Was ist los auf der Welt um 1300?

„Städisches Leben um 1300“, so bezeichnen wir das Thema unseres Blogs und unserer historischen Darstellung.
Was aber kann ein Laie, der diese Jahreszahl liest, damit anfangen?
Er wird wohl relativ schnell merken, dass es in unserem Blog und unserer Darstellung um das Mittelalter geht. Damit verbinden die meisten Leute vage Bilder von Rittern und Burgen, sowie Szenen aus diversen historischen und Fantasy Filmen.
Aber mit diesem Vorwissen stellen sich die meisten Leute unter 1300 A.D. nichts Anderes vor, als unter 1100, 800 oder 1500, obwohl zwischen diesen Zeitpunkten natürlich ganz massive Unterschiede bestehen.

Deshalb soll dieser Artikel einen kleinen Überblick bieten, was um das Jahr 1300 in Europa und der Welt geschieht, um diese Jahreszahl mit Inhalt zu füllen und einen zumindest groben Hintergrund zu den hier zu lesenden Texten und unserer Darstellung zu bieten.

Hierbei erhebe ich selbstverständlich nicht im Ansatz irgendeinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die Auswahl wurde vor allem dadurch bestimmt, von welchen Themen ich genug Ahnung habe, um etwas Interessantes darüber zu erzählen. Aus dem selben Grund werden bestimmte Themen ausführlicher behandelt als andere.

(Im folgenden werde ich Ereignisse und Zustände um das Jahr 1300 herum in der Gegenwartsform beschreiben, Ereignisse und Zustände, die deutlich früher stattfanden, hingegen in der Vergangenheitsform.)
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Das Jahr 1300 liegt ganz am Beginn des Spätmittelalters.
Das 13te Jahrhundert hatte viele wichtige Entwicklungen und Ereignisse gesehen und Europa ist in einem umfassenden Wandel begriffen
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Im heiligen Römischen Reich

Der Tod Friedrichs II. des letzten Kaisers aus der Dynastie der Staufer, um 1250 und die darauf folgenden 23 Jahren der „königslosen Zeit“ (oder auf Latein: Des „Interregnums“) hat die Machtposition der römisch-deutschen Könige stark geschwächt.

Wo selbst die Stauferkaiser des Hochmittelalters auf dauer nicht ohne die Unterstützung der großen Fürsten ihres Reiches regieren konnten, sind die spätmittelalterlichen Könige bestenfalls Erste unter Gleichen und stehen einem eher lockeren Verbund weitgehend unabhängiger Fürstentümer vor.
Die Entwicklung hin zum modernen Staat mit zentraler Regierung und straffer gebündelter Verwaltung passier somit in den nächsten 200 Jahren auch in eben diesen Fürstentümern und nicht auf der Ebene des Reiches, wie es zeitgleich in England und Frankreich geschieht.

Der gegenwärtige König ist Albrecht von Habsburg, dessen Vater Rudolf 1273 zum ersten König seit Friedrichs Tod gewählt wurde. In den folgenden zwei Jahrhunderten wird die Krone vor allem zwischen den Familien der Habsburger, Luxemburger und Wittelsbacher wechseln, bevor sich am Ende des Mittelalters bis zur Auflösung des Reiches durch Napoleon endgültig die Habsburger durchsetzen.
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Im Rheinland

Das wohl wichtigste politische Ereignis für unsere Region Ende des 13ten Jahrhunderts war der limburgische Erbfolgestreit, der in der Schlacht von Worringen 1288 endete, in der nicht nur die Bürger der Stadt Köln de facto ihre Unabhängigkeit von ihrem Erzbischof gewinnen, sondern auch die kleineren Grafen am Niederrhein sich endgültig aus der Vorherrschaft der Erzbischöfe lösen und mit einer eigenständigen politik beginnen können.

Damit ist nicht nur Siegfrieds Traum zerbrochen, die verstreuten Besitzungen der kölner Kirche zu einem großen großen geschlossenen Territorium zusammen zu fassen, sondern auch die, selbst für die Verhältnisse des Reiches, extreme territoriale Zersplitterung in kleine und kleinste Herrschaften, die den Nordwesten des Reiches bis zu dessen Auflösung ausmachen wird, endgültig besiegelt.

Im Verlaufe dieses Konfliktes wird zudem meine Heimatstadt Ratingen zur Stadt erhoben und nach seinem Ende 1288 auch das benachbarte (und heute deutlich bekanntere) Düsseldorf.
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Anderswo im Reich

1300 ist das Jahr, in dem der „Goldene Ring“, die erste zusammenhängende Deichlinie entlang der friesischen Nordseeküste, vollendet wird.
Die Bewohner der Nordseeküste werden sich in den folgenden Jahrhunderten aber nicht damit zufrieden geben, ihr Land nur vor der Gewalt des Meeres zu schützen, sondern werden damit beginnen, der See neues Land abzutrotzen.
In diesem Kampf werden sie aber auch immer wieder herbe Rückschläge hinnehmen müssen. Gerade das 14te Jahrhundert wird mehrere schwere Sturmfluten erleben, von denen einige ganze Städte von der Landkarte tilgen und neue Buchten in die Küstenlinie fressen.

Am anderen Ende des deutschen Sprachraums, im Alpenraum, hingegen entbrennt gerade ein Konflikt zwischen den freien Bauernschaften (die sich in dieser Region „Kantone“ nennen) Schwyz, Uri und Unterwalden, mit den Habsburgern, die grundherrschaftliche Rechte gegenüber den Kantonen geltend machen, während diese sich als reichsfrei, also nur dem Kaiser untertan, verstehen.
1291 schließen sich die 3 Kantone zur „Eidsgenossenschaft“ zusammen und schaffen es 1315 sogar, ein Habsburgisches Heer bei Morgarten in eine Falle zu locken und vernichtend zu schlagen.
Aus diesem Bündnis dreier Bauerngemeinden wird sich im Laufe der nächsten Jahrhunderte die Schweiz bilden.
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Klima und Wirtschaft

Das Jahr 1300 liegt am Höhe- und zeitgleich am Endpunkt der sogenannten „hochmittelalterlichen Warmzeit“.
Seit etwa 800 nach Christus hatte Europa eine Phase außerordentlich warmen Klimas erlebt. Ernteerträge stiegen, Unwetter und damit verbundene Missernten waren vergleichsweise selten und infolge dessen wuchs die Bevölkerung rasant an. Technische Neuerungen in der Landwirtschaft und im Handwerk beschleunigten diesen Prozess um 1000 herum noch. Im 12ten und 13ten Jahrhundert wurden Wälder gerodet und Sümpfe trockengelgt, um neues Ackerland zu erschließen (Landesausbau). Gerade das 13te Jahrhundert war die große Zeit des Städtewachstums. Um 1300 gibt es auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands etwa 20 mal so viele Orte mit Stadtrecht, wie 100 Jahre zuvor!

