Feuer und Schwert – Die katholische Kirche und die Gewalt

Unser heutiges Bild der mittelalterlichen Kirche und des mittelalterlichen Christentums insgesamt ist das von einer Organisation wahnsinniger Fanatiker.
Menschen, die aus schierem Hass alles unterdrückten und vernichteten, was auch nur im mindesten von ihrem Glauben abwich.

Zwangschristianisierung, Kreuzzüge, Inquisition, Hexenverbrennungen und Unterdrückung der Wissenschaft… Die Kirche gilt heute als eine der grausamsten und brutalsten Organisationen der Weltgeschichte.
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An dieser Stelle vorneweg ein kleiner Disclaimer:
Die katholische Kirche hat ohne Zweifel in ihrer langen Geschichte unzählige Male rohe Gewalt genutzt, um ihre Macht zu vergrößern und/oder zu erhalten.
Es ist nicht Ziel dieses Beitrages, diese Tatsache zu leugnen oder gar zu entschuldigen.

Stattdessen soll dieser Beitrag die Machtpolitik der Kirche in ihrem historischen Kontext betrachten und so ermitteln, ob es wirklich blinder fanatischer Hass auf alles Abweichende war, der ihr Handeln bestimmte, oder ob doch andere Gründe vorlagen.
Zudem soll dieser Beitrag aufzeigen, inwiefern die Kirche bei ihrem Machtausbau und -Erhalt brutaler, grausamer und gewalttätiger vorging als andere Machthaber ihrer Zeit oder anderer Zeiten.
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Christianisierung
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Zunächst muss man sich klarmachen, wie die katholische Kirche überhaupt derart mächtig wurde:

Als in den Krisen der Spätantike und der Völkerwanderung die Staatliche Verwaltung und Regierung im römischen Reich mehr und mehr zusammenbrach, waren es die Bischöfe, die in ihren Residenzstädten diese liegengelassenen öffentlichen Aufgaben wieder aufnahmen und zumindest in einem gewissen Maße für Kontinuität, Recht und Ordnung sorgten.

Außerhalb der Bischofsstädte bauten sich die germanischen Heerführer neue Reiche in den Trümmern des Imperiums auf. Aber ohne den massiven Verwaltungsapparat Roms war ihre reale Macht sehr begrenzt.
Sie konnten nur einen geringen Teil ihres Herrschaftsgebietes direkt kontrollieren. Durch Vögte, die ihnen Rechenschaft schuldeten und Steuern für sie eintrieben.
Nur aus diesem so genannten Hausgütern (oder „Domänen“) hatten sie Einnahmen.

Den Rest ihres Gebietes übertrugen sie als Lehen kleineren Machthabern, „Vasallen“ genannt, die ihnen zu Treue verpflichtet waren, in dem ihnen übertragenen Gebiet für Ruhe und Ordnung sorgen, es gegen Feinde verteidigen und je nach Größe des Lehens eine bestimmte Anzahl Kämpfer ausrüsten, ausbilden und selbst anführen mussten, wenn ihr Lehnsherr sie brauchte, ansonsten aber weitgehend uabhängig waren und nicht zuletzt sämtliche Einnahmen aus ihrem Lehen behalten konnten.
Vasallen mit großen Lehen vergaben ihrerseits wiederum alles Gebiet, dass sie nicht direkt verwalten konnten, an eigene Vasallen.

Kurzgesagt: Sowohl die Kontrolle über ihr Herrschaftsgebiet als auch die wirtschaftlichen Mittel der weltlichen Machthaber waren sehr begrenzt, da sie beides mit einer sehr breiten Mittelschicht teilen mussten.

Diese Situation machte die Kirche mit ihren aus der Antike übernommenen Verwaltungsstrukturen und ihrem europaweit straff organisierten Netzwerk zu einem extrem wertvollen Verbündeten.

Nur die Kirche hatte die Ressourcen, wichtige soziale Aufgaben, wie die Kranken- und Armenfürsorge zu übernehmen. Ihre Klöster bildeten Priester aus, die aufgrund ihrer Ausbildung zusätzlich als Notare, Chronisten und Schriftführer fungierten, ob in der Kanzlei eines Fürstenhofes oder einer Dorfkirche.

