der Jahrhunderte unterschiedliche Rechte, Freiheiten und Sonderregelungen ertrotzt, erkämpft oder durchaus auch verliehen bekommen, ob aus strategischen Überlegungen ihres Herrn oder als Dank für treue Dienste.
Hinzu kam natürlich der rechtliche Unterschied zwischen den Ständen.

Manchen Dörfern und Städten gelang es, dass ihre Einwohner in einer anderen Stadt oder einem anderen Dorf nach ihrem heimischen Recht gerichtet und, falls nötig, verurteilt wurden. Für gewöhnlich, indem sie den Bewohnern dieser Orte bei sich das selbe Recht zugestanden.

Der Kirche war es sogar gelungen, durchzusetzen, dass Kleriker sich ausschließlich vor kirchlichen Gerichten verantworten mussten und durch die weltliche Gerichtsbarkeit unantastbar waren.


Das Gesetz war also kein in sich geschlossenes, einheitliches System von Regeln, sondern ein Gewohnheitsrecht, das über die Jahrhunderte organisch gewachsen war… und das an jedem Ort ein wenig anders.

Bei Gerichtsverhandlungen wurden daher die ältesten Mitglieder der Gemeinschaft befragt, wie die strittigen Punkte von alter Gewohnheit her geregelt wurden. Wenn vorhanden, wurden alte Urkunden und Briefe vorgebracht, um eigene Rechtsansprüche zu untermauern.

So war es eine wahre Mammutaufgabe, als Eicke von Repgow, seines Zeichens Ministerialer im Dienste des Herzogs von Sachsen sich Anfang des 13ten Jahrhunderts daran machte, das Gewohnheitsrecht seines Stammes schriftlich niederzulegen (und das zum ersten Mal nicht auf Latein, sondern in der Volkssprache!) und damit gleichzeitig zu vereinheitlichen und zu verfestigen.
Der von ihm verfasste Sachsenspiegel wurde Vorbild für andere ähnliche Gesetzessammlungen in Volkssprache im gesamten Reich.

Im Landrecht galt er mancherorts bis 1918 und einzelne seiner Regelungen finden sich noch heute unverändert im Privatrecht.


Er soll daher auch hier unsere Hauptquelle sein.

Ein mittelalterliche Gerichtsverhandlung hatte mehr mit einer heutigen amerikanischen als mit einer heutigen deutschen gemein. Denn das Urteil wurde nicht vom Richter gefällt, sondern von einer Gruppe sogenannter „Schöffen“, ähnlich den Geschworenen im amerikanischen Rechtssystem. Der Richter hatte die Aufgabe, die Verhandlung zu leiten, Zeugen zu befragen und darauf zu achten, dass die Verhandlung den Regeln des Gesetzes folgte.

Nach dem Landrecht hatte jeder freie Mann das Recht, von Seinesgleichen gerichtet werden. Die Schöffen wurden daher vor einer Verhandlung aus Standesgenossen des Beklagten verpflichtet.
Unfreie, Frauen (mit Ausnahme von selbstständigen Witwen) und Kinder wurden vor Gericht durch ihren jeweiligen rechtlichen Vormund vertreten. Im ersten Fall durch ihren Herrn, im Zweiten und Dritten durch das Familienoberhaupt.

Im städtischen Recht sah das anders aus: Hier waren die Schöffen eine feste Position in der Stadtverwaltung. In manchen kleineren Städten waren sie sogar mit dem Stadtrat identisch.

Wie lief aber nun eine Verhandlung vor einem solchen Gericht ab?

(Hier wird hauptsächlich das Strafrecht behandelt, was schlicht daran liegt, dass sich eine zivilrechtliche Verhandlung, etwa über den Verlauf von Grundstücksgrenzen oder den Anspruch auf ein bestimmtes Vorrecht, nicht viel anders entschieden wurden, als heute. Es ging vor allem darum, welche Partei mehr und glaubhaftere Zeugen oder, noch besser, Dokumente vorbringen konnte, um ihren Anspruch zu beweisen. Im Zweifel wurde ein Kompromiss angeordnet.)