Die Städte verändern das Gesicht Europas nachhaltig. Hier erblühen Handwerk und Handel, hier entstehen neue Formen der Verwaltung, Rechtsprechung und Regierung. Auf den städtischen Märkten verkaufen die Bauern des Umlandes ihre Ernteüberschüsse und haben nun deutlich häufiger Geld in der Hand.
Größte deutsche Stadt um 1300 ist Köln mit um die 50.000 Einwohnern.

In den vergleichsweise dünn besiedelten slawischen Fürstentümern östlich der Elbe wurden aktiv deutsche Siedler angeworben, denen man die persönliche Freiheit, weitgehende dörfliche Selbstverwaltung und sehr geringe Steuern versprach.

Ob in den Städten oder auf dem neuerschlossenen Acker- und Weideland: Überall werden händeringend Arbeitskräfte benötigt! Bauern, die mit ihrer Situation und der Behandlung durch ihren Grundherren unzufrieden sind, machen sich bei Nacht und Nebel „vom Acker“ und suchen sich anderswo Arbeit zu besseren Bedingungen.
Das wiederum zwingt die Grundherren, ihren Bauern gegenüber Zugeständnisse zu machen, wenn sie ihre Felder nicht selbst bestellen wollen.

Die wirtschaftliche, soziale und Rechtliche Situation der arbeitenden Masse der Bevölkerung verbessert sich zu dieser Zeit immens. Viele Leibeigene und Hörige erlangen die persönliche Freiheit und werden Pächter. Die Dorfgemeinschaft organisiert weite Teile des Alltags nun selbst und richtet vielerorts sogar über kleinere Delikte.

Doch um die Wende zum 14ten Jahrhundert herum, beginnt das Klima sich wieder abzukühlen. Die „kleine Eiszeit“ beginnt, die ihren Höhepunkt etwa zur Zeit der französischen Revolution haben wird.
Die 1310er Jahre werden quer durch Europa schwere Unwetter sehen, die Missernten und Hungersnöte nach sich ziehen.

Ziemlich genau eine Generation später, in den späten 1340ern wird der schwarze Tod, Yersinia Pestis, in Europa wüten.
Nicht nur trifft diese Seuche eine durch Mangelernährung in der Kindheit geschwächte Bevölkerung, sie tritt in Europa zudem zum ersten Mal seit der julianischen Pest des 6ten Jahrhunderts auf, weshalb natürlich niemand mehr Antikörper gegen den Pesterreger hat.

Ein Drittel bis die Hälfte (die genaue Zahl wird diskutiert) der europäischen Bevölkerung wird dieser Katastrophe zum Opfer fallen.

Und doch bedeutet die Pest für die überlebenden skurrilerweise erstmal eine Verbesserung ihrer Situation.
Der Bevölkerungsschwund gleicht die ebenfalls mit der Klimaverschlechterung abfallenden Erträge der Landwirtschaft mehr als aus, Arbeitskräfte sind noch gefragter, als selbst während des Wirtschaftsbooms im 13ten Jahrhundert, Löhne steigen, die Preise für Lebensmittel fallen.
Erst am Übergang zur frühen Neuzeit wird durch die wachsende Bevölkerung und das sich weiter abkühlende Klima das Angebot an Arbeitskräften die Nachfrage übersteigen, was zu großen wirtschaftlichen und sozialen Krisen führen wird.

Der große Verlierer dieser Entwicklung ist die Mittelschicht aus Adligen Grundherren, die vom Verkauf des von ihren Bauern geernteten Getreides leben und von denen ein großer Teil in den folgenden eineinhalb Jahrhunderten zusehends verarmt.

Doch all diese Entwicklungen sind um 1300 noch Zukunftsmusik. Noch befindet man sich in einer absoluten Blütezeit und hat keine Ahnung von den Schwierigkeiten, die Europa bevorstehen.
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Die Vorformen der Hanse

Ende des 11ten und Anfang des 12ten Jahrhunderts begannen norddeutsche Kaufleute so genannte „Hansen“ zu bilden (vom Althochdeutschen „Hansa“ = Schar, Gemeinschaft). Diese Interessensverbände, die meist nur für eine Handelsfahrt geschlossen wurden, investierten gemeinsam in Geschäfte, verhandelten gemeinsam mit Handelspartnern, setzten gemeinsam ihre Interessen gegenüber den Machthabern in der Fremde durch, sicherten sich gegenseitig finanziell gegen Verluste ab und schützten sich nicht zuletzt durch das gemeinsame Reisen ganz konkret gegen Überfälle auf See oder auf den Straßen.

Kaufleute, die regelmäßig die selbe Route fahren, bilden auch schon dauerhaftere Zusammenschlüsse, die oft eine ständige Interessensvertretung am Zielort der Fahrt unterhalten. Die bedeutendsten dieser Verbände sind die 1161 gegründete Gesellschaft der Gotlandfahrer in Visby und die von Kaufleuten aus Köln und Westfalen unterhaltene Vertretung im Stalhof in London.

Im 13ten Jahrhundert schlossen auch die wichtigsten norddeutschen Handelsstädte Bündnisse untereinander, um gemeinsam gegen Räuber vorzugehen, gemeinsam bessere Bedingungen für ihre Kaufleute in fremden Städten durchzusetzen und den Handel untereinander zu fördern, indem sie sich bei den Terminen für die großen Jahrmärkte absprachen, Qualitätsstandards und Maße aufeinander abstimmten und den Kaufleuten aller Bündnispartner sämtliche Zölle erließen.

Um 1300 haben wir es hier noch nicht mit „der Hanse“ zu tun, sondern mit einem komplexen und in ständigem Wandel befindlichen Geflecht unzähliger einzelner Hansen zwischen Kaufleuten und Städten.

