„Falsche Freunde“ – 6 Mittelalterliche Worte mit Verwechslungsgefahr

Als „Falsche Freunde“ bezeichnet man in der Sprachwissenschaft Wörter in verschiedenen Sprachen, die zwar ähnlich klingen, aber sehr verschiedene Bedeutungen haben.
Für jeden, der versucht, eine Fremdsprache zu sprechen, stellen solche Wörter Fallstricke dar, mit denen man schnell Gefahr läuft, sich zu blamieren, oder das Gegenüber zumindest gründlich zu verwirren.

„Gift“ bedeutet auf englisch nicht wirklich das gleiche, wie auf deutsch.
„Actual“ ist nicht die englische Übersetzung von „aktuell“.
Und „become“ bedeutet nicht „bekommen“.

Aber nicht bloß zwischen verschiedenen Sprachen gibt es solche „falschen Freunde“.
Auch innerhalb einer Sprache können Worte ihre Bedeutung nicht unerheblich ändern, was bei der Beschäftigung mit historischen Texten die nicht unerhebliche Gefahr birgt, ein Wort, dessen Bedeutung man zu kennen glaubt, komplett falsch zu interpretieren.

Im Folgenden will ich daher einige Begriffe auflisten, die im Mittelalter nicht das selbe meinten, wie heute.

(So nicht anders angegeben, beziehen sich die folgenden Aussagen auf die Zeit um 1300 nach Christus, sind vielfach aber über einen recht langen Zeitraum gültig.)

-Frieden

Unter Frieden verstehen wir heute, salopp gesagt, die Abwesenheit von Krieg oder von Gewalt und Streit ganz allgemein.
Im mittelalterlichen Sprachgebrauch hingegen könnte man Frieden wohl am besten mit unserem Begriff der „öffentlichen Ordnung“ übersetzen. Frieden bedeutet, dass die bestehenden Gesetze durchgesetzt und „Freidensbrecher“ bestraft werden.
So markiert die „Einfriedung“ einer Siedlung, sei es der Zaun oder die Hecke eines Dorfes oder die Mauer einer Stadt oder einer Burg den „befreideten“ Bereich, der einigermaßen durchgehend überwacht und in dem ein Friedensbrecher unmittelbar verfolgt werden kann.

Zwischen den befriedeten Siedlungen hingegen reist man meist in Gruppen und durchaus auch bewaffnet, denn die relativ schwachen Feudalherren können nicht ihre gesamten Ländereien durchgehend kontrollieren sondern nur Jagd auf Räuber und andere Gesetzesbrecher machen, wenn ihnen Berichte über Überfälle auf den Straßen oder Feldern zu Ohren kommen.

Selbst eine Fehde, also ein militärischer Konflikt, mit dem ein politischer Streit zwischen adligen Grundherren beigelegt oder besser entschieden werden soll, ist keineswegs dem „Frieden“ entgegengesetzt.
Was nach mittelalterlichem Recht eine legale Fehde von einem illegalen Raubzug unterscheidet, ist ein „causus belli“ ein offizieller Grund oder Anlass für die militärische Auseinandersetzung also.
Zumeist handelt es sich hier um ein (objektiv vorhandenes oder subjektiv empfundenes) Unrecht, welches durch die Fehde beendet und/oder gesühnt werden soll.
Dadurch wird nach mittelalterlichem Verständnis der Frieden wieder hergestellt, der vorher durch das Unrecht gestört worden war.

Land- und Reichsfrieden regeln, wie mit Gesetzesbrechern umgegangen und die öffentliche Ordnung aufrecht erhalten werden soll.

Die Autorität eines Herzogs zur „Friedenswahrung“ macht ihn nicht nur zum Schiedsrichter in Streitfällen und Fehden zwischen verschiedenen großen und kleinen Grundherren, sondern verpflichtet und berechtigt ihn auch, Friedensbrecher zu verfolgen und zu bestrafen, die sich dem Grafengericht entweder wiedersetzen/entziehen oder schlicht selbst Grafen sind.

