Bürger ist nicht gleich Bürger

Wenn wir über „die Stadt“, „die Bürger“ oder „die Zunft“ im Mittelalter reden, müssen wir uns immer wieder klar machen, dass es „die Stadt“, „die Bürger“, „die Zunft“ eigentlich garnicht gab.

So herrlich einheitlich, wie diese Begriffe klingen, täuschen sie leicht darüber hinweg, was für eine immense Bandbreite sich hinter ihnen verbirgt.
Zwei Städte, zwei Bürger, zwei Zünfte konnten sich so massiv voneinander unterscheiden, dass man sich fragt, warum sie überhaupt mit dem selben Begriff belegt werden.

Dazu kommt, dass der selbe Begriff zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten völlig verschiedene Dinge bezeichnen konnte…
Die Tatsache, dass wir beim Thema „die Stadt im Mittelalter“ über einen Zeitraum von der Mitte des 12ten bis zum Ende des 15ten Jahrhunderts reden, ist nur die Kirsche auf der Sahnehaube.

Dies hier ist der zweite Teil einer dreiteiligen kleinen Serie, die einen groben Überblick geben soll, was alles hinter diesen Begriffen stecken konnte.
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Der Bürger
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Zunächst: Lange nicht alle Einwohner einer mittelalterlichen Stadt waren auch Bürger.

Die Masse an Knechten, Mägden, Lehrlingen und Gesellen (also „Angestellten“, wie wir heute sagen würden), ebenso wie die städtische Unterschicht war vom Titel eines Bürgers und den damit verbundenen Rechten ausgeschlossen.

Wer genau aber das Bürgerrecht erlangen konnte und was es einem eigentlich brachte, Bürger zu sein, das unterschied sich von Stadt zu Stadt immens und konnte sich auch innerhalb der selben Stadt im Laufe der Zeit grundlegend ändern.
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Zu Beginn bezeichnete der Begriff „Bürger“ die städtische Oberschicht.

Das Bürgerrecht war an Landbesitz innerhalb der Stadt gebunden und ging mit einem Mitspracherecht in der städtischen Politik und Verwaltung einher.

Hierbei muss man sich klarmachen, dass in vielen Städten der Großteil der Grundstücke im Besitz einiger weniger wohlhabender Familien war.
Die meisten Haushalte lebten also nicht auf eigenem Grund und Boden, sondern hatten das Grundstück, auf dem ihr Haus stand, und oft auch das Haus selbst gemietet.

Zwar gab es auch in solchen Städten durchaus einfache Haushalte, die im eigenen Haus auf eigenem Boden lebten, aber dennoch war der Zugang zum Bürgertum für einen großen Teil des städtischen Mittelstandes unerreichbar.

Mit der Zeit aber wurde diese Bedingung in vielen Städten fallengelassen und der Titel des Bürgers wurde für einen größeren Anteil (wenn auch immer noch eine Minderheit) der Städter erreichbar.
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Trotzdem waren in jeder Stadt Bedingungen an die Erlangung des Bürgerrechts geknüpft:

Oft mussten die Anwärter ihren Hauptwohnsitz innerhalb der Stadt haben (wobei hier für Adlige aus dem Umland, die man nicht zuletzt als militärische verbündete haben wollte, gerne eine Ausnahme gemacht wurde).

Fast immer musste man ein gewisses Mindesteinkommen und/oder -Vermögen nachweisen.
(Die Gemeinschaft der Bürger wollte niemanden aufnehmen, der wirtschaftlich nicht für sich selbst sorgen, geschweige denn seinen verpflichtungen als Bürger nachkommen konnte)
Zudem waren für die Aufnahme meist verschiedene Gebüren an verschiedene Institutionen und Personen zu zahlen.

Sehr oft war der Besitz von Rüstung und Waffen (gestaffelt nach dem Vermögen des Bürgers) vorgeschrieben, um die militärische Schlagkraft der Stadt zu erhöhen.

Um der Ehre (heute würden wir eher sagen: dem Ansehen) der Bürgerschaft nicht zu schaden, musste ein neues Mitglied katholisch und ehelich geboren sein und brauchte einen einwandfreien Leumund (also einen guten Ruf).

Zuletzt war immer ein Eid zu leisten, in dem der zukünftige Bürger schwor der Stadt immer nutzen, niemals schaden, ihrem Herrn und/oder dem Stadtregiment treu sein und ihre Gesetze einhalten zu wollen.
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Was aber hatte man nun davon, Bürger zu sein?

An dieser Stelle überrascht es wohl kaum noch, dass sich das von Stadt zu Stadt sehr stark unterschied.

In manchen Städten war die Schicht der Bürger identisch mit den Trägern der städtischen Verwaltung, Rechtsprechung und/oder Regierung (insbesondere dort, wo das Bürgerrecht nur einer kleinen Oberschicht zugänglich war).

