„Das Bisschen Haushalt…“ Vom Putzen und Waschen

Eines der Themen, über die wir als In Foro, ob im Internet oder auf Veranstaltungen am häufigsten aufzuklären versuchen, ist die ebenso verbreitete wie falsche Vorstellung, die Menschen des Mittelalters seien konstant dreckig gewesen, hätten zum Himmel gestunken, seien auf den Straßen durch knietiefe Kloaken gewatet und hätten wenn überhaupt ein oder zwei mal im Jahr gebadet.

Der zu diesem Thema gehörige Artikel ist bis heute der meistgelesene Post auf unserem Blog.

Deshalb haben wir bei unserer letzten Belebung des Mittelalterhauses Nienover die Gelegenheit genutzt, eine kurze Fotostrecke zu erstellen, die verschiedene alltägliche mit dem Thema Sauberkeit zusammenhängende Tätigkeiten in einem mittelalterlichen Haushalt zeigt und zu jeder einzelnen ein paar Hintergrundinformationen liefert.

(Alle hier abgebildeten Personen haben der Verwendung ihrer Fotos für diesen Blogpost zugestimmt. Aufgrund des Datenschutzes werden hier jedoch keine Namen genannt.)

Unser bis heute meistgelesener Blogpost, der einen kurzen Überblick über das Thema bietet und vor allem Literatur und Artikel zur weiter und tiefergehenden Recherche empfiehlt, ist hier zu finden:
https://inforo1300.wordpress.com/2017/05/10/sauberkeit-im-mittelalter/


1. Waschen

Entgegen dem verbreiteten Klischee wuschen sich die Menschen im Spätmittelalter durchaus regelmäßig.

In fast jeder Stadt (und selbst vielen größeren Dörfern) gab es Badehäuser, oft sogar mehrere.
Traditioneller Badetag war Samstag. Hausangestellte, Lehrlinge und Gesellen bekamen am Samstag in vielen Städten etwas früher Frei und dazu den „Badepfennig“, um ins Badehaus gehen zu können.
Neben dem Bad selbst, das nicht nur zur Reinigung, sondern auch zur Entspannung und durchaus oft zum fröhlichen Miteinander mit Freunden und Nachbarn diente, boten die meisten Badehäuser auch Dienste wie Rasur, Haareschneiden, Aderlass, Schröpfen und Massagen an.
Ein komplettes „Wellness-Paket“, wie man heute vermutlich sagen würde…

Aber auch unter der Woche reinigten sich die Menschen regelmäßig, wie es sowohl in Medizinischen Traktaten, als auch in höfischen Romanen der Zeit beschrieben wird.

Eine Schale, ein Krug Wasser, eventuell etwas Lauge oder Seife, ein Lappen und ein Handtuch zum Abtrocknen, sind völlig ausreichend, um sich nach dem Aufstehen und vor dem Schlafengehen (sowie nach Bedarf) gründlich zu reinigen.
Wobei erfahrungsgemäß eine zweite Person, die beim Waschen des Rückens hilft, sehr von Vorteil ist…

Zusätzlich konnte das Waschwasser noch mit wohlriechenden Kräutern oder Ölen versetzt werden (wir haben selbst sehr gute Erfahrungen mit einer Hand voll Lavendelblüten gemacht).

Gästen wurde bei Betreten des Hauses die Möglichkeit angeboten, sich den Straßenstaub von Händen und Gesicht zu waschen. Hierzu wurde (von der Herrin des Hauses selbst, wenn man die Gäste besonders ehren wollte) Wasser aus einer Aquamanile, einem speziell für diesen Zweck gefertigten, oft in Tierform ausgeführten, Gefäß in eine Auffangschale gegossen. Mit dem Wasserstrahl konnten sich die Gäste dann reinigen.

