Ex oriente lux?

„Aus dem Osten kommt das Licht“.
Das lateinische Sprichwort, dass den Titel dieses Beitrages bildet, bezieht sich auf die Tatsache, dass in den letzten Paar Jahrtausenden sehr viele Neuerungen und Entwicklungen Europa aus dem Orient erreichten.
Landwirtschaft, Sesshaftigkeit, neue Werkstoffe wie Bronze und Eisen… Selbst die griechische Kultur auf der die römische und schließlich die europäische zu großen Teilen aufbaute.
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Auf das Mittelalter bezogen bekommt man oft zu hören, nach dem Fall Roms sei fast das gesamte antike Wissen verloren gegangen. Bildung, Medizin und selbst Dinge wie grundlegende Hygiene waren in Europa angeblich vergessen und wurden von der Kirche massiv bekämpft, da sie den Lehren der Bibel widersprachen.

Gleichzeitig sei der muslimisch beherrschte nahe Osten eine geradezu moderne, aufgeklärte, tolerante Gesellschaft gewesen, in der Wissenschaft und Kultur blühten, weil sie nicht unterdrückt wurden, wie im Westen.

Während der Kreuzzüge hätten die Muslime den angreifenden europäischen Barbaren wenigstens wieder etwas Sauberkeit und Medizin beigebracht. Mit der Wissenschaft sollte es noch dauern, bis das finstere Mittelalter endete und von der strahlenden Renaissance abgelöst wurde.

Soweit das populäre Bild, dass sich in populärwissenschaftlichen Büchern und Dokumentationen, aber auch in Romanen wie „Der Medicus“ und Filmen wie „Königreich der Himmel“ findet.

Was ist aber wirklich dran?
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(Disclaimer: Dieser Text dient ausdrücklich NICHT dazu, einen wertenden Vergleich zwischen dem „christlichen Europa“ und dem „muslimischen Orient“ anzustellen und aufzuzeigen, wer jetzt die überlegene Kultur hat!
Dieser Text dient einzig und allein dazu, ein Bild von diesen beiden Kulturräumen im Mittelalter zu zeichnen, das deutlich komplexer und vielschichtiger ist, als die meisten populären Darstellungen.)
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Schon vor dem Fall Roms, in den Krisen der Spätantike und dann noch einmal in den Wirren der Völkerwanderung war natürlich Wissen verloren gegangen, das ist eine Tatsache. Büchersammlungen waren nicht nur Feuern und Plünderungen zum Opfer gefallen, sondern oft auch schlichter Vernachlässigung in Zeiten, in denen der Kampf um das tägliche Überleben keine Ressourcen für derlei Dinge übrig ließ.
Der Wegfall der zentralisierten römischen Infrastruktur hemmte die Forschung und den Wissensaustausch im Frühmittelalterlichen Europa ebenfalls erheblich.

Aber man bemühte sich auch nach Kräften, das, was an Wissen überlebt hatte, zu bewahren und zu mehren (vor allem die Kirche leistete da entgegen dem Klischee einen wertvollen Beitrag).
Trotz allen Verlusten war deutlich mehr Wissen erhalten geblieben, als die popkulturelle Vorstellung einen glauben macht.
Gerade die zu dieser Zeit in den Klöstern gelehrte und praktizierte Medizin entsprach praktisch exakt der Römischen.
Und da die Sorge für Kranke und Bedürftige fest zum Selbstverständnis der Mönchs- und Nonnenorden gehörte, profitierte durchaus auch die breite Bevölkerung von diesem Wissen.

