Wofür landete man im Mittelalter auf dem Scheiterhaufen?

-„Ich wäre im Mittelalter bestimmt auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden. Schließlich habe ich eine eigene Meinung und sage die auch offen.“

-„Für den Kräutertee hier hätte man mich im Mittelalter bestimmt als Hexe verbrannt.“

Solche und ähnliche mehr oder weniger witzig gemeinte Sprüche kann man häufiger hören, wenn man sich mit Menschen über das Mittelalter unterhält.
Wenn man nach der populären Wahrnehmung des Mittelalters geht, scheint das Verbrennen von Menschen aus diversen Gründen an der Tagesordnung gewesen zu sein.
Vor allem natürlich durch die Kirche, die einen ja schon dafür verbrannte, sich bei der Messe zu räuspern… oder?

Was musste man im kirchlichen wie weltlichen Rechtssystem des Mittelalters wirklich getan haben, um zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt zu werden? Und wie häufig kam das vor?
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Spätestens seit dem 12ten Jahrhundert stand Tod durch Verbrennen als Strafe auf schwere Fälle von Häresie.

Aber was genau *ist* Häresie? Und was machte einen „schweren Fall“ aus?

Zunächst mal mussten bestimmte Ansichten, die den Grundpfeilern der Kirchlichen Lehre (und des kirchlichen Machtanspruchs) widersprachen, offiziell als Häresie deklariert worden sein.

Es gab durchaus einiges an Kontroversen Debatten zu theologischen Fragen, die auch manchmal durchaus von jenen gewonnen wurden, die der bisherigen offiziellen Lehre widersprachen, was dann zu einer Reform führte.

Zur Häresie erklärt wurden Angriffe auf die Lehre der Apostolischen Nachfolge (die dem Bischof von Rom eine Führungsposition über die anderen Bischöfe gab), die Notwendigkeit der Beichte und Absolution bei einem Priester (auf der die Abhängigkeit der Menschen von der Institution Kirche basierte) oder Detailfragen der Dreieinigkeit oder der Natur Marias, bei denen die Kirche sich in ihrer Anfangszeit gegen andere christliche Strömungen durchgesetzt hatte.

Und selbst, wenn eine bestimmte Aussage zur Häresie erklärt wurde, reichte es zur Verurteilung nicht, diese Aussage nur für sich im stillen Kämmerlein zu glauben.
Man musste sie LEHREN und versuchen, andere vom „rechten Glauben“ abzubringen.
Oder zumindest musste man einer Organisation angehören, die eben das tut.
Erst dann war man nach kirchlichem Recht ein Ketzer.

Und selbst dann wurde einem beim ersten Urteil meist noch die Möglichkeit gegeben, der Irrlehre abzuschwören und mit diversen Buß- und Sühneleistungen (meist Geldbußen, Fasten und andere Bußübungen, eine Pilgerfahrt, eventuell das Tragen eines Ketzerkreuzes für eine bestimmte Zeit) davonzukommen.

Verbrannt wurden nur Widerholungstäter und jene, die sich weigerten, ihre Ketzerei zu widerrufen.

Dass die Kirche niemanden für Kräutermedizin verfolgte und der Hexenwahn nciht ins Mittelalter, sondern in die frühe Neuzeit gehört (und dort nicht auf Betreiben der Kirchenführung passierte), haben wir auf diesem Blog bereits öfter behandelt. Hier zum Beispiel:
https://inforo1300.wordpress.com/2018/07/28/feuer-und-schwert-die-katholische-kirche-und-die-gewalt/
Oder hier:
https://inforo1300.wordpress.com/2017/05/10/die-katholische-kirche-und-die-wissenschaft/
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Ein viel einfacherer Weg auf den Scheiterhaufen bestand darin, königliche Münzen zu fälschen, ein Kind zu ermorden (insbesondere das eigene), einen Giftmord zu begehen oder Gift für die Tötung von Menschen herzustellen, Sodomie zu begehen, Brandstiftung zu betreiben, Liturgisches Gerät (inbesondere eine Monstranz mit geweihter Hostie) zu stehlen, eine Frau zu vergewaltigen oder Schadzauber zu wirken.

(Natürlich gab es von Ort zu Ort und von Zeitpunkt zu Zeitpunkt massive Unterschiede, auf welche Straftaten genau der Tod durch verbrennen bestand. Die Auflistung hier umfasst die Tatbestände, für welche diese Strafe ingesamt mit Abstand am Häufigsten verhängt wurde)

Wir sehen also:
Entgegen dem verbreiteten Bild verhing die weltliche Gerichtsbarkeit die Todesstrafe durch Verbrennen für wesentlich mehr Vergehen, als es die Kirche tat.

Aber wie häufig geschah das?

Wesentlich seltener, als man gemeinhin glaubt.

Auch wenn diese Zahlen natürlich je nach Zeit, Region und Bevölkerungsdichte stark variierten, wurden selten an einem Ort eine mehr als einstellige Zahl an Hinrichtungen im  Jahr verhängt.
Selbst in einer Großstadt wie Köln war eine Hinrichtung nichts Alltägliches.

Und diese Angabe bezieht sich auf sämtliche Arten der Hinrichtung, von denen Verbrennung nur eine und bei weitem nicht die Häufigste war.
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Also kurz:

Nein, man hätte dich NICHT auf dem Scheiterhaufen verbrannt, bloß weil du jemandem, der mächtiger ist als du, widersprochen oder ihn kritisiert hast (auch wenn es vermutlich trotzdem keine besonders kluge Idee gewesen wäre…).

Für die Verwendung von Heilkräutern schonmal garnicht.

Hinrichtungen durch Verbrennen waren seltene Ausnahmen und man musste sich schon wirklich Mühe geben, um dazu verurteilt zu werden.