Waffenrecht und Marktfrieden im Mittelalter

„Auf dem Mittelaltermarkt trägt man kein Schwert oder andere Waffen! Da herrscht schließlich Marktfrieden!“
Diesen Satz hört und ließt man in der Mittelalterszene relativ häufig.

Und völlig abgesehen von der Tatsache, dass ein Mittelaltermarkt ungefähr soviel mit einem Markt im Mittelalter zu tun hat, wie ein Zitronenfalter mit dem Falten von Zitronen, möchte ich diesen Satz zum Anlass nehmen, um einmal einen ganz kurzen Überblick zu geben, was genau der „Marktfrieden“ eigentlich war und welche Regelungen zum Waffentragen es im Mittelalter wirklich gab.

Die hier gemachten Angaben beziehen sich vor allem auf das Spätmittelalter ab dem 13ten Jahrhundert, einfach weil es ab dieser Zeit wesentlich mehr relevante Schriftquellen über das Thema gibt.
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Zunächst zur einfacheren Frage:

„Marktfrieden“ hat an sich nichts mit „keine Waffen führen“ zu tun (das ist nämlich schon anderweitig geregelt).

„Marktfrieden“ bedeutet, dass auch Menschen, deren Herren sich im Krieg miteinander oder sogar mit dem Marktherren befinden, den Markt besuchen können, ohne Angegriffen, festgehalten oder sonstwie gehindert oder geschädigt zu werden. Für ihre Sicherheit auf dem Markt selbst und auf dem Weg vom und zum Selbigen, garantiert der Marktherr und muss nötigenfalls sogar Entschädigung leisten.
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Die Frage nach mittelalterlichen Waffengesetzen ist extrem kompliziert und eine exakte wiedergabe aller relevanten Informationen würde ein eigenes Buch füllen. Deshalb hier nur ein ganz grober Überblick:

Wer auf befriedetem Gebiet (also innerhalb der Grenzen eines Dorfes, einer Stadt, einer Burg oder einer sonstigen Siedlung) Waffen tragen darf und welche, ist von Ort zu Ort sehr unterschiedlich geregelt. Die Landbevölkerung fast nie (wobei der Bayrische Landfriede es den „Hauswirten“, also dem jeweiligen Familienoberhaupt des Hofes, erlaubt beim Kirchgang ein Schwert zu tragen), der Adel fast immer (aber auch nicht überall).

In einigen spätmittelalterlichen Städten sind Regelungen erhalten, nach denen Bürger Waffen tragen durften, Einwohner ohne Bürgerrecht und Fremde nicht.
Je nach Ort und Zeit kann auch durchaus zwischen verschiedenen Arten von Waffen unterschieden werden.
So sind mal Dolche bis zu einer gewissen Länge für einen bestimmten Personenkreis im Alltag erlaubt, Schwerter oder andere größere Waffen aber nicht.
Anderswo und zu anderen Zeiten hingegen sind Schwert und Buckler (ebenfalls für einen eingeschränkten Personenkreis) völlig in Ordnung, „Stechmesser“ hingegen ausdrücklich verboten, da diese nicht als Selbstverteidungs-, sondern ausschließlich als Mordwaffen gesehen werden.
Der Bayrische Landfrieden erlaubt es Bauern auf dem Feld, ein Messer und ein Reutil (ein eiserner Stab, der normalerweise benutzt wird, um Erde von der Schar und dem Streichbrett eines Pfluges zu klopfen) zum Selbstschuz zu führen, verbietet hingegen ausdrücklich Klappmesser, da diese versteckt geführt und als Meuchelwaffe genutzt werden können.
Manche Städte erlauben das Tragen von Waffen am Tag, aber nicht in der Nacht.
(Während des Studiums zitierte einer der Dozenten mal eine Gerichtsakte aus Lübeck, nach der eine Frau aus der Stadt verbannt wurde, weil sie mitten in der Nacht mit einem Speer in der Hand durch die Straße lief und sich weigerte, zu erklären, warum.)

Grundsätzlich scheint es völlig normal zu sein, bewaffnet zu reisen.
In den Canterbury-Tales sind alle Pilger bis auf drei bewaffnet. Die meisten mit Schwert und Buckler.
Die Gerichtsordnung Ratingens im frühen 15. Jahrhundert legt für bestimmte Vergehen eine Pilgerfahrt als Teil der Strafe (oder eigentlich Buße, aber das würde hier zu weit führen) fest. Diese Pilgerfahrt konnte noch erschwert werden, indem der Verurteilte angewiesen wurde, diese barfuß oder unbewaffnet(!) zu machen.
Das bewaffnete Reisen wurde hier also offensichtlich als der Normalfall angesehen.

Gerichtsordnungen aus Burgund im späten 15. legen fest, dass ein Reisender die Stadt bewaffnet betreten und verlassen darf, dabei aber jeweils den kürzesten Weg zwischen dem Stadttor und seiner Unterkunft zu nehmen hat, wo die Waffen auch während seines Aufenthaltes zu bleiben haben.

Im Kriegsdienst und bei der Verteidigung von Dorf und Hof gegen Angreifer darf laut dem schon genannten Bayrischen Landfrieden jeder an Waffen tragen, was er will und sich leisten kann und diese Waffen auch in seinem Haus aufbewahren.
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Zusammenfassend:

Ein Mittelaltermarkt ist keine Nachstellung eines mittelalterlichen Marktes (Schon allein weil Märkte im Mittelalter eher selten inmitten eines Militärlagers stattfanden).

Aber selbst wenn er das wäre, würde der Marktfrieden nicht grundsätzlich das Tragen von Waffen verbieten, sondern nur, dass die Anwesenden ihre Feindschaften dort austragen.
Ob überhaupt jemand auf dem Markt Waffen tragen darf, wer und welche Waffen genau, käme dann auf den dargestellten Zeitpunkt und den Ort an.

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