Ein einzelner zusammenhängender Bund wird daraus offiziell erst 1358, als die Städte der „deutschen Hanse“ wie sie sich jetzt nennen ihre Interessen gegen den dänischen König durchsetzen wollen.
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Kunst und Kultur

In der ersten Hälfte des 13ten Jahrhunderts ist die aus Frankreich stammende Gotik nach Deutschland gekommen. Diese revolutionäre neue Bau- und Kunstform, die von Steinmetzen verbreitet wird, die als Begehrte Experten von Baustelle zu Baustelle reisen und deren genauere Beschreibung hier entschieden zu weit führen würde, findet zunächst an den großen Kathedralen, bis zum Ende des Jahrhunderts auch an Adelsburgen und Bürgerhäusern Verwendung.

Berühmte gotische Kirchen wie etwa die Münster von Freiburg und Straßburg, die Marienkirche von Lübeck und natürlich der kölner Dom werden in diesem Jahrhundert begonnen (Auch wenn die Vollendung dieser unfassbar aufwändigen Projekte, insbesondere des letztgenannten, noch deutlich länger dauern sollte. Dem Architekten, der einen gotischen Dom entwarf, war klar, dass höchstens seine Enkel das fertige Bauwerk würden sehen können).

Zwei der bekanntesten Beispiele für die Bildhauerei des 13ten Jahrhunderts sind die Stifterfiguren im Naumburger Dom (hier insbesondere die berühmte Figur der Uta von Ballenstedt, die mehrfach als die „schönste Frau des Mittelalters“ betitelt wurde) und das Grabmal des Königs Rudolf von Habsburg im Speyrer Dom.

Das Ende des 12ten und der Beginn des 13ten Jahrhunderts hat das aufkommen der ebenfalls aus Frankreich kommenden Minnedichtung und der höfischen Epik erlebt. Dichter und Sänger wie Walter von der Vogelweide, Neidhart von Reuental oder Wolfram von Eschenbach haben eine beeindruckende Masse an Werken hinterlassen, die von Heldengeschichten, Neuerzählungen antiker Sagen und lehrreichen Fabeln über das große Spektrum des Minnesangs und der restlichen höfischen Musik bis hin zu beißender politischer Satire hinterlassen.
Aus dieser Zeit stammen Werke, wie der Parzival, Tristan und Isolde, Erek und Enite oder das berühmte Nibelungenlied.

Die Werke dieser alten Meister erfreuen sich auch um 1300 noch großer Beliebtheit, auch wenn inzwischen eine neue Generation von Dichtern das Feld übernommen hat, wie etwa der als „Frauenlob“ bekannt gewordene Heinrich von Meißen.

In Italien sind es derweil nurnoch 20 Jahre bis ein gewisser Dante Alighieri sein Hauptwerk „Die Göttliche Komödie“ vollendet, dessen erster Teil „Inferno“ unter dem Namen „Dantes Inferno“ bis in die heutige Popkultur überlebt hat.

In Zürich beginnt im Auftrag der Patrizierfamilie Manesse die Arbeit am wohl beeindruckendsten Werk der Buchmalerei der Zeit, der „großen Heidelberger Liederhandschrift“ (oder heute oft nach ihrem Auftraggeber „Codex Manesse“ genannt).
Es handelt sich hierbei um eine Sammlung von Liedern der großen Minnesänger, nach Autor geordnet.
Und jeder dieser Abschnitte beginnt mit einem wunderschönen ganzseitigen Bild des Künstlers, keinem Portrait, sondern einer idealisierten Darstellung mit Attributen und Symbolen versehen, die entweder auf die Werke des Dichters oder auf seine Lebensgeschichte anspielen und ihn für den Betrachter sofort erkennbar machen.
So sitzt etwa Walter von der Vogelweide wie in seinem berühmtesten politischen Gedicht auf einem Stein, die Beine übereinander geschlagen und grübelt mit auf die Hand gelegtem Kinn über den Zustand der Welt und die Frage, wie man als Mensch darin Leben soll.
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Im 12ten und noch mehr im 13ten Jahrhundert ist das Rittertum aus einer professionellen Kriegerelite im Dienst des Adels zu einem eigenen erblichen Stand geworden, der im Verlauf des 13ten Jahrhunderts mit dem unteren Adel verschmilzt und dessen Ideale und Wertvorstellungen prägend und vorbildhaft für die Gesellschaft und die Kultur werden.
Minnesänger wie der Tannhäuser und Romanautoren wie Wolfram von Eschenbach sind selbst Ritter und dichten für ein Publikum aus Standesgenossen.

Angehörige des Hochadels und selbst die Könige definieren sich als Ritter und damit als an einen Codex von Werten und Verhaltensregeln gebundenen Krieger.
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Kirche

Die katholische Kirche hat um 1300 ein bewegtes Jahrhundert hinter sich und ein noch bewegteres vor sich.

Zu Beginn des Jahrhunderts befanden sich die Päpste in einem ständigen Machtkampf um die Oberhoheit über das christliche Abendland mit den Stauferkaisern, die sowohl Norditalien als auch das Königreich Sizilien (zu dem auch der Süden der italienischen Halbinsel gehörte) beherrschten, und den Kirchenstaat somit umzingelt hatten.

Gleichzeitig wurde in weiten Teilen der Bevölkerung hefitge Kritik an der Kirche geübt:
In ihrem Fokus auf die Machtpolitik hatte die Kirche Aufgaben wie die Fürsorge für Arme und Kranke oder die Seelsorge stark vernachlässigt. Viele Pfarrstellen blieben Jahrelang unbesetzt, damit der Grundherr den Zehnten selbst eintreiben konnte, oder wurden nur durch einen Vikar (Stellvertreter) des zuständigen Priesters mehr schlecht als recht betreut.

Diese Kritik gab überall in Europa abspalterischen Bewegungen wie den Katharern Zulauf.

Insbesondere im Süden Frankreichs, im Languedoc, bekannten sich nicht nur einfache Menschen, sondern auch Adlige und sogar Fürsten zum katharischen Glauben und erklärten sich für unabhängig sowohl vom Papst in Rom als auch vom katholischen König von Frankreich.

Papst und König reagierten, indem sie die Bewegung der Katharer in mehreren Kreuzzügen niederschlugen und Südfrankreich wieder ihrem Herrschaftsgebiet einverleibten.

Doch der Kirche war auch klar, dass es schnell zu neuen Aufständen gegen und Abspaltungen von der Kirche kommen würde, wenn sich nichts an den Misständen änderte.