-Freiheit

Unter „Freiheit“ verstehen wir heute das grundlegende Menschenrecht, tun und lassen, denken und sagen zu können, was immer wir wollen, solange wir niemand anderem damit schaden.
Sie ist spätestens seit der Aufklärung eines der höchsten Güter und Ideale unserer Kultur.

Entsprechend wird der moderne Freiheitsbegriff auch gerne auf das Mittelalter übertragen:

Von den „freien“ germanischen Heiden kann man lesen und hören, die sich gegen die Unterdrückung durch das Christentum gewehrt haben. Gefühlt jede zweite Mittelaltermarktgruppe heist „freye Ritter abc“ oder „freye Söldner xy“.

Das Problem ist nur: Unser moderner Freiheitsbegriff ist dem Mittelalter fremd.
In einer Kultur, in der der Einzelne zum Überleben auf die Zusammenarbeit in der Gemeinschaft angewiesen ist, auf ihren Schutz und ihre soziale Fürsorge, ist es für die meisten Menschen keine Option, auf all das zu Verzichten und „vogelfrei“ zu werden, nur um den von der Gemeinschaft auferlegten Regeln und Verpflichtungen zu entfliehen.
Weder das Leben im germanischen Sippenverband, noch in einer Hof- oder Dorfgemeinschaft oder einer Handwerkszunft haben nicht viel mit unserer heutigen Vorstellung von Freiheit zu tun.

Wenn mittelalterliche Texte von „Freiheit“ reden, meinen sie in der überwältigenden Mehrzahl der Fälle nicht die moderne allgemeine Freiheit, sondern ganz konkret die Befreiung von einer bestimmten Pflicht oder einem bestimmten Zwang.

Der freie Knecht oder Hofpächter ist im Gegensatz zum Leibeigenen oder Hörigen nicht an seinen Herrn oder die Scholle gebunden, sondern kann gehen und sich anderswo Arbeit suchen.

Als Adolf V. von Berg 1276 Ratingen zur Stadt erhob, machte er die Bürger „frei“ von Zöllen und einem großen Teil ihrer Steuerpflichten.

Eine freie Reichsstadt unterstand keinem Landesherrn, sondern nurnoch direkt dem König oder Kaiser des heiligen römischen Reiches.

Ein Freiherr hat sein Land als Eigentum, nicht als Lehen eines anderen Herrn, schuldet ergo auch niemandem Vasallendienste und untersteht nur dem Urteil und den Gesetzen von Grafen- und Königsgericht.

„Freie Söldner“ wären nach mittelalterlicher Definition also schlicht „arbeitslose Söldner“.

„Freie Ritterschaften“ gab es durchaus, allerdings waren die ein Phänomen, das am Ende des Mittelalters aufkam, als ritterliche Grundherren sich zu Verbänden zusammenschlossen und unmittelbar dem Kaiser unterstellten, um ihre alten Rechte und Privilegien vor den immer mächtiger werdenden Fürsten zu schützen, die ihre Territorien langsam aber stetig in zentralisierte Beamtenstaaten umstrukturierten.

Wer im mittelalterlichen Kontext von „Freiheit“ reden will, muss daher eigentlich immer die Frage beantworten: „Freiheit wovon?“.

-Frau

Heute ist Frau schlicht die neutrale, sachliche Bezeichnung für eine Person weiblichen Geschlechts. Im Mittelalter aber wird dafür ursprünglich der Begriff „Weib“ benutzt, nicht abwertend, sondern ebenso neutral, wie wir heute „Frau“ sagen.
„Frau“ stammt aus dem Althochdeutschen und bezeichnete dort eine adlige Dame („Dame“ selbst leitet sich im Übrigen vom lateinischen „Domina“, also „Herrin“ ab). Die männliche Entsprechung war „Fro“, ein Wort, dass uns noch in Begriffen wie „Frondienst“, „Fronhof“ oder „Fronleichnam“ (was eben nicht „happy Kadaver“, sondern „Leichnam des Herrn“ bedeutet) begegnet.
Beim Übergang zum Mittelhochdeutschen im Hochmittelalter wurde der Begriff „Fro“ weitgehend durch „Herr“ ersetzt, aber das Wort „Frau“ blieb in der gleichen Bedeutung erhalten.

