Stadt ist nicht gleich Stadt


Wenn wir über „die Stadt“, „die Bürger“ oder „die Zunft“ im Mittelalter reden, müssen wir uns immer wieder klar machen, dass es „die Stadt“, „die Bürger“, „die Zunft“ eigentlich garnicht gab.

So herrlich einheitlich, wie diese Begriffe klingen, täuschen sie leicht darüber hinweg, was für eine immense Bandbreite sich hinter ihnen verbirgt.
Zwei Städte, zwei Bürger, zwei Zünfte konnten sich so massiv voneinander unterscheiden, dass man sich fragt, warum sie überhaupt mit dem selben Begriff belegt werden.

Dazu kommt, dass der selbe Begriff zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten völlig verschiedene Dinge bezeichnen konnte…
Die Tatsache, dass wir beim Thema „die Stadt im Mittelalter“ über einen Zeitraum von der Mitte des 12ten bis zum Ende des 15ten Jahrhunderts reden, ist nur die Kirsche auf der Sahnehaube.

Dies hier ist der erste Teil einer dreiteiligen kleinen Serie, die einen groben Überblick geben soll, was alles hinter diesen Begriffen stecken konnte.
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Die Stadt
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Schon die Definition einer mittelalterlichen Stadt ist in der Geschichtswissenschaft bis heute umstritten.

Typischerweise unterschied sich eine Stadt von einem Dorf durch folgende Dinge:

-Eine Mauer oder sonstige Befestigung, die die Stadt vor Angriffen schützt, aber auch die Grenze des Stadtgebiets kennzeichnet.

-Eine überdurchschnittlich hohe Bevölkerungsdichte.

-Eine Wirtschaft, die mehr auf Handel und Handwerk basiert, als auf der Landwirtschaft.

-Die Befreiung der Stadtbürger von gewissen Steuern und anderen Verpflichtungen ihrem Herrn gegenüber.

-Die persönliche Freiheit für jeden, der länger als ein Jahr und einen Tag innerhalb der Stadt lebte.

-Das Recht, einen oder mehrere Jahrmärkte abzuhalten.

-Das Recht, eigene Münzen zu prägen.

-Eine mehr oder weniger ausgeprägte eigenständige Verwaltung und/oder Rechtsprechung unabhängig von ihrem Herrn.

-Das Recht, mehr oder weniger eigenständige Außenpolitik zu betreiben (und zu diesem Zweck ein eigenes Siegel und/oder ein eigenes Wappen zu führen.

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Nicht nur konnten die meisten dieser Punkte von Stadt zu Stadt sehr unterschiedlich stark ausgeprägt sein, sondern die meisten Städte hatten zudem nur einen Teil dieser Eigenschaften, andere aber nicht.

Und um die Verwirrung perfekt zu machen, gab es durchaus auch Dörfer, denen es im Laufe des Mittelalters gelang, einzelne dieser Eigenschaften zu erlangen.

Der Übergang von einem großen, bedeutenden Dorf zu einer kleinen Stadt konnte extrem fließend sein.

Meist wird ein Ort in der heutigen Forschung ab dem Moment als Stadt angesehen, in dem er das erste mal urkundlich als solche bezeichnet wurde.

Man könnte also salopp sagen: Was eine kleine Stadt von einem großen Dorf unterschied, war vor allem der Titel. Welche Rechte konkret mit diesem Titel verbunden waren, war von Stadt zu Stadt anders.
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Nach dem Fall des Römischen Reiches waren die meisten Städte in Zentral- und Westeuropa entweder aufgegeben worden oder hatten extrem an Größe, Wohlstand und Bedeutung verloren.
Selbst die Bischofsstädte hatten nach den Wirren der Völkerwanderung mehr mit großen Dörfern inmitten römischer Ruinen gemein, als mit etwas, was wir heute als Stadt bezeichnen würden.

War in der Antike noch alles auf die Stadt als Zentrum von Wirtschaft, Verwaltung, Politik und Militär ausgerichtet gewesen, so verteilten sich diese Dinge zu Beginn des Mittelalters auf eine Vielzahl kleiner Grundherrschaften.
(Siehe dazu auch: https://inforo1300.wordpress.com/2017/05/10/dezentralisierung/)
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Erst mit dem massiven Wirtschaftswachstum im Hochmittelalter, ausgelöst unter anderem durch das günstige Klima während der „hochmittelalterlichen Warmzeit“, zahlreiche Neuerungen in der Landwirtschaft und die Urbarmachung neuen Ackerlandes durch das Roden von Wäldern und das Trockenlegen von Sümpfen begannen auch die Städte wieder zu wachsen.

Die hohen Überschüsse der Landwirtschaft ermöglichten es nun immer mehr Menschen, nicht in der Produktion von Lebensmitteln zu arbeiten, sondern sich anderen Tätigkeiten, vor allem Handwerk und Handel, zuzuwenden.

Mancherorts sammelten sich an einem Kloster, Bischofs- oder Fürstensitz Handwerker und Händler an, um den Bedarf sowohl an Luxus- wie auch an Alltagsgütern zu decken. Da diese Handwerker und Händler sich auch untereinander mit Waren versorgten, wurde die Wirtschaft weiter angekurbelt und die Handwerkersiedlung wuchs rasch über ein bloßes Anhängsel des Herrschaftssitzes hinaus.