So förderte die Kirche die jungen Gemeinschaften der Mendikanten oder „Bettelorden“. Diese Orden legten das benediktinische Armutsgebot für Mönche sehr streng aus, kapselten sich aber im Gegensatz zu den althergebrachten Orden nicht von der Welt ab, sondern gingen aktiv unter die Menschen.
Hierbei widmeten sich die aus Italien stammenden Minderbrüder oder Franziskaner vor allem der Armen- und Krankenpflege und die aus Spanien stammenden Predigerbrüder oder Dominikaner vor allem der Predigt und der Seelsorge.
Beide Orden gründeten vor allem in den Städten Klöster, um dort möglichst viele Menschen erreichen zu können.
Die Dominkaner übernahmen zudem sehr oft Pfarren, die lange unbesetzt geblieben waren, etwa weil die Einkünfte aus den damit verbundenen Pfründen sehr gering waren.

Gleichzeitig hatte die Kirche im Konflikt mit den Katharern eine neue Form des Gerichtsverfahrens geschaffen: Die Inquisition.
Ihre Aufgabe war es, festzustellen, ob ein der Ketzerei Beschuldigter sich tatsächlich der offenen Auflehnung gegen die Kirchliche Autorität schuldig gemacht hatte.
Dabei gingen die Inquisitionsgerichte für ihre Zeit bemerkenswert rational und fair vor.

Nicht zu verwechseln ist diese mittelalterliche Inquisition mit den beiden Organisationen gleichen Namens, die zu Beginn der frühen Neuzeit vom spanischen ‚König und vom Papst gegründet werden und denen der Begriff Inquisition einen Großteil seines heutigen Rufes verdankt.

Auch auf politischer Ebene konnte die Kirche Erfolge verzeichnen:
Nach dem Tod des letzten Stauferkaisers wurden seine Erben, die immer noch über Sizilien herrschten, mit Hilfe des Grafen Charles von Anjou, einem Bruder des französischen Königs, entmachtet.

Um 1300 befinden sich die Päpste auf dem Höhepunkt ihrer Macht.
Das Jahr wird zum „heiligen Jahr“ ausgerufen, welches sich bis heute alle 25 Jahre wiederholt.
1302 erklärt Papst Bonifaz der VIII. In der Bulle „unam sanctam“, der Papst sei als Stellvertreter Gottes auf Erden der oberste Lehnsherr aller weltlichen Machthaber und diese ihm daher Gehorsam und Dienst schuldig.
Doch damit hat er den Bogen überspannt und das Ende der Blütezeit päpstlicher Macht eingeleitet.

Der mächtige französische König Phillip der Schöne will sich diesem päpstlichen Weltherrschaftsanspruch nicht beugen und lässt Bonifaz im folgenden Jahr in Anagni überfallen und gefangennehmen.
Er wird zwar noch im selben Jahr wieder befreit, stirbt aber kurz darauf an den Folgen der Gefangenschaft.
Phillip zwingt daraufhin die Kurie, den Erzbischof von Bordeaux zu Papst Klemens V. zu wählen.

Klemens ist sich völlig im Klaren darüber, dass er Papst von Phillips Gnaden ist und jederzeit ersetzt werden kann, sollte seine Politik dem König nicht genehm sein.
Auf dessen Anweisung verlegt er 1309 den Sitz des Papstes von Rom nach Avignon und unterstützt, entgegen seiner eigentlichen Überzeugung, Phillips Prozess wegen Ketzerei gegen den Orden der Templer.

Das päpstliche „Exil von Avignon“, dass bis 1377 andauern wird, kostet die Kirche eine Menge an Autorität in Europa, auch wenn die höfische Prachtentfaltung der Päpste dort neue Höhen erreicht.
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Das Ende der Kreuzzüge

Mit dem Fall von Akkon 1291 endet das fast 200 Jahre dauernde Zeitalter der Kreuzzüge.

Das letztliche Scheitern der Bewegung hatte viele Gründe:

-Die Versorgung des kleinen katholischen Außenpostens inmitten der muslimisch beherrschten Levante über den Seeweg immer schwierig gewesen.

-Die Großen Kreuzzüge brachten zwar immer wieder große Mengen an Kämpfern und Pilgern in die Kreuzfahrerstaaten, aber die wenigsten waren gewillt, dauerhaft dort zu siedeln. Die meisten kehrten nach dem Ende des Feldzuges und nachdem sie in der Grabeskirche gebetet hatten wieder nach Hause zurück.

-Der erste Kreuzzug hatte von der immensen politischen zersplitterung der Muslime profitiert, aber seit den 70ern des 12ten Jahrhunderts waren sämtliche muslimischen Nachbarn der Kreuzfahrerstaaten unter der Herrschaft der Ajjubiden, deren Machtzentrum in Ägypten lag, vereint.
Das blieb auch so, nachdem 1250 die Mameluken (ursprünglich aus Kleinasien stammende Militärsklaven) den letzten Ajjubidensultan stürzten und selbst die Macht übernahmen.

Nicht zuletzt aber hatte, vor allem im Verlauf des 13ten Jahrhunderts, die Idee der Kreuzzugsbewegung in Europa ganz massiv an Reiz und Unterstützung verloren:

Neben den kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Muslimen war es auch immer wieder zu friedlichem Austausch zwischen den Kulturen gekommen und das Abendland hatte großen Respekt vor der muslimischen Kultur entwickelt.

An den Universitäten sowie an Dom- und Klosterschulen wird das Wissen arabischer und persischer Gelehrter begeistert aufgenommen und gelehrt.
Luxusgüter aus dem Orient sind bei der Oberschicht hochbegehrt.
Sultan Saladin, der Begründer der Ajjubiden-Dynastie, der den Kreuzfahrern 1187 Jerusalem entrissen hatte, wird als ideales Vorbild eines perfekten Königs und Ritters verehrt.
In den Romanen der Ritterepik kommen Muslimische Kämpfer vor, die ihren christlichen Gegenübern in Tapferkeit, Können und Tugend in nichts nachstehen.

Die zur Zeit des ersten Kreuzzuges verbreitete Idee, Jerusalem müsse vor der Wiederkehr Christi wieder unter christlicher Herrschaft stehen, ist in der Theologie längst durch neue Lehren abgelöst worden, die den Fokus des christlichen Strebens weg vom irdischen und hin zum himmlischen Jerusalem richten.

Christliche Pilger sind auch unter muslimischer Herrschaft den Großteil des 13ten Jahrhunderts über in Jerusalem willkommen gewesen, was die Kreuzzüge einer ihrer wichtigsten Begründungen beraubt.

