Hätte ich gerne im Mittelalter gelebt?

Hätte ich gerne im Mittelalter gelebt?

Diese Frage haben wahrscheinlich die meisten historischen Darsteller schon mindestens einmal gehört.
Wenn man so wie ich mit einem gewissen Sendungsbewusstsein gegen die Klischeebilder vom „finsteren Mittelalter“ angeht, hört man sie sogar noch bedeutend häufiger.

Ob vom Fragenden beabsichtigt oder nicht ist es natürlich ein Stück weit eine Fangfrage:
Antworte ich mit „Ja“ wirke ich unweigerlich wie ein Romantiker, der vor der Realität der Gegenwart in eine verklärte Idealvorstellung der Vergangenheit fliehen möchte.
Antworte ich hingegen mit „Nein“, fühlen sich viele darin bestätigt, dass das Mittelalter eben doch eine schreckliche Zeit war, in der absolut Niemand, der bei klarem Verstand ist, würde leben wollen.

Also, wie beantworte ich diese Frage?
Würde ich im Mittelalter, oder präzise zu meiner Darstellungszeit um 1300 nach Christus, leben wollen?

Nein. Ganz eindeutig.

Thema erledigt also? Nein, denn das wichtigste an der Antwort auf eine Ja/Nein-Frage ist oft nicht die Antwort selbst, sondern das, was danch kommt.
Nein, weil…

Also:
Nein, ich würde nicht im Mittelalter leben wollen, aber nicht aus den Gründen, an die die Meisten, die mir diese Frage stellen, denken.

Räumen wir erstmal die langweilige Antwort aus dem Weg: Auch wenn die Naturwissenschaft im Allgemeinen und die Medizin im Besonderen im Mittelalter weit, weit besser waren, als ihr heutiger Ruf, haben wir doch seitdem unbestreitbar massive Fortschritte gemacht.
Ich würde nicht auf die Annehmlichkeiten und Bequemlichkeiten moderner Technik verzichten wollen, ganz zu schweigen von Impfungen und Antibiotika.
Das ist aber kein Argument speziell gegen das Mittelalter, das entgegen dem populären Bild eben KEIN Zeitalter der Ignoranz und des (von der Kirche erzwungenen) Unwissens war, sondern gegen jede Zeit, die vor der heutigen liegt.
Ich würde aus exakt dem selben Grund auch nicht im augustäischen Rom oder im willhelminischen Preußen leben wollen.

Die sonst oft vorgebrachten Gründe, warum doch niemand ernsthaft in dieser Zeit würde leben wollen, entsprechen in der Mehrzahl einfach nicht der Realität:

Menschen und Straßen waren zwar mit Sicherheit nicht konstant blitzsauber, aber das Bild von Menschen, die sich nur zweimal im Jahr waschen und auf den Straßen durch knöcheltiefe Jauche waten müssen, ist ebenso Blödsinn. Eine mittelalterliche Stadt muss sich, was Dreck und Geruch anbetrifft, wohl kaum vor einem heutigen Hauptbahnhof schämen…

Kriege waren aufgrund der schwachen Zentralgewalt häufiger, als in anderen Zeiten, das ist richtig. Dafür waren sie in den allermeisten Fällen auch bedeutend kürzer und hatten bedeutend kleinere Ausmaße. Für die Menschen, deren Haus und Hof geplündert und niedergebrannt wurden, war das natürlich trotzdem grauenvoll in einer Art, die ich mir als jemand, der zum glück noch nie selbst einen Krieg erlebt hat, wahrscheinlich nicht im Ansatz vorstellen kann.
Dennoch darf man nicht vergessen, dass die statistische Chance, dass es zu meinen Lebzeiten ausgerechnet mein Haus und meinen Hof erwischt, ausgesprochen gering war.

Die Lebenserwartung war geringer als heute und auch lebensbdrohliche Krankheiten waren häufiger, aber das trifft in die selbe Kerbe, wie die Aussage zur Wissenschaft: Kein Argument speziell gegen das Mittelalter, sondern auf jede Zeit vor der heutigen zutreffend.

Auch Sexismus ist nichts, was das Mittelalter erfunden hat und auch wenn eine mittelalterliche Frau nicht im Ansatz gleichberechtigt war, hatte sie doch bedeutend mehr Rechte, als eine Frau im antiken Rom oder Griechenland und sogar in den 50er und 60er Jahren des 20ten Jahrhunderts.

