Von A-Päpsten und Kritik

Gestern las ich interessiert eine Diskussion auf Facebook mit.
Mehrere hochwertige historische Darsteller (oder „A-Päpste“, wie man in der Marktmittelalterszene sagt) diskutierten über verschiedene Details der Ausstattung, die in der Szene (auch der Musealen) zwar verbreitet sind, weil sie sich vor Jahren mal etabliert haben, für die es aber kaum bis garkeine Belege gibt.

Klassische Reenactorismen also.
Dinge, mit denen irgendwann mal ein paar ansonsten sehr gute Darsteller angefangen haben und die dann ungefragt von anderen kopiert wurden („wenn XYZ das macht, *kann* es ja nicht völlig verkehrt sein!“), bis schließlich die halbe Szene diese Dinge so macht, ohne das irgendjemand einen konkreten Beleg dafür kennt.

Obwohl einige der Diskutanten selbst die diskutierten Dinge in ihrer Darstellung verwendeten, blieb die Diskussion sachlich, freundlich und am Ende hatten alle Beteiligten etwas gelernt.

Warum aber erzähle ich das hier?

Weil es ein perfektes Beispiel für ein klassisches Missverständnis zwischen „A-Päpsten“ und „Gromis“ (oder besser: Zwischen historischen Darstellern mit hohem historischen Anspruch und Mitgliedern der Mittelaltermarkt-Szene) ist:

Wenn ernsthafte historische Darsteller etwas kritisieren oder nach Quellen für eine Aussage oder eine Rekonstruktion fragen, tun sie das meist nicht, weil sie denjenigen ärgern, erniedrigen oder sich selbst beweihräuchern wollen.
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Zunächst einmal kritisieren und hinterfragen gute historische Darsteller (und eigentlich alle, die ernsthaft an Wissenschaft interessiert sind), weil jede Aussage, die unwidersprochen stehen gelassen wird, in der Wahrnehmung der Menschen mehr und mehr zur Wahrheit wird.

„Ich lese/sehe/höre das immer wieder und niemand widerspricht. Das wird also schon so richtig sein.“

Mit der Kritik und dem Widerspruch wird also nicht nur der oder die Kritisierte selbst angesprochen, sondern auch die Masse der stillen Mitleser/Mithörer. Man will schlicht vermeiden, dass sich haltlose Behauptungen als „wird schon so richtig sein“ in der allgemeinen Wahrnehmung etablieren.

Den meisten, die inzwischen eine hochwertige, wissenschaftlich fundierte Darstellung machen, wurde in ihrer Anfangszeit einiges an Blödsinn erzählt, was dazu führte, dass sie Zeit, Energie und Ressourcen verschwendet hatten, bevor sie endlich merkten, dass die Leute, die ihnen so bereitwillig Auskunft gegeben haben, keine Ahnung hatten.
Und die meisten von uns würden heutigen Anfängern eben das gerne ersparen.

Dabei geht es selbstverständlich nicht darum, dass alle, die „irgendetwas mit Mittelalter“ als Hobby machen wollen, jetzt eine wissenschaftlich akkurate Rekonstruktion der Geschichte anstreben und erreichen müssen.
Es geht darum, entweder das, was man anderen über die Vergangenheit erzählt, auch wissenschaftlich belegen zu können *oder* ehrlich zu sich und anderen zu sein und in der Öffenltichkeit nichts über die Vergangenheit zu erzählen, was man nicht belegen kann.

Oder, um es etwas prosaischer auszudrücken:
„Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal Fresse halten.“
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Zum Zweiten besteht immer die Möglichkeit, dass der- oder diejenige eine Quelle haben, die man selbst noch nicht kennt oder die vorhandenen Quellen auf eine Art interpretiert, auf die man selbst noch nicht gekommen ist, und man tatsächlich etwas neues lernen könnte.
Entegen dem verbreiteten Feindbild halten wir „A-Päpste“ uns nicht für allwissend oder gar unfehlbar.
Wer fragt „Hast du dafür einen Beleg?“ erwartet nicht zwingend, dass die Antwort unbedingt „nein“ lauten muss. Die Frage nach Belegen ist nicht immer eine rethorische.
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Zum Dritten stellen gute historische Darsteller solche Fragen eben nicht nur Mitgliedern der Mittelaltermarkt-Szene, sondern auch einander und vor allem sich selbst.
Auch unter Darstellern, die ein hohes wissenschaftliches Niveau erreicht haben, schleichen sich Dinge ein, seien es Details der Ausrüstung oder Dinge über die Vergangenheit, die wir im Internet oder auf Veranstaltungen erzählen, die uns so selbstverständlich scheinen, dass uns garnicht auffällt, dass wir eigentlich keinen Beleg dafür kennen oder das die Belege, die wir kennen, bei genauerer Betrachtung nicht so belastbar sind, wie wir glauben.
Und manchmal finden wir ein bestimmtes Stück Ausrüstung einfach so unglaublich praktisch, schön, cool oder bequem, dass wir dazu neigen, es mit der Frage mit der Belegbarkeit nicht ganz so genau zu nehmen, wie bei anderen Dingen (oft unbewusst).
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Was gute historische Darsteller von schlechten unterscheidet, ist ihre Reaktion, wenn sie auf so etwas hingewiesen werden:

Jene, denen es nur um die Bestätigung von Wunschvorstellungen oder liebgewonnenen Geschichtsbildern oder darum geht, sich mit möglichst wenig Aufwand öffentlich eines hohen wissenschaftlichen Anspruches brüsten zu können, reagieren abwehrend, gehen vielleicht sogar zum Angriff auf jene über, die ihr Geschichts- und/oder Selbstbild angekratzt haben.

Jene, denen es wirklich darum geht, die Vergangenheit besser zu verstehen und daraus zu lernen, sind froh und dankbar, dass sie diesem Ziel jetzt, da sie einen Fehler korrigiert haben, wieder ein Stück näher gekommen sind.

Oder, um die Kernaussage dieses kurzen Beitrages noch kürzer zusammenzufassen:
„Berichtige einen Weisen und er wird dir danken.
Berichtige einen Narren und er wird dich hassen.“

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