Und auch die nachgeborenen Söhne ohne Aussicht auf ein Erbe, die einen Großen Teil der Truppen des ersten Kreuzzuges ausgemacht hatten, finden nun dank Städtewachstum, Landesausbau und Ostsiedlung genug Alternativen, um sich ein neues Leben zu besseren Bedingungen aufzubauen.

Zwar kam es auch im 13ten Jahrhundert trotzdem noch zu einzelnen Ausbrüchen der Kreuzzugsbegeisterung, wie etwa den Kinderkreuzzügen (die allerdings neben der religiösen eine große soziale Komponente enthielten) und den beiden nur mit den Mitteln der Krone finanzierten Kreuzzügen Ludwigs des Heiligen, König von Frankreich, aber es reicht einfach nicht mehr, um die Kreuzfahrerstaaten dauerhaft zu erhalten.

Die großen Ritterorden, die im Verlauf der Kreuzzüge gegründet wurden und deren Brüder zugleich Ritter und Mönche sind, müssen sich nach dem Verlust des heiligen Landes neuen Aufgaben zuwenden.

Die Templer konzentrieren sich auf die Verwaltung ihrer über ganz Europa verstreuten Landgüter und das während der Kreuzzüge entstandene Bankenwesen des Ordens, fallen jedoch 1307 einer Intrige des französischen Königs Phillip dem Schönen zum Opfer, die weiter unten ausführlicher beschrieben wird.

Die Johanniter beginnen, zunächst von Zypern aus, einen ausgedehnten Seekrieg gegen die Muslime im östlichen Mittelmeer (der hauptsächlich aus dem Überfallen und Kapern muslimischer Kriegs- wie Handelsschiffe besteht) und erhalten dazu 1309 Rhodos als Operationsbasis.

Noch stehen die meisten Inseln und der gesamte Handel und Schiffsverkehr im Mittelmeer unter christlicher Kontrolle.
An fast sämtlichen Küsten des Mittelmeeres ist die „lingua franca“ (wörtlich: „Zunge/Sprache der Franken“) verbreitet, eine Verkehs- und Handelssprache, die aus einer Kombination der romanischen Sprachen und diversen großen und kleinen Einflüssen des Griechischen, Arabischen und Hebräischen besteht.

Zusammen mit den norditalienischen Stadtstaaten werden die Johanniter in der folgezeit dafür kämpfen, diese christliche Vorherrschaft aufrecht zu erhalten, bis es schließlich im 15ten Jahrhundert dem Osmanische Reich gelingt, das östliche Mittelmeer langsam aber sicher unter seine Kontrolle zu bringen

Der Deutsche Orden schließlich verlegt seine Aktivitäten ganz auf die Ostseeküste. Hier waren sie Anfang des Jahrhunderts um Hilfe gegen die heidnischen Pruzzen gebeten worden, die immer wieder Raubzüge in das nördliche Polen unternommen hatten.
Als Gegenleistung für die Unterwerfung und Christianisierung der Pruzzen konnte der Orden das eroberte Land als eigenes Herrschaftsgebiet behalten.

1309 wird die Marienburg zum Hauptquartier des Ordens, der sich in der Folgezeit voll auf die Sicherung und Vergrößerung seines Ordensstaates konzentriert, oft im Konflikt mit Polen und Litauen.

In der frühen Neuzeit schließlich wird der letzte Hochmeister des Ordens aus dem Hause Hohenzollern zum Protestantismus übertreten und den Ordensstaat zu einem weltlichen Herzogtum und später Königreich umwandeln, dass den Namen der unterworfenen Heiden trägt: Preußen.
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Wissenschaft

In den Bibliotheken der Klöster waren viele antike Texte durch die Wirren der Völkerwanderung bewahrt und von Kopisten mühsam von Hand vervielfältigt worden.
Der hohe bedarf an Gelehrten für die Verwaltung und den Schriftverkehr an Europas Königs- und Fürstenhöfen sorgte im 12ten und 13ten Jahrhundert dafür, dass Kloster und Domschulen in einem ganz neuen Ausmaß gefördert wurden.

In Frankreich, England und Italien entstanden zu dieser Zeit die ersten Universitäten, Bildungseinrichtungen, die zwar offiziell immer noch der Kirche unterstanden, die aber nicht von einem Bischof oder Kloster geführt wurden, sondern von den Studierenden und ihren Lehrern selbst.
Einige der berühmtesten Universitäten um 1300 sind Oxford und Cambridge, Paris, Montpellier und Toulouse, Bologna, Padua und Salerno.
Im Heiligen Römischen Reich wird es noch bis zur Mitte des 14ten Jahrhunderts dauern, bis in Prag die erste Universität gegrundet wird.

Zudem waren während der Kreuzzüge eine unmenge neuer Erkenntnisse persischer und indischer Gelehrter nach Europa gelangt und wurden dort begeistert aufgenommen.

Die Scholastiker, wie die wichtigste philosophische Ausrichtung des Mittelalters genannt wird, wollen das heidnische Wissen der Antike und des Orients mit dem christlichen Weltbild in Einklang bringen und beginnen dafür nicht nur, antike Autoritäten wie Aristoteles erstmals kritisch zu hinterfragen sondern entwickeln zudem ganz neue Methoden wissenschaftlichen Arbeitens:

Petrus Abaelard prägte im 12ten Jahrhundert in seiner Schrift „sic et non“ („Ja und Nein“) die dialektische Methode, in der im Konflikt zweier Thesen so lange Beweis und Gegenbeweis gegeneinander Aufgewogen werden, bis eine gemeinsame These herauskommt, die die Beweise beider Seiten erklären kann.
Im 13ten Jahrhundert lehrte Roger Bacon, dass man sich bei der Suche nach der Wahrheit nicht auf das Ansehen alter Autoritäten sondern nur auf empirische Beobachtungen und Experimente verlassen sollte.
William of Ockham, der um 1300 gerade mal zarte 15 ist, wird mit „Ockhams Rasiermesser“ („wenn es mehr als eine mögliche Antwort auf eine Frage gibt, gehe von der aus, die mit den wenigsten Vermutungen auskommt“) eines der bis heute wichtigsten Werkzeuge der wissenschaftlichen Methodik entwickeln.

Albert der Große (Albertus Magnus) und sein Schüler, Thomas von Aquin fassen bis zum Ende des 13ten Jahrhunderts das bis dahin gesammelte Wissen des Abendlandes über Naturphilosophie (Albert) und Theologie (Thomas) in ihren Hauptwerken zusammen.

