Zunft ist nicht gleich Zunft


Wenn wir über „die Stadt“, „die Bürger“ oder „die Zunft“ im Mittelalter reden, müssen wir uns immer wieder klar machen, dass es „die Stadt“, „die Bürger“, „die Zunft“ eigentlich garnicht gab.

So herrlich einheitlich, wie diese Begriffe klingen, täuschen sie leicht darüber hinweg, was für eine immense Bandbreite sich hinter ihnen verbirgt.
Zwei Städte, zwei Bürger, zwei Zünfte konnten sich so massiv voneinander unterscheiden, dass man sich fragt, warum sie überhaupt mit dem selben Begriff belegt werden.

Dazu kommt, dass der selbe Begriff zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten völlig verschiedene Dinge bezeichnen konnte…
Die Tatsache, dass wir beim Thema „die Stadt im Mittelalter“ über einen Zeitraum von der Mitte des 12ten bis zum Ende des 15ten Jahrhunderts reden, ist nur die Kirsche auf der Sahnehaube.

Dies hier ist der dritte und letzte Teil einer dreiteiligen kleinen Serie, die einen groben Überblick geben soll, was alles hinter diesen Begriffen stecken konnte.

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Die Zunft
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Zunft, Gilde, Gaffel, Amt, Innung, Bruderschaft…

Eine (typisch mittelalterlich) verwirrende und uneinheitliche Vielzahl von Begriffen, mit denen wir heute vor allem Verbände von Handwerkern und Händlern verbinden, die sich ab dem Hochmittelalter bildeten.
Diese Zünfte schützten ihre Mitglieder vor Konkurrenz von außen, sorgten für fairen Wettbewerb unter ihren Mitgliedern und vertraten ihre gemeinsamen Interessen.

Tatsächlich aber konnten mit diesen Begriffen sehr verschiedene Organisationen bezeichnet werden, die sich grob in drei Hauptkategorien einteilen lassen:
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Zunächst einmal gab es die Zunft als Sozialverein.
Diese Gemeinschaften hatten sich zunächst meist als religiöse Laienbruderschaften gegründet. Man beging gemeinsam den Gottesdienst und betete gemeinsam für das Seelenheil verstorbener.
Mit der Zeit begannen diese Bruderschaften aber auch soziale Aufgaben zu übernehmen.
Sie unterhielten eine gemeinsame Kasse, aus der Mitglieder unterstürtzt wurden, die wegen einer Krankheit oder ihres Alters nicht mehr arbeiten konnten oder sonstwie unverschuldet in Not gerieten. Auch Witwen und Waisen von verstorbenen Mitgliedern wurden auf diese Weise versorgt.
Zudem leisteten die Mitglieder vor Gericht Eideshilfe füreinander, halfen einander im Alltag mit Rat und Tat und verbrachten ganz allgemein auch außerhalb des gemeinsamen Gottesdienstes einen großen Teil ihrer Freizeit miteinander.

Dann gab es die Zunft als wirtschaftlichen Interessenverband von Handwerkern und Händlern.
Das wichtigste Anliegen dieser Vereinigung war der so genannte „Zunftzwang“.
Wer selbstständig als Meister ein Handwerk ausüben wollte, dass in einer Zunft organisiert war, musste Mitglied der Zunft sein.
Dadurch schützten sich die Mitglieder vor Konkurrenz und konnten sicherstellen, dass es nie mehr Betriebe in der Stadt gab, als aktuell gebraucht wurden und für jedes Mitglied genug Arbeit übrig blieb, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.
Zudem legte die Zunft Preise und Qualitätsstandards, Regeln für die Bezahlung und Behandlung von Beschäftigten, sowie allgemeine Verhaltensregeln für ihre Mitglieder fest.
Dadurch sollte einerseits ein fairer Wettbewerb unter den Zunftbrüdern sichergestellt und andererseits verhindert werden, dass Einzelne mit ihrem Verhalten dem Ansehen der Gemeinschaft in der Öffentlichkeit schadeten.

Zuletzt gab es noch die Zunft als politische Vereinigung.
Diese Gemeinschaften bemühten sich darum, ein Mitspracherecht der Handwerker und Kleinhändler in den verschiedenen Verwaltungs- und Regierungsorganen der Stadt zu erlengen, erhalten oder auszubauen.
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Je nach Stadt konnte jede dieser drei Vereinigungen jeden der oben aufgeführten Namen tragen, was die Arbeit heutiger Historiker nicht einfacher macht.
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Soziale, wirtschaftliche und politische Vereinigung waren meist zwar eng miteinander verbunden, aber dennoch getrennte Organisationen.

Es war in vielen Städten durchaus möglich, etwa dem Sozialverein der Weber anzugehören, ohne selbst das Weberhandwerk auszuüben und folglich auch ohne Mitglied im dazugehörigen wirtschaftlichen Verband zu sein.

Mehrere Handwerke konnten jeweils eigene wirtschaftliche Interessenverbände, aber eine gemeinsame politische Vereinigung haben.
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Lange nicht jeder Berufszweig war wichtig oder mächtig genug, eine eigene Zunft zu gründen. Manchmal schlossen sich kleinere Handwerke einer größeren Zunft an, manchmal bildeten mehrere kleine Handwerkszweige eine gemeinsame Zunft.

Viele Gewerke gehörten garkeinem wirtschaftlichen Interessenverband an und ihre Mitglieder traten stattdessen einem der vorhandenen Sozialverbände bei.

