Das böse Wort mit A

Es ist die Gretchenfrage der Living History:
Wie „authentisch“ muss die eigene Darstellung sein, und was ist überhaupt „authentisch“?

Historiker mögen den Begriff nicht besonders und weisen oft und gerne darauf hin, dass es völlig unmöglich ist, ein „authentisches“, also mit 100%iger Sicherheit korrektes Bild der Vergangenheit zu zeichnen. Uns stehen nur sehr begrenzte Informationen zur Verfügung und keine davon ist absolut vertrauenswürdig.
Quellen können unvollständig sein, sie können sich irren, sie können lügen und nicht zuletzt können sie durch die Brille unserer heutigen Vorurteile und Weltanschauung falsch interpretiert werden.
All diese Faktoren verfälschen unseren Blick auf die Geschichte.
Deshalb vermeiden Historiker und auch viele historische Darsteller mit wissenschaftlichem Anspruch diesen Begriff nach Möglichkeit

Die Tatsache, dass Authentizität im Sinne von „so und nicht anders war das damals“ unmöglich ist, sollte jedoch keine Ausrede sein, sich einfach irgendetwas auszudenken und zu sagen „hätte ja so sein können“.
Dass ein Ziel nicht erreichbar ist, muss ja nicht bedeuten, dass man nicht bemüht sein kann, ihm trotzdem so nahe wie möglich zu kommen.

Die Aufgabe der Geschichtswissenschaften besteht dem entsprechend darin, durch sorgfältige und kritische Auswertung der vorhandenen Informationsquellen das *wahrscheinlichste* Bild der Vergangenheit zu bestimmen.

Als historischer Darsteller sollte man also versuchen, so gut wie möglich das nach gegenwärtigem Stand der Forschung wahrscheinlichste Bild seiner dargestellten Zeit zu vermitteln.

„Vermittlung“ ist hierbei das wichtigste Stichwort.

Wenn ich Fantasy-Rollenspiel betreiben oder einfach nur Spaß in einer mehr oder weniger stark historisch angelehnten Athmosphäre haben will, ist Authentizität kein Thema.
Sobald ich aber Worte wie „living history“, „erlebbare Geschichte“ oder „Zeitreise“ in den Mund nehme oder sonst in irgendeiner Form den Anspruch erhebe, ein Bild der Vergangenheit zu zeigen muss sich dieses Bild an dem von mir formulierten Anspruch messen lassen.
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Nach dieser Einleitung kommen wir zur eigentlichen Kernfrage dieses Beitrages:

Was ist nötig, um dem Anspruch an „historische Darstellung“ gerecht zu werden?

Muss meine Kleidung aus der Wolle rückgezüchteter Schafe handgesponnen, handgewebt, handgenäht und pflanzengefärbt sein, weil die A-Päpste mich sonst runtermachen?

Es gibt in Deutschland keine einheitlichen, verbindlichen Normen für Living-History und verschiedene Darsteller haben sehr unterschiedliche Ansprüche an sich selbst und andere.
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Meiner Ansicht nach gibt es nur eine wirklich entscheidende und universell für alle Darsteller gültige Regel:
„Es darf den Besuchern kein falsches Bild vermittelt werden.“
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Was auch immer ich tue, was die Besucher an mir sehen, wird ein Bild vermitteln, ob ich es will oder nicht.
Das absolute Minimum für eine Darstellung die nicht ausdrücklich in einer Fantasywelt angesiedelt ist, ist daher, dass Form und Aussehen der gezeigten Sachkultur stimmen.
Was darüber hinaus nötig ist, um „nichts Falsches zu vermitteln“ hängt ganz massiv davon ab, was genau ich in meiner Darstellung eigentlich machen will.

