Warum Alltagsgeschichte wichtig ist.

Wenn wir Unwahrheiten und Falschbehauptungen über die Geschichte widersprechen, sei es im Gespräch mit Besuchern auf Veranstaltungen, sei es bei Diskussionen im Internet, kommt sehr oft irgendwann die Frage auf:

Wen interessiert das?

Warum ist es wichtig, ob die Leute im Mittelalter sich gewaschen haben oder nicht, wie sie angezogen waren, wie ihre Häuser aussahen, was sie aßen, wie lange sie arbeiten mussten, was für Rechte und Pflichten sie hatten und ob die Kirche sie anzündete, wenn sie sich bei Erkältung extra Thymian in die Suppe streuten?

Wenn diese und andere Dinge irgendwo falsch dargestellt werden… was macht das schon aus, außer dass ein paar Geschichtsnerds sich darüber aufregen?
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„Wer nicht aus den Fehlern der Geschichte lernt, der ist gezwungen, sie zu widerholen.“
Dieses Sprichwort dürften die meisten schon einmal gehört haben.

Bis ins 19te Jahrhundert hinein war Geschichte vor Allem die Geschichte der „Großen Männer“.
Man betrachtete die Taten und Entscheidungen mächtiger und einflussreicher Personen (meist Männer) in der Vergangenheit und versuchte, daraus nützliche Lehren zu ziehen.

-Hätte Caesar seine Ermordung durch die Hand von Verrätern verhindern können?

-Hätte Barbarossa sich lieber darauf konzentrieren sollen, die zentrale Macht des Königtums nördlich der Alpen zu stärken, anstatt Ressourcen und Menschenleben in seinem Versuch zu verschwenden, die Stadrepubliken Norditaliens dauerhaft zu unterwerfen?

-Hätten die Ottonen die Abhängigkeit späterer Kaiser vom Papst verhindern können, wenn sie nicht so viele wichtige und mächtige Positionen in ihrem Reich mit Kirchenmännern besetzt hätten?

Zwar hat sich die Forschung in den Geschichtswissenschaften inzwischen auch sehr verstärkt der Frage zugewendet, wie sich Gesellschaftsstrukturen, Wirtschaftssysteme, kulturelle Werte, Normen und Ausdrucksformen, Technologie und Wissenschaft im Laufe der Geschichte verändert (und sich vor allem gegenseitig beeinflusst) haben, aber die populäre Wahrnehmung der Vergangenheit ist immernoch vor allem geprägt vom Blick auf die großen und bedeutenden Ereignisse und die Taten großer und bedeutender Persönlichkeiten.
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Zurück also zur ursprünglichen Frage:

Warum sollte es mich interessieren, wie die Leute früher gelebt haben?

Es ist einfach, nachzuvollziehen, warum man aus den Entscheidungen der Großen und Mächtigen, ihren Erfolgen und Niederlagen etwas wertvolles lernen kann, aber warum sollte es mich interessieren, welche Kleidung die „normalen Leute“ in irgendeiner vergangenen Epoche trugen, was sie aßen, wie oft sie sich wuschen, ob sie die Erde für eine Scheibe hielten, welche Art Pflug sie benutzten und wie sich ihre Steuern berechneten?

Weil wir aus der Art und Weise, wie sich eine ganze Gesellschaft mit der Zeit verändert hat, mindestens ebensoviel lernen können, wie aus dem Leben einzelner einflussreicher Personen.

Früher wie heute geschah keine Veränderung einfach so aus sich selbst heraus.

Kunst, Kultur, Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Technologie, Klima, Glaubensvorstellungen… all diese Dinge und noch sehr viele mehr beeinflussen sich gegenseitig und schon eine kleine Veränderung bei einem dieser Elemente kann alles andere an einer Kultur grundlegend verändern.

Indem wir verstehen, wie die Veränderung einzelner Elemente einer Gesellschaft in der Vergangenheit zu weitreichenden Veränderungen in der Gesellschaft als Ganzes geführt hat, können wir verstehen, wie ähnliche Veränderungen sich in unserer heutigen Gesellschaft auswirken.