Die Kirche macht hierbei einen sehr deutlichen Unterschied zwischen theologischen Fragen, bei denen die Bibel (und deren Auslegung durch die Kirche) als absolute, unumstößliche Wahrheit zu betrachten ist und naturwissenschaftlichen Fragen, bei denen die Aussagen der Bibel durchaus als rein symbolisch betrachtet werden dürfen.

1230 schrieb der Ministeriale Eike von Repgow das überlieferte Stammesrecht der Sachsen in deren Sprache nieder und verfasste damit das erste Gesetzbuch in deutscher Sprache.
Der Sachsenspiegel wird in der folge vielfach kopiet und auch andere Autoren beginnen nach seinem Vorbild die Gewohnheitsrechte ihrer jeweiligen Heimat niederzuschreiben.
Einige seiner Regelungen finden sich bis heute im Bürgerlichen Gesetzbuch.

Gleichzeitig wird an den Universitäten aber auch das überlieferte „römische Recht“ gelehrt, dass zunächst in der kirchlichen Rechtsprechung Anwendung findet, bis zum Ende des Mittelalters aber das alte Gewohnheitsrecht (oft gegen massiven Widerstand der Bevölkerung) verdrängen wird.

In Venedig erfindet ein unbekannter Glasmacher in den letzten Jahrzehnten des 13ten Jahrhunderts die Brille. Zeitzeugen sind beeindruckt von dieser neuen Sehhilfe, die zunächst nur gegen Weitsichtigkeit hilft und sich in den nächsten 100 Jahren langsam zunächst unter der Oberschicht Europas verbreiten wird.

Der ebenfalls aus Venedig stammende Marco Polo erreicht 1275 als päpstlicher Gesandter den Hof des Großkhans in Peking.
Er ist nicht der erste und nicht der letzte Europäer, der China bereist, aber er ist der einzige, der nach seiner Rückkehr einen ausführlichen und faszinierenden Reisebericht verfasst.
Sein Buch „Von den Wundern der Welt“ wird schon vor der Erfindung des Buchdrucks ein Bestseller und er selbst zur Legende.

Aus der zweiten Hälfte des 13ten Jahrhunderts stammen ebenfalls die ersten Erwähnungen des Schwarzpulvers in Europa, einer ursprünglich chinesischen Erfindung, die ziemlich sicher über die Eroberungszüge der Mongolen in die arabische Welt und von dort nach Europa gelangt war.
Das 14te Jahrhundert wird die rasche Entwicklung der ersten europäischen Feuerwaffen sehen.
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In Frankreich

Die Französischen Könige haben von den Kreuzzügen gegen die Katharer zu Anfang des Jahrhunderts immens profitiert. Sowohl durch die Kriegsbeute, als auch durch die Ländereien häretischer Adliger, die von der Krone eingezogen worden sind, ist die wirtschaftliche und politische Macht des Königs immens gestiegen.

Mitte des Jahrhunderts hatte König Ludwig IX, den man schon zu Lebzeiten Ludwig „den Heiligen“ nannte, zwei Kreuzzüge nach Ägypten angeführt und war auf dem zweiten gestorben.
Sein Enkel Phillip der Schöne wird spätestens mit der Unterwerfung des Papsttums unter seine Kontrolle endgültig der mächtigste Mann in Europa.

1297 besetzt er Flandern, das sich im 13ten Jahrhundert zu einem regelrechten Industriegebiet entwickelt hatte. Flandern hat um 1300 die größte Stadtdichte Europas nach Norditalien und ist durch die massenweise Produktion von Handwerksprodukten (vor allem Tuche) und deren Verkauf in die halbe Welt unglaublich reich geworden.

Den Flamen gelingt es zwar zunächst, in der „Schlacht der goldenen Sporen“ vor Kortrijk, ein Französisches Heer vernichtend zu schlagen, schon drei Jahre später müssen sie ihren Widerstand aber nach mehreren schweren Niederlagen aufgeben.

1307 klagt er den mächtigen Ritterorden der Templer diverser Verbrechen (vor allem Ketzerei, Teufelsanbetung und eine Reihe verbotener sexueller Praktiken) an, nachdem in einer Nacht- und Nebelaktion sämtliche Brüder des Ordens in Frankreich verhaftet wurden.
Unter Folter gestehen mehrere Templer die ihnen vorgeworfenen Vergehen.
1314 schließlich wird der letzte Großmeister, Jaques de Molay, verbrannt.

Auch wenn es nur in Frankreich und Teilen Italiens zu wirklichen Verfolgungen kam, ist durch diesen Enthauptungsschlag die Organisationsstruktur des Ordens zerstört.

Phillip zieht das immense Vermögen der Templer ein und ist zudem seine umfangreichen Schulden bei ihnen los.
Der meiste Grundbesitz geht an die anderen Ritterorden (vor allem die Johanniter), die zudem trotz Verbot viele ehemalige Templer bei sich aufnehmen.

Der Papst ist von der Unschuld der Templer überzeugt, beugt sich aber Phillip, der ihn politisch in der Hand hat.

Auch im Rest Europas ist die Auflösung der Templer ein Skandal und wird überwiegend als der politische Schauprozess empfunden, der er war.

Aber nicht nur politisch, sondern auch kulturell ist Frankreich um 1300 führend in Europa und das schon seit mindestens 2 Jahrhunderten.
Der europäische Adel spricht als Verkehrssprache untereinander Französisch, man kopiert die französische Mode, die französische Musik (der deutsche Minnesang hatte seine Ursprung in der Musik der Troubadoure Aquitaniens) und die französische Küche. Selbst die großen deutschsprachigen Ritterepen über Artus und seine Tafelrunde erzählen mehrheitlich die Geschichten französicher Dichter (allen voran Cretien de Trois) neu.
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In England

England hat nach zwei außergewöhnlich schwachen Königen (John I. den man als den Schurken aus den Geschichten von Robin Hood kennt und der nach dem Tod seines Bruders Richard 1199 tatsächlich doch noch König geworden war und dessen Sohn, Henry III.), unter denen es der adligen Mittelschicht gelang eine schriftliche bestätigung ihrer Rechte *und* eine ständige Beteiligung an der Regierung in Form des englischen Parlaments zu erzwingen, wieder einen starken aber auch rücksichtslosen Herrscher.

Edward I. saniert die Finanzen der Krone, indem er bis 1290 sämtliche in England lebenden Juden ausweist und ihren Besitz konfisziert.

