Notre Dame und die Bedingungen auf mittelalterlichen Kirchenbaustellen

m Rahmen des Brandes der Kathedrale Notre Dame in Paris durfte ich in den letzten Stunden mehrfach lesen, so einem Gebäude, das nur durch die Ausbeutung und Versklavung der Bevölkerung hätte gebaut werden können, dürfe man nicht nachtrauern.

Deshalb kurz an dieser Stelle:

Wie wurde der Bau gotischer Kathedralen tatsächlich finanziert?
Woher kamen die Arbeitskräfte?

Zwang die Kirche tatsächlich die Leute dazu, astronomische Steuern für den Bau dieser Gebäude zu zahlen und wurden Menschen gezwungen, unter furchtbaren Arbeitsbedingungen auf den Dombaustellen zu arbeiten?

Natürlich nicht.

Die Finanzierung der Kathedralen geschah einerseits aus dem Vermögen des Bistums beziehungsweise des Domkapitels, das aber nicht im Ansatz ausreichte.
Der mit Abstand größte Teil der Baukosten wurde über Stiftungen und Spenden getragen.

Einzelpersonen, aber auch Zünfte und religiöse Gemeinschaften spendeten Geld und Material.
Die Stifter, die besonders viel gegeben hatten, wurden mit Stifterfiguren und Fensterbildern als Teil des Bauwerks verewigt.

Wir vergessen allzuoft, dass die allermeisten Menschen des Mittelalters die Christliche Religion nicht als etwas aufgezwungenes wahrgenommen haben, sondern wirklich gläubig waren.

Den Bau einer großen Kathedrale nach den eigenen Möglichkeiten zu unterstützen, förderte nach ihrer Überzeugung ihr Seelenheil und verbesserte ihre Chancen, in den Himmel zu kommen.

Zwar gab es oft tatsächlich auch zusätzliche Steuern, die den Bau einer Kathedrale finanzieren sollten, aber diese durften nicht so drückend ausfallen, dass die Bewohner einfach abwanderten.
Die Zeit der Gotik fällt mit einer wirtschaftlichen Blütezeit zusammen, die durch eine große Nachfrage nach Arbeitskräften bestimmt war.
Grundherren, Städte und andere Arbeitgeber konkurrierten um das begrenzte Angebot an Arbeitskräften und lockten Siedler und Arbeiter mit der Aussicht auf soziale, rechtliche und wirtschaftliche Vorteile an.
Die arbeitende Bevölkerung wurde dadurch selbstbewusst und mobil.
War man mit den Lebens- und Arbeitsbedingungen an seinem Wohnort nicht zufrieden, suchten vor allem die jungen Leute, die wenig zu verlieren, aber alles zu gewinnen hatten, sich bei einem anderen Grundherrn oder in einer anderen Stadt Arbeit zu besseren Bedingungen.
Den Bau einer Kathedrale allein durch absurd hohe erdrückende Steuern zu finanzieren, wäre unter diesen Bedingungen schlicht nicht möglich gewesen.

Hinzu kam der Faktor Repräsentation:

Sich selbst oder zumindest die eigene Zunft oder Gilde in einer Kathedrale als Stifter verewigt und geehrt zu sehen, steigerte das öffentliche Ansehen einer Person erheblich.

Und eine große, beeindruckende Kathedrale steigerte das Ansehen und den Ruhm einer ganzen Stadt und damit all ihrer Bewohner.

Große Kirchenbauten waren mindestens ebenso Werke, die zur Selbstdarstellung der gesamten auf die eine oder andere Weise am Bau beteiligten Gemeinde dienten, wie sie religöse Bauten waren.

Und wie war es um die Arbeiter an den Baustellen bestellt?
Wurden diese Kirchen von Zwangsarbeitern in unfassbarer Qual errichtet?

Die Handwerker der Dombauhütte waren gefragte Spezialisten, die quer durch Europa von einer Baustelle zur nächsten wanderten und sich ihr sorgsam gehütetes Know-How sehr gut bezahlen ließen.
Nicht zuletzt, weil die Arbeit auf der Baustelle in der Tat körperlich anstrengend und oft gefährlich war.
Vielfach genossen die Bauhütten zudem rechtliche Privilegien und Sonderrechte, so etwa das Recht, selbst über Vergehen ihrer Mitglieder zu richten.

Wie in den Zünften der sesshaften Handwerker auch, dienten die Bauhütten zudem der sozialen Absicherung, versorgten Verletzte oder Kranke Mitglieder und die Hinterbliebenen beim Bau Verstorbener.

Für die Hilfs- und Zuarbeiten (Träger, Kranmannschaften, Küchenpersonal…) wurden während der Saison im großen Stil ungelernte Arbeitskräfte eingesetzt. Aber auf Städtischen Baustellen waren auch diese persönlich frei (wenn auch oft Tagelöhner und damit Angehörige der Unterschicht) und wurden nicht zur Arbeit am Bau gezwungen.

(Bei Kirchenbauten auf dem Land konnte hingegen durchaus die von den Hörigen geschuldete Fronarbeit für den Baubetrieb eingesetzt werden. Hierbei muss man aber bedenken, dass die Menge an Fonarbeitstagen, die ein Höriger seinem Herrn schuldete, festgeschrieben war und somit für den Bau eingesetzte Hörige bei der Ernte auf den Feldern fehlten.)

Die Ordnungen der Bauhütten regelten bis ins Detail Arbeitszeiten, Löhne von Fach- und Hilfsarbeitern, Verpflegung während des Baus und eventuelle Sicherheitsvorschriften.

Wie gesagt: Die Nachfrage nach Arbeitskräften in der Gotik war hoch.
Auch ein Taglöhner hätte durchaus die Möglichkeit gehabt, anderswo Arbeit zu finden (die Bausaison fällt mit den Arbeitsreichsten Zeiten in der Landwirtschaft zusammen…), wenn die Bedingungen auf dem Bau so unfassbar schrecklich gewesen wären…

http://othes.univie.ac.at/24502/1/2012-12-28_0402912.pdf