Von Abgaben bis Zehnt – Steuern und andere lästige Pflichten

Wer öfter in diesem Blog liest (oder sich allgemein mit mittelalterlicher Geschichte beschäftigt), weiß, dass in der mittelalterlichen Gesellschaft und erst recht in der mittelalterlichen Politk und Verwaltung nichts einfach und unkompliziert war.

Das gilt natürlich insbesondere für die diversen Abgaben, Gebühren und Dienste, welche die Menschen um 1300 verschiedenen Herren und Institutionen schuldeten.
Das große Thema „Steuern“ war zu Beginn des Spätmittelalters kein Bisschen weniger komplex und verrwirrend als heute. Eher noch mehr…

Deshalb soll dieser Text hier auch nur ein kleiner Überblick über die verschiedenen Leistungen und Zahlungen bieten, die die Bevölkerung zu leisten hatte und vor allem die unglaubliche Komplexität und Vielschichtigkeit des Themas aufzeigen.
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Die Quellen

Die Quellenlage zu unserem Thema ist etwas zwiespältig:

Einerseits haben wir aus dem 13ten Jahrhundert den Sachsenspiegel, diverse Weistümer (von Landgerichten nach strittigen Fällen schriftlich festgehaltenes Gewohnheitsrecht) und eine Vielzahl an Stadrechten, die sich allesamt oft zum Thema Steuern und Dienstpflichten äußern.

Andererseits gehen all diese Texte davon aus, dass ihre Leser die grundsätzliche Funktionsweise des Steuersystems kennen und verstehen und liefern daher nur Präzisierungen.
Als das Ratinger Stadtrecht etwa 1276 festlegte, dass die Bürger der frischgebackenen Stadt in Zukunft von allen Steuern an ihren Stadtherren mit Ausnahme der Herbstbede befreit seien, verstanden diese selbstverständlich, was damit gemeint war. Für uns heute ist das schwierig.

Daher ist es ein absoluter Glücksfall, dass uns das sog. „Landbuch Karls IV.“ erhalten geblieben ist. Ein statistisches Werk, das in seinem Umfang und Detailreichtum eigentlich nur mit dem berühmten „Domesday Book“ von William the Conquerer verglichen werden kann.
In diesem Buch wurden 1375 die gegenseitigen Rechte und Pflichten zwischen Landesherr, adligen Grundherren, Kirche, Städten und Landbevölkerung in der Mark Brandenburg penibel und detailliert festgehalten.
Selbstverständlich können wir die dort gemachten Angaben nicht 1 zu 1 auf das gesamte Reichsgebiet um 1300 übertragen, nicht nur wegen der 75 Jahre Zeitdifferenz, sondern auch, weil Brandenburg in vielerlei Hinsicht ein Sonderfall war, geprägt vom Miteinander der alten slawischen Bevölkerung und der aus dem Westen mit diversen Privilegien gelockten Neusiedler.

Wofür sich das Landbuch aber ganz hervorragend eignet, ist als Hilfe um die verwirrende und auf den ersten Blick oft widersprüchliche Flut an Begrifflichkeiten zu durchschauen, die in zeitgenössischen Quellen für die verschiedenen Verpflichtungen der Bevölkerung verrwendet wurden.
Zudem demonstriert es hervorraagend, wievielen verschiedenen Herren gegenüber ein einzelner Haushalt gleichzeitig zu den unterschiedlichsten Leistungen verpflichtet sein konnte.
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„Niemand kann zwei Herren dienen“ …oder doch?

Das Feudalsystem um 1300 hat nicht viel mit dem modernen zentralisierten Staat zu tun, in dem wir heute leben.
Wo heute der Staat sämtliche hoheitlichen Aufgaben wahrnimmt, Steuern eintreibt und wieder verteilt, waren um 1300 politische, militärische, wirtschaftliche und rechtliche Macht sowie die damit verbundenen Regierungs- und Verwaltungsaufgaben über eine breite Schicht an Personen und Organisationen verteilt, die zwar durch ein komplexes Gefüge an gegenseitigen Verpflichtungen und Abhängigkeiten verbunden waren, aber dennoch in großem Maße frei und eigenständig agierten.

So gut wie nie schuldete ein Haushalt nur einem Herren Abgaben, Gebühren und Dienste.
Und wer genau jetzt jeweils welche Rechte und Aufgaben innehatte und dadurch welche Dienste und Zahlungen von welchen Haushalten verlangen konnte, unterschied sich nicht nur von einem Ort zum nächsten massiv, sondern konnte sich auch am selben Ort innerhalb weniger Jahre radikal ändern.

Auch deshalb soll dieser Beitrag nur als ganz grober Überblick die verschiedenen Arten von Abgaben, Gebühren und Diensten beschreiben, zu denen die Menschen um 1300 verpflichtet sein konnten, woraus diese bestehen und an wen sie gehen konnten.

Und selbstverständlich kann ich dabei nicht mal im Ansatz einen Anspruch auf Vollständigkeit erheben.
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Grundsätzliches

Die meisten Dienste und Abgaben wurden pro Haushalt erhoben.
Wer also keinen eigenen Haushalt führte, sondern bei seinem Arbeitgeber lebte, musste sich nicht wirklich darum sorgen.

Zahlungen konnten sowohl aus Geld, als auch Naturalien bestehen. Meist einer Mischung aus beidem, wobei der in Geld zu zahlende Teil meist größer wird, je später ins Mittelalter man schaut.