Der Hausbewohner im Foto hat die Aquamanile allerdings zweckentfremdet, um sich kaltes Wasser in die Waschschüssel einzugießen und die darin befindliche heiße Waschlauge auf ein erträgliches Maß zu verdünnen. Das Handtuch über der Schulter und den Waschlappen (auf dem Bild nicht sichtbar) auf dem Stuhl liegend, hat er alles, was er für seine Morgenwäsche Braucht.

2. Toilette

Die Latrine des Hauses entleert sich in eine darunterliegende Grube oder Kammer.

In ihr landet neben dem Offensichtlichen auch aller kleinteiliger Müll, der im Haushalt anfällt.
Von kaputten Schuhen und zerbrochener Keramik bis hin zu Küchenabfällen.
Diese Tatsache macht mittelalterliche Latrinengruben heute zu waren Schatzkammern für Archäologen, sind sie doch voll mit Fundstücken aus dem Alltag der Menschen damals.

Zur Reinigung nach verrichtetem Geschäft gab es verschiedene Möglichkeiten:

-Diverse spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Latrinenbefunde enthalten große Mengen an Textilfetzen, viele davon ungefär in Handgröße.
Sehr wahrscheinlich wurden Kleidungsstücke und andere Textilien, nachdem sie zu verschlissen oder beschädigt waren, um weiterbenutzt werden zu können, zunächst zu Putzlappen zerschnitten oder zerrissen und zuletzt, wenn sie auch dafür nicht mehr taugten, als „Klopapier“ endverwendet.

-Für Rohwolle als Ersatz für Toilettenpapier gibt es Schriftquellen aus dem tudorzeitlichen England. Aber auch schon um 1400 weisen die Haushaltsbücher des Duc de Berry den Kauf von unversponnenen Flachs und Hanf ausdrücklich für eben diesen Zweck nach.

-Einige spätmittelalterliche Latrinenbefunde enthalten außerdem große Mengen an Moos, was ebenfalls auf eine Benutzung desselbigen als Toilettenpapier hinweist.

-Die Blätter der Pestwurz-Pflanze wurden (durch Funde im Salzberg bei Hallstatt nachgewiesen) zumindest in der Bronzezeit als Toilettenpapier benutzt und im bayrischen Sprachraum hat die Pflanze heute noch den Namen „Arschwurz“.
Dennoch ist die Lücke von der Bronzezeit bis zum heutigen byrischen Dialekt etwas sehr weit, um eine Verwendung von Pestwurz für diesen Zweck im Mittelalter anzunehmen. Vor allem, wenn andere Optionen zwar auch nicht wirklich eindeutig belegt, aber doch wesentlich wahrscheinlicher sind.

Das Büschel Stroh, das oben auf dem Querbalken zu sehen ist (für einen Behälter mit Stroh über der Latrine gibt es Quellen aus der frühen Neuzeit), dient hingegen meiner Ansicht nach nicht der rückwärtigen Reinigung, sondern wird nach dem Stuhlgang in die Latrine geworfen, um dort die flüssigen Bestandteile des Grubeninhalts zu binden und den Geruch zu minimieren.
Dieses System machen sich heutzutage wieder chemiefreie Alternativen zum Dixieklo zunutze, bei denen statt Stroh allerdings meist Sägespäne verwendet werden.

Ebenfalls und schon für das Mittelalter nachweisbar ist eine Geruchsbekämpfung mit ungelöschtem Kalk, der in unregelmäßigen Abständen in die Latrinengrube gestreut wurde und die Mikroben an der Oberfläche des Grubeninhalts abtötete. Heutige Archäologen verfluchen diese Praxis, weil sie allzuoft feststellen müssen, dass der ätzende Kalk auch einen guten Teil der Fundstücke zerfressen hat…

Die Latrinengrube musste regelmäßig entleert und gereinigt werden.
Schon das Augsburger Stadtrecht im 13ten Jahrhundert schreibt vor, dass diese Entleerung im Winter und Nachts zu passieren hat, um die Geruchsbelästigung für die Anwohner zu minimieren.