Sehen wir uns zum Beispiel das Thema Kleidung an:

Will ich den Besuchern nur zeigen, wie die Kleidermode zu einer bestimmten Zeit aussah ist das meiner Ansicht nach auch völlig ausreichend und Handnähte an für die Besucher unsichtbaren Stellen, Pflanzenfärbung oder gar handgewebte Stoffe sind nicht notwendig.

Will ich hingegen im Detail zeigen, wie die Kleidung einer bestimmten Zeit konstruiert war und welche Nähte und Stiche verwendet wurden, müssen die Nähte, Stiche und die sonstige Konstruktionsweise der Kleidung, die ich den Besuchern zeigen will, stimmen.

Will ich den Besuchern zeigen können „So leuchtend sieht Wollstoff aus, der mit Krapp gefärbt wurde!“ oder „So feine Stoffe konnte man auf einem Webstuhl der Zeit weben!“, dann sollte der Stoff auch tatsächlich pflanzengefärbt beziehungsweise Handgewebt sein.
Um so mehr natürlich, wenn ich herausfinden oder gar demonstrieren möchte, wie gut Pflanzenfarben bei Sonnenlicht, Reibung und Waschen halten.
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Die Frage ist also: „Was kann ich mit meiner Ausrüstung tun und was kann ich anhand meiner Ausrüstung demonstrieren, ohne das bei den Besuchern ein falscher Eindruck entsteht?“

Selbstverständlich kann der Anspruch, den man an sich selbst stellt, weit über das, was für die Vermittlung zwingend notwendig ist, hinausgehen.
Und nicht zuletzt ist die Ausstattung und der Grad ihrer Detailtreue unter historischen Darstellern auch schlicht und ergreifend ein Statusobjekt.
Aber solange ich mit meiner Ausrüstung nichts mache, wofür sie nach diesem Maßstab nicht geeignet ist, ist der Anspruch an Authentizität, den man meiner Ansicht nach von Anderen verlangen kann, erfüllt.
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Nach diesem Maßstab entfallen auch die lächerlichen Scheindebatten um Brillen, Zahnfüllungen und die Frage, ob man denn eigentlich mit einem Ochsenkarren zum Veranstaltungsgelände gekommen sei.

Eine moderne Brille, die von den Besuchern leicht als modern zu erkennen ist, vermittelt kein falsches Bild und ist deshalb irgendwie auf „ambientig“ getrimmten Konstruktionen sogar deutlich vorzuziehen.

Zahnfüllungen, Tampons, künstliche Gelenke, das frisch gespritzte Insulin und was ich nicht sonst schon alles dummes hören und lesen durfte, wird von den Besuchern überhaupt nicht wahrgenommen.

Und die An- und Abreise ist normalerweise kein Teil der Darstellung.
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Der zweite wichtige Punkt neben der Frage, ob meine Ausstattung für das geeignet ist, was ich mit ihr machen will, ist Ehrlichkeit.

Es ist keine Schande, Anfänger zu sein.
Es ist keine Schande, noch gefühlt eine Million Dinge an der eigenen Ausstattung zu haben, die verbessert werden müssen (Das ist auch bei den ältesten alten Hasen noch so. Vertraue nie einem Darsteller, der meint, seine Ausstattung sei „fertig“).
Und es ist erst recht keine Schande, keine Lust auf eine historisch möglichst wahrscheinliche Rekonstruktion der Vergangenheit, geschweige denn Wissensvermittlung, zu haben.

Solange man ehrlich dazu steht.

Eine Schande ist es nur, etwas von sich zu behaupten, was nicht den Tatsachen entspricht.
Eine Schande ist es, sich mit Begriffen wie „erlebbare Geschichte“, „Reenactment“ oder „Menschen die Vergangenheit nahe bringen“ zu schmücken, ohne irgendwie zu versuchen, diesem selbstformulierten Anspruch auch nur im Ansatz gerecht zu werden.
Eine Schande ist es, Besuchern und Anfängern ein Bild der Geschichte als historische Realität zu verkaufen, dass nicht auf wissenschaftlicher Recherche basiert, sondern auf den eigenen Wunschvorstellungen und der eigenen Weltanschauung.
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An dritter Stelle steht, dass meiner persönlichen Ansicht nach der Fokus der historischen Darstellung teilweise zu sehr auf der Sachkultur liegt.
Was meine ich damit?