Das können wir aber nur, wenn unser Bild der jeweiligen vergangenen Gesellschaft so korrekt wie wissenschaftlich möglich ist:

-Wenn wir uns die Menschen der Wikingerzeit als leder- und fellbekleidete Wilde vorstellen, die vom Raub leben mussten, weil es in der Eiswüste, in der sie lebten, nichts zu Essen gab, dann berauben wir uns der Möglichkeit zu lernen, dass es im Gegenteil eine Zeit sehr guter Ernährungslage war, die dafür sorgte, dass die Bevölkerung in Skandinavien wuchs und viele zweit- und drittgeborene Söhne ohne Aussicht auf ein Erbe und ohne Lust, den Rest ihres Lebens als Knechte für ihre älteren Brüder zu arbeiten, als Wikinger zur See fuhren um Beute zu machen und vielleicht sogar neues Siedlungsland zu finden.

-Wenn wir glauben, dass das Wissen der Antike zu Beginn des Mittelalters einfach vergessen (oder von der Kirche ausgelöscht) wurde, dann berauben wir uns der Möglichkeit zu lernen, dass viele Technologien (wie etwa der Aquaedukt) eine bestimmte Infrastruktur, bestimmte Wirtschafts- und Organisationsformen und sogar eine bestimmte Siedlungsweise benötigten und benötigen, damit ihr flächendeckender Einsatz sich lohnt und Sinn ergiebt..

-Wenn wir glauben, die einfachen Menschen im Mittelalter hätten in bitterster Armut gelebt, nur Lumpen als Kleidung gehabt, ständig kurz vor dem Verhungern gestanden und wären der Willkür des Adels schutz- und rechtlos ausgeliefert gewesen, berauben wir uns der Möglichkeit zu lernen, dass die rechtliche, wirtschaftliche und soziale Situation der arbeitenden Bevölkerung im Hoch- und Spätmittelalter sich konstant verbesserte, dank einer Phase stabilem günstigem Klimas und damit verbunden anhaltendem wirtschaftlichen Wachstums, welches wiederum zu einer durchgängig hohen Nachfrage nach Arbeitskräften führte und jenen, die ihre Arbeitskraft anzubieten hatten, die Möglichkeit bot, Forderungen zu stellen.

-Wenn wir umgekehrt die frühe Neuzeit nur als die Zeit der Renaissance und des Humanismus sehen, berauben wir uns der Möglichkeit zu lernen, dass gerade in dieser Zeit, als die Reichen und Mächtigen es sich leisteten, Künstler und Dichter in noch nie dagewesenem Ausmaß zu fördern und ihre Hofhaltung als Wiedergeburt der Antike zu inszenieren, der Wirtschaftsboom des Mittelalters endete und die „kleine Eiszeit“ so richtig ihre Wirkung entfaltete, was für die meisten Menschen eine drastische Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen bedeutete.

-Wenn wir uns die Hexenverfolgung damit erklären, dass die Kirche irgendwelche „weisen Frauen“ aufgrund ihres geheimen heidnischen Heilwissens verfolgte, berauben wir uns der Möglichkeit zu lernen, dass die Menschen in einer Zeit wirtschaftlicher, sozialer, politischer und klimatischer Krisen einen Schuldigen und ein Ventil für ihre Angst und Wut suchten und die lokalen Autoritäten nur zu gern bereit waren, dem Mob die sozialen Außenseiter (und den einen oder anderen politischen Widersacher oder Rivalen) als Sündenböcke auszuliefern, um so die Situation zu beruhigen und sich selbst als Helfer und Beschützer der kleinen Leute zu präsentieren.

-Wenn wir uns die Frau im Mittelalter als durchgehend rechtlos und unterdrückt vorstellen, berauben wir uns der Möglichkeit zu verstehen, wie die hohe Nachfrage nach Arbeitskräften und das wachsende Ausmaß an Arbeitsteilung während des hoch- und spätmittelalterlichen Wirtschaftswachstums Frauen ermöglichte, rechtlich unabhängiger zu werden, eigenständig Handel zu treiben, ein Handwerk auszuüben und allgemein nicht ausschließlich auf die Rolle als Hausfrau und Mutter beschränkt zu sein, bis sie dann im Zuge der wirtschaftlichen Krisen am Beginn der frühen Neuzeit nicht mehr als willkommene Arbeitskräfte, sonden als unwillkommene Konkurrenz für die Männer gesehen und aus dem Berufsleben herausgedrängt wurden.

