Zwei häufige Missverständnisse über Brunnen im Mittelalter

Im Zusammenhang mit dem Thema „Sauberkeit im Mittelalter“ kommen immer wieder zwei Aussagen über Brunnen auf, die auf den ersten Blick ein absolut furchtbares Bild der hygienischen Zustände zeichnen und einer Erklärung bedürfen, um sie richtig einordnen zu können.
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„Brunnen und Latrine lagen oft direkt nebeneinander!“

Das ist ein gutes Beispiel dafür wie wichtig die quellenkritische Auswertung auch archäologischer Befunde ist.

Frühe Stadtgrundstücke waren noch verhältnismäßig groß und im grunde wie die Höfe auf einem Dorf angelegt, weil die Bevölkerungsdichte in den Städten noch deutlich geringer war.
Auf diesen Grundstücken gab es dann oft einen oder mehrere Brunnenschächte zur Deckung des Eigenbedarfes.
Als die Bevölkerung wuchs, wurden nicht nur die Grundstücke notwendigerweise kleiner und die Häuser dichter aneinander gedrängt, der Grundwasserpegel sank auch ganz erheblich, einfach weil jetzt mehr entnommen wurde.
Anstatt die alten Brunnenschächte zu vertiefen, legte man jetzt meist große Brunnen an der Straße an, die von der gesamten Straßengemeinschaft genutzt und in Schuss gehalten wurden.
Die alten Brunnenschächte wurden jetzt entweder verfüllt, oder als Latrinengrube weitergenutzt.

Brunnen und Latrinenschächte sind oft garnicht so unterschiedlich angelegt.
Und wenn man jetzt zwei solche Schächte nah beieinander findet, beide den Grundwasserpegel zum Zeitpunkt, da sie angelegt wurden, erreichend und einer dieser Schächte klassische Latrinenfunde enthält, ist der erste logische Schluss: alles klar, hier wurden ein Brunnen und eine Latrine sehr nah beieinander angelegt.
Selbst die Tatsache, dass sämtliche Latrinenfunde aus deutlich späteren Zeiten stammen, muss nicht einmal sofort dagegen sprechen, denn Latrinenschächte wurden ja auch in regelmäßigen Abständen geleert.

Wenn wir uns aber zusätzlich zum Archäologischen Befund die Schriftquellen aus der Zeit anschauen, fällt uns auf, dass das nah beieinanderliegende Anlegen von Brunnen und Abtritten streng verboten war.
Im Sachsenspiegel findet sich ein entsprechendes Verbot, ebenso wie in diversen Stadtordnungen aus dem Spätmittelalter.
Ebenfalls aus den Schriftquellen kann man die oben beschriebene Entwicklung der Grundstücksparzellen ablesen.

Und auf einmal bietet sich ein sehr anderes Bild.
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„In Brunnen wurden Abfälle geworfen!“

Aus mehreren spätmittelalterlichen Städten sind obrigkeitliche Erlasse erhalten, die die zuvor übliche Praxis verbieten, Wäsche oder frisch geschlachtete und ausgenommene Tiere(!) in den städtischen Brunnen zu waschen.
Das klingt furchtbar!
Landete also vorher der Dreck aus der Wäsche und die körpersäfte des Schlachtviehs im Städtischen Trinkwasser?

Hierfür muss man wissen, dass es sich bei den Brunnen, um die es in den Verordnungen geht, nicht um Ziehbrunnen handelte, also nicht um den Klassischen Brunnenschacht im Boden, der bis ins Grundwasser hinabreicht und aus dem man mit einem Eimer Wasser schöpft.

Stattdessen beziehen sich die Verordnungen auf so genannte Laufbrunnen, bei denen Wasser aus einer Leitung in ein Steinbecken und von dort, über eine Ablaufrinne im Beckenrand in offene Abwassergräben oder sogar unterirdische Leitungen fließt.
Das Frischwasser für diese Brunnen kam zumeist von hohen Becken, die über ein Schöpfrad mit dem Wasser eines nahen Flusses befüllt wurden, der zugleich auch das eben selbiges Schöpfrad über ein Wasserrad antrieb.

Aus dem Becken floss das Wasser über ein komplexes Netzwerk von Holz- oder Keramikleitungen („Wasserkunst“ genannt) zu den verschiedenen Laufbrunnen der Stadt.
Solange deren oberirdischer Auslass tiefer lag, als das Becken am anderen Ende der Leitung reichte der Gefälledruck völlig aus, um das Wasser aus der unterirdischen Leitung hochzupressen.
Das selbe Prinzip machen sich noch die Springbrunnen in Versailles zunutze.

In diesen Becken, die von eigens dafür beschäftigten Brunnenfegern gesäubert wurden, war also mehr oder weniger Häufig Wäsche oder Schlachtvieh ausgewaschen worden, bevor der Stadtrat es verbot. Nicht etwa im ins Grundwasser reichenden Schacht eines Ziehbrunnens.

Das Wasser, dass aus der Leitung in den Brunnen floss, war so natürlich trotzdem sauber und wer seine Krüge und Eimer direkt am Auslass befüllte, musste sich keine Sorgen machen.

Und wenn man einmal logisch darüber nachdenkt, wäre es wohl auch rein technisch etwas schwierig gewesen, seine Wäsche in einem Brunnen zu waschen, dessen Wasserstand ein paar Meter unter der Erde liegt…
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Abschließend bleibt zu erwähnen, dass es natürlich trotzdem auch immer wieder belegte Fälle von durch Vernachlässigung oder Absicht verschmutzten Brunnen gab, diese aber eben die seltene Ausnahme und keinesfalls die Regel darstellten.

Die Menschen des Mittelalters wussten zwar noch nichts von Bakterien und Keimen, aber das Erfahrungswissen, dass schmutziges Wasser schädlich und sogar lebensgefährlich ist, hatten sie durchaus.

Dafür legen die zahlreichen überlieferten Regelungen, Verordnungen und Gesetze, die Brunnen und sonstige Quellen für Trinkwasser vor Verschmutzung schützen sollten, beredtes Zeugnis ab.
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Allgemein zum Thema „Sauberkeit im Mittelalter“ geht es hier weiter:
https://inforo1300.wordpress.com/2017/05/10/sauberkeit-im-mittelalter/

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