Vom Einschildritter bis zum Kaiser – Die Rangfolge des Adels


Der letzte Beitrag beschäftigte sich mit der komplexen Vielzahl an sozialen, wirtschaftlichen und rechtlichen „Stufen“, in die die Landbevölkerung um 1300 gegliedert war.
Dieser Beitrag will eine ähnliche Gliederung für den Adel vornehmen.
Wie letztes Mal kann es sich hier wieder nur um einen ersten groben Überblick über dieses hochkomplexe Thema handeln.

Der Feudalismus zeichnet sich im Gegensatz zum zentralisierten Beamtenstaat der römischen Antike oder der frühen Neuzeit durch eine großflächige Verteilung von Macht und Ressourcen über eine breite Schicht größerer und kleinerer Machthaber aus.
Vom Kaiser des „Heiligen Römischen Reiches“ bis hinunter zum kleinen ritterlichen Vasallen mit Fronhof und einigen abhängigen Zinshöfen gibt es eine komplizierte Abstufung und ein noch komplexeres Geflecht von gegenseitigen Rechten, Pflichten und Abhängikeiten.

Grundsätzlich definiert sich der Rang des Einzelnen Adligen danach, von wem er Lehen besitzt und wem er wiederum Lehen verliehen hat: Je mächtiger, desto besser.
Ein direkter Vasall des Königs hat einen höheren Rang, als ein Vasall eines Grafen, selbst wenn ihr Lehen die selbe Größe hat und das selbe Einkommen generiert.

Eike von Repgow hatte in seinem um 1230 geschriebenen Sachsenspiegel versucht, dieses Geflecht aus Vasallen und Herren, die wiederum selbst Vasallen anderer Herren sind, in ein System zu ordnen.
Seine Heerschildordnung zählt sieben Stufen:

Den ersten Heerschild hält der König, der selbst niemandes Vasall ist.
Den siebten und untersten Heerschild halten die Vasallen, die selbst kein Lehen mehr vergeben können (sogenannte Einschildritter).
Nach Eikes System kann man nur jemandem, der einen niedrigeren Heerschild als er hält, ein Lehen verleihen und selbst nur von jemandem mit einem höheren Heerschild eines erhalten.

Unter all den verschiedenen Titeln, die ein Adliger tragen kann, beziehen sich manche auf diese Lehensfolge, aber nicht alle.

Ich will daher im Folgenden die wichtigsten dieser Titel und ihre Bedeutung beschreiben:

Ein Junker ist jemand, der zwar ein Ritter ist, aber kein Lehen hält und deshalb im Dienste eines anderen Herren steht. Entweder als fester Teil seines Gefolges oder als Söldner.
In der frühen Neuzeit veränderte sich die Bedeutung des Begriffes Junker und meinte zur Zeit von Bismark in etwa das, was im Mittelalter ein Einschildritter gewesen wäre.

Ein Einschildritter hält, wie weiter oben gesagt, zwar selbst ein Lehen, kann selbst aber kein Lehen vergeben.

Die nächste Gruppe definiert Eike nur als die Vasallen von Grafen und Freiherren, also den beiden nächsten Stufen. Sie halten Lehen und sind wohlhabend und mächtig genug, wiederum selbst welche zu vergeben, haben aber darüber hinaus keine weiteren herrschaftlichen Rechte, die sie besonders hervorheben.

Ein Freiherr (besonders in England und Frankreich und besonders in späteren Jahrhunderten auch gerne „Baron“ genannt) ist ein Adliger Grundherr, bei dessen Landbesitz es sich nicht um ein von einem höheren Herren verliehenes Lehen handelt, sondern um sein tatsächliches Eigentum. Solcher Grundbesitz wird im mittelhochdeutschen als „Allod“ bezeichnet.
Ein Freiherr bleibt auch dann ein Freiherr, wenn er zusätzlich zu seinem Allodialbesitz noch Lehen hält.
Ist all sein Grundbesitz allodial, so schuldet er keinem Herrn außer dem König militärische Gefolgschaft oder Treue und ist nur an die Gesetze und Urteile des Grafengerichts gebunden.

Ein Graf war ursprünglich ein königlicher Verwalter. In Begriffen wie Burggraf, Waldgraf, Deichgraf u.s.w. Hat sich diese Bedeutung auch im 13ten noch erhalten.
Aber die Grafen, die ursprünglich ein größeres Gebiet innerhalb eines Herzogtums im Auftrag des Königs verwalten sollten, sind um 1300 größtenteils selbstständige Landesherren geworden.
Ihre Machtfülle und ihr Besitz variiert stark.

Zum Vergleich: Zur Schlacht von Worringen 1288 schickt der Graf von Katzenellenbogen (nein, das habe ich mir nicht ausgedacht, die Grafschaft gab es wirklich) seinem Lehnsherren, dem Kölner Erzbischof 9 Ritter und 6 Armbrustschützen als Erfüllung seiner militärischen Dienstpflicht.
Der Graf von Berg, einer der Anführer auf Seiten der Gegner des Erzbischofs, führt schätzungsweise um die 500 Mann ins Feld.