Auch politisch war die Kirche ein mächtiger Verbündeter:
Wurde ein Vasall oder ein Bündnispartner eidbrüchig, blieb einem Herrn normalerweise nur übrig, mit militärischer Gewalt oder zumindest der Androhung der selben zu antworten.
War der Eid aber zwischen Katholiken geschlossen und damit auf Gott, seine Heiligen und die Bibel geleistet worden, machte sich ein Eidbrecher nicht nur denjenigen zum Feind, dem er den Eid geleistet hatte, sondern auch die Kirche.
Diese konnte nun ihrerseits alle katholischen Untertanen und Verbündeten des Eidbrechers von ihren Eiden ihm gegenüber entbinden.

Diese Möglichkeit, die Einhaltung von Bündnissen und Eiden tatsächlich durchzusetzen, überzeugte die meisten Machthaber Europas im Laufe des Frühmittelalters, mitsamt all ihrer Untertanen (auch gegen deren Willen) den katholischen Glauben anzunehmen.

Aus dem selben Grund wurden auch die verbliebenen heidnischen Völker Europas wie Sachsen, Slawen, Pruzzen und andere Eines nach dem Anderen im Verlauf des Mittelalters bekehrt, ob durch Mission oder Zwang, um in deren bis dahin nur durch sehr lockere Stammesverbände geordneten Gebiet mithilfe der Kirche zumindest für eine gewisse politische Stabilität zu sorgen und dem ständigen Guerillakrieg aus gegenseitigen Überfällen und Raubzügen an den Grenzen ein Ende zu machen.
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Es waren also vor allem ganz pragmatische Gründe, die dazu führten, dass das katholische Christentum in Europa zur dominanten Religion wurde, nicht blinder Fanatismus.

Das kann die gewaltsame Zwangsbekehrung ganzer Völker natürlich nicht im Ansatz entschuldigen oder gar rechtfertigen, lässt uns aber verstehen, warum nach besagter Zwangsbekehrung heidnische Bräuche und Feiertage weitestgehend bestehen blieben, nur mit einem neuen christlichen Anstrich und einer neuen christlichen Deutung versehen.
Weil es die Machthaber Europas nicht wirklich interessierte, was ihre Untertanen tatsächlich glaubten oder im stillen Kämmerlein taten, solange sie die Verwaltungsstrukturen, die Ressourcen und das politische Gewicht der Kirche nutzen konnten.

Und so macht es auch plötzlich Sinn, dass ausgerechnet während der Kreuzzüge, die ja nun wirklich ganz offiziell als „heiliger“ Krieg im Namen und Auftrag Gottes geführt wurden, die Bevölkerung des heiligen Landes NICHT zwangsbekehrt wurde.

Denn hier hatten die muslimischen Eroberer den oströmischen Beamtenapparat und die Verwaltungsstrukturen übernommen, die den Krisen der Spätantike wesentlich besser standgehalten hatten, als im weströmischen Reich.
Und auch die Kreuzfahrer übernahmen diese Strukturen praktisch unverändert, weshalb es nicht notwendig war, die Lokalbevölkerung zwangsweise in den katholischen Glauben und damit in die Kirchliche Verwaltung zu integrieren.
Die Kreuzfahrerstaaten waren zerbrechlich genug, auch ohne regelmäßige Rebellionen zu provozieren.

Womit wir auch beim nächsten großen Thema wären:
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Die Kreuzzüge
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Die Kreuzzüge sind eines dieser Themen, zu denen man meist nur zwei verschiedene Interpretationen zu lesen oder hören bekommt. Beide zwar einander entgegengesetzt, aber gleichermaßen extrem, einseitig und falsch.

In der traditionellen Wahrnehmung werden die Kreuzzüge als das große Verbrechen des Christentums und des Westens ganz allgemein betrachtet, ein mittelalterlicher Vorläufer des späteren Kolonialismus, bei dem es den fanatischen Europäern nur darum ging, möglichst viel Beute zu machen und im Namen Gottes möglichst viele Ungläubige zu töten.

Dem entgegen wird in letzter Zeit häufig das Bild der Kreuzzüge als reine Selbstverteidigung des Westens gegen die muslimische Bedrohung und Hilfe für das von den Türken bedrängte Byzanz sowie die verfolgten Christen im nahen Osten gezeichnet, gerne (wenn auch nicht immer) in Verbindung mit einer mehr oder weniger subtilen Anspielung auf die Ansicht, dass eine solche Selbstverteidigung auch heute wieder notwendig sei.