Überhaupt haben wir viele rechtliche Quellen, die sich mit dem stillen Örtchen beschäftigen.
So schreibt der Sachsenspiegel vor, dass die Wände des Latrinenhauses bis zum Boden herabreichen müssen, um anderen den Anblick fallender Fäkalien zu ersparen. Zudem müssen Latrinen der Geruchsbelästigung halber einen Mindestabstand zur Grundstücksgrenze aufweisen.

Viele Städte schreiben zudem einen Mindestabstand zwischen Latrinengruben und Brunnen vor.

Was nach der Entleerung mit dem Inhalt der Grube geschah, unterscheidet sich von Ort zu Ort stark:

-Mancherorts wurde der Unrat zur Verfüllung von Gruben und Senken oder zur Gewinnung zusätzlichen Landes am Ufer von Flüssen und Seen genutzt (wie auch in unserer Zeit noch Schutt und Müll häufiger zur Landverfüllung genutzt wurden).

-Andernorts wurden die Fäkalien und sonstigen Abfälle einfach ein ein stark fließendes Gewässer gekippt (unterhalb der Entnahmestelle für Brauch- und Trinkwasser, versteht sich).

-Sehr oft aber, wurde das aus den Latrinengruben gewonnene Material mit Gewinn als Dünger an die Bauern außerhalb der Stadt verkauft.

3. Zähneputzen

Zum Reinigen der Zähne empfehlen zeitgenössische medizinische Traktate, Zähne und Zahnfleisch kräftig mit einem Leinentuch abzureiben und anschließend den Mund mit klarem Wasser, Essig oder Wein auszuspülen (bei Essig und Wein sollte man noch ein zweites Mal mit Wasser spülen, damit die Säure nicht den Zahnschmelz angreift).

Bei besonders starker Verschmutzung oder zum Aufhellen der Zähne werden verschiedene Zahnputzpulver empfohlen, die mit dem angefeuchteten Tuch vor Benutzung aufgenommen werden und primär aus einem Schleifmittel (ähnlich wie der Hauptbestandteil moderner Zahnpasta) bestehen, das eventuell noch desinfizierende und astringierende Wirkung hat.

Häufige Schleifmittel sind Salz, Knochenmehl, Pottasche, Natron oder gemahlener Marmor (gerade von letzterem ist aus moderner Sicht abzuraten, da er nicht nur Verschmutzungen, sondern auch den Zahnschmelz zuverlässig entfernt).

Bei dem hier abgebildeten Zahnputzzeug haben wir uns für Salz entschieden, das neben der schleifenden Wirkung auch leicht desinfizierend ist.

Neben dem Behälter mit Salz (und einem Becher Wasser zum Anfeuchten des Tuches und für die abschließende Mundspülung) befindet sich eine Kräuter- und Gewürzmischung nach den Vorschlägen der Trotula von Selerno und des Gilbertus Anglikus.
Die Mischung enthält (in abnehmender Menge):

-Krausminze (heute durch einen Kaugummihersteller vor allem unter dem englischen Begriff „Spearmint“ bekannt)

-Salbei

-Fenchel

-Zimt

-Muskat

-Nelken

Alle Inhaltsstoffe wirken entweder desinfizierend, astringierend oder beides.
Sie können entweder mit heißem, warmem oder kaltem Wasser, Essig oder Wein zu einem Mundwasser aufgegossen werden, oder mit dem Schleifmittel zusammen gemörsert werden, um dann im fertigen Zahnputzpulver die selbe Funktion zu erfüllen, wie die „grünen Streifen“ in moderner Zahnpasta (die auch weitestgehend aus den selben Zutaten bestehen).

Die letzten drei (und vor allem die letzten zwei) Zutaten hätte ein kleiner städtischer Haushalt wahrscheinlich eher nicht verwendet, sondern sich auf günstigere, einheimische Zutaten beschränkt).