Auch wenn die Zusammensetzung der jährlich zu leistenden Zahlungen von Ort zu Ort und von Jahrzehnt zu Jahrzehnt sehr unterschiedlich war, legt das Landbuch Karls IV. nahe, dass die einzelnen Zahlungen so aufeinander abgestimmt wurden, dass alles zusammen am Ende ein Drittel des Jahreseinkommens des Haushalts nicht überstieg.
Das scheint als das Maximum betrachtet worden zu sein, das man der Bevölkerung auf lange Sicht abnehmen konnte, ohne dass sie entweder verarmten oder verhungerten (was langfristig den Einnahmen schadete) oder flohen und anderswo Arbeit zu besseren Bedingungen suchten (was ebenfalls den Einnahmen schadete).

Wer seine Abgaben nicht zahlen konnte, etwa nach einer schlechten Ernte oder einem anderen Unglück, konnte seinen Herrn ersuchen, ihm die Zahlung für dieses Jahr teilweise oder sogar ganz zu erlassen.
Und ein kluger Herr tat gut daran, den meisten dieser Ersuche nachzukommen. Schließlich schadete es ihm auf lange Sicht mehr, wenn seine Untertanen im Winter verhungerten oder vor lauter Not flohen.

Die sog. „Bauernschelten“, die ab dem 13ten Jahrhundert aufkommen, sind voll von Klagen der adligen Grundherren darüber, wie kreativ ihre Untertanen bei der Erfindung von Gründen sein konnten, warum sie nicht zahlen könnten.

Insgesamt gelang es der arbeitenden Bevölkerung auf dem Land wie in den Städten im Verlauf des Mittelalters, ihre Situation immer weiter zu verbessern.
Zuerst aufgrund der stetig steigenden Nachfrage nach Arbeitskräften infolge des hochmittelalterlichen Wirtschaftswachstums und dann aufgrund der verknappten Verfügbarkeit von Arbeitskräften nach der großen Pestwelle Mitte des 14ten Jahrhunderts.

Je nachdem, wie groß die Konkurrenz um die begrenzten Arbeitskräfte vor Ort war, konnten Herren gezwungen sein, die geforderten Leistungen deutlich unter ein Drittel des Einkommens zu senken.

Nun aber endlich zur Vorstellung der Einzelnen Verpflichtungen, die auf einem Haushalt um 1300 lasten konnten:
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Auf dem Land:
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Die Frondienste

Frondienst (aus dem Althochdeutschen „Fro“ = „Herr“, also „Herrendienst“) war die Arbeitsleistung, die Unfreie ihrem Herrn schuldeten.
In der Grundherrschaft gehörte ein Teil der landwirtschaftlich genutzten Fläche zum so genannten Herren- oder Fronhof, den der Herr selbst durch seine Bediensteten bewirtschaftete, während der Rest in kleinere Hofstellen gegliedert und an unfreie Hörige verteilt wurde.

Diese Hörigen schuldeten dem Grundherrn neben diversen Abgaben auch eine bestimmte Anzahl an Tagen Arbeit im Jahr.
Man unterschied hierbei zwischen Hand- und Spanndiensten. Bei ersteren stellte der Hörige seinem Herrn nur seine eigene Arbeiskraft zur Verfügung, bei letzteren auch die seiner Tiere.
Vor allem wurde der Fromdienst der Hörigen als Verstärkung in den extrem arbeitsreichen Phasen von Aussaat und Ernte benötigt. Welche anderen Tätigkeiten ihr Herr von ihnen verlangen konnte und wieviele Tage genau sie ihm pro Jahr schuldeten, unterschied sich je nach Zeit und Ort erheblich.

Im Gegensatz zu Hörigen waren persönlich freie Bauern, die ihren Hof vom Grundherrn gepachtet hatten, nicht zu Frondiensten verpflichtet.

Ab dem späten 13ten Jahrhundert wurde die „Fronhof-Grundherrschaft“ mehr und mehr von der „Renten-Grundherrschaft“ abgelöst.
Grundherren gaben ihre Fronhöfe auf, unterteilten das ehemalige Fronland in kleinere Hofstellen und verpachteten diese an persönlich freie Bauern.
Auch viele der vormals unfreien Hörigen wurden nun freie Pächter.

Zudem musste der Grundherr mit den Aufblühenden Städten und anderen Herren, die neues Ackerland erschlossen hatten, um Arbeitskräfte konkurrieren. Wollte er nicht, dass seine Arbeitskräfte sich wortwörtlich „vom Acker machten“, musste er ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen verbessern.
Mit der Aufgabe des Fronhofs wurde die Fronarbeit der Hörigen kaum noch benötigt.

Zudem hatte diese Umstellung auch den Vorteil für den Grundherren, dass der nicht geringe Verwaltungsaufwand, welcher mit der Bewirtschaftung des Fronhofs verbunden gewesen war, nun wegfiel.
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Der Zins

Der Zins war eine feste, jährlich zu zahlende Abgabe, welche Hörige und Pächter als Gegenleistung für das ihnen zum Bewohnen und Bewirtschaften überlassene Land an den Grundherren zahlten.

In manchen Regionen wurde diese Abgabe auch „Rente“ oder „Rentenzinz“ genannt, die Abgabe der freien Pächter konnte (wenig überraschend) auch „Pacht“ heißen.

Der Zins konnte je nach Zeit und Region aus Naturalien, Geld, oder einer Mischung aus beidem bestehen.
Seine Höhe wurde nicht jedes Jahr neu festgelegt, sondern richtete sich meist nach dem durchschnittlichen Jahresertrag, den eine Hufe Land über zwei komplette Fruchtfolgen von Wintergetreide, Sommergetreide und Brache (also 6 Jahre) erbracht hatte.
Deshalb gehörte es zu den Aufgaben des Schulzen/Meiers, bei der Ernte nicht nur die Zusammenarbeit der Dorfgemeinschaft zu koordinieren und zu überwachen, dass sich jeder an den gemeinsamen Arbeiten beteiligt, sondern auch, festzuhalten, wieviel jeder Haushalt an Ernte einfuhr, damit der Durchnittsertrag pro Hufe Land berechnet werden konnte.