1284 hatte er Wales erobert und 1301 die Tradition begründet, dieses Fürstentum grundsätzlich dem aktuellen Thronfolger zu unterstellen (daher ist heute noch prince Charles der „prince of wales“).

Heute kennt man ihn aber vor allem für den Konflikt mit Schottland. Dort hatte er in den 1290ern in einem Streit innerhalb des schottischen Adels um die Thronfolge zunächst die Ansprüche eines schwachen Kandidaten unterstützt, den er leicht von England aus kontrollieren konnte und das Land schließlich doch einfach selbst besetzt.

Um 1300 üben die Schotten jedoch gewaltsam Widerstand gegen die englische Herrschaft. Einer ihrer wichtigsten Anführer zu dieser Zeit ist William Wallace, dessen Geschichte in dem Hollywood-Film „Braveheart“ verarbeitet wurde, welcher sich allerdings höflich ausgedrückt nur SEHR grob an den tatsächlichen Ereignissen und Personen anlehnt.
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In Italien

Nach dem Ende der Staufer und damit auch dem Ende der ernstzunehmenden Versuche römisch-deutscher Könige reale Regierungsgewalt in Italien auszuüben, haben die ebenso reichen wie mächtigen Stadtrepubliken schnell das Machtvakuum in Norditalien gefüllt.

Die Norditalienischen Städte beherrschen die Seewege und den Handel im östlichen Mittelmeer und versorgen den Rest Europas mit Waren aus dem Orient, von exotischen Früchten und Gewürzen über Seide und Baumwolle bis zu edlen Steinen und Metallen.
Insbesondere Genua und Venedig beherrschen um 1300 einen Großteil der Inseln des östlichen Mittelmeeres und haben sogar Kolonien als Handelsposten an den Küsten des schwarzen Meeres gegründet.

Das Ringen zwischen den einzelnen Stadtstaaten um land und Macht wird für die nächsten Jahrhunderte die Politik Norditaliens bestimmen. Es ist die große Zeit der Condottieri. Söldneranführer, die ihre Truppen an die Städte vermieten oder auf eigene Rechnung plündern.
Die Städte verachten diese Männer für die der Krieg vor allem ein einträgliches Geschäft ist, aber ohne sie kann keine Stadt lange gegen die Konkurrenz bestehen. Ein Paar Condottieri steigen sogar selbst zu Stadtherren auf.

Nach dem schwarzen Tod Mitte des 14ten Jahrhunderts wird bei der Oberschicht dieser reichen Städte eine neue Bewegung aufkommen, die die Verehrung der Antike, die schon das Mittelalter geprägt hat, auf die Spitze treibt: Die Renaissance.
Die Reichen und Mächtigen versuchen nun, die Kunst der Antike (ob Dichtung, Bildhauerei, Architektur oder Malerei) so exakt wie möglich nachzuahmen, um den verehrten antiken Vorbildern im Geist so nahe wie möglich zu sein.

Nördlich der Alpen wird sich diese Bewegung erst 150 Jahre später, mit dem Beginn der frühen Neuzeit, durchsetzen.

Es werden die Anhänger dieser Bewegung sein, die als erste den Begriff „Mittelalter“ prägen… und damit die vorangegangenen Jahrhunderte zu einer traurigen und wertlosen Lücke zwischen zwei goldenen Zeitaltern abwerten. Ein unfaires Urteil, das sich leider bis heute in den Köpfen hält.

Auf Sizilien hatte zunächst Charles von Anjou im päpstlichen Auftrag die letzten Staufer entmachtet und sich schließlich 1254 in Neapel zum König krönen lassen.

Seine Missachtung der alten sizilianischen Gesetze, außergewöhnlich schwere Besteuerung und die klare rechtliche und wirtschaftliche Besserstellung der von ihm ins Land geholten Franzosen bringen die Bevölkerung aber sehr schnell gegen ihn auf.

In der „sizillianischen Vesper“ 1282 töten Aufständische innerhalb einer Nacht im ganzen Königreich hunderte von Franzosen und vertreiben in der Folge den Rest.
Um sich vor Charles zu erwartender Rache zu schützen bietet der sizilianische Adel Peter III. Herrscher des spanischen Königreiches Aragon die Krone Siziliens an, die dieser auch annimmt.

Der folgende militärische Konflikt zwischen Aragon und Anjou endet schließlich in einem Kompromiss:
Charle behält das süditalienische Festland, das fortan als Königreich Neapel bezeichnet wird, während Aragon über die Insel Sizilien herrscht.

Süditalien hatte in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder unter wechselnder Herrschaft von Byzantinern, Arabern, Normannen, Staufern, Franzosen und jetzt dem Königreich Aragon gestanden. So hatte sich das Königreich Sizilien zu einem Schmelztigel der Kulturen und einem wichtigen Knotenpunkt im Handel wie im kulturellen Austausch zwischen den ans Mittelmeer grenzenden Kulturen entwickelt.

Diese Multikulturalität bewahrt sich Sizilien auch unter den neuen Herrschern aus Spanien.
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In Spanien

Die „Reconquista“, die militärische Rückeroberung der im 8ten Jahrhundert von den Muslimen eroberten spanischen Halbinsel, ist um 1300 nahezu abgeschlossen. Nur ganz im Süden hält sich noch das Emirat von Granada, das erst 1492 erobert werden wird.

Die wichtigsten christlichen Königreiche in Spanien sind um 1300 Portugal, das ungefär seine heutige Ausdehnung hat, Kastilien, das den Großteil der Halbinsel beherrscht und Aragon im Osten, das bis 1300 die Herrschaft über weite Teile des westlichen Mittelmeeres erlangt hat und hervorangende wirtschaftliche wie politische Beziehungen zu den muslimischen Barbareskenstaaten Nordafrikas unterhält.

Das friedliche Miteinander und der fruchtbare Austausch zwischen Christen, Juden und Muslimen, die sich unter der muslimischen Herrschaft entwickelt hatten, bleibt zunächst auch unter den Christlichen Herrschern weitgehend erhalten.
Erst nach der Vereinigung Kastiliens und Aragons Ende des 15ten Jahrhunderts durch die Hochzeit der „katholischen Könige“ Ferdinand und Isabella werden alle Nichtchristen aus Spanien vertrieben oder zur Taufe gezwungen.