Beide Narrative haben gemeinsam, dass sie eine hochkomplexe Reihe von Konflikten auf ein simples Schwarz/Weiß-Schema reduzieren, in dem es eine gute und eine böse Seite gibt.

Zudem betrachten beide Narrative die Geschichte vor allem durch die Brille moderner politischer Weltanschauung. Das erste durch die Schuldgefühle des Westens für Kolonialismus und Imperialismus, das zweite durch die Angst vor einer angeblich drohenden Islamisierung des Abendlandes.
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Nüchtern betrachtet waren die Kreuzzüge schlicht und ergreifend Eroberungskriege.

Dabei gingen die Christlichen Armeen nicht mehr und nicht weniger grausam und brutal vor, als ihre Gegner oder als Armeen in fast allen Kriegen der Weltgeschichte.

Oft wird auf die Eroberung Jerusalems durch die Christen 1099 verwiesen, die nach der Erstürmung der Stadt alle Bewohner restlos abschlachteten. Dies wird mit der Einnahme der Stadt durch Saladin 1187 verglichen, bei der die Stadt nicht geplündert wurde und die Bewohner am Leben gelassen wurden (auch wenn diejenigen, die kein Lösegeld aufbringen konnten, versklavt wurden).

Was dabei gerne vergessen wird, ist, dass es in Europa wie im nahen und mittleren Osten üblich war, einer Belagerten Festung zwei Optionen zu geben:
Ergab sich die Festung freiwillig, wurden die Bewohner und ihre Besitz geschont. Mussten die Belagerer die Festung aber im Sturm nehmen (was extrem riskant und selbst bei Erfolg immer mit hohen Verlusten verbunden war), wurde diese daraufhin zur brutalen Plünderung freigegeben.

Zum Einen war dies eine schiere Notwendigkeit, weil die Kämpfer der Belagerungsarmee auf dem „Recht“ der Plünderung bestanden, als Entschädigung und Rache für den gefährlichen und verlustreichen Sturm. Ein Heerführer, der seinen Truppen dies verwehrter (so er überhaupt in der Lage war, es zu verhindern) konnte sicher sein, dass niemand ein zweites Mal bereit sein würde, für ihn eine Festung zu stürmen.

Zum Anderen war die Drohung, zur Plünderung freigegeben zu werden, zusammen mit dem Versprechen auf Schonung bei Kooperation natürlich ein nützliches Druckmittel, um die Verteidiger einer Festung zur Kapitualtion zu überreden.

Der Unterschied zwischen den beiden Einnahmen Jerusalems liegt darin, dass sich die Stadt Saladin 1187 freiwillig ergab, den Kreuzfahrern fast ein Jahrhundert früher aber nicht.

Insgesamt schenkten sich beide Seiten nichts, was Plünderungen, Massaker an der Zivilbevölkerung und Hinrichtung von Gefangenen betraf.
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Zwischen den Phasen aktiver Kampfhandlungen gab es ausgedehnte Friedensperioden, während denen der Handel und der kulturelle Kontakt zwischen Christen und Muslimen blühte.

Viele Kreuzfahrer übernahmen mit der Zeit Elemente der orientalischen Mode und Lebensweise und viele von denen, die einen Großteil ihres Lebens dort verbracht hatten oder sogar dort geboren worden waren, sprachen wenigstens einige Brocken Arabisch.

Wenn wieder einmal Krieg ausbrach gab es selbstverständlich, wie in jedem Krieg, auf beiden Seiten sehr farbige Propaganda, die den Gegner dämonisieren und entmenschlichen sollte.
Jene, die einer der beiden oben beschriebenen Schwarz/Weiß Deutungen der Kreuzzüge anhänen, erkennen normalerweise die Propaganda der Seite, die sie für die Bösen halten, als solche, halten jedoch die Propaganda der aus ihrer Sicht „Guten“ für absolut glaubwürdig.