Zunächst wurden der Beklagte und der Kläger, sowie mögliche Augenzeugen angehört und sonstige Beweise gesichtet.
Laut dem alten Testament musste ein Angeklagter von zwei voneinander unabhängigen Zeugen bei einer Straftat beobachtet worden sein, oder freiwillig ein Geständnis ablegen, um eine Verurteilung zu ermöglichen.
Diese Regelung galt auch vor Gerichten um 1300.

Gab es diese Augenzeugen nicht oder konnte der Beschuldigte glaubhaft ein Alibi nachweisen, so konnte er sich mit einem Eid „reinwaschen“ und wurde für unschuldig befunden.
Dieser „Reinigungseid“ erforderte die Hilfe von Zeugen. Nicht Augenzeugen der Tat oder Zeugen, die ein Alibi des Beschuldigten beweisen konnten, sondern Zeugen für den guten Charakter und die Glaubwürdigkeit des Angeklagten, die mit ihm gemeinsam schworen, dass er unschuldig war.

Diese „Leumundzeugen“ oder „Eideshelfer“ mussten selbst frei und von gutem Leumund sein.
Wie viele Eideshelfer benötigt wurden, richtete sich nach dem sozialen Rang des Angeklagten und der Schwere der Tat, derer er angeklagt war.
Ein Mensch, der im sozialen Gefüge höher stand, galt als vertrauenswürdiger und brauchte weniger Eideshelfer.

Uns erscheint dieser Eid heute als reine Formalität, doch dürfen wir nicht vergessen, dass die Menschen um 1300 meist tatsächlich sehr gläubig waren. Ein falscher Eid auf Gott und die Heiligen war eine extrem schwere Sünde und es gibt nicht wenige überlieferte Fälle von Angeklagten, die es nicht fertig brachten einen Meineid zu leisten und lieber gestanden.

Die Eideshelfer setzten ihren eigenen guten Ruf für den Angeklagten ein und wenn sich später herausstellte, dass sie wider besseren Wissens oder trotz ernster Zweifel an seiner Unschuld gehandelt hatten, konnte das ihrem Ansehen und damit ihrer Position in der Gesellschaft ungemein schaden.
Man kann die geringere Anzahl an Eideshelfern, die ein Hochrangiger Angeklagter vorbringen musste, auch so interpretieren, dass seine Standesgenossen (und um solche handelte es sich hierbei meistens) sehr viel mehr bei der Sache zu verlieren hatten.

Unter diesen Bedingungen kam es natürlich häufiger vor, dass gegen einen Beschuldigten erdrückende Beweise vorlagen, aber eben nicht die benötigten zwei Augenzeugen. War der Beschuldigte nicht bereit, nun zu gestehen, blieb dem Gericht nurnoch die Möglichkeit sich an eine höhere Instanz zu wenden: Gott selbst.

Entgegen dem Klischee waren Gottesurteile nicht an der Tagesordnung und wurden nicht nach lust und Laune durchgeführt. Stattdessen gab es strenge Auflagen, nach denen sie vom Gericht (auf Antrag des Klägers) nur angeordnet werden durften, wenn schwerwiegende, ja erdrückende Beweise gegen den Beschuldigten vorlagen, aber die rechtlichen Bedingungen für eine Verurteilung nicht gegeben waren.
Man sagte im Prinzip: „Wir können dich nicht direkt verurteilen, aber wir sind dermaßen von deiner Schuld überzeugt, dass uns nur ein Wunder von deiner Unschuld überzeugen kann.“
Meist genügte die Anordnung eines Gottesurteils schon, um ein Geständnis zu erzielen.

Die heute wohl bekannteste Form des Gottesurteils ist der gerichtliche Zweikampf, der auf vorchristliche Traditionen zurückgeht, aber daneben existierte noch eine Vielzahl anderer Formen, wie etwa die Feuerprobe, bei der der Angeklagte Barfuß über grlühende Pflugscharen gehen musste. Seine Unschuld galt als bewiesen, wenn die Verbrennungen nach einer bestimmten Zeit vollständig verheilt waren.

Schon Früh wurde Kritik an dieser Praxis laut, nicht zuletzt durch die Kirche selbst, die daran erinnerte, dass man Gott laut der Bibel „nicht auf die Probe stellen“ sollte.
Dennoch hielt sich das Gottesurteil bis weit ins Spätmittelalter.