In ganz Europa bekannt ist Spanien vor allem für seine Pferde, die Vorfahren der heutigen PRE und Andalusier. Ein Kastilisches Streitross ist der Ferrari seiner Zeit und der Traum eines jeden Adligen. Selbst in den Ritterromanen der Artusepik reiten die Helden fast ausnahmslos Kastilianer.
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In Byzanz

Das Oströmische Reich hatte die Jahrhunderte seit dem Fall seines westlichen Gegenstückes mit einem ständigen Abwehrkampf an allen Fronten gegen die Muslime und die Völker des Balkans verbracht und trotz gelegentlicher Erfolge und Siege insgesamt stetig an Gebiet verloren.

1204 hatte der Versuch eines byzantinischen Thronanwärters, die bei den Venezianern hoch verschuldeten Truppen des vierten Kreuzzuges als Söldner anzuheuern, um seinen Thronanspruch durchzusetzen, in einer absoluten Katastrophe geendet, als er den für die Hilfe der Kreuzfahrer versprochenen Lohn nicht zahlen konnte und diese ihn daraufhin absetzten, seine Stadt plünderten und ein eigenes „Lateinisches Kaiserreich“, sowie mehrere kleinere Herrschaften errichteten, während Venedig nicht nur seinen Hauptkonkurrenten los war, sondern zudem mehrere Städte und Inseln mit wichtigen Häfen besetzte.

Zwar war es dem Kaiserreich von Nikaia, einem Gebiet in Kleinasien, das unter der Herrschaft Byzantinischer Adliger geblieben war, 1261 gelungen, die Hauptstadt Konstantinopel wieder zurück zu erobern und die Lateiner zu vertreiben, aber erholen würde sich Ostrom von diesem Schlag nicht mehr.

Um 1300 reißt ein türkischer Heerführer im Dienste der Seldschuken die Herrschaft über ein kleines Gebiet in Kleinasien an sich und begründet eine Dynastie, die seinen Namen trägt: Osman.

Das Osmanische Reich wird sich in weiteren Verlauf der Geschichte schnell ausdehnen, weite Teile Kleinasiens, des Balkans und Griechenlands erobern, bis es schließlich 1453 Konstantinopel erobert. Diesmal endgültig.
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Die Mongolen

Es ist unmöglich, eine Geschichte des 13ten Jahrhunderts zu erzählen, ohne die Mongolen zu erwähnen.

1206 vereinigte das Stammesoberhaupt Temudschin sämtliche reiternomadischen Völker der zentralasiatischen Steppe unter seiner Herrschaft.
Bekannt geworden ist er aber nicht unter seinem Namen, sondern unter seinem Titel: Dschingis Khan.


In den nächsten 20 Jahren bis zu seinem Tod eroberte er ein Weltreich, das vom Norden Chinas bis zum kaspischen Meer reichte.
Seine Söhne und Enkel dehnten das Reich weiter aus, bis es ganz China, Persien und Russland umfasste.

Mongolische Heere, die Mitte des Jahrhunderts in Osteuropa einfielen, vernichteten 1241 ein polnisch-deutsches Heer in der Schlacht bei Liegnitz und im selben Jahr ein ungarisches in der Schlacht am Sajo Fluss.

Nur der überraschende Tod von Großkhan Ögedei verschaffte Europa eine Atempause, da die siegreichen Heerführer nach Hause zurückkehrten, um an der Wahl seines Nachfolgers Teilzunehmen.
Und diese Pause wurde genutzt, denn spätere mongolische Angriffe auf Ungarn und Polen konnten erfolgreich abgewehrt werden.

Zwei Angriffe der Mogolen auf Japan 1274 und 1281 wurden nur deshalb abgeweht, weil beide Male ein verheerender Taifun den Großteil der mongolischen Flotte versenkt.
Die Japaner nannten diese Taifune Kami-Kaze („göttlicher Wind“), ein Name, der in der jüngeren Geschichte noch zu trauriger Berühmtheit gelangen sollte.

1258 zerstörten die Mongolen die Millionenstadt Bagdad, wurden aber 1260 von den Mameluken unter dem in der muslimischen Welt bis heute berühmten Sultan Baibars in der Schlacht von Ain Dschalut besiegt, sodass die Ausdehnung ihres Reiches am Euphrat zum stehen kam.

Die Auswirkungen des Mongolensturms auf Eurasien sind, höflich ausgedrückt, widersprüchlich:

Auf der einen Seite haben die, selbst für die Verhältnisse der Zeit, mit äußerster Brutalität geführten Eroberungszüge der Mongolen einen extrem hohen Blutzoll in den eroberten Gebieten gefordert und bei Ereignissen wie der Zerstörung Bagdads gingen unmessbare Kulturschätze verloren.

Auf der anderen Seite ermöglicht die „pax mongolica“, also der Frieden innerhalb des mongolischen Machtbereiches, einen nahezu ungehinderten Verkehr von Waren und Wissen in vorher nicht dagewesenem Ausmaß.
Zudem gilt im Reich des Großkhans Religionsfreiheit und solange die unterworfenen Völker ihre Tribute entrichten, dem Khan Heerfolge leisten und seine Gesetze einhalten, können sie ihre inneren Angelegenheiten regeln, wie immer sie wollen.

Doch um 1300 ist das mongolische Weltreich schon wieder in Auflösung begriffen:

Schon nach dem Tod Dschingis Khans war das Reich unter seinen Söhnen aufgeteilt worden, doch sollten alle dem Befehl und Gesetz des Großkhans unterstehen.
Sein 1294 verstorbener Enkel Kublai Khan, an dessen Hof Marco Polo in den 1270ern zu Gast war, ist allerdings der letzte Großkhan, der eine tatsächliche Befehlsgewalt über die Khane der anderen Teilreiche ausüben konnte.

In China und Persien nehmen die mongolischen Eroberer schnell die Kultur der Eroberten an und werden schließlich einfach zu einer weiteren Herrscherdynastie.

In Russland allerdings bleiben die Mongolen der Goldenen Horde unter sich, siedeln hauptsächlich im Gebiet der Krim und entsenden Statthalter an die russischen Fürstenhöfe, welche die Einhaltung des mongolischen Gesetzes, die Leistung von Tributen und die Heeresfolge überwachen.
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Und damit will ich es an dieser Stelle gut sein lassen.

Es hätte bestimmt noch sehr viel mehr interessantes zu erzählen gegeben und vieles ist hier mit Sicherheit viel zu oberflächlich und allgemein beschrieben worden, aber ich wage dennoch zu hoffen, dass dieser Text seinen Heuptzweck erfüllt:
Die für sich genommen erstmal ziemlich nichtssagende Jahreszahl 1300 für den Leser mit Inhalt zu füllen.

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