Der hohe Preis von Zucker und selbst Honig im mittelalterlichen Europa sorgte dafür, dass Karies bei Gebissen mittelalterlicher Totenschädel um ein vielfaches seltener zu finden ist, als bei Gebissen aus der Kolonialzeit und erst recht der Industrialisierung, als erst Rohrzucker aus den amerikanischen Kolonien und dann ab dem 19ten Jahrhundert einheimischer Rübenzucker zu einem billigen Massenprodukt wurden.
Natürlich kann man trotzdem mittelalterliche Gebisse in einem absolut furchterregend schlechten Zustand finden, aber im durchschnitt hatten die Menschen um 1300 entschieden bessere Zähne, als die Menschen um 1800.

Die größte Bedrohung für die Zähne der Menschen im Mittelalter ging von Steinmehl ab, das sich beim Mahlvorgang vom Mahlstein löste, ins Mehl gelangte und die Zähne herunterschliff.

Allerdings verbesserte sich die Situation diesbezüglich im Laufe des Hochmittelalters, als mehr und mehr Grundherren, Stadt- und Dorfgemeinschaften eine zentrale Bannmühle errichteten, in der die Anwohner ihr Getreide mahlen lassen mussten und deren Mahlsteine meist von deutlich höherer Qualität waren, als die der vorher in jedem Haushalt benutzten Handmühlen.

4. Fegen

Nachdem er sich präsentabel gemacht und seine Matratze sowie sein sonstiges Schlafzeug weggeräumt hat, hat, macht sich der Geselle daran, mit einem schlichten Reisigbesen die Diele, den großen Hauptraum des Hauses, auszufegen.

Laut dem Menagier de Paris, einem um 1400 von einem ebenso alten wie reichen pariser Bürger für seine blutjunge Frau geschriebenen Handbuch über die Haushaltsführung, soll zu allererst die Haupthalle des Hauses gefegt und gereinigt werden, da dies auch der Raum ist, in dem eventuelle frühe Besucher empfangen werden. Erst danach sind alle anderen Räume an der Reihe.

Wir hatten zunächst unsere Zweifel, ob man den Dreck über die doch sehr subtanzielle Schwelle einer mittelalterlichen Haustür nach draußen gefegt bekommt, aber mit etwas Übung war es kein Problem, den Dreck mit dem Besen erst gegen die Schwelle und dann an dieser nach oben und raus zu schieben.

Als weitere Schritte um die Haupthalle bereit zum Empfang von Gästen zu machen, nennt der Menagier das abwaschen von Tischen und Bänken, das Wechseln von eventuell vorhandenen Tischdecken und das Aufschütteln von Sitzkissen.

5. Frisieren

Die Frauen des Haushaltes kämmen und flechten sich gegenseitig die Haare.

Kämme aus Holz oder Knochen, wie der hier verwendete, sind das gesamte Mittelalter hindurch häufig im Fundgut anzutreffen.
Sehr verbreitet waren auch Varianten, die an beiden Seiten Zinken in unterschiedlicher Feinheit aufwiesen.

Im mittelalterlichen Europa (und in praktisch allen Kulturen des Mittelmeerraums oder jenen, die sich an den Kulturen des Mittelmeerraums orientierten, seit wenigstens der griechischen Antike und bis weit in die Neuzeit) sah die gesellschaftliche Norm vor, dass eine Verheiratete (oder verwitwete) Frau in der Öffentlichkeit ihre Haare zu verdecken hatte.

Die dafür verwendeten Kopfbedeckungen reichen von Hauben, über Schleier und kompliziert gewickelte und gefaltete Kopfputze, bis hin zu Haarnetzen, bei denen eigentlich von einem „Verdecken“ der Haare keine Rede mehr sein konnte.

Eine Besonderheit der von uns dargestellten Zeit um 1300 ist das sog. „Gebende“, das aus zwei Stoffstreifen besteht, von denen einer als Kinnriemen, der andere als Stirnband getragen wird.
Abgesehen davon, dass es eine stabile Basis darstellt, um andere Kopfbedeckungen darüber (oder darunter) zu befestigen, war es sehr wahrscheinlich auch eine Art Statussymbol, dass verheiratete Frauen kennzeichnete.