Und selbstverständlich war lange nicht jede Zunft, die über Sozial- und Wirtschaftsverband verfügte, auch politisch aktiv.
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Welche Berufszweige zünftig organisiert waren und in welchem Ausmaß unterschied sich von Stadt zu Stadt und konnte sich auch innerhalb der selben Stadt im Laufe der Zeit ändern.
Durch wirtschaftliche Veränderungen verlor ein Gewerk an Bedeutung und Einfluss und gab seine Zunft/Zünfte teilweise oder ganz auf, während andere Gewerke aufblühten und das Recht erlangten, eine Zunft zu bilden.

In manchen Städten verbot der Stadtherr oder die aus der Oberschicht aus Landbesitzern und Großkaufleuten bestehende Stadtregierung die Bildung politischer oder sogar wirtschaftlicher Zunftverbände komplett, da sie eine Bedrohung für ihre Machtposition in ihnen sahen.
Dort waren die sozialen Bruderschaften die einzigen Zünfte, die überhaupt existierten.
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Dass selbstverständlich auch die Organisationsstruktur, die Bedingungen, welche potenzielle Mitglieder für die Aufnahme zu erfüllen hatten, die Rechte und der Einfluss, die eine Zunft in der Stadt hatte sowie die genauen Regelungen für Wettbewerb, Arbeits- und Privatleben sich nicht nur von Stadt zu Stadt, sondern auch von Zunft zu Zunft drastisch unterschieden, versteht sich an diesem Punkt von selbst.

So nahmen viele Zünfte etwa nur Bürger in ihre Reihen auf, während in Städten, in denen der Titel des Bürgers der kleinen Schicht aus Grundbesitzern vorbehalten war, diese Beschränkung der städtischen Wirtschaft massiv geschadet hätte.
Schließlich hätte sich so nur ein kleiner Teil der Stadtbevölkerung an den Zünftigen Gewerken beteiligen können.

Auch wirtschaftliche Veränderungen hatten einen Einfluss auf die Organisation der Zünfte. So wurde etwa in den wirtschaftlichen Krisen, die den Übergang vom Spätmittelalter zur frühen Neuzeit kennzeichneten, der Zugang zu vielen Zünften (genauer: Den wirtschaftlichen und politischen Verbänden) erheblich erschwert.

Etwa wurden jetzt bestimmte Bevölkerungsgruppen in der Stadt (darunter auch viele Handwerke) zu „Unehrlichen“ erklärt und an den Rand der Gesellschaft gedrängt.
Kandidaten, die aus dieser Schicht stammten, waren nun komplett vom Zugang zum zünftigen Handwerk ausgeschlossen.

Auch wurde von Gesellen, die als Meister in die Zunft eintreten wollten, nun ein Meisterstück verlangt, das sie auf eigene Kosten und in begrenzter Zeit fertigen mussten.

Auch wurde die Wanderung von Gesellen, die vorher freiwillig gewesen war, nun in vielen Zünften verpflichtend. Offiziell diente diese Regelung dazu, dass die Gesellen Erfahrungen machen und Wissen von möglichst vielen verschiedenen Meistern aufnehmen konnten. Vor allem aber machte es die Wandergesellen zu billigen Arbeitskräften, die man schnell und unkompliziert wieder los werden konnte, wenn man sie nicht mehr brauchte.

Viele Zünfte erhöhten zudem die für den Beitritt zu zahlenden Gebühren um ein Vielfaches.

Dass all diese Hürden meist für Söhne von Meistern oder Gesellen, die eine Meisterwitwe oder erbende Tochter geheiratet hatten, stark gesenkt oder sogar komplett erlassen wurden, zeugt davon, dass man vor allem in einer Zeit wirtschaftlichen Niedergangs die eigenen Pfründe vor Neuankömmlingen schützen wollte.

Zuletzt hing auch die Frage, ob und in welchem Umfang Frauen im zünftigen Handwerk mitarbeiten oder sogar selbstständig als Meisterinnen eine Werkstatt oder einen Laden betreiben konnten, nicht zuletzt von der Wirtschaftsentwicklung und der damit verbundenen Nachfrage nach Arbeitskräften ab:

War besagte Nachfrage groß, wurde Frauen der Zugang zu den Zünften erleichtert und ihnen mehr Möglichkeiten geboten.
Ließ die Nachfrage nach Arbeitskräften aber nach, etwa aufgrund wirtschaftlicher Krisen, wurden Frauen als Konkurrenz empfunden und wieder aus dem (selbstständigen) Berufsleben gedrängt.
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Wir sehen also: Zunft, Gilde, Gaffel, Amt, Bruderschaft, Innung und so weiter können je nach Stadt, Zeit und Handwerk von einem Kirchenverein mit eigener Sozialfürsorge über einen Wirtschaftverband bis zu einer politischen Bewegung so ziemlich alles sein.

Von den Unterschieden innerhalb dieser drei Kategorien ganz zu schweigen.
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Zum weiterlesen:

Eine hervorragende Arbeit, die sich bis ins kleinste Detail mit der Organisation und den verschiedenen Ebenen der Einzelhandelszünfte in verschiedenen Städten beschäftigt.
https://www.buecher.de/shop/buecher/kraemer-und-hoekergenossenschaften-im-mittelalter/park-heung-sik/products_products/detail/prod_id/24945756/

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