Was einen Grafen ausmacht, ist seine Position als oberster Richter innerhalb seiner Grafschaft.
Alle, die innerhalb seines Gerichtsbezirkes leben, seien sie seine Vasallen oder nicht, sind an seine Gesetze gebunden und müssen die Entscheidungen, die sie als Richter fällen, vor ihm verantworten. Wer mit der Entscheidung eines Herrengerichts nicht einverstanden ist, kann beim Grafengericht Berufung einlegen.
In der Theorie muss sich der Graf für seine richterlichen Entscheidungen vor dem königlichen Gericht verantworten, aber in der Realität kann das schwache Königtum um 1300 dies selten durchsetzen.

Diese Funktion des Grafen als oberster Richter zeigt sich sehr schön im Sachsenspiegel, dessen stark typisierte Miniaturen Richter stets durch einen Grafenhut kenntlich machen.
Auf ihren Siegeln sind Grafen meist mit einem Schwert in der Hand abgebildet, als Zeichen ihrer richterlichen Gewalt und aus dem selben Grund wird einem Herren, dem eine Grafschaft als Lehen gegeben wird, als Symbol für selbiges ein Schwert überreicht (im Gegensatz zum Ährenbündel, das normale Vasallen erhielten).


Ein Herzog war ursprünglich der Anführer eines Stammesaufgebotes im Krieg, sowie der Vertreter der Adligen des Herzogtums gegenüber dem König (Das Ostfränkische Reich bestand ursprünglich aus den Stammesherzogtümern Ober- und Niederlothringen, Franken, Sachsen, Schwaben und Bayern).

Um 1300 sind alten Stammesherzogtümer jedoch längst zerfallen.
In seinem Herzogtum selbst hat der Herzog so ziemlich die selbe Machtfülle und die selben Rechte, wie ein Graf sie auch hat.
Darüber hinaus hat er aber innerhalb der Grenzen des alten Stammesherzogtums das Recht der sogenannten „Friedenswahrung“.
Damit ist er zum Einen ein Vermittler bei rechtlichen Streitigkeiten zwischen den mächtigsten Adligen des Herzogtums, zum Anderen ist es seine Aufgabe, bei militärischen Auseinandersetzungen zwischen Adligen auf die Einhaltung der durch das Fehderecht vorgegebenen „Spielregeln“ der mittelalterlichen Kriegführung zu achten.
Übertritt ein Herr diese oder verletzt sonstwie geltendes Recht und das Grafengericht ist nicht in der Lage, ihn dafür zur Rechenschaft zu ziehen (oder handelt es sich bei dem Rechtsbrecher gar um einen Grafen selbst), so ist es Aufgabe des Herzogs, für Recht zu sorgen.

Man kann sich leicht vorstellen, dass diese Machtfülle oft misbraucht wurde. So zwang Siegfried von Westerburg, Erzbischof von Köln (der nicht nur Herzog von Westfalen war, sondern auch Anspruch auf den Titel des Herzogs von Niederlothringen erhob, mit dem schon seit fast 200 Jahren kein Landbesitz, aber immernoch politische Machtbefugnisse verbunden waren) im Limburgischen Erbfolgekrieg den Grafen Eberhard von der Mark dazu, sämtliche Festungsanlagen in seiner Grafschaft schleifen zu lassen, weil er angeblich planen würde, von ihnen aus nicht durch einen legitimen Fehdegrund rechtfertigte Raubzüge gegen seine Nachbarn zu unternehmen.
Tatsächlich wollte er die militärische Macht des Grafen schwächen, falls sich dieser seinen Gegnern anschloss (was er danach auch tat).

Aus dem Herzogstitel geht um 1300 also ein Anspruch auf eine Hegemonialstellung gegenüber den Grafen und sonstigen Herren der Region hervor.
So ist es ein deutliches Zeichen, als die Gegner des Kölner Erzbischofs seinen Hauptrivalen, den Herzog Johann von Brabant, 1288 als Herzog von Niederlothringen ansprechen und in dieser Funktion darum bitten, Siegfried für seine Taten zur Rechenschaft zu ziehen.

An den beiden Kontrahenten um die Vormachtstellung am Niederrhein ist auch sehr schön zu erkennen, dass ein Herr durchaus mehr als nur einen Herzogstitel halten konnte.

In Erinnerung an die alte Funktion als oberster Heerführer erhält ein Herzog bei der verleihung seines Herzogtums ein Banner. Das Banner sieht man demzufolge auch oft auf herzoglichen Siegeln (Das Siegel der Erzbischöfe von Köln zeigt seit dem späten 12ten Jahrhundert zwei Banner. Eines für den Anspruch auf den Herzogstitel von Niederlothringen und das Zweite für das Herzogtum Westfalen).