Dort, wo das Bürgerrecht einer größeren Gruppe offenstand, bildete sich oft eine weitere Oberschicht innerhalb des Bürgertums aus, die öffentliche Ämter und politische Macht unter sich behielt und sich meist aus den in der Stadt lebenden Adligen und den Reichen Groß- und Fernhändlern zusammensetzte.
Heute ist für diese Gruppe der Begriff „Patrizier“ gebräuchlich. So nannte sich die städtische Oberschicht nördlich der Alpen aber erstab der frühen Neuzeit in Anspielung auf die Stadteliten der Römischen Antike.

Im Laufe des Spätmittelalters gelang es in vielen Städten auch der breiten Schicht der Handwerker und kleinen Händler, politisches Mitbestimmungsrecht zu erlangen, oft in blutigen Kämpfen.

Aber auch dort war der Status des Bürgers zumindest eine Vorbedingung, um überhaupt für ein öffentliches Amt in Frage zu kommen oder an Abstimmungen teilzunehmen.

In Städten, die ein ausgeprägtes Zunftwesen hatten, war manchmal nur Bürgern der Zugang zu den Zünften und damit die Ausübung zünftiger Gewerke möglich (diesem Thema wird sich der dritte Beitrag der Reihe tiefergehend widmen).

Wo die Möglichkeit, Bürger zu werden, nicht von vornherein nur Grundbesitzern offenstand, war umgekehrt oft nur Bürgern der Erwerb städtischer Grundstücke erlaubt.
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Zuletzt gab es oft bestimmte Sonderrechte, die die Bürgerschaft im Laufe der Zeit auf die eine oder andere Art erlangt hatte:

So waren Bürger beispielsweise in manchen Städten von bestimmten Steuern und Pflichten der Stadt und/oder dem Stadtherren gegenüber befreit, die für die nichtbürgerlichen Einwohner noch galten.

Oft konnten Bürger einer Stadt etwa im gesamten Territorium ihres Stadtherren reisen, ohne Zoll entrichten zu müssen.

Auch bestimmte juristische Sonderrechte konnten mit dem Status als Bürger verbunden sein. Oft mussten Bürger vor Gericht etwa weniger Eideshelfer aufbringen als Nichtbürger, um ihre Aussage zu bezeugen.
Auch gab es zwischen vielen Städten Abmachungen, laut denen Bürger der einen Stadt, die in einer anderen eines Verbrechens angeklagt wurden, trotzdem nach dem Recht ihrer Heimatstadt gerichtet wurden.
Die Kölner Bürger erlangten im „großen Schied“ von 1258 unter anderem das Privileg, dass ihr Stadtherr, der Erzbischoff, vor Gericht keine Gottesurteile mehr von ihnen verlangen durfte.

Oft kauften Städte ihre Bürger frei, wenn sie entweder auf Reisen oder im Kriegsdienst für die Stadt und ihren Herrn gefangen genommen worden waren.

Ebenso oft verteidigte das städtische Gericht Bürger, die von außerhalb verklagt oder eines Verbrechens beschuldigt wurden.
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Nicht nur die Bürger selbst, sondern auch sämtliche Mitglieder ihres Haushaltes profitierten indirekt von vielen dieser Sonderrechte.
Nichtbürgerliche Haushalte hingegen hatten diese Vorteile nicht.
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Generell kann man sagen, dass der Zugang zum Bürgerrecht in Zeiten wirtschaftlichen Aufschwungs erleichtert wurde, damit neue Leute in die Stadt kamen und die Bürgerschaft wachsen konnte.
In Zeiten wirtschaftlichen Stillstandes oder sogar Niedergangs hingegen wurde der Zugang wieder erschwert, um sich vor Konkurrenz durch Neuankömmlinge zu schützen.
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Hinzu kamen politische Erwägungen des Stadtherren, der die Entwicklung hin zu mehr städtischer Selbstständigkeit unterstützen konnte, in der Hoffnung, die wachsende Wirtschaft würde ihm in Zukunft deutlich mehr an Weg-, Markt- und Verkaufszöllen einbringen, als die Steuern, die er der Stadtgemeinschaft jetzt erließ. Eventuell spekulierte er auch darauf, dass eine starke selbstständige Stadt sich schon aus schierem Eigennutz auch zu einer starken Festung entwickeln würde, um deren Unterhalt und Organisation er sich nicht mehr zu kümmern brauchte.

Anderswo konnte ein Stadtherr hingegen das Wachstum einer selbstbewussten Bürgerschaft, die mehr und mehr Sonderrechte für sich beanspruchte, behindern oder sogar aktiv bekämpfen, um nicht die Kontrolle über die Stadt zu verlieren.
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Wir sehen also:
Ob man als Bürger jetzt Mitglied der städtischen Elite oder nur des Mittelstandes war und was genau einen als Bürger jetzt eigentlich von einem Nichtbürger unterschied, kam immer ganz darauf an, in welcher Stadt man lebte und wann.

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