Da die Höhe dieser und anderer Abgaben also nicht auf dem realen Ertrag dieses Jahres, sondern einem geschätzten Durchnittswert basierte, wurden sie auch als „Schatz“ bezeichnet, der Vorgang des Steuernzahlens als „Schatzen“.
Mit der Zeit wurden auch die gesammelten Steuereinnahmen eines Herren als Schatz (siehe auch: Staatsschatz) bezeichnet, woraus sich dann wiederum die heutige Bedeutung des Wortes entwickelte.

Der Zins wurde jährlich (oft zu st. Martin) entrichtet, gelegentlich direkt am Hof des Grundherren, meist an den Schulzen oder Maier des Dorfes, der ihn dann an den Grundherrn weiterleitete.
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Die Bede

Diese Abgabe, deren Name tatsächlich ursprünglich „Bitte“ bedeutet, wurde anfangs nur bei besonderen Anlässen, wie etwa Kriegszügen, Hochzeiten oder großen Bauprojekten durch den Landesherrn von der Bevölkerung gefordert, um die mit diesen Anlässen verbundenen Kosten zu decken.
Wie häufig und in welcher Höhe der Landesherr eine Bede verlangen konnte, war nicht festgelegt, was für die zahlungspflichtige Bevölkerung natürlich eine große Unsicherheit bedeutete.

Da Adel und Kirche weitestgehend von der Bede befreit waren, lastete sie tatsächlich fast komplett auf der einfachen Bevölkerung. Dafür war sie in den an Vasallen vergebenen Lehen nur schwer, wenn überhaupt, einzutreiben, da die dafür notwendigen Verwaltungsorgane fehlten. Wirklich zuverlässig bekam der Landesherr die Bede nur aus seinem Hausgut (oder seiner „Domäne“), also den Ländereien, die ihm direkt unterstanden und durch Beamte („Vögte“ oder „Amtmänner“ genannt) verwaltet wurden.

Um 1300 war aus der Bede aber in den meisten Regionen des heutigen Deutschland eine regelmäßige feste Steuer geworden, deren Höhe sich, wie beim Zins, nach dem Durchschnittlichen Ertrag einer Hufe Land richtete.

Dadurch wurde die Bede einerseits für die Bevölkerung leichter einplanbar und organisatorisch auch in den als Lehen vergebenen Ländereien leichter zu erheben und einzutreiben.
Andererseits ging nun in manchen Regionen ein mehr oder weniger großer Teil der Bede nicht mehr an den Landesherrn, sondern an die Grundherren vor Ort.
Entweder, weil seine Vasallen einen Anteil an diesen Einnahmen als Gegenleistung für militärische und/oder politische Unterstützung verlangt hatten, oder weil einzelne Vasallen diese Einnahmen schlicht an sich gerissen hatten und der Landesherr nicht die Macht besaß, sie ihnen wieder abzunehmen (oder der Versuch in ihren Augen zu kostspielig und zu riskant für den zu erwartenden Gewinn war).

Gerade dort, wo die Bede zu einem Großteil oder sogar komplett an den Grunherrn ging, konnte sie mit dem Zins zu einer gemeinsamen Grundabgabe verschmelzen, die ebenfalls vom Schulzen oder Maier eingetrieben wurde.

Wo die Bede aber weiterhin weitestgehend oder vollständig an den Landesherrn ging, war sie meist entweder beim Amtmann des Landesherrn, der meist einen so genannten „Oberhof“ zwischen den Ländereien mehrerer Vasallen gelegen bewohnte, oder seltener beim Landgericht zu zahlen (so beide nicht ohnehin identisch waren).
Selten wurde die Bede auch durch den Grundherren eingetrieben, ohne dass er sie behielt.
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Der Zehnt

Beim Zehnt handelte es sich ursprünglich um eine Abgabe an den Pfarrer, welche dieser in drei gleiche Teile aufteilen sollte:

Ein Drittel für seinen Lebensunterhalt sowie den Erhalt des Kirchengebäudes und die Anschaffung für den Gottesdienst notwendiger Dinge, wie Kerzen, Messwein, Weihrauch und Ähnliches.

Ein Drittel für die Fürsorge für Arme und Kranke.

Und das letzte Drittel als Abgabe an den Bischof.

Wie der Name vermuten lässt, entsprach der Zehnt einem Zehntel dessen, was ein Haushalt von einem bestimmten Gut übers Jahr eingenommen oder produziert hatte.
Die Einschränkung „von einem bestimmten Gut“ ist hierbei aus mehreren Gründen wichtig.

Denn den einen Zehnt gab es eigentlich nicht.
Stattdessen gab es eine ganze Reihe Zehnter, jeweils erhoben auf ein bestimmtes Gut.
Den Lämmerzehnt, den Hühnerzehnt, den Haferzehnt, den Weizenzehnt, den Weinzehnt, den Geldzehnt und so weiter.
Diese einzelnen Zehnten wurden zu ganz unterschiedlichen Zeitpunkten im Jahr erhoben, der Zehnt auf bestimmte Feldfrüchte etwa nach der Ernte, der Zehnt auf Vieh kurz nach der Zeit, in der die entsprechenden Tiere meistens Junge bekamen, der Geldzehnt nach großen Märkten in der Umgebung und so weiter.

Zudem wurde lange nicht auf jedes Gut ein Zehnter erhoben.
Auf wieviele und welche Güter genau die Menschen einen Zehnten zu zahlen hatten, konnte je nach Zeit und Region stark variieren.

Und auch bei den Gütern, auf die ein Zehnter erhoben wurde, gab es oft eine Mindestmenge, die ein Haushalt erwirtschaftet haben musste, um für dieses Gut zehntpflichtig zu sein. So sollte vermieden werden, diejenigen zu überlasten, die beispielsweise keine zwei Dutzend Hühner hielten, sondern nur zwei oder drei.