Was passierte nun aber, wenn der Angeklagte tatsächlich von den Schöffen für schuldig befunden und verurteilt worden war?

Für die meisten Vergehen wurden Geldstrafen verhängt. Und zwar gleich drei verschiedene:

Eine Wiedergutmachung an den Geschädigten, die sich nach dem tatsächlich verurschten Schaden richtete.

Eine Geldbuße an das Gericht, die sich nach den finanziellen Möglichkeiten des Angeklagten richtete (oder wie man heute sagen würde: Er musste die Verfahrenskosten tragen).

Und zuletzt eine Sühne an den Geschädigten, die sich nicht nach der schwere der Tat, sondern nach dem sozialen Stand des Geschädigten richtete.

Gerade für Letztere enthält der Sachsenspiegel eine lange und detaillierte Liste, welcher Bevölkerungsgruppe welche Sühne zusteht, als Entschädigung dafür, dass ihr Recht überhaupt verletzt wurde.
(Spannender Punkt am Rande: Eine der in dieser Liste aufgeführten Gruppen sind „Priesterkinder“. Zölibat hin, Zölibat her. Die Tatsache, dass Eike es für nötig befand, eine eigene juristische Kategorie für sie aufzumachen, beweist, dass es wohl nicht eben wenige von ihnen gab…)

Ebenfalls üblich waren Schandstrafen. Hierbei wurde der Verurteilte öffentlich zur Schau gestellt, in einem Pranger (um 1300 noch eher selten), in einem so genannten „Geckenhaus“, einem kleinen, offenen Holzverschlag, oder an einen „Schandpfahl gekettet. Sein Vergehen wurde öffentlich verlesen und er wurde für eine festgelegte Zeit dem Spott des Volkes ausgesetzt.
In einer Zeit, in der der gute Ruf und das Ansehen in der Gesellschaft nicht nur den sozialen Rang, sondern auch die rechtliche Situation und die wirtschaftlichen Möglichkeiten eines Menschen bestimmte, konnten solche Schandstrafen existenzvernichtend sein.
Ein Bäcker, der seinen Brotteig mit Sägemehl gestreckt hatte und einen oder zwei Tage mit eben diesen Broten um den Hals gehangen am Schandpfahl gestanden hatte, fand wohl kaum noch Kunden…

Entgegen der verbreiteten Vorstellung waren Körper- oder gar Todesstrafen selten. Sie wurden nur bei den schwersten Vergehen, wie etwa Mord oder schwerem Diebstahl verhängt und drohten sonst nur, wenn ein Verurteilter ohne sehr gute Gründe vorzubringen seine Geldstrafen nicht leistete.

Welches Gericht für welche Arten von Streitfällen zuständig war, war ebenfalls penibel geregelt:

Viele Dorfgemeinschaften durften kleinere Streitigkeiten und Vergehen unter sich regeln, maximal mit einem Vertreter des Grundherren als Richter/Vorsitzender bei der Verhandlung.
Auch die Zünfte in den Städten hatten meist das Recht, kleinere Fehltritte ihrer Mitglieder sowie Verstöße gegen ihre Regelungen intern zu ahnden.

Bei größeren Vergehen oder wenn die erste Instanz zu keinem Ergebnis gekommen war, wurde der Fall an das nächsthöhere Gericht weitergegeben.
Das Stadtgericht, das Hofgericht des Grund- oder Stadtherren, bis hin zum Grafen- oder sogar Königsgericht (wobei die letzteren beiden natürlich extrem selten bis ausgeschlossen waren).

Auf dem Land war es die Aufgabe der Gemeinschaft, dafür zu sorgen, dass die zum Gericht geladenen auch erschienen. Der Grundherr oder sein Vertreter sorgte mit seinen bewaffneten Knechten für Ordnung während der Verhandlung und sorgte auch dafür, dass das Urteil vollstreckt wurde.