-Wenn wir uns die hohen Opferzahlen der großen Pestwelle Mitte des 14ten Jahrhunderts damit erklären, die mittelalterliche Medizin sei komplett unfähig und die Menschen zu dumm gewesen, sich zu Waschen und ihre Fäkalien nicht auf die Straßen zu schütten, berauben wir uns der Möglichkeit zu lernen, wie gefährlich eine neue, bislang unbekannte Krankheit sein kann, gegen die niemand in der Bevölkerung Antikörper hat und bei der die Medizin erst von Grund auf neu erforschen muss, wie sie sich verbreitet, wleche verschiedenen Formen und Verläufe sie annehmen kann und welche Vorsorge- und Behandlungsmaßnahmen effektiv sind.
Vor allem nehmen wir uns die Chance, zu verstehen, wieviel wir heutzutage der zufälligen Entdeckung des Penicillins verdanken und wie bedrohlich antibiotikaresistente Krankheitserreger trotz allem Fortschritt in der Medizin auch heute noch sind.

-Wenn wir „die Kirche“ oder „den Adel“ auf comicbuchartige Schurken reduzieren, deren Motivation sich darauf beschränkte, böses zu tun, weil sie nunmal böse waren, berauben wir uns der Möglichkeit zu verstehen, welche Faktoren dafür verantwortlich waren (und sind), dass die selbe Organisation und der selbe Machthaber auf der einen Seite aus heutiger Sicht grausame Verbrechen verüben und auf der anderen Seite gleichzeitig viel gutes für die Bevölkerung tun konnten… und wie ähnliche Faktoren auch heute das Handeln der Reichen und Mächtigen weit mehr beeinflussen, als es ethische oder moralische Überlegungen tun.

-Wenn wir das Mittelalter als eine Zeit betrachten, in der es keine Wissenschaft und keinen Fortschritt gab, bis dann mit der Renaissance auf einmal wieder das Licht in den Köpfen der Europäer eingeschaltet wurde, berauben wir uns der Möglichkeit zu lernen, dass wir „Zwerge auf den Schultern von Riesen“ sind, dass all die Wissenschaft und Technik, die die meisten Menschen heute in der Renaissance verorten würden, auf einer langen Abfolge von Entwicklungen, Entdeckungen und nicht zuletzt Adaptionen von Wissen aus dem Orient basierte, die alle im Verlauf des angeblich finsteren Mittelalters geschahen.
Dass auch unsere heutige Wissenschaft und Technologie, auf die wir so stolz sind, auf der Vorarbeit der Generationen vor uns basiert und wir diese nicht verspotten sollten, weil sie weniger weit sehen konnten als wir Zwerge, die wir auf ihren Schultern sitzen.
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Die Liste an Beispielen ließe sich nahezu endlos fortsetzen, aber ich denke, die Botschaft ist klar:

Nicht nur aus den Taten der Großen, Reichen und Mächtigen können wir wertvolle Lektionen für unser eigenes Leben ziehen, sondern MINDESTENS ebenso daraus, wie Gesellschaften als Ganzes in der Vergangenheit auf äußere wie innere Einflüsse und Veränderungen reagiert haben, wie eine kleine Veränderung des Klimas, der Wirtschaftsweise oder der Verwaltungsstrukturen große weitreichende Veränderungen im Leben der gesamten Bevölkerung bewirken konnten und wie diese Veränderungen wiederum das Verhalten der Menschen beeinflussten.

Denn auch wenn unsere Gesellschaft heute sich von der des Mittelalters oder anderer vergangener Epochen grundlegend unterscheidet, sind die Mechanismen, über die die verschiedenen Aspekte und Faktoren, die eine Gesellschaft formen, sich gegenseitig beeinflussen, immernoch die selben.

Zu beobachten und zu lernen, wie Gesellschaften in der Vergangenheit auf Veränderungen bestimmter Faktoren reagierten, kann uns verstehen helfen, wie unsere Gesellschaft heute auf ähnliche Veränderungen reagiert.

Aber das ist nur notwendig, wenn unser Bild dieser vergangenen Kulturen so nah an der Realität ist, wie es der momentane Stand der Forschung erlaubt.
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Und DESHALB ist es wichtig, dass die Wikinger nicht in Fell und Leder gekleidet waren, die Bewohner mittelalterlicher Städte ihre Fäkalien nicht auf die Straße kippten, Bauern nicht ständig kurz vor dem Hungertod standen und die Kirche einen nicht wegen Hexerei verbrannte, weil man ein Bisschen Thymian gegen seine Erkältung in die Suppe tat.