Ursprünglich war der Zehnt eine rein kirchliche Abgabe gewesen, aber mit der Zeit begannen viele Grundherren, auf eigene Kosten Kirchen zu errichten, auszustatten und einen Priester zu versorgen, bis dieser von den Einnahmen seiner Pfarre leben konnte.
Im Gegenzug waren sie der Ansicht, dass der Zehnte aus diesen sog. „Eigenkirchen“ zumindest teilweise ihnen zustehen sollte.
Das konnte dann so aussehen, dass diese Grundherren das eigentlich für den Bischof vorgesehene Drittel des Kirchenzehnts für sich einbehielten.
Andernorts beanspruchten sie den Zehnten auf bestimmte Produkte für sich, während der Zehnt auf andere Produkte wie gehabt zwischen Priester und Bischof aufgeteilt wurde.

Gerade dort, wo der Grundherr einen Großteil des Zehnten selbst einbehielt, konnte es sein, dass dieser auf sehr viel mehr Güter erhoben wurde als anderswo und dafür die anderen Abgaben an den Grundherrn teilweise oder sogar ganz ersetzte.
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Steuern in der Stadt

Mit der Erhebung eines Ortes zur Stadt ging meist die Befreiung von vielen Steuern und anderen Pflichten dem Stadherrn gegenüber einher.

Meist entfiel der Zins auf Grundstücke innerhalb des Stadgebiets und der Teil des Zehnten, den der Stadtherr bis dahin für sich beansprucht hatte.
Oft mussten Bürger der Stadt innerhalb des Territoriums ihres Stadtherrn auch keinen oder nur einen geringeren Zoll zahlen.

Was übrig blieb, war meist die Bede und der von der Kirche beanspruchte Teil des Zehnten.

Für den Stadtherrn lohnten sich diese Steuervergünstigungen, denn eine wohlhabende und blühende Stadt konnte nicht nur als effektive Festung und Produktionszentrum fungieren, sondern lockte auch Händler und Marktbesucher aus dem näheren und weiteren Umland an.

Durch Zölle, Marktgebüren und so weiter (siehe weiter unten) verdiente der Stadtherr wesentlich mehr, als vorher durch die der Stadt erlassenen Abgaben.

Viele Städte erreichten mit der Zeit, dass sie nurnoch einen festen jährlichen Betrag an den Stadtherrn zahlen mussten und dann ihrerseits von den Bürgern und sonstigen Stadtbewohnern Steuern einnahmen.
Was an Steuereinnahmen den dem Stadherrn geschuldeten Betrag überstieg, konnte die Stadt behalten und als Haushalt für ihre öffentlichen Aufgaben verwenden.

Die Steuerlast der einzelnen Haushalte richtete sich nach ihrem Einkommen, wobei die Stadtbewohner ihr Einkommen selbst einschätzten.

Dass dieses System nicht dazu führte, dass jeder Haushalt nurnoch Minimalbeträge an Einnahmen angab, lag an der sehr cleveren Regelung, nach welcher die Selbsteinschätzung öffentlich zu geschehen hatte.
So machte man sich geschickt das Bedürfnis der Menschen nach öffentlicher Repräsentation und Selbstdarstellung zunutze.
Nicht selten zahlten gerade wohlhabende Bürger sogar mehr Steuern, als sie eigentlich mussten, um sich ihren Standesgenossen gegenüber als besonders erfolgreich zu präsentieren.

Demgegenüber zahlten Haushalte unter einem bestimmten Mindesteinkommen (Mancherorts konnten das bis zu 25% der Haushalte sein!) überhaupt keine Steuern.

Am Rande erwähnt seien außerdem die regelmäßigen Beiträge, die Mitglieder der Zünfte und Bruderschaften zu zahlen hatten.
Dabei handelt es sich zwar strenggenommen nicht um obrigkeitliche Steuern, aber diese Beiträge machten trotzdem einen nicht unerheblichen Teil der regelmäßigen jährlichen Ausgaben vieler städtischer Haushalte aus.
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Von Akzise bis Zoll – unregelmäßige Abgaben und Gebühren

Bislang haben wir uns Zahlungen, Abgaben und Dienste angesehen, die jedes Jahr zu bestimmten Zeiten und in bestimmter Höhe erbracht werden mussten.

Daneben gab es aber noch eine ganze Reihe unregelmäßiger Zahlungen, die zu bestimmten Anlässen fällig wurden und Gebüren, die für die Inanspruchnahme bestimmter obrigkeitlicher Einrichtungen und Leistungen zu zahlen waren:

Die Akzise war im Grunde eine Mehrwertsteuer.
Eine Abgabe in Höhe eines bestimmten Anteils vom Wert aller auf einem Markt verkauften Güter. Die Akzise war eine der wichtigsten Einnahmequellen, die sich für einen Grund- oder Landesherren aus der Förderung eines Marktortes ergab und wurde als Gegenleistung für seinen Schutz des Marktes selbst und der Besucher auf dem Weg zum und vom Markt verstanden.
Allerdings konnte ein Stadtherr die Einnahmen aus der Akzise für eine begrenzte Zeit dem Stadtrat überlassen, damit dieser damit wichtige Ausgaben, wie etwa den Bau einer Stadtmauer, finanzieren konnte.

Zölle mussten von Reisenden bei der Passage bestimmter Orte gezahlt werden und waren ebenfalls eine Gegenleistung für die Aufrechterhaltung und den Schutz der Wege und Straßen.
Zollstationen befanden sich normalerweise an Orten, die (fast) jeder Reisende passieren musste, wie etwa Brücken, Furten, Wegkreuzungen und Ortschaften, an denen Reisende Halt machten, um Verpflegung einzukaufen und einen sicheren und trockenen Schlafplatz für die Nacht zu finden.