Spannenderweise gibt es daneben aber von beiden Seiten genug Zeugnisse von Menschen, die mit großem Respekt von ihrem Gegner sprechen.
Saladin, der Herrscher Ägyptens und Syriens, der den Kreuzfahrern Jerusalem 1187 wieder abnahm, galt in Europa die nächsten paar Jahrhunderte als DAS Ideal eines perfekten Königs und Ritters. Auch bei Wolfram von Eschenbachs Parzival ist der Heide Feirefiz als Halbbruder des Hauptcharakters die Messlatte für einen Ritter und König, die dieser erreichen muss, um sich des Grals als würdig zu erweisen.

Die diplomatischen Beziehungen waren komplex. Es konnte sogar passieren, dass sich einzelne Kreuzfahrerstaaten mit muslimischen Machthabern gegen andere muslimische Reiche oder sogar andere Kreuzfahrerstaaten verbündeten!

Persisches und Indisches Wissen gelangte zu dieser Zeit nach Europa und wurde an den Klosterschulen wie auch an den Universitäten begierig aufgenommen.

Zusammenfassend kann man also sagen: Christen und Muslime waren im heiligen Land meist Gegner.
Die Meinung, die beide voneinander hatten, ist allerdings um Einiges komplizierter und vielschichtiger als: „Wir hassen sie! Töten wir so viele von ihnen, wie irgend möglich!“
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Muslimische Machthaber haben selbstverständlich genauso Eroberungskriege geführt, wie es Christliche Herrscher getan haben. Dennoch ist auch die Verklärung der Kreuzzüge als „Gegenschlag des Abendlandes nach Jahrhunderten der muslimischen Expansion“ nicht wirklich haltbar.

Die Rückeroberung Spaniens und Süditaliens, sowie den ständigen Kampf der Byzantiner in Kleinasien könnte man mit ganz viel gutem Willen noch als Bestrebung sehen, die von Muslimischen Armeen bedrohten Grenzen des Christentums wieder zurück zu verschieben.
Wenngleich es den Christlichen Königreichen in Spanien, den Normannen in Sizilien und den Byzantinern wohl in der Realität weniger um den selbstlosen Schutz ganz Europas vor dem Islam und mehr um den Erhalt und die vergrößerung ihrer jeweiligen Reiche ging.

Aber Jerusalem lag weit hinter sämtlichen aktuell umkämpften Grenzen Europas umgeben von Feindesland und war deshalb nicht nur extrem schwer zu verteidigen sondern auch schwer mit Kämpfern und Nachschub zu versorgen.
Hätten die Kreuzzüge das Ziel gehabt, Europas Grenzen gegen den Islam zu verteidigen, sie hätten das exakte Gegenteil erreicht, indem sie wertvolle Menschenleben und Ressourcen für einen militärisch nutzlosen und auf Dauer unhaltbaren Außenposten weit hinter feindlichen Linien verschwendeten.

Worum ging es also dann?

Der „Casus Belli“, also die offizielle Rechtfertigung, die Papst Urban II. 1095 bei der Synode von Clermont für den ersten Kreuzzug nannte, war dreigeteilt:

Zum Einen hatte der Kaiser von Byzanz den Papst um militärische Hilfe gegen die muslimischen Seldschuken gebeten, einen türkischen Volksstamm, der die Byzantiner 1071 in der Schlacht von Manzikert vernichtent geschlagen und einen großen Teil Kleinasiens erobert hatte.

Zum Anderen hatten die selben Seldschuken 1073 Jerusalem von den Fatimiden, den Muslimischen Herrschern Ägyptens, erobert. Es waren Berichte nach Europa gelangt, dass unter den neuen Herren die im heiligen Land lebenden Christen verfolgt und Pilger aus Europa überfallen wurden.
Diese Berichte weckten Erinnerungen an die schrecklichen Christenverfolgungen und die Zerstörung der Grabeskirche in Jerusalem durch den „verrückten Kalifen“ Al-Hakim 1009.

Diese beiden Punkte waren nichts ungewöhnliches. Einem Bedrängten Reich zu Hilfe zu kommen oder Menschen von Tyrannen und Unterdrückern zu befreien, waren zu allen Zeiten beliebte Vorwände, um einen Eroberungskrieg zu führen.

Tasächlich leisteten die Kreuzfahrer in Konstantinopel zwar einen Eid, sämtliche zurückeroberten Gebiete, die vormals zum oströmischen Reich gehört hatten, wieder der Herrschaft des byzantinischen Kaisers zu unterstellen, brachen diesen Eid aber bald und begannen, sich eigene unabhängige Reiche in der Levante aufzubauen.

