Mehr falsche Freunde

Nachdem mein letzter Beitrag zu diesem Thema ziemlich gut aufgenommen wurde, möchte ich hier 6 weitere „falsche Freunde“ vorstellen, also Wörter, die in einem mittelalterlichen Kontext etwas deutlich anderes meinen als heute und damit für Misverständnisse sorgen können.

(Wie immer beziehen sich die Aussagen, so nicht anders angegeben, primär auf das 13te Jahrhundert).

Wirt

Unter einem Wirt verstehen wir heute den Besitzer und/oder Leiter einer Kneipe oder eventuell noch einer kleinen Pension.
Jemanden also, der Gäste „bewirtet“.

Und hier liegt auch schon die Verbindung zur mittelalterlichen Bedeutung dieses Wortes:
Die Aufnahme von Gästen, sowie die Sorge um deren Wohlergehen und Unterhaltung oblag dem Hausherren. Und eben dieser wurde im Mittelalter auch als „Wirt“ betitelt.
Ob vom Autor des Bayrischen Landfriedens, der um 1240 den Hauswirten bestimmte Sonderrechte gegenüber der übrigenen Landbevölkerung zugestand, oder von Walter von der Vogelweide, der trotz seines Ruhmes als mittelloser fahrender Musiker vom Hof eines Gönners und Förderers zum nächsten zog und dabei klagte, wie viel lieber er doch Wirt wäre, als immer nur Gast.

Erst in späterer Zeit wurde aus dem Begriff für das Oberhaupt einer Hausgemeinschaft ein Wort, das heute nurnoch die Funktion des selben als Gastgeber bezeichnet.

Bürger

Unter einem Bürger verstehen wir heute den mit allen Rechten und Pflichten ausgestatteten Angehörigen eines Staates oder einer Stadt.
Vor Abschaffung der Adelsprivilegien 1918 bezeichnete man die normale Bevölkerung im Gegensatz zum Adel als Bürger.

Unter Bürgern im Mittelalter stellen sich die meisten Menschen heute die Bewohner einer damaligen Stadt vor.
Das ist aber nicht ganz richtig:

Tatsächlich war nur eine Minderheit der Einwohner einer mittelalterlichen Stadt auch „Bürger“.
Nur, wer diesen Status innehatte, konnte gewisse Rechte in Anspruch nehmen:

So verteidigte das städtische Gericht etwa Bürger, die von Außenstehenden verklagt oder eines Verbrechens beschuldigt wurden.
Wurden sie in der Fremde gefangen gehalten, verhandelte die Stadt über ihre Freilassung und zahlte wenn nötig Lösegeld.
Nur Bürger kamen für öffentliche Ämter infrage.
Vor allem aber durften nur Bürger sich einer Zunft anschließen und in der Stadt selbstständig einem Gewerbe nachgehen.

Der Großteil der Stadtbewohner waren neben Kindern von Bürgern, Mägde, Knechte, Lehrlinge und Gesellen, sowie die große Schar der Tagelöhner, Bettler, Kriminellen und Prostituierten.

Wer von diesen Einwohnern als Angestellter oder Verwandter im Haushalt eines Bürgers lebte, profitierte zumindest aus zweiter Hand von dessen Privilegien.

Um Bürger zu werden, musste man mehrere Grundbedingungen erfüllen. So musste man ehelich geboren und katholisch sein, einen guten Ruf, keine Schulden und ein gewissen Mindestvermögen haben. Abhängig vom Vermögen musste man den Besitz bestimmter Waffen und Rüstungsteile nachweisen.
Man musste ein Bürgergeld zahlen und einen Eid leisten, der Stadt immer nützen, niemals schaden und ihre Gesetze sowie die Gesetze des Stadtherren einhalten zu wollen.

Bauer

Ähnlich wie bei dem Begriff „Bürger“ meinte auch „Bauer“ im Mittelalter keineswegs die Gesamtheit der auf dem Land oder auch nur von der Landwirtschaft lebenden Bevölkerung, sondern allein den Hausherren, das Oberhaupt eines Hofes, sowie dessen Frau, die Bäuerin.

Die Masse an Knechten, Mägden, aber auch Handwerkern waren zwar Landbevölkerung, aber keine Bauern.