Der Zoll setzte sich normalerweise aus einem pauschalen Betrag pro Kopf und einem Anteil am Wert der vom Reisenden transportierten Waren zusammen.

Der Inhaber des Zolls musste nicht zwingend mit dem lokalen Grundherren identisch sein. Manche Landesherren vergaben Ländereien als Lehen, behielten das Recht, Zoll für dieses Gebiet einzunehmen, aber ausdrücklich für sich.
Andere Herren verkauften Ländereien an ihre Standesgenossen, aber ausdrücklich ohne das Zollrecht.
Bei wieder anderen Gelegenheiten beschloss ein benachbarter Herr, dass er viel mehr für den Schutz der Straßen tat, als sein Nachbar und ER deshalb auch den Zoll erhalten sollte.
Streitigkeiten um Zollrechte waren neben Erbschaftsstreitigkeiten eine der häufigsten Ursachen für Fehden.

Das Besthaupt war eine Abgabe, die beim Tod Unfreier an deren Herrn zu leisten war.
Sie bestand, regional und zeitlich unterschiedlich, meist aus dem besten Pferd oder sonstigem Tier, dem besten Satz Kleidung und einigen anderen Stücken und wurde im Grunde als der Anteil des Herrn am Erbe verstanden.
Eine wichtige Einschränkung des Besthaupts war, dass für eine eventuelle Witwe und Kinder des Verstorbenen genug übrig bleiben musste, um weiterhin ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können.
Wie hoch dieser geschützte Besitz war, unterscheidet sich, wenig überraschend, wieder je nach Zeit und Region.

Heiratsgebühren verschiedener Art mussten von Unfreien an den Grundherrn gezahlt werden, damit dieser der Ehe zustimmte. Seine Zustimmung war nötig, da er für den Schutz und die Versorgung seiner Unfreien verantwortlich war… inklusive der aus einer Ehe zwischen Unfreien entstehenden Kinder. Aus diesem Grund prüfte er, ob die Brautleute überhaupt in der Lage sein würden, eine Familie zu ernähren und einen Haushalt zu führen.

Entgegen des verbreiteten Mythos dienten diese Gebühren NICHT dazu, dem Herrn das Recht auf die erste Nacht mit der Braut („Jus primae noctis“) abzukaufen.
Einfach deshalb, weil dieses Recht nach gegenwärtigem Stand der Forschung im Mittelalter schlicht nicht existierte.

Der Mühlenzins war für die Benutzung einer Mühle zu zahlen.
Langsam ab dem späten 12ten und immer häufiger im 13ten Jahrhundert ließen Grundherren auf eigene Kosten so genannte Bannmühlen (zunächst Wasser- ab dem späten 13ten Jahrhundert von den Niederlanden ausgehend auch zunehmend Windmühlen, je nach den lokalen Bedinungen) errichten, zu deren Benutzung die von ihnen abhängigen Haushalte verpflichtet waren. In diesem Fall teilten sie sich den Mühlenzins mit dem Betreiber der Mühle.
Auch wenn der Mühlenzins nicht beliebt war und Müller in ländlichen Märchen (vergleiche die Canterbury Tales) selten gut weg kommen, sparten die großen Mühlen doch einiges an Zeit und Arbeitskraft.
Zumal die Mühlsteine der Bannmühlen oft eine bessere Qualität hatten, als die der vorher verwendeten Handmühlen, was die Menge an Steinmehl im Brot und den Verschleiß der Zähne deutlich verringerte.

Der Holzzins musste in Siedlungen gezahlt werden, in denen der Nutzwald nicht zur „Almende“, den von der Dorfgemeinschaft gemeinsam besessenen und genutzten Ländereien gehörte, sondern sich im Besitz des Grundherrn befand.
Wollten die Bewohner einer solchen Siedlung im Wald Holz schlagen oder ihre Tiere weiden (Eichelmast bei Schweinen beispielsweise), mussten sie sich zuvor beim Grundherrn eine Erlaubnis abholen und für selbige eine Gebühr Zahlen.
Das selbe galt für die Nutzung von Flüssen und Seen, die im Besitz des Grundherrn waren.

Es ist unter diesen Umständen wenig überraschend, dass eine der Forderungen der aufständischen Bauern während der Bauernkriege um 1525 der Schutz der Almende vor der Aneignung durch die Grundherren war.

Das Schildgeld werden wir uns im folgenden Abschnitt über den Kriegsdienst genauer ansehen.

Bußen und Gerichtsgebühren waren eine wichtige Einnahmequelle und einer der Gründe, warum das Recht, über bestimmte Straftaten und Streitigkeiten zu richten, heiß begehrt und hart umkämpft war.

Der Verurteilte in einem Strafverfahren musste nicht nur Schadensersatz und eine nach dem Stand des Geschädigten gestaffelte Sühne zahlen, sondern auch eine Geldbuße an das Gericht.
Hinzu kamen die für diverse Vergehen ohnehin vorgesehenen Geldstrafen.

Auch für die Schlichtung „zivilrechtlicher“ Streitfälle wurde eine Gebühr verlangt, die meist von der unterlegenen Partei zu zahlen war.

Bürgergeld und Zunftgeld mussten von jedem gezahlt werden, der Bürger einer Stadt oder Mitglied einer Zunft werden wollte.
Meist kamen noch andere (von Stadt zu Stadt sehr verschiedene) kostspielige Bedingungen dazu, wie etwa die Pflicht für Bürger, Waffen und Rüstzeug gestaffelt nach dem eigenen Vermögen zu besitzen oder die Pflicht für werdende Zunftmitglieder, auf eigene Kosten und innerhalb einer bestimmten Zeit ein Meisterstück anzufertigen, um als Meister anerkannt zu werden.