Das bedeutet nicht, dass es von jeder Verheirateten Frau durchgehend, immer und in jeder Situation getragen werden musste, aber es scheint doch als Symbol des Ehestandes verstanden worden zu sein.

Diese Schleier- und Kopftuchmode macht es für uns heute leider sehr schwierig, klare Aussagen über die unter den diversen Kopfbedeckungen getragenen Frisuren zu treffen.

Jungfrauen, die ihr Haar unbedeckt tragen durften, werden in den Buchmalereien des 13ten Jahrhunderts meist mit zwei einfachen, vom Hinterkopf ausgehenden Zöpfen dargestellt.

Für die Frisuren verheirateter Frauen sind wir hingegen leider auf Spekulationen anhand der sich unter Schleiertüchern, Haarnetzen und Hauben abzeichnenden Formen in zeitgenössischen Bildquellen angewiesen.

Laut diesen erscheint uns ein einzelner Haarknoten am Hinterkopf (festgenäht oder mit einer Nadel fixiert) als die Häufigste Frisur, wobei zu Anfang des 14ten Jahrhunderts, gerade im stark französisch beeinflussten Raum, auch zwei seitliche Haarknoten immer beliebter zu werden scheinen.

Der weitere Verlauf des 14ten Jahrhunderts wird dann Quellen für ausgefallenere und komplexere Frisuren liefern.

Die Mode, die Haare den großteil des Tages über in einer kompakten Frisur und geschützt unter einer Kopfbedeckung zu haben, hat den postitiven Nebeneffekt, dass die Haare wesentlich seltener gewaschen werden mussten, als heute.
Nicht nur konnte weniger Schmut von außen an die Haare gelangen, auch die Talgdrüsen an der Kopfhaut produzieren wesentlich weniger Talg, wenn die Haare (besonders an den Wurzeln) wenig bewegt werden.

6. Rasieren

Im Badehaus, das normalerweise einmal die Woche besucht wurde, wurden unter anderem auch professionelle Rasuren angeboten.

Um aber unter der Woche nicht stoppelig herumzulaufen und damit dem Ansehen der Hausgemeinschaft zu schaden, rasieren sich die Männer des Hauses in Ermangelung eines Spiegels gegenseitig.
(Spiegel aus poliertem Metall sind um 1300 zwar durchaus schon bekannt, aber lange nicht in jedem Haushalt vorhanden.)

Auch wenn man in den Anfang des 14.Jahrhunderts erstellten Buchmalereien des Codex Manesse durchaus den einen oder anderen kurzen Kinn- oder sogar Vollbart sieht, ist die dominierende Mode in der von uns dargestellten Zeit immernoch das glattrasierte Gesicht.
Bärte, dann auch längere, werden nicht ausschließlich, aber doch hauptsächlich von älteren Männern getragen.

Der Bart des Rasierenden ist dem modernen Geschmack des Darstellers geschuldet und wäre um 1300 absolut unüblich gewesen.

Grundsätzlich unterschied man zwischen drei Arten der Rasur:

-Das Trockenscheren, bei dem ohne jede Vorbehandlung rasiert wurde und das als sehr unangenehm galt.

-Die Rasur nach Behandlung der Barthaare mit Lauge, um diese weicher und leichter schneidbar zu machen.

-Die Rasur nach einem Besuch im Schwitzbad, bei der die Haare durch Wärme und Wasserdampf am einfachsten zu schneiden und die Rasur dadurch am Angenehmsten war.

Hier muss es morgens schnell gehen, bevor die ersten Kunden kommen, und so rasieren sich die Männer am großen Fenster des Kontors trocken, wie auch der eher unerfreute Gesichtsausdruck des Rasierten verrät.