Das Bild von allgegenwärtiger Armut, Mangelernährung und völliger Rechtlosigkeit der Bevölkerung ist sogar das exakte Gegenteil der historischen Realität.
Wie in diesem Blog oft dargelegt, waren das Hoch- und Spätmittelalter eine Zeit des immensen wirtschaftlichen Wachstums, von der die arbeitende Bevölkerung massiv profitieren konnte.

Hungersnöte aufgrund von Missernten brachten die Menschen in furchtbare Not und kosteten Viele das Leben. Das gehört in unserer heutigen Zeit, da wir unsere Lebensmittel aus der ganzen Welt importieren und nicht mehr auf Gedeih und Verderb von der örtlichen Landwirtschaft abhängig sind, zwar der Vergangenheit an. Dafür haben wir heute alle paar Generationen eine Banken- und Wirtschaftskrise, die die Existenzgrundlage von Millionen von Menschen auf der ganzen Welt bedroht. Häufiger wurde ein einzelner Landstrich im Mittelalter auch nicht von schweren Missernten getroffen.

Die Pest, die viele Menschen so „typisch“ mittelalterlich, ja geradezu eines der wichtigsten Merkmale der Epoche ist, fand in der geradezu apokalyptischen Ausprägung, für die sie berühmt geworden ist, ein einmaliges Ereignis war, dass innerhalb von drei bis vier Jahren über Europa hinwegzog.
Spätere Pestwellen erreichten nie wieder auch nur im Ansatz die selben Opferzahlen.
Den Schwarzen Tod als Argument gegen das Mittelalter als Ganzes zu verwenden ist also, als würde man sagen „Im 20ten Jahrhundert in Europa leben?! Nie im Leben! Ständig Nazis und Weltkrieg überall!“

Wie bei Kriegen und Hungersnöten darf man die seltene Ausanhme nicht zum allgemeinen Dauerzustand machen.

Der Hauptgrund, abgesehen von der modernen Technik und Medizin, auf die ich nicht würde verzichten wollen, der für mich gegen ein Leben im Mittelalter spricht, ist ironischerweise eng verbunden mit einem der für mich positivsten Aspekte der Zeit:

Die mittelalterliche Gesellschaft legte einen sehr großen Wert auf die Verantwortung des Einzelnen gegenüber der Gemeinschaft und umgekehrt die Verantwortung der Gemeinschaft gegenüber dem Einzelnen.

Dies hatte seinen Ursprung vermutlich in der Landwirtschaft, die die Grundlage der Gesellschaft bildete und deren hoher Arbeitsaufwand nur gemeinschaftlich zu stemmen war.
Ackerbau konnte nicht funktionieren, wenn sich die Bauern gegenseitig das Wasser abgruben oder mit ihren Erntekarren durch die Felder des jeweils anderen Fuhren. Bestimmte Tätigkeiten, wie das Pflügen, Säen, der Holzschlag und vor allem die Ernte sind nur gemeinsam zu bewerkstelligen und gehen besser und effizienter, je mehr Leute zusammenarbeiten.

Bedienstete, die im Haushalt ihres Arbeitgebers lebten, galten rechtlich und durchaus auch im Verständnis der Menschen als Teil der Familie. Ihr Dienstherr war für ihr Wohlergehen und ihren Schutz verantwortlich.

In den Städten, deren Wirtschafts- und Lebensweise uns heutigen Menschen noch am vertrautesten ist, gab es eine soziale Gesetzgebung, die heutzutage geradezu sozialistisch anmutet:
Die Zünfte von Handwerkern und Händlern schrieben nicht nur strenge Qualitätsstandards fest, sondern auch, wieviele Angestellte ein Meister maximal haben, wieviel er maximal produzieren und zu welchen Preisen er seine Waren verkaufen durfte.

Dadurch sollte sichergestellt werden, dass für jedes Mitglied der Zunft genug Arbeit vorhanden war und nicht etwa einige Wenige die anderen aus dem Geschäft drängten.
Ebenso wachte die Zunft darüber, wie die Meister ihre Angestellten behandelten, damit weder einer durch Ausbeutung einen unfairen Vorteil gewinnen, noch durch übermäßig gute Löhne seinen Zunftbrüdern die Arbeiter abwerben konnte.
Die festgeschriebenen Preise sollten einerseits verhindern, dass die Zunftmitglieder mit Dumpingpreisen konkurrierten, andererseits, dass sie Zeiten von Knappheit ausnutzten, um unethisch hohe Preise zu verlangen.
Die Stadt verbot ihren ansässigen Einzelhändlern ausdrücklich, zu Beginn des Jahrmarktes den Fernhändlern alles von einer oder mehreren Waren abzukaufen und danach durch ihr Monopol die Preise bestimmen zu können. Die Stadtbewohner sollten selbst die Chance haben, diese Fernhandelswaren zu den günstigen Jahrmarktpreisen zu bekommen. Erst nach Ende des Marktes durften die Krämer den Fernhändlern abkaufen, was an Waren übrig geblieben war.