Gegen Ende des Spätmittelalters und weiter im Verlauf der frühen Neuzeit wurden die Bedingungen für die Aufnahme in Bürgerschaften und Zünfte immer strenger.
Man wollte sich angesichts eines stagnierenden Wirtschaftswachstums gegen Konkurrenz von unten und außerhalb absichern und erschwerte den Zugang zu diesen priveligierten Gruppen daher immer weiter.
Aus dem selben Grund gab es meist deutliche Erleichterungen der Aufnahmebedingungen und -Gebühren für Kinder von Bürgern/Zunftmitgliedern oder jene, die Bürger/Zunftmitglieder oder ihre Witwen heirateten.

Standgebühren wurden für einen Standplatz auf dem Markt verlangt.
In unterschiedlichen Preisklassen gab es einen Platz unter freiem Himmel, unter einer vom Ausrichter des Marktes gestellten Überdachung aus Stoff, in einer fest auf dem Marktplatz errichteten Bude aus Holz oder Stein oder, in der höchsten Preisklasse, einen Standplatz in einem Kaufhaus / einer Kaufhalle.

Diese Standgebüren konnten, regional unterschiedlich, an den Marktort selbst oder den Stadt- beziehungsweise Grundherrn gehen, oder zwischen beiden aufgeteilt werden.

Stolgebühren leiten ihren Namen von der Stola ab, die ein Priester bei bestimmten Handlungen trägt, und wurden dementsprechend als Gebür für kirchliche Dienstleistungen, wie etwa Trauungen, Taufen, Sterbesakramente, Bestattungen, das Lesen von Messen zum Totengedenken oder als Fürbitte für einen Segen im Diesseits oder auch für notarielle Tätigkeiten (die ebenfalls oft von Geistlichen wahrgenommen wurden) verlangt.
Zumindest theoretisch durften jenen, die die Stolgebüren nicht bezahlen konnten, wenigstens die wichtigsten Sakramente nicht vorenthalten werden.
Kein Kind sollte ungetauft sterben, keinem Erwachsenen die letzte Beichte verwehrt bleiben, nur weil es im entscheidenden Moment an Geld fehlte.

Gerade die Stolgebüren wurden noch sehr lange Zeit nicht nur in Geld, sondern auch in Wachs erhoben, das für den Gottesdienst unabdingbar war.
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Kriegsdienst

Wie oben schon gesagt, war der Adel in den meisten Regionen von Bede und sonstigen Abgaben auf seinen selbstbewirtschafteten Grundbesitz befreit.

Seine ureigenste Aufgabe war stattdessen der Kriegsdienst.
Als Gegenleistung für das ihm überlassene Lehen musste der Adlige Vasall auf seinen Ländereien für Recht und Ordnung sorgen, sie gegen feindliche Überfälle verteidigen und eine bestimmte Anzahl Kämpfer auf eigene Kosten ausrüsten, ausbilden, einsatzbereit halten und bei Bedarf selbst als Ritter anführen.

Der genaue Umfang des Kriegsdienstes, den ein Vasall seinem Herrn schuldete, war meist bis ins Detail geregelt:
Wieviele Männer er (je nach größe und Ertrag des Lehens) unter Waffen halten musste, wie viele Tage im Jahr er Kriegsdienst leisten musste und nicht zuletzt wo.

Praktisch immer musste ein Vasall das Territorium seines Herrn gegen Angriffe verteidigen helfen.
Auf Feldzüge mussten hingegen viele Vasallen ihren Lehnsherrn nur in bestimmte Regionen begleiten.

Die Vasallen waren nicht verpflichtet, länger am Feldzug teilzunehmen, oder ihren Herrn auf Feldzüge in andere Gebiete zu begleiten, als es die bei der Verleihung ihres Lehens festgelegten Bedingungen vorsahen.

Leisteten sie freiwillig mehr, hatten sie ein Anrecht auf Sold und andere Belohnungen. Vielleicht die Verleihung bestimmter Rechte und Privilegien, oder die Belehnung mit mehr Land.

So verstieß Heinrich der Löwe beispielsweise nicht gegen geltendes Recht oder seinen Treueid, als er die Teilnahme an einem von Barbarossas Italienfeldzügen verweigerte, da der Kaiser nicht bereit war, ihm als Gegenleistung Goslar mitsamt seiner Silberbergwerke zu übertragen.
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Mit den Freiheiten, die einem Ort bei der Erhebung zur Stadt verliehen wurden, gingen auch Pflichten einher.
Nicht zuletzt die Pflicht, selbst für ihre militärische Verteidigung verantwortlich zu sein.
Zu diesem Zweck war jeder Bürger zum Besitz von Waffen und Rüstung je nach seinem Vermögen sowie zu Militärdienst verpflichtet, der sich allerdings je nach Stadt durch Stellung eines Ersatzmannes oder die Zahlung eines bestimmten Geldbetrages (mit dem die Stadt dann Söldner anheuern konnte) abgelten ließ.
In welchem Ausmaß eine Stadt lieber Söldner einsetzte, als ihre wehrpflichtigen Bürger unterschied sich (wieder einmal) erheblich von Stadt zu Stadt und von Ort zu Ort.