Liebe

Ein Zeitungsartikel, den ich vor einiger Zeit las, sprach ganz gerührt von den wunderschönen Liebesbriefen, die südfranzösische Mönche an ihre Mitbrüder geschrieben hätten.
Ein Beleg für offen gelebte Homosexualität hinter Klostermauern?
Leider nicht ganz.

Das Wort „Liebe“ konnte ursprünglich eine Vielzahl an Bedeutungen haben.

Das Altgriechische etwa kennt vier verschiedene Begriffe für Liebe von der Liebe für die eigene Familie (storge), der Liebe zu engen Freunden (filia), der romantischen oder körperlichen Liebe (eros) und der bedingungslosen allgemeinen Menschenliebe (agape).

Dieses Bedeutungsspektrum hatte das Wort Liebe auch im Mittelalter noch nicht verloren.
So muss man stets auf den Kontext einer Textstelle achten, wenn man wissen will, ob die Worte „ich liebe dich“ nun einer romantischen Beziehung oder schlicht einer engen Freundschaft entspringen.
Bei den Briefen der südfranzösischen Mönche ist Letzteres wohl deutlich wahrscheinlicher.

Arbeit

Als der heute unbekannte Autor des Nibelungenliedes im Vorwort seines Werkes ankündigte, „von helden lobebæren, von grôzer arebeit“ berichten zu wollen, meinte er damit nicht, dass die Helden der Geschichte eine große Menge Arbeit im heutigen Wortsinn vor sich hätten.

Das mittelhochdeutsche Wort „arebeit“ bedeutet „Last, Mühsal, große Anstrengung“ und solche standen den Figuren des Nibelungenliedes ohne Zweifel bevor.

Das neutrale Wort für das, was wir heute unter Arbeit verstehen, war im Mittelalter „Werk“ (vergleiche das englische Wort „work“).

Ich finde es bezeichnend, dass wir dann später angefangen haben, unser tägliches Werk nurnoch als „Last, Mühsal und große Anstrengung“ zu bezeichnen…

Gruß

Fordert der Bayer mit seinem „grüß Gott!“ mich auf, dem lieben Gott einen schönen Gruß auszurichten, wenn ich ihn das nächste Mal sehe?

Unter einem Gruß verstehen wir heute eine reine Höflichkeitsgeste bei der Begegnung zweier oder mehrerer Menschen.

Ursprünglich bedeuten aber sowohl das Wort „Gruß“, als auch die Sitte des Grüßens sehr viel mehr:

Im Mittelhochdeutschen bedeutet ein „Gruß“ auch immer einen Segenswunsch. Die allermeisten unserer heutigen Grußformeln beinhalten ja auch immer noch einen solchen.

Eine Begrüßung enthält mehrere symbolische Handlungen, die allesamt Frieden signalisieren und die Athmosphäre zwischen den Grüßenden entspannen sollen.
Meist handelt es sich um eine Geste, die Friedfertigkeit symbolisiert, etwa die Verneigung, bei der man sich bewusst kleiner macht, als der Gegenüber (mit dem Kniefall als Steigerung), das Präsentieren der offenen (also weder zur Faust geballten, noch eine Waffe haltenden) Hand, das Entblößen des verwundbaren Kopfes durch das Lüften der Kopfbedeckung (oder die Andeutung des Lüftens der Kopfbedeckung durch Antippen derselben) oder die Symbolisierung von Verbundenheit durch die Herstellung von Körperkontakt (Hand geben, Umarmung und als finale Steigerung der Friedenskuss).
Der verbale Segenswunsch ans Gegenüber ist somit nur eine weitere Ebene dieser friedenstiftenden Absicht.

Die Verbindung des verbalen Grußes mit einem Segenswunsch begenet uns etwa im Anfang des 13ten Jahrhunderts geschriebenen „Parzival“, in dem der namensgebende Hauptcharakter von seiner Mutter den Rat bekommt, ja jedem, den er auf seinen Reisen trifft, einen Gruß zu entbieten, was dieser auch tut und wofür sich die Begrüßten stets ausdrücklich bedanken.

Wo dem modernen Leser diese Reaktion auf eine simple Höflichkeitsfloskel seltsam übertrieben vorkommt, macht sie als Reaktion auf einen Segenswunsch durchaus Sinn.

Und auch die Formel „grüß Gott“ versteht man mit diesem Hintergrundwissen nun besser, insbesondere, wenn man dann noch weiß, dass es sich um die Verkürzung von „grüß di Gott“ handelt – „Gott segne dich“.

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