Auch mit dem Schutz der einheimischen Christen war es nicht weit her. Genauso wie Juden und Muslime wurden sie in den Kreuzfahrerstaaten zwar nicht aktiv verfolgt, oder an der Ausübung ihrer Religion gehindert, hatten aber dennoch weniger Rechte als katholische Christen. Damit ging es ihnen weder besser noch schlechter als während des überwältigenden Großteils der muslimischen Herrschaft über Palästina.
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Was die Kreuzzüge wirklich von anderen Eroberungskriegen unterschied, war der dritte offizielle Kriegsgrund:
Jerusalem, der heiligste Ort der Christenheit und seit 637 von Muslimen beherrscht, sollte wieder unter christliche Kontrolle gebracht werden.

Dieser offen Religiöse Anlass für einen Krieg war etwas Ungwöhnliches und kennzeichnend für die politische Situation der Kirche im Europa des späten 11ten Jahrhunderts:
Die Organisation der Kirche war nach der Cluniazensischen Reform sehr viel zentralisierter auf Rom und den Papst ausgerichtet, als noch 100 Jahre zuvor.
Der Investiturstreit gegen Kaiser Heinrich IV. hatte die Kirche zudem deutlich unabhängiger von der weltlichen Gewalt gemacht und dem Papsttum zu neuem Selbstvertrauen verholfen.

Mit dem Aufruf zum Kreuzzug vereinte Papst Urban das gesamte katholische Europa unter einem Banner, SEINEM Banner zu einer gemeinsamen großen Unternehmung und stellte sich damit demonstrativ an die Spitze der europäischen Machthaber.
Er tat damit das Selbe, wie viele andere Herrscher vor und nach ihm, die ihre Oberhoheit über andere Machthaber damit begründeten und stärkten, dass sie diese in einen erfog- und ruhmreichen Krieg gegen einen gemeinsamen Feind führten.

Die Motivation des Papstes bestand also weniger aus religiösem Fanatismus, als vielmehr aus klassischer Machtpolitik, wenngleich die Religion sich neben den altbewärten Kriegsgründen als wertvolles Mittel erwies.
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Die Inquisition
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Doch nicht nur gegen Heiden wurden Kreuzzüge geführt, nicht wahr? Was ist mit dem Kreuzzug gegen die Katharer, eine Ketzerbewegung in Südfrankreich Ende des 12. und Anfang des 13. Jahrhunderts?
Ging die Inquisition nicht mit brutaler Gewalt gegen Menschen vor, deren einziges Verbrechen darin bestand, einer anderen Auslegung des Christentums zu folgen?

Um den Umgang der Kirche mit „Abtrünnigen“ aus den eigenen Reihen zu verstehen, müssen wir uns zunächst nocheinmal klarmachen, was ganz am Anfang dieses Beitrages gesagt wurde:
Kirche und Staat waren extrem eng verbunden. Ohne die Organisations- und Verwaltungsstrukturen sowie das europaweite politische Netzwerk der Kirche konnte ein mittelalterlicher Herrscher seinen Machtbereich nicht effektiv kontrollieren.

Unter solchen Bedingungen war ein Austritt aus der Kirche oder eine Auflehnung gegen sie unweigerlich immer gleichzeitig auch ein Akt der Rebellion gegen die weltliche Gewalt.
Und genau so wurde darauf auch reagiert.

Als die Kirche gemeinsam mit dem französischen König zum Kreuzzug gegen die Katharer aufrief, hatten mehrere Fürsten im Süden Frankreichs sich zu deren Glauben bekannt und damit sich und ihre Ländereien für unabhängig nicht nur vom Papst in Rom, sondern auch vom „gottgesalbten“ König in Paris erklärt.
Papst und König drohten beide die Macht über fast die Hälfte Frankreichs zu verlieren und waren sich völlig bewusst darüber, dass das nur der Anfang sein würde, wenn andere unzufriedene oder auch nur selbstbewusst gewordene Untertanen merkten, dass sie nichts gegen Abspaltungen unternahmen.