Theoretisch schuldeten Städte ihrem Herrn Militärdienst. Sehr viele Städte schafften es jedoch relativ schnell durchzusetzen, dass sich dieser auf die Verteidigung ihres Stadtgebietes und Einsätze, die nicht weiter als einen halben Tagesmarsch von den Stadttoren wegführten (so dass die Bürgerwehr am Abend wieder Zuhause war) beschränkte.
Auch die militärische Pflicht der Bürger gegenüber dem Stadtrat bestand meist nur daraus, ihren Anteil zum Erhalt der Mauer beizutragen (durch eigene Arbeitskraft oder durch Geld) und regelmäßig (je nach Stadt zwischen einmal im Monat und einmal die Woche) Wachdienst zu leisten.
Zudem mussten sie (und alle anderen körperlich fähigen Einwohner) beim Läuten der Sturmglocke sofort zum festgelegten Sammelpunkt kommen, um sich wahlweise an der Löschung eines Feuers oder der Abwehr eines Angriffes zu beteiligen.

Auch der Fronbote und seine Knechte, beziehungsweise später die Büttel (im Grunde die städtische Polizei) konnten in Ausnahmesituationen die Hilfe der Bürgerwehr anfordern.

Wie bei den adligen Vasallen leisteten aber auch viele Städte mehr, als sie eigentlich mussten und ließen sich dafür von ihrem Herrn großzügig belohnen.
Manch einer Stadt gelang auf diese Art im Laufe des Mittelalters der Erwerb lukrativer Privilegien und Rechte (hohe Gerichtsbarkeit, Zoll, Akzise, Münzprägung…) und die Befreiung von einem großen Teil ihrer Steuern.

Für solche militärischen Aktionen konnte die Stadt nicht einfach ihre Bürger zum Dienst rufen, da die Beteiligung daran nicht zu ihren Pflichten gehörte.
Stattdessen heuerte man auf drei verschiedene weisen Söldner an:

Die bevorzugte Variante bestand darin, den Bürgern und sonstigen Einwohnern (Leuten also, die man kannte und die man kontrollieren konnte) Sold, Ansehen und eine Beteiligung an eventueller Beute anzubieten, wenn sie sich anschlossen.

Bevorzugte Variante nummer zwei bestand in militärischen Bündnissen mit den Adligen des Umlandes.
Diese verpflichteten sich gegen einen festgelegten Sold mit einer festgelegten Anzahl Truppen zu erscheinen.

Nur ungern wurden fahrende Söldner (das, woran wir zuerst denken, wenn wir das Wort Söldner hören) angeheuert, auch wenn es sich manchmal nicht vermeiden ließ.
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Auf dem Land war der alte germanische Heerbann, also die Pflicht aller freien Männer zum Kriegsdienst auch um 1300 theoretisch immer noch in Kraft.
De Facto wurden Aufgebote der Landbevölkerung zur Jagd auf entlaufene Verbrecher oder Wölfe, die den Weiden zu nahe kamen, genutzt… aber nur äußerst selten im Krieg.
Maximal als letztes verzweifeltes Mittel zur Verteidigung ihres Dorfes.
Und selbst das endete meist in etwa so gut, wie man es sich vorstellen kann.
Gelegentlich verlangte man von den Bauern, Wagen und Tiere für den Transport von Ausrüstung und Material zu stellen.

Aber einige Historiker vermuten einen Anderen Grund für das Fortbestehen des Heerbanns über so lange Zeit:

Vom Kriegsdienst konnte sich ein Freier Landbewohner durch die Zahlung eines Schildgeldes freikaufen.
Wie schon weiter oben beschrieben, konkurrierten Grundherren und Städte im Hoch- und Spätmittelalter hart um ein begrenztes Angebot an Arbeitskräften.
Ein Grundherr, der eine neue Abgabe zur Finanzierung eines Kriegszuges erhob, würde seine Untertanen verstimmen und einige, gerade die Jüngeren, die am wenigsten zu verlieren haben, dazu treiben, abzuwandern.
Ein Grundherr aber, der lediglich ein von alters her bestehendes (und deshalb respektiertes) Recht einforderte und seinen Untertanen sogar noch die Möglichkeit bot, sich von der lästigen Pflicht einfach freizukaufen, erhielt am Ende trotzdem das, was er wollte (eine Geldabgabe für seinen Kriegszug) aber verbunden mit wesentlich besserer PR…
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Pflichten gegenüber der Gemeinschaft
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Bislang haben wir uns praktisch ausschließlich Pflichten zu Zahlungen und Diensten angesehen, die für die Bevölkerung gegenüber der Obrigkeit bestanden.

Aber regelmäßige Leser dieses Blogs wissen, dass nahezu jeder Mensch im Mittelalter zu einer Gemeinschaft gehörte, auf die er zum Schutz seiner Rechte und zum Bestreiten seines Lebensunterhalts angwiesen war.

Und auch diesen Gemeinschaften gegenüber bestanden wichtige Verpflichtungen, auf die ich im folgenden eingehen werde:

Auf dem Land ließen sich viele der arbeitsintensivsten Tätigkeiten, wie das Einzäunen der Felder und Weiden, der Holzschlag, vor allem aber Pflügen, Aussaat und Ernte nur in in der Gruppe wirklich effizient erledigen.
Demnach war jeder Haushalt verpflichtet, sich an diesen Arbeiten zu beteiligen (Flurzwang) und konnte von der Gemeinschaft zu schweren Bußgeldern verurteilt werden, wenn er keine wirklich gute Entschuldigung für sein Fernbleiben vorbringen konnte.

Auch wenn es um den Schutz der Gemeinschaft, oder die Aufrechterhaltung des Rechts ging, musste sich jedes Mitglied einbringen:
Von Männern ab 14 wurde generell erwartet, dass sie sich an der Verfolgung entflohener Straftäter oder der Jagd auf Raubtiere, die der Siedlung und vor allem den Weiden zu nahe kamen, beteiligten.
Nur Hirten, Köhler, Müller (drei Berufe, auf die die Dorfgemeinschaft angewiesen war und in denen man seine Arbeit nciht einfach unbeobachtet liegen lassen kann), Geistliche, Alte und Kranke waren normalerweise von dieser Pflicht befreit.
Ebenso war es die Pflicht jedes freien Mannes bei Gerichtsverhandlungen als Schöffe zu dienen, wenn der Richter oder die anderen Schöffen ihn dazu aufforderten.