Ein Fürst ist ein Landesherr (jemand, der die oberste Gerichtsbarkeit in seiner Herrschaft innehat, also ein Graf oder ein Herzog), der niemandes Vasall oder Untertan ist, ausgenommen des Königs/Kaisers.
Der Begriff Fürst hat den selben Ursprung, wie das englische Wort „first“ und bezeichnet die Fürsten somit wortwörtlich als „die Ersten“ unter den Adligen des Reiches.
(Die selbe Bedeutung hat im Englischen heute noch das Wort „prince“, das im Gegensatz zum deutschen „Prinz“ nicht bloß einen Königssohn meint, sondern einen Fürsten, hier abgeleitet vom lateinischen Wort für „der Erste“. Der „prince of Wales“ ist also nicht der „Prinz von Wales“, sondern der „Fürst von Wales“, auch wenn dieser Titel traditionell vom englischen Thronfolger gehalten wird, der natürlich auch nach deutschem Sprachgebrauch ein Prinz ist.)


Ein Kurfürst ist einer der 7 Fürsten, die nach alter Tradition das Recht haben, den neuen König des heiligen römischen Reiches zu wählen.
Eike von Repgow zählt um 1230 auf, welche Fürsten zu diesem erlesenen Kreis gehören:
Die Erzbischöfe von Köln, Mainz und Trier, der Pfalzgraf bei Rhein, der Markgraf von Brandenburg, der Herzog von Sachsen und der König von Böhmen.
In der „goldenen Bulle“ Kaiser Karls IV. Von 1356 wird dieser Personenkreis dann endgültig festgelegt.

Der König ist kein absoluter Herrscher, sondern im besten Fall Erster unter Gleichen. Direkt regiert er nur die Krondomäne, also die Ländereien, die von seinen Vasallen oder Vögten kontrolliert werden und übt in dieser effektiv die selben Herrschaftsrechte aus, wie ein Graf oder Herzog.

In der Theorie sind die von ihm erlassenen Gesetze bindend für das gesamte Reichsgebiet und selbst die Grafengerichte müssen sich vor ihm für ihre Urteile rechtfertigen. Zudem schulden die Fürsten ihm Heerfolge.

In der Realität hängt die Frage, wie weit ein König diese Autorität durchsetzen kann, von seinem Verhandlungsgeschick und der Machtbasis ab, die die Krondomäne ihm bietet.
Selbst ein starker König kann jedoch nur mit den Großen seines Reiches regieren, nicht über und schon garnicht gegen sie.

Der römische König vererbt seinen Titel nicht einfach an seinen ältesten Sohn, wie in Frankreich und England, sondern er wird von den Kurfürsten gewählt.
Mächtigen Königen gelingt es allerdings, ihre Söhne schon zu ihren Lebzeiten zu ihren Nachfolgern krönen zu lassen und jeder gewählte König war mit den vorigen Königen mehr oder weniger eng Blutsverwandt.

Da die Königskrone dennoch schnell zwischen verschiedenen Familien hin und her wechseln kann, Versuchen viele Könige, die Ländereien und die Machtbasis ihrer Familie auszubauen, oft auch auf Kosten der Krondomäne.
Dieser Vorgang schwächt die Position des Königtums stark, wenn der momentan regierende König nicht schon durch die Ländereien seiner Familie eine starke Machtbasis hat.

Der Kaiser schließlich ist ein römischer König, der nach Rom gezogen ist, um sich dort vom Papst erneut krönen zu lassen.

Die Kaiserkrone gibt ihrem Träger in der Thorie die Vormachtstellung über alle anderen katholischen Könige Europas. In der Realität ist dieser Anspruch um 1300 längst bedeutungslos geworden.
Der Kaisertitel selbst bringt seinem Träger keine zusätzliche Macht, aber er ist ein Beweis, dass sein Träger Macht, Autorität und Geschick als Herrscher besitzt.

Um sich zum Kaiser krönen zu lassen, muss ein König seine Herrschaft nördlich der Alpen ausreichend gefestigt haben, dass während seiner langen Abwesenheit auf dem Weg nach Rom und zurück keine Rebellion der Fürsten ausbricht.
Er muss über die nötige wirtschaftliche Stärke verfügen, um ein großes militärisches Gefolge aufzustellen und während des gesamten Romzuges zu unterhalten.
Und er muss über das militärische und/oder diplomatische Geschick verfügen, die Opposition der mächtigen norditalienischen Städte zu überwinden, die kein Interesse daran haben, dass ein Herrscher von jenseits der Alpen Hegemonieansprüche über sie erhebt.

Die ersten Könige nach dem Interregnum, der königslosen Zeit nach dem Tod des letzten Stauferkaisers Friedrich II. 1250, haben genug mit der Festigung ihrer Herrschaft und Position nördlich der Alpen zu tun, als das sie sich auchnoch um die Erlangung der Kaiserkrone kümmern können oder wollen.

Heinrich VII. Aus dem Hause Luxemburg ist 1312 der erste König seit den Staufern, der sich wieder zum römischen Kaiser krönen lässt.

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