Gleichzeitig konnten im nahen Osten die muslimischen Eroberer die intakten Verwaltungsstrukturen des oströmischen und sassanidisch-persischen Reiches übernehmen, die die Krisen der Spätantike wesentlich besser überstanden hatten, als Westrom.
Das Kalifat von Bagdad war ein zentralisierter Beamtenstaat, der viel mehr Ressourcen zur Verfügung hatte, um die Bildung zu fördern, als es die dezentralisierten zersplitterten Feudalstaaten Europas zeitgleich konnten.
Bagdad war zu Beginn des 13ten Jahrhunderts eine Millionenstadt.
Es verwundert nicht, dass dort eine völlig andere öffentliche Infrastruktur machbar (und notwendig) war, als etwa in Köln, das zeitgleich mit etwa 40.000 Einwohnern die größte Stadt auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands war.
Zudem profitierte man stark von Wissen aus Griechenland, Indien und China, das über die Handelswege in das Zentral zwischen West und Ost gelegene Bagdad gelangte und dort im berühmten „Haus der Weisheit“ gesammelt und weiterentwickelt wurde.

Dieses so genannte „goldene Zeitalter des Islam“ nahm mit Beginn des 11. Jahrhunderts stark ab, als die politische Einheit der Muslime in viele kleine Teilreiche zerbrach und der Kalif in Bagdad nur noch nominelles Oberhaupt der Gläubigen, aber nicht länger realer Herrscher war.

Gleichzeitig begann in Europa das Hochmittelalter. Wirtschaftlicher Aufschwung, durch günstiges Klima unterstützt, Bevölkerungswachstum, Städtewachstum, Landesausbau… Davon profitierte auch die Bildung, zunächst an Dom- und Klosterschulen, später auch an den ersten Universitäten.
Durch den Fernhandel, ebenso wie durch die Kreuzzüge, kam wieder viel Wissen aus dem Orient nach Europa, wurde dort begierig aufgenommen und teils weiterentwickelt.
Gelehrte wie Avicenna oder Al Choresmi galten im Europa des 12. und 13. Jahrhunderts als große Lehrer und wurden sehr verehrt und respektiert.
Keine Spur von einer ablehnenden Haltung gegenüber „heidnischem“ Wissen oder gar Wissenschaft im Allgemeinen.

Spätestens im 13ten Jahrhundert hatte Europa den wissenschaftlichen Rückstand wieder aufgeholt. Gleichzeitig endete das goldene Zeitalter der islamischen Wissenschaft endgültig mit der Zerstörung Bagdads durch die Mongolen Mitte des Jahrhunderts.
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Zusammenfassend kann man sagen, dass zu Beginn des Mittelalters der Orient tatsächlich einen signifikanten wissenschaftlichen Vorsprung vor Europa hatte, der bis ins Hochmittelalter anhielt.
Allerdings war Europa zum Einen selbst zu Beginn des Mittelalters nicht so unterentwickelt und unzivilisiert, wie es gerne dargestellt wird.

Zum Anderen lag dieser Vorsprung nicht aber darin begründet, dass in Europa Intoleranz und Fanatismus vorherrschten, im Orient hingegen Toleranz und Offenheit. Wir finden in beiden Gegenden genug Beispiele für Beides.
Stattdessen waren es vor allem unterschiedliche Wirtschafts-, Macht-, und Verwaltungsstrukturen, unterschiedliche Ereignisse und unterschiedliche Einflüsse aus den jeweils angrenzenden Kulturräumen, die bestimmten, wie sich Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft hier wie dort entwickelten.
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Zum Weiterlesen:

Ein Beitrag, der detaillierter beschreibt, wie die dezentralen Strukturen des Feudalismus das mittelalterliche Europa formten.
https://inforo1300.wordpress.com/2017/05/10/dezentralisierung/

Zum ewigen Mythos von der Unterdrückung der Wissenschaft durch die Katholische Kirche.
https://inforo1300.wordpress.com/2017/05/10/die-katholische-kirche-und-die-wissenschaft/

Zur mittelalterlichen Medizin.
https://inforo1300.wordpress.com/2017/05/21/medizin-im-mittelalter/

Und zum Schluss, zum angeblich schmutzigen Mittelalter.
https://inforo1300.wordpress.com/2017/05/10/sauberkeit-im-mittelalter/

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