Die Dorfgemeinschaft war verpflichtet, gemeinsam dafür zu sorgen, dass alle Mitglieder diesen Pflichten nachkamen.
Insbesondere musste sie sicherstellen, dass Leute, die vor Gericht geladen worden waren, auch dort erschienen.
Taten sie das nicht, drohte eine Strafe durch den Grundherrn, die von einer durch die Gemeinschaft aufzubringenden Geldbuße bis zum Verlust zuvor gewährter Privilegien und Freiheiten reichen konnte.
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In der Stadt galten bestimmte Pflichten gegenüber der Stadtgemeinde, der Bürgerschaft und der Zunft (je nachdem, zu welchen dieser Gemeinschaften man gehörte).

Die Pflege der öffentlichen Brunnen und die Sauberhaltung der Straßen und Wege oblag in manchen Städten den Anwohnern. Diese wurden zu Brunnengemeinschaften zusammengefasst und mussten sich um die Instandhaltung und den Schutz der Brunnen vor Verschmutzung kümmern, ebenso wie die Bewohner einer Straße gemeinsam für deren Reinigung zu sorgen hatten.

In anderen Städten (und immer mehr, je später man sich im Mittelalter bewegt) wurden diese Aufgaben von öffentlich besoldeten Straßenfegern und Brunnenmeistern wahrgenommen, die durch zusätzliche Steuern finanziert wurden.

Die Beteiligung der Bürger am Erhalt der Stadtmauern und an den Wachen, sowie die Beteiligung aller Anwohner an der Bekämpfung von Bränden oder der Abwehr von Angriffen wurde bereits im Abschnitt über den Kriegsdienst erwähnt.
Zusätzlich zur militärischen Ausrüstung mussten Haushalte in vielen Städten auch Eimer, große Schürhaken (um brennendes Material, vor allem von Dächern, von noch nicht brennenden Häusern wegziehen zu können) und anderes Werkzeug zur Brandbekämpfung besitzen.

Ebenfalls weiter oben wurden schon die Gebüren und anderen Bedingungen für die Aufnahme in die Bürgerschaft oder eine Zunft genannt.
Viele Zünfte erhoben einen regelmäßigen Mitgliedsbetrag, der beispielsweise für den Unterhalt von Zunftgebäuden, die Besoldung von Verwaltungsangestellten oder die Anschaffung von liturgischem Gerät für die gemeinsamen Gottesdienste verwendet wurde.

Zusätzlich dazu forderten die Zünfte aber auch, dass man sich regelmäßig an der gemeinsamen Sozialkasse für die Versorgung von Witwen, Waisen und aufgrund von Krankheit oder Verletzung arbeitsunfähig gewordener Zunftmitglieder beteiligte.

Die sozialen Pflichten eines Zunftmitglieds gegenüber anderen Mitgliedern endeten auch nicht mit deren Tod.
Jedes Mitgleid war verpflichtet, an den Gedenkgottesdiensten für verstorbene Mitglieder teilzunehmen, sowie an sonstigen gemeinsamen religiösen Veranstaltungen, die der Zunft den Segen Gottes und ihrer Schutzheiligen sichern sollten.

Auch an sonstigen gemeinsamen Veranstaltungen der Zunft, wie der „Morgensprache“, einer zwei bis viermal im Jahr stattfindenden Versammlung aller Mitglieder zur Besprechung aktueller, die Zunft betreffender Angelegenheiten, sowie zur Schlichtung/Verhandlung zunftinterner Rechtsstreitigkeiten oder Regelverstöße, und den diversen gemeinsamen Festen der Zunft musste jedes Mitglied teilnehmen, so nicht durch Krankheit oder Abwesenheit entschuldigt.
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Schlusswort
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Dies soll genügen, um einen ersten Eindruck davon zu vermitteln, welche unübersichtliche Vielzahl an Verpflichtungen zu Zahlungen, Leistungen und Diensten die meisten Mittelalterlichen Haushalte gegenüber einer beinahe ebenso unübersichtlichen Zahl an Leuten und Institutionen hatten.

Die Auflistung ist notwendigerweise verallgemeinernd, unvollständig und stellenweise regelrecht vage, aber das ist mehr oder weniger genau das, worum es geht.

Wenn den Lesern dieses Beitrages das nächste mal, wenn jemand von der einfachen, unkomplizierten Lebenswelt der Menschen im Mittelalter schwärmt, ein belustigtes Schnauben entfährt, hat der Text seinen Job gemacht.

Zum Weiterlesen:

„Bäuerliches Leben im Mittelalter“ von Siegfried Epperlein

Wie unter jedem anderen Beitrag, der sich auch nur ansatzweise mit dem Leben der mittelalterlichen Landbevölkerung beschäftigt, kann ich auch hier nur von Herzen Epperleins hervorragende Quellensammlung empfehlen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Landbuch_Karls_IV.

Ja, ich weiß, ein Wikipedia-Artikel…
Aber in diesem Fall ein wirklich *guter* Wikipedia-Artikel, der sich sehr viel differenzierter und detaillierter (und mit jeder Menge Quellenangaben) über das Thema auslässt, als es dieser kurze einführende Blogpost kann und soll.

„Krämer- und Hökergenossenschaften im Mittelalter“ von Heung-Sik Park

Ein schwer zu lesendes aber dennoch sehr empfehlenswertes Buch, das am Beispiel der Einzelhandelszünfte dreier norddeutscher Städte hervorragend die Entwicklung der Organisationsstrukturen der verschiedenen Arten und Ebenen von Zünften, Gilden und ähnlichen Vereinigungen aufzeigt.