Zünfte und Stadtrat erließen Gesetze und Beschlüsse stets „pro bonum communae“, „zum Wohl der Gemeinschaft“. Diese vielsagende Formel findet sich auf vielen städtischen Urkunden.
Der Einzelne hatte durchaus das Recht, mit seiner Arbeit Profit zu machen, aber (zumindest so das Ideal) nicht auf Kosten der Allgemeinheit.

Die Zunft sorgte aber nicht nur für einen fairen Wettbewerb, bei dem trotzdem auch für die schwächsten noch genug zum Leben blieb, sondern war auch Sozialgemeinschaft.
Von den Beiträgen der Mitglieder wurden Begräbnisse und Totengedenken finanziert, Witwen und Waisen verstorbener Mitglieder versorgt und ebenso Mitgliedern geholfen die ohne Selbstverschulden, etwa durch Krankheit oder Raub, in wirtschaftliche Not geraten waren.
Auch die Familien (und damit wie oben beschrieben ebenfalls die Hausangestellten) der Zunftmitglieder profitierten von diesem sozialen Netz.

Klingt doch alles eigentlich ziemlich gut, oder?
Aber wollte ich nicht erzählen, was für mich der Hauptgrund ist, warum ich nicht im Mittelalter würde leben wollen?
Dazu kommen wir jetzt.

Denn so gut all diese soziale Vor- und Fürsorge war, sie hatte einen Preis.
Während wir es heute gewohnt sind, dass soziale Fürsorge sowie der Schutz unserer Rechte vom Staat geleistet werden, leisteten im Mittelalter die kleinen lokalen Gemeinschaften diese Aufgaben.

Die Familie, der Hofverband, die Dorfgemeinschaft, die Zunft, die Bürgerschaft… die Gemeinschaft, der man angehörte, sorgte für ihre Mitglieder, half ihnen in Notlagen und schützte ihre Rechte.

Aber genau in dieser Formulierung liegt auch schon der entscheidende Knackpunkt:
Für ihre Mitglieder

Wer in der Gesellschaft des Mittelalters eine Chance haben wollte, zu bestehen, musste Teil einer Gemeinschaft sein. Und in der Gemeinschaft bleiben konnte nur, wer sich an die Verhaltensregeln der Gemeinschaft hielt.
Pfeifen auf Gruppenzwang und einfach so leben, wie man möchte?
Konnte man machen. Man musste dann halt nur damit leben, dass man seine Felder alleine mit der Hacke Pflügen musste, als Knecht keinen Arbeitsplatz, als Hausherr keine Knechte und als Handwerker oder Händler keine Kunden fand.
Wenn man nicht gleich völlig aus der Gemeinschaft verstoßen wurde und einfach alles verlor…

Ehre (oder besser: Ein guter Ruf) war eine harte Währung, auf die man zum Überleben ebenso angewiesen war, wie auf andere Ressourcen.

Das Mittelalter war vieles, aber es war kein Platz für Individualisten.

Ein Mensch, der in einer solchen Gesellschaft augewachsen und sozialisiert worden ist, würde das wahrscheinlich völlig normal und in sich schlüssig finden:

„Jeden Mitglied der Gemeinschaft repräsentiert diese nach außen. Wer negativ auffällt, schadet dem Ruf aller. Und wer der Gemeinschaft schadet, wird logischerweise aus ihr ausgeschlossen.“

Wahrscheinlich wäre ein mittelalterlicher Mensch erschüttert, dass mein Arbeitgeber in meiner Arbeitsfreien Zeit keine Rolle spielt und seine Verpflichtungen mir gegenüber mit der pünktlichen und vollständigen Zahlung meines Lohnes als erledigt betrachtet.
Ich dagegen bin Froh, dass mein Arbeitgeber nicht zu bestimmen hat, wie ich mich anziehe, mit wem, wo und wie ich meine Freizeit verbringe.

Das Recht auf ein Privatleben, auf freie Entfaltung meiner Persönlichkeit, solange ich damit nicht gegen geltendes Recht verstoße, die Freiheit, mich nicht darum zu scheren, was die Nachbarn von mir halten ohne dadurch meinen Arbeitsplatz zu riskieren…

Das sind die Dinge, die ich als moderner Mensch mindestens ebenso wenig aufzugeben bereit wäre, wie moderne Technik und moderne Medizin.

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