Anderswo trafen sich Fernhändler aus verschiedenen Gegenden regelmäßig immer am selben Platz, etwa einem Flussübergang oder einer Kreuzung bedeutender Fernstraßen, um Waren auszutauschen.
Bald ließen sich an diesem Handelsplatz Handwerker und Dienstleister nieder, um eine Infrastruktur zur Versorgung dieser Händler zu schaffen.
Einzelhändler siedelten sich an, die Waren aus dem näheren Umland auf den Markt brachten, und im Gegenzug die Waren der Fernhändler im Umland verteilten.

Wiederum anderswo wuchsen in einem Dorf die Bevölkerung und der Wohlstand so weit an, dass es für Handwerker und Händler eine ausreichende Nachfrage gab, um dauerhaft an einem Ort von ihrer Arbeit leben zu können, anstatt als Wanderhandwerker oder Tröpfelhändler von Dorf zu Dorf zu ziehen oder neben ihrem Gewerbe noch eine halbe oder viertel Hufe Acker zu bestellen.

All diesen Orten gemeinsam ist, dass ein großer Teil der Bevölkerung nun nicht mehr Lebensmittel für den eigenen Bedarf produzierte und nur die Überschüsse verkaufte, sondern komplett vom Verkauf ihrer Produkte lebte. Gleichzeitig stellten auch die Haushalte, die immer noch von der Landwirtschaft lebten, viele Dinge nicht mehr selbst her, sondern kauften sie vom Erlös ihrer Ernteüberschüsse.

Am Ende dieser Entwicklung stand dann eine Siedlung, die kaum noch eigene Landwirtschaft betrieb, sondern den Großteil ihrer Lebensmittel aus den bäuerlichen Siedlungen der Umgebung bezog und diese wiederum mit Waren und Dienstleistungen versorgte.
(Dieser Zusammenhang zwischen Bevölkerungsdichte und Arbeitsteilung begegnet uns nicht nur im europäischen Hochmittelalter sondern praktisch überall in der Weltgeschichte).
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Einigen dieser Händler- und Handwerkersiedlungen gelang es im Laufe des Mittelalters, mehr und mehr Rechte, Freiheiten und Privilegien zu erhalten, bis ihr Herr ihnen schließlich den Titel einer Stadt verlieh.
Wie genau das im Einzelnen ablief unterschied sich von Stadt zu Stadt erheblich:

Manch ein Ort wurde ganz bewusst von seinem Herrn gefördert, um einen produktiven Wirtschaftsstandort oder eine starke Grenzfestung zu schaffen.

Andere Orte nutzten die Tatsache aus, dass ihr Herr wirtschaftlich und militärisch auf sie angewiesen war und forderten immer neue Privilegien im Gegenzug für ihre fortgesetzte Treue.

Und wieder andere rebellierten sogar offen militärisch gegen ihren Herrn.

In nicht wenigen Fällen war es eine Mischung aus allen 3…
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Und dann gab es da noch die Städte, die nicht über Jahrhunderte gewachsen, sondern schon als Stadt neu gegründet worden waren.
Und natürlich Städte, die durchgehend seit der Zeit des römischen Reiches existierten.
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Es ist wenig überraschend, dass diese extrem unterschiedlichen Wege, auf denen sich eine Stadt entwickeln konnte, zu ebenso extrem unterschiedlichen Endergebnissen führten.
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In manchen Städten lebten immernoch die meisten Menschen von der Landwirtschaft, während in anderen Handel und Handwerk dominierten und die Menschen bestenfalls noch einen Gemüsegarten hinter dem Haus hatten.

Es gab Städte, die von mächtigen Mauern und Türmen geschützt wurden, Städte, die nur über Erdwälle und Palisaden verfügten und Städte völlig ohne jede Befestigung.

Es gab Städte, in denen Verwaltung, Organisation und Rechtsprechung komplett in der Hand des Stadtherren lagen und Städte, in denen Stadtherr und Bürgerschaft diese Aufgaben untereinander aufteilten.
Manche Städte konnten ihre inneren Angelegenheiten komplett selbst regeln und waren lediglich an die Gesetze und die Außenpolitik ihres Stadtherren gebunden.
Und schließlich gab es die freien Reichsstädte, die nurnoch dem Kaiser untertan waren und ansonsten komplett selbstständig und auf Augenhöhe mit den Fürsten des Reiches agierten.

Eine handvoll Städte im Reich beherbergte mehrere zehntausend Einwohner (Köln mit 40.000 bis 50.000 Menschen war um 1300 mit Abstand die größte Stadt auf dem Gebiet des heutigen Deutschland).
Ein paar dutzend Städte hatten eine Bevölkerung von mehr als 2.000.
Der überwältigende Großteil der mittelalterlichen Städte hatte nur zwischen ein Paar hundert und 2.000 Einwohner.
Die meisten dieser kleinen Städte versanken im Zuge der wirtschaftlichen und politischen Veränderungen zu Beginn der frühen Neuzeit wieder in der Bedeutungslosigkeit und wurden, selbst wenn sie sich weiterhin als Stadt bezeichneten, effektiv wieder zu Bauerndörfern.
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Wir sehen also:
Allgemeingültige Aussagen über „die Stadt“ im Mittelalter zu treffen, ist höflichgesagt schwierig.

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