Das im Bild verwendete Rasiermesser ist nach einem Fund aus Süddeutschland gefertigt, der grob auf das 13te Jahrhundert datiert wird.

7. Spülen7. Schrubber

Das Geschirr vom Frühstück wird mit Muskelkraft, einem Bottich voll Aschelauge und einer Bürste gespült und anschließend mit einem Leinenhandtuch abgetrocknet.

Zum Abwasch gibt es aus unserem Zeitraum leider nicht wirklich viele Quellen.
Aus den Londonfunden gibt es einen Bürstenkopf ohne Borsten, der bemerkenswerte Ähnlichkeit mit modernen Spülbürsten besitzt und grob auf das 14te Jahrhundert datiert wird.

Der Sachsenspiegel listet Bürsten als Teil des unbedingt notwendigen Hausrats auf, der einer Witwe ohne wenn und aber als Erbe zusteht. Die Heidelberger Bilderhandschrift desselben gibt diese Bürste in Form eines Reisigbündels wider (im Grunde ein Reisigbesen ohne den Stiel).

Aus spätmittelalterlichen Haushaltsbüchern (und eisenzeitlichen Frauengräbern) ist der „Panzerfleck“ bekannt, ein etwa Handgroßes Stück Kettengeflecht, das quasi als mittelalterliche Version der heutigen Topfreiniger aus Stahlwolle für hartnäckige Flecken, insbesondere an Metallgefäßen, benutzt wird.

Das Gemälde „Das Abendmahl“ des italienischen Künstlers Pietro Lorenzetti um 1325 zeigt in einer Nebenszene einen Bediensteten, der einen (Holz-?)Teller mit einem Tuch abwischt.

Die Verwendung von Pottasche als Fettlöser widerum ist spekulativ. Genausogut hätte man eine Seifenlösung oder Natron verwenden können. Wir hatten uns hier für das billigste der drei verbreitetsten mittelalterlichen „Waschmittel“ entschieden.

8. Nachttopf

Kippt die Bürgerin auf dem Bild hier etwa den Inhalt eines Nachttopfes aus dem Fenster?

Tut sie natürlich nicht.

Nachttöpfe auf die Straße zu entleeren, war in praktisch allen mittelalterlichen Städten streng verboten und mit empfindlichen Geldstrafen versehen.
Es kam nachweislich trotzdem vor, aber es stellte die Ausnahme dar, nicht die Regel.

Die städtischen Obrigkeiten taten viel dafür, die Straßen sauber zu halten. Neben den schon erwähnten hohen Strafen für das Verschmutzen von Straßen und Plätzen waren die Haushalte entweder selbst verpflichtet, die Straße vor ihrem Grundstück seuber zu halten (wiederum mit empfindlichen Strafen, sollte dieser Pflicht nicht nachgekommen werden), oder es gab aus Steuergeldern bezahlte Straßenfeger und in manchen Städten gegen Ende des Mittelalters sogar eine Müllabfuhr für alles, was zu sperrig war, um in die Latrine entsorgt zu werden.
Wo die Straßen weder Steinpflaster noch Bohlenwege (siehe auch „Knüppeldamm“) zur Befestigung aufwiesen, bestand der Straßenbelag meist trotzdem nicht einfach nur aus dem rohen Erdboden, sondern aus einem festen Lehmputz.
Diesem wurden manchmal neben den üblichen Beigaben zur Abmagerung, wie Stroh, Sand oder Haare auch feine Keramikscherben und Knochensplitter hinzugefügt.
Durch ihre poröse Struktur leiteten diese zum Einen Feuchtigkeit schneller ab und schufen zum anderen Luftpolster, die das Durchdringen von Bodenfrost zur Oberfläche des Straßenbelags verlangsamten und damit dafür sorgten, dass die Wege im Winter nicht so schnell zufroren.