Selbstverständlich ist es wichtig, dass die in der Darstellung gezeigten Objekte keine grundfalschen Eindrücke vermitteln.
Aber nach meiner Erfahrung werden bei aller Konzentration auf die Sachkultur Themen wie Gesellschaftsstrukturen, Rechtswesen, Wirtschaft, Kunst und Brauchtum oft stark vernachlässigt werden.

Ein Anfänger, der in einem Forum oder einer Facebook-Gruppe nach Infos für den Einstieg fragt, bekommt allerhand Bücher, Onlineartikel und Quellensammlungen genannt, die ihm verraten, was die Person, die er darstellen möchte an Kleidung, Waffen und Rüstung trug, aus welchem Keramik- oder Holzgeschirr sie aß und was für ein Messer sie bei sich trug, aber sehr selten etwas darüber, wie die Gesellschaft in der sie lebte funktionierte, welche Rechte und Pflichten sie sowohl gegenüber ihren Standesgenossen als auch der Obrigkeit hatte, wie sie ihren Lebensunterhalt bestritt und ihre Freizeit verbrachte.

Mir ist selbstverständlich klar, dass man über die nichtmaterielle Kultur vieler Epochen und Regionen meist noch bedeutend weniger verlässliche Aussagen treffen kann, als über die materielle.
Aber darum geht es mir hierbei nicht.
Es geht mir darum, dass ich zu oft auf Veranstaltungen mit musealem Anspruch Darsteller in traumhafter Kleidung und sonstiger Ausstattung erlebt habe, die den Besuchern Klischees aus dem Historismus über ihre Darstellungszeit erzählt haben.

Mir persönlich sind Darsteller in optisch weitestgehend passender Kleidung mit ein paar Detailfehlern hier und da, die den Besuchern fundierte und aktuelle Informationen über die Vergangenheit vermitteln, deutlich lieber, als Darsteller in nahezu perfekter Kleidung, die etwas von Hexenverfolgung, allgegenwärtigem Dreck und konstanter Mangelernährung weiter Teile der Bevölkerung im Mittelalter erzählen.

Was ich den Besuchern über das Mittelalter vermitteln möchte, sind nicht kleinste Details der Kostümkunde, sondern Dinge wie „Die Menschen im Mittelalter haben tatsächlich einen großen Wert auf Sauberkeit gelegt.“, „Die Kirche war nicht grundsätzlich ein Feind der Wissenschaft.“, „Der einfachen Bevölkerung ging es wirtschaftlich und rechtlich deutlich besser, als die meisten Menschen heute Glauben“ oder „Frauen hatten zwar deutlich weniger Rechte als heute, aber deutlich mehr als im römischen Reich, der frühen Neuzeit oder den 1950ern“.
Meine Kleidung und sonstige Ausstattung soll die Vermittlung dieser Punkte unterstützen, ist aber nicht mein Schwerpunkt.
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Zusammengefasst würde ich die Einschätzung, ob meine Darstellung „authentisch“ genug ist, also an drei Fragen festmachen:

1.) Vermittelt meine Ausstattung bei dem,wofür ich sie verwende, den Besuchern kein falsches Bild der Vergangenheit?

2.) Bin ich den Besuchern und anderen Darstellern gegenüber ehrlich mit dem, was ich über den Anspruch meiner Darstellung behaupte?

3.) Umfasst mein Wissen über die Zeit und Region, die ich darstellen möchte, mehr als nur die Sachkultur?

Kann ich alle drei Fragen aufrichtig mit „ja“ beantworten, ist meiner Ansicht nach alles in Ordnung.

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