In der Stadt um 1300 fallen diese Aufgaben allerdings einem speziellen Beamten zu: Dem Fronboten.
Dieser ist im Grunde Polizeichef, Gerichtsdiener, Gerichtssprecher, Gerichtsvollzieher und Scharfrichter in einem.
Er lädt Angeklagte und Zeugen vor gericht. Er sorgt für einen geregelten Gerichtsablauf und verkündet Urteile und Beschlüsse. Er sorgt mit seinen Knechten dafür, dass diese Urteile und Beschlüsse durchgesetzt werden. Er sammelt die verhängten Geldstrafen ein und beschlagnamt wenn nötig Geld und Wertgegenstände. Wenn nötig, richtet er sogar selbst Verurteilte hin. Seine Knechte sorgen für Ordnung in der Stadt und beenden Auseinandersetzungen.
Notfalls kann er sogar die Unterstützung der Bürgerwehr anfordern, wenn jemand massiv Wiederstand leistet.
Dieses extrem wichtige Amt wurde meist auf Lebenszeit vergeben und hoch besoldet. Das Wergeld, dass für Angriffe auf den Fronboten zu zahlen war, war doppelt so hoch, wie normal und als Eideshelfer oder Zeuge bei Gericht zählte sein Wort doppelt.

Im Laufe des Spätmittelalters wird dieses Amt auf verschiedene Positionen aufgeteilt. Die Büttel, wie die Ordnungshüter jetzt genannt werden, unterstehen normalerweise einem bestimmten Ratsherren oder dem Rat als Ganzes.
Gerichtsdiener und Gerichtssprecher sind eigene Ämter. Und für Exekutionen und Körperstrafen ist nun der Scharfrichter oder Henker zuständig.

Vielleicht hielt man es für effizienter, all diese verschiedenen Aufgaben nicht mehr nur einer Person aufzulasten, vielleicht fürchtete man auch die immense Machtfülle des Fronbotenamtes.
Wie auch immer: Die diversen Spätmittelalterlichen Nachvolger des Fronboten erreichen nicht im Ansatz seinen gesellschaftlichen und rechtlichen Status. Büttel und Henker gehören im Spätmittelalter sogar zu den „unehrlichen Gewerken“.

Ein großer Bruch in der europäischen Rechtsgeschichte ist die langsame und stückweise Wiedereinführung des „römischen Rechts“.

Dieses auf dem „Corpus Iuris Civilis“ des Oströmischen Kaisers Justinian aus dem frühen 6. Jahrhundert basierende Recht war sehr viel strukturierter, einheitlicher und überschaubarer, als das organisch gewachsene Gewohnheitsrecht.

Das Römische recht wurde seit dem 11ten Jahrhundert zunächst in Italien studiert und wurde zunächst zur Grundlage des Kirchenrechts. Erst gegen Ende des 15ten Jahrhunderts setzte es sich langsam auch im weltlichen Recht durch.

Im Volk war dieses neue, fremde Recht äusserst unbeliebt. Das Römische Recht entsprang einem zentralisierten, autoritären Staat und nicht dem Feudalsystem mit seinem sehr viel flacheren Machtgefälle.
An Stelle des komplexen Gefüges gegenseitiger Pflichten, Rechte und Abhängigkeiten, das während des Großteils des Mittelalters das Verhältnis von Herren und Beherrschten bestimmt hatte, sah das römische Recht eine sehr viel größere Machtfülle für den Herren und kaum Möglichkeiten für den Beherrschten vor, sich vor dessen Willkür zu schützen.
So ging es im „Deutschen Bauernkrieg“ von 1524 bis 1526 den Aufständischen nicht zuletzt darum, das „gute, alte Recht“ zu behalten und gegen das fremde „welsche Recht“ zu verteidigen.

Erst mit der Einführung des römischen Rechts hielt auch die Folter Einzug in europäische Gerichte, wo sie die Gottesurteile ablöste.

Und auch eine neue Form des Verfahrens wurde eingeführt: Die Inquisition.

Für die faszinierende Geschichte des Inquisitionsverfahrens (das auf keinen Fall mit den gleichnamigen Organisationen der frühen Neuzeit verwechselt werden darf!) verweise ich auf diesen hervorragenden Artikel der Tohopesate:
http://www.tohopesate.de/cms/front_content.php?idart=131

Abschließend kann man sagen, dass das Rechtssystem um 1300 wenig mit unserem Heutigen gemeinsam hatte, aber dennoch festgelegten, verlässlichen Regeln folgte und meilenweit von dem verbreiteten Bild völliger obrigkeitlicher Willkür entfernt war.

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