Was unsere Bürgerin hier aus dem Fenster schüttet, ist „Kammerlauge“, also gebrauchtes Putzwasser.
Dieses auf die Straße zu entsorgen, war absolut legal, wobei man trotzdem darauf zu achten hatte, niemanden zu treffen.
Solange sie also vorher geschaut hat, dass gerade niemand unter dem Fenster vorbeigeht, eventuell noch eine Warnung gerufen hat (oder auf lautstark nervende Musiker und/oder Zecher zielt… das ist ein häufiges Motiv in der Malerei der Zeit), ist alles in Ordnung.

Vielleicht stammt das Klischee von den auf die Straße entleerten Nachttöpfen davon, dass wir, die wir in einer Zeit geboren wurden, in der Toiletten mit Wasserspülung Standard sind, das Wort „Abwasser“ automatisch mit Fäkalien in Verbindung bringen.
Vielleicht passte auch nur ins liebgewonnene Bild vom finsteren, dreckigen Mittelalter.

9. Wäsche Leinen

Die Leib- oder Unterwäsche bestand vor Allem aus Leinen oder (deutlich seltener) Hanf.

Sie diente dazu, den Schweiß des Trägers aufzusaugen, so dass dieser nicht an die wollene Oberkleidung gelangte.

Gerade Leinen ist für diese Aufgabe hervorragend geeignet, da Flachsfasern von Natur aus leicht bakterizid sind, wodurch Leinen deutlich länger getragen werden kann, ohne zu stinken, als etwa Baumwolle.

Zudem lässt Leinen den aufgenommenen Schweiß auch relativ schnell wieder verdunsten und fühlt sich dadurch bei warmem Wetter angenehm kühl und gleichzeitig trocken auf der Haut an.

Der dritte große Vorteil der beiden Pflanzenfasern liegt darin, dass sie problemlos immer wieder bei sehr hohen Temperaturen gewaschen werden können, ohne Schaden zu nehmen.

So wurde Leinen nicht nur für Leibwäsche genutzt, sondern auch für Handtücher, Putzlappen, Schürzen und Ähnliches.

War Leinen im Frühmittelalter noch in einigen Regionen (beipielsweise in Skandinavien) deutlich teurer als Wolle, weil es im Gegensatz zu den Schafen mit dem Grundnahrungsmittel Getreide um die dringend benötigten Anbauflächen konkurrierte, waren mit der Agrarrevolution am Beginn des Hochmittelalters die Produktivität der Landwirtschaft und die vorhandene Ackerfläche so weit gewachsen, dass man es sich erlauben konnte, Flachs in großer Masse anzubauen.

Beim Waschvorgang wurde das Leinen zunächst in einer Lauge aus Pottasche oder, seltener, Wasser mit etwas Schmierseife eingeweicht, kräftig gewalkt und geknetet, um die Waschflüssigkeit möglichst tief ins Gewebe zu bekommen. Zu diesem Zweck konnten ebenfalls so genannte Waschbleuel benutzt werden, Schlaghölzer, mit denen auf den auf einem Brett liegenden Stoff geschlagen wurde, um die Waschlösung tiefer ins Gewebe zu trieben.
Besonders verschmutzte Stellen im Stoff wurden aneinander gerieben, um die Schmutzpartikel mechanisch aus dem Gewebe zu lösen.
Je nach Verschmutzungsgrad musste der Vorgang des Einweichens, Walkens, Reibens und Schlagens mehrfach wiederholt werden.

Zuletzt wurde das Leinen gründlich mit kaltem sauberem Wasser ausgespült (wobei es wieder gründlich gewalkt und mit dem Bleuel malträtiert wurde, um diesmal das saubere Wasser tief in die Fasern hinein- und das schmutzige Waschwasser herauszutreiben) und anschließend ausgewrungen und zum Trocknen ausgebreitet.

Bei sonnigem Wetter wurde das Leinenzeug nach dem Waschen immer noch nass auf einer grünen Wiese ausgebreitet, um zu bleichen.