Will ich die Anwendung von Gewalt zum Erhalt politischer Macht mit diesen Ausführungen verharmlosen oder gar rechtfertigen?
Nein, natürlich nicht.
Aber das Wissen um die Hintergründe lässt uns das Handeln der Kirche besser verstehen und bewerten.
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Mehrere große Kirchenreformen im Laufe des Mittelalters belegen, dass über theologische Fragen durchaus kontrvers diskutiert werden durfte.
Anhänger verschiedener Strömungen wie Scholastiker und Mystiker, Thomisten und Albertiner diskutierten und stritten heftig miteinander.
Und gelegentlich führten diese Diskussionen zu weitgreifenden Veränderungen im Denken und Handeln der Kirche.

Unter Häresie verstand man daher nicht grundsätzlich jede von der Kirche abweichende Meinung, sondern explizit einen Angriff auf die Dogmen, die die Grundpfeiler des kirchlichen Machtanspruches bildeten.

Die apostolische Nachfolge etwa, auf die sich die Vormachtstellung des Bischofs von Rom gegenüber den anderen Bischöfen berief.

Oder die Frage ob die Kirche überhaupt Macht und Reichtüer anhäufen und sich aktiv in die Weltpolitik einmischen durfte, wo doch Christus gesagt hatte, seine Jünger seien kein Teil der Welt und wer ihm nachfolgen wolle, müsse erst seine gesamten Reichtümer hinter sich lassen.

Vor Allem aber die Heiligkeit und Notwendigkeit der Sakramente. Denn wenn ich keinen Priester benötige, der mir nach der Beichte die Absolution erteilt, damit ich in den Himmel komme: Wofür dann überhaupt Priester? Wofür dann überhaupt Kirche?

Ganz strenggenommen war ein Häretiker nicht jeder, der selbst von der kirchlichen Lehre abgewichen war, sondern ausdrücklich jemand, der andere zu Überzeugen versuchte, es ihm gleich zu tun.
Die häufigste Anklage lautete deshalb auch „Verbreiten von Irrlehren“ oder „Predigen ohne kirchliche Erlaubnis“.
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Im Zuge des Vorgehens gegen die Katharer wurde ein neues kirchliches Gerichtsverfahren eingeführt: Die Inquisition.

Das Inquisitionsverfahren verdankt seinen heutigen Ruf vor allem zwei namensgleichen Organisationen, die zu Beginn der frühen Neuzeit gegründet wurden. Der Römischen und der Spanischen Inqisition.
Mit diesen beiden Organisationen hat die mittelalterliche Organisation allerdings nichts zu tun.

Wie schon gesagt, handelte es sich bei ihr um eine neue Art Gerichtsverfahren, bei dem nicht mehr primär Reinigungseide und der gute oder schlechte Ruf des Angeklagten entscheidend waren, sondern vor allem die gründliche Befragung von Zeugen.

Garnicht so wenige Angeklagte wurden aus Mangel an Beweisen frei gesprochen und auch bei den Verurteilten machten Todesurteile nur rund 5% (in Ausnahmefällen bis zu 10%) der Urteile aus.
Sehr viel häufiger waren Geld- oder Gefängnisstrafen und Bußleistungen.

In vielerlei Hinsicht ist die Inquisition der Vorläfer unserer heutigen Gerichtsverfahren. Man könnte sogar soweit gehen, zu sagen, dass heutige Gerichtsverfahren ihrer Form und Methodik nach Inquisitionsverfahren sind.
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Die Kirchenführung war nicht dumm.

Man war sich sehr wohl bewusst, dass der Erfolg der Katharer und anderer keterischer Bewegungen auf real vorhandenen Missständen beruhte.
Im Machtkampf mit den Stauferkaisern hatte die Kirche ihre eigentlichen Hauptaufgaben der Seelsorge und der Fürsorge für Arme und Kranke stark vernachlässigt.
Pfarren blieben oft jahrelang unbesetzt oder wurden nur durch Vikare, also stellvertreter des eigentlich zuständigen Priesters mehr schlecht als recht betreut.

Solange man diese Missstände nicht behob, würde sich trotz aller Androhung von Gewalt immer wieder neuer Widerstand bilden.