Die heutige Angewohnheit, weibliche Personen unabhängig vom sozialen Status als Frau zu betiteln, nimmt tatsächlich im 13ten Jahrhundert ihren Anfang, als sich die Großen Minnesänger darüber streiten, ob man die Angebetete nun „Weib“ oder „Frau“ nennen soll.

-Knecht

Wahrscheinlich die meisten Menschen heute stellen sich unter einem Knecht einen ganz einfachen, meist ungelernten Arbeiter oder Diener von geringem Ansehen und geringer Bezahlung vor.

Solche Leute meint das mittelalterliche Wort Knecht zwar auch, aber eben nicht ausschließlich.
Stattdessen ist ein „Knecht“ im mittelalterlichen Sprachgebrauch schlicht jemand, der fest bei jemand anderem Arbeitet und dafür entlohnt wird (ob durch Kost und Unterkunft, Geld oder eine Kombination aus beidem).
Die passende moderne Übersetzung wäre „Angestellter“.

Und ebenso, wie heute auch ein Manager ein Angestellter seiner Firma ist, kann der Begriff Knecht im Mittelalter vom einfachen Landarbeiter oder Hausdiener, über den gut ausgebildeten Handwerksgesellen bis zum hochstehenden Verwalter verwendet werden.
Selbst Ritter, die keine Vasallen sind, sondern im Gefolge eines Herrn dienen, werden gelegentlich als Knechte bezeichnet (Das engliche Wort „knight“ leitet sich exakt davon ab).

Jemanden als „Knecht“ zu bezeichnen, sagt im mittelalterlichen Sprachgebrauch also nichts über seinen Stand, sondern lediglich über sein Anstellungsverhältnis aus.

Übrigens: Auch das Wort „Knappe“ bezeichnet um 1300 noch nicht den „Ritter in Ausbildung“, sondern ist einfach ein anderes Wort für Knecht.

-Familie

Hierzu hatte ich schonmal einen längern Beitrag geschrieben:
https://inforo1300.wordpress.com/2017/09/24/familie-im-mittelalter/

Kurz zusammengefasst:

„Familie“ meint im Mittelalter nicht nur Blutsverwandte und Angeheiratete (hierfür ist eher der Begriff „Sippe“ üblich), sondern die Hausgemeinschaft, die zusammen lebt und wirtschaftet.

Dazu gehören neben dem Hausherren, seiner Frau, den Kindern und eventuell sonstigen im Haushalt lebenden Verwandten ausdrücklich auch sämtliche Angestellte, die im Haushalt ihres Arbeitgebers leben.

Wie bei seiner Frau und seinen Kindern muss das Familienoberhaupt für ihr Wohlergehen sorgen und vor Gericht ihre Interessen vertreten.
Dafür sind sie ihm ebenso zu Gehorsam verpflichtet, auch im Privatleben.

-Ehre

Auch hierzu gibt es schon einen auführlicheren Beitrag von mir:
https://inforo1300.wordpress.com/2017/07/16/ehre-im-mittelalter/

Kurz:

Heute verstehen wir unter „Ehre“ die Selbstachtung, die wir erlangen, indem wir unseren eigenen Idealen und Wertvorstellungen entsprechend handeln.

Im mittelalterlichen Kontext könnte man Ehre besser mit „Ansehen“ übersetzen.
Ehre ist der gute Ruf, den man innerhalb einer Gemeinschaft erlangt, weil man ihren Regeln und Wertvorstellungen entsprechend handelt.

In einer Gesellschaft, in welcher nicht nur der Rang einer Person, sondern auch die Unterstützung, die sie von selbiger Gesellschaft erwarten kann, von ihrem Ansehen abhängt, ist Ehre keine Sache von Eitelkeit, sondern eine lebensnotwendige Ressource.

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