Dabei reagiert das Wasser im Gewebe durch die hohe Energie der UV-Strahlung und die hohe Konzentration an Sauerstoff so dicht am grünen Gras teilweise zu Wasserstoffperoxid, welches dann das Material bleicht.
Hierzu muss das Leinen immer wieder neu befeuchtet und regelmäßig gewendet werden.
Die Wiese muss nicht nur sauber sein, sie darf auch nicht vor allzu kurzer Zeit gemäht worden sein, da sich sonst Grasflecken auf dem Stoff bilden würden.

Viele spätmittelalterliche Städte hatten zu eben diesem Zweck große Bleichwiesen vor den Stadtmauern, so dass das „naturgraue“ Leinen, dass man bei so vielen Rekonstruktionen mittelalterlicher Kleidung sieht, spätestens zu dieser Zeit nicht mehr die Regel gewesen sein dürfte.

10. Wäsche Wolle

Die Oberbekleidung bestand zum überwältigenden Großteil aus Wolle.

Dieses Material löst heute bei den Meisten vor allem Erinnerungen an warme und kratzige Wollpullis aus, aber das wird der Superfaser Wolle nicht gerecht.
Wollstoffe gab und gibt es in den unterschiedlichsten Qualitäten, von dickem, stark gewalkten Loden, dessen verfilzte Oberfläche ihn zum perfekten Material für Winter- und Schlechtwetterkleidung macht, bis hin zu feinem Kammgarn, das mit seiner glatten Oberfläche und seinem leichten, fließenden Fall heute noch gerne für gute Herrenanzüge verwendet wird.

Wolle besitzt viele Eigenschaften, die sie über mehrere Jahrtausende zum Bekleidungsmaterial der Wahl in Europa machten:

-Durch die zwischen ihren Fasern eingeschlossene Luft wirkt Wolle Isolierend gegen Wärme wie Kälte, hält also im Winter die Wärme des Körpers und schützt im Sommer vor der Hitze der Sonne.

-Trotz dieser isolierenden Eigenschaften ist sie atmungsaktiv und lässt gerade in Kombination mit Unterwäsche aus Leinen den verdunstenden Schweiß problemlos durch, was im Sommer ebenfalls angenehm kühlend wirkt.

-Wolle ist, gerade wenn sie gewalkt wurde, sehr Wasserabweisend und eignet sich damit hervorragend als Regenschutz.

-Sie kann bis zu 30% ihres Gewichts an Wasser aufnehmen, ohne ihre wärmeisolierenden Eigenschaften zu verlieren.

-Sie neigt kaum zum Knittern und muss daher nicht gebügelt, sondern nur ausgehangen werden.

-Mit den vor der Erfindung moderner chemischer Farbstoffe bekannten Färbemitteln ist Wolle meist deutlich einfacher dauerhaft zu färben, als Leinen oder Baumwolle.

Für das hier behandelte Thema „Sauberkeit“ ist aber vor allem eine Eigenschaft von Wolle interessant:

-Durch das in ihr enthaltene Wollfett Lanolin ist Wolle extrem Schmutzabweisend. Verunreinigungen werden von den Fasern nicht aufgenommen und an die Oberfläche des Gewebes transportiert, wenn die einzelnen Fasern sich gegeneinander bewegen.

Verbunden mit ihren leicht keimtötenden Eigenschaften sorgt das dafür, dass Wolle sehr selten gewaschen werden muss.
Der meiste Schmutz lässt sich problemlos aus dem Stoff ausbürsten und auch die meisten unangenehmen Gerüche lassen sich durch ausgiebiges Lüften beseitigen.

Nur selten ist es nötig, eine besonders verschmutzte Stelle vorsichtig mit Kernseife oder einem mit Lauge getränkten Tuch abzureiben.

Hier bürstet der Hausbewohner den Ärmel eines Gewandes aus, das beim Regen am Vortag ein paar (nun getrocknete) Schlammspritzer abbekommen hat.

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