So wurde zu Beginn des 13ten Jahrhunderts die Bewegung der Bettelorden stark gefördert, allen voran die aus Italien stammenden Minderbrüder oder Franziskaner, die sich vor Allem der Armenfürsorge widmeten und die aus Spanien stammenden Predigerbrüder oder Dominikaner, die sich vor Allem der Predigt und Seelsorge widmeten und vielfach verwaiste oder vernachlässigte Pfarren übernahmen.
Diese neuen Orden nahmen das eigentlich für alle Mönche geltende Armutideal besonders ernst und schotteten sich im Gegensatz zu den älteren Mönchsorden nicht in ihren Klöstern vonder Welt ab, sondern gingen gezielt in die Städte und damit in die Mitte des gesellschaftlichen Lebens.

Der wichtige Unterschied zu den Katharern, deren Erfolg bei der Bevölkerung ebenfalls nicht zuletzt auf ihrem großen sozialen Engagement basiert hatte, war, dass diese Orden die Grundpfeiler des katholischen Dogmas akzeptierten und sich demonstrativ der Führung des Papsttums unterstellten.
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Unterm Strich bleibt eine Kirche, die mit jenen, die sich gegen ihre Macht auflehnen oder aus ihrer Herrschaft lösen wollten, genauso umging, wie es weltliche Machthaber nicht nur im Mittelalter, sondern auch in der Antike und des größten Teils der Neuzeit taten.

Wir müssen uns beim Thema Ketzerei stets fragen: „Wie hätte wohl ein König reagiert, wenn einzelne seiner Untertanen öffentlich verkündigt hätten, er sei unfähig zu regieren und überhaupt brauche man ja garkeinen König, das Volk könne sich ja schließlich selbst regieren?“

Ich sage es an dieser Stelle nocheinmal: Weder will ich die Machtpolitik der Kirche, noch das durchsetzen und den Erhalt von Macht durch Gewalt rechtfertigen oder beschönigen!

Aber im Vergleich mit anderen Machthabern steht die Kirche nicht als überdurchschnittlich gewalttätig, brutal oder grausam hervor.

Und bevor wir heutigen Menschen selbstgerecht den erhobenen Zeigefinger auf die Vergangenheit richten, sollten wir uns klarmachen, dass auch heute noch bei mehreren ganz konkreten Anlässen kein gesellschaftlicher Konsens besteht, ob eine Region das Recht hat, sich aus einem Staat zu lösen und ob dieser Staat das Recht hat, dies durch Waffengewalt zu verhindern.
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Hexenverfolgung
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Aber was ist mit den unzähligen unschuldigen Frauen, die als angebliche Hexen verurteilt und verbrannt wurden?

Der Glaube an Magie und damit verbunden auch an die Anwendung von Magie zum Schaden Anderer ist Jahrtausende alt. Schon in den antiken Hochkulturen der Griechen und Römer stand Schadmagie unter Todesstrafe und auch bei den Germanen haben wir Hinweise auf ähnliche Gesetze.
Die Angst vor Hexen sowie deren Hinrichtung ist also nichts, was erst mit den abrahamitischen Religionen aufgekommen wäre.

Tatsächlich war es die Kirche, die im Mittelalter lehrte, dass Magie nicht existiert und nur Gott Menschen die Fähigkeit verleihen konnte, Wunder zu wirken!

Die Untersuchung angeblicher Fälle von Hexerei wurde im 13. Jahrhundert offiziell den Inquisitionsgerichten übertragen.
Diese sollten aber nicht von sich aus, sondern nur auf Antrag tätig werden und einerseits untersuchen, ob hinter der angeblichen Magie tatsächlich ketzerische Praktiken steckten (etwa das Anrufen von fremden Göttern oder gar Dämonen), andererseits Personen, die sich als „Hexen“ ausgaben, als schlichte Betrüger entlarven. Nicht zuletzt sollten sie Lynchjustiz durch einen aufgebrachten Mob verhidern.

Bezeichnenderweise endete die überwältigende Mehrheit der kirchlichen „Hexenprozesse“ mit dem dem Freispruch der Angeklagten.
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Das, was wir heute mit dem Begriff Hexenverfolgung verbinden, begann erst ganz am Ende des Spätmittelalters:

Der Beginn der frühen Neuzeit war geprägt von klimatischen, wirtschaftlichen, politischen, rechtlichen und nicht zuletzt sozialen Veränderungen, die für die allermeisten Menschen eine deutliche Verschlechterung ihrer Lebensumstände bedeuteten.

Wie immer in Krisenzeiten suchten die Menschen nach einer einfachen Erklärung für die hochkomplexen Probleme, die sie belasteten und nach jemandem, dem man die Schuld an der Situation geben konnte.
Und wie immer fand man diese Sündenböcke am Rand der Gesellschaft.

Juden, Arme, Fahrende und Behinderte… wann immer der Frust der Menschen ein Ventil suchte, waren sie es, die von der wütenden Menge gejagd und für ihre angeblichen Verbrechen bestraft wurden.
Unter all diesen Gruppen kristallisierte sich aber bald eine besonders heraus: Die Hexen.

Gerüchte (oder wie man heute sagen würde: Verschwörungstheorien) über eine „Hexensekte“, die angeblich europaweit organisiert im Geheimen daran Arbeiten würde, den Menschen so viel wie nur irgend möglich zu schaden, verbreiteten sich rasch, nicht zuletzt durch das neue Medium des gedruckten Flugblattes.

Der Inquisitor Heinrich Kramer bekam vom Papst in den 1480ern den Auftrag, in Süddeutschland nachzuforschen, was an den Gerüchten dran sei und ob sich da eventuell unter dem Deckmantel der Hexerei eine Ketzersekte gebildet hatte, die eine Gefahr für die kirchliche Macht in der Region darstellte.

Doch Kramer ging weit über seinen Auftrag und seine Kompetenzen hinaus.
Die von ihm gehaltenen Hexenprozesse brachen in jeglicher Hinsicht geltendes Recht und schließlich führten massive Proteste aus allen Schichten der Bevölkerung dazu, dass der Bischof von Insbruck ihn des Landes verwies.

Infolge verlor Kramer auch die Unterstützung des Papstes nachdem Berichte über seine Taten nach Rom gelangt waren. Sein Hauptwerk, der 1487 geschriebene „Hexenhammer“ wurde später sowohl von der römsichen als auch von der spanischen Inquisition als „unbrauchbar“ und „unrichtig“ abgelehnt.

Doch der Schaden war bereits angerichtet: Der Hexenhammer und andere ihm ähnliche Schriften waren durch den Buchdruck bereits weit verbreitet.

In den nächsten 200 Jahren würden immer wieder einzelne Fürsten die Angst vor Hexen nutzen, um einerseits ein Ventil für die in der Bevölkerung aufgestaute Wut und Unzufriedenheit zu haben und sich andererseits als Helfer und Beschützer der einfachen Leute gegen die angebliche Bedrohung zu inszenieren.

Doch all das fand weder im Mittelalter, noch auf Betreiben der Kirchenführung in Rom statt.
Die letzte überlieferte Hinrichtung einer Hexe geschah übrigens 1793 in Preußen. Nur 6 Jahre bevor Napoleon Bonaparte als erster Konsul die Herrschaft über Frankreich übernahm…

Im Kontrast dazu wurde in Köln Mitte des 15ten Jahrhunderts die Anklage gegen eine Frau wegen Hexerei mit der im so gennantern Turmbuch erhaltenen Begründung abgelehnt, wer glaube, Frauen würden nachts um Schornsteine fliegen, solle etwas weniger Wein trinken.
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Unterdrückung der Wissenschaft
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Diesem Thema habe ich mich bereits ausführlich in einem eigenen Beitrag gewidmet:
https://inforo1300.wordpress.com/2017/05/10/die-katholische-kirche-und-die-wissenschaft/
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Was bleibt?
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Wenn man alles wegnimmt, was in späteren Jahrhunderten erfunden oder falsch dargestellt wurde und den Rest in den richtigen historischen Kontext stellt, ergiebt sich das Bild einer Kirche, die im Laufe ihrer langen Geschichte eine Menge Dinge getan hat, die aus heutiger Sicht verachtenswerte und abscheuliche Verbrechen sind, die sich darin aber insgesamt nicht mehr und nicht weniger hervorgetan hat, als andere Machthaber neben, vor und nach ihr.

Geschichte ist kompliziert und eignet sich nicht für die Begründung oder Bestätigung von Feindbildern.
Wie in den allermeisten Fällen ist auch das geschichtswissenschaftlich korrekte Bild der Kirche weder schwarz noch weiß, sondern ein hochkomplexes und faszinierendes Mosaik aus unzähligen verschiedenen Grautönen.

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