Die Pestpandemie des 14ten Jahrhunderts – Ursachen und Auswirkungen.

Am 27. März 2020 hätten wir eigentlich an einer Museumsnacht begleitend zur Sonderausstellung „Pest!“ im LWL-Museum für Archäologie in Herne teilnehmen sollen.

Da diese Veranstaltung aber, wie so viele andere, aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt wurde, will ich die Gelegenheit nutzen, stattdessen hier auf unserem Blog über das Thema zu sprechen.
Zumal es jetzt aktueller ist, als wir uns alle bei der Planung der Veranstaltung letztes Jahr hätten träumen lassen…

Zunächst:

Nein, Covid 19 ist in seiner Gefährlichkeit und den zu erwartenden Opferzahlen natürlich nicht im Ansatz mit der Pestpandemie Mitte des 14ten Jahrhunderts vergleichbar.
(Wenngleich ich den Virus damit auch nicht verharmlosen will! Die Situation ist ernst, die Gefahr sehr real, auch wenn es vermutlich eher nicht ein Drittel bis die Hälfte der Bevölkerung Europas hinwegraffen wird.)

Dennoch kann ein Vergleich der Ursachen und Auswirkungen beider Pandemien, sowie der Reaktionen darauf, durchaus lehrreich und interessant sein… und nicht zuletzt Anlass bieten, unseren manchmal doch sehr überheblichen Blick auf die Vergangenheit zu hinterfragen.
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Der Schwarze Tod – Die große Katastrophe des Mittelalters
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Die große Pestwelle, die zwischen 1347 und 1349 über Europa hinwegzog, darf guten Gewissens als eine der größten Katastrophen der europäischen, wenn nicht der Weltgeschichte gelten.

Die Pandemie hatte vermutlich in China begonnen und sich über die Handelswege der Seidenstraße sowie mit marschierenden Armeen immer weiter über die bekannte Welt ausgebreitet und erreichte das Abendland 1347 über die Häfen der großen Handelsstädte Norditaliens.
Die Pest des 14ten Jahrhunderts zeigte sich vor allem in zwei Formen:

Die Beulenpest wurde durch Bisse infizierter Flöhe übertragen, führte zu Fieber und schmerzhaften Schwellungen der Lymphknoten am Hals, unter den Achseln und in der Leistengegend, denen sie ihren Namen verdankt.

Die Lungenpest entstand, wenn die Erreger aus den Pestbeulen über die Blutbahn in die Lunge gelangten.
Sie wurde durch Tröpfcheninfektion übertragen, war somit noch wesentlich ansteckender als die Beulenpest, und hatte zudem eine Mortalitätsrate von nahezu 100 Prozent (verglichen mit etwa 70 Prozent bei der Beulenpest).

Nachdem die Seuche über Europa hinweggefegt war, waren schlagartig ein Drittel bis die Hälfte aller Menschen auf dem Kontinent einfach verschwunden!
Manche Dörfer und sogar ganze Landstriche wurden völlig entvölkert.

Nichts war mehr wie zuvor.
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Ursachen:
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Der Schwarze Tod ist eines dieser Themen, bei denen besonders gerne die wildesten Klischees aus der Kiste mit den Mythen vom „finsteren Mittelalter“ hervorgekramt werden.

Vor Allem zwei Punkte sind es, die immer wieder genannt werden:
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-Die hygienischen Zustände.

Angeblich hätten die Menschen sich und ihre Kleidung kaum bis garnicht gewaschen, ihre Abfälle und Fäkalien einfach aus dem Fenster auf die Straße gekippt und Brunnen oft direkt neben Latrinengruben angelegt, wodurch auch das Trinkwasser verseucht war.

Wer diesem Blog schon etwas länger folgt, wird wissen, dass das verbreitete Bild vom „dreckigen Mittelalter“ eines der Kernthemen ist, über die wir aufzuklären versuchen.
Für eine detailliertere Auseinandersetzung mit diesem Mythos verweise ich deshalb an dieser Stelle auf einige unserer Blogposts:
Sauberkeit im Mittelalter
Zwei häufige Missverständnisse über Brunnen im Mittelalter
„Das Bisschen Haushalt…“ Vom Putzen und Waschen

Kurz zusammengefasst kann man sagen:

Nein, die hygienischen Verhältnisse im 14ten Jahrhundert waren nicht im Ansatz so schrecklich, wie gemeinhin dargestellt.

Die Menschen wuschen sich und ihre Kleidung regelmäßig, wer es sich irgendwie leisten konnte, badete wenigstens einmal in der Woche, ansonsten wusch man sich mit einem Lappen oder Schwamm und einem Krug Lauge oder Seifenwasser.
Schmutz und Gestank wurden gesellschaftlich nicht im Ansatz akzeptiert oder toleriert, galten nach der Miasma-Theorie der mittelalterlichen Medizin sogar als ernsthaftes Gesundheitsrisiko!
Natürlich waren der Bauer, der gerade von der Feldarbeit kam, und der Schmied, der gerade einen ganzen Tag an der Esse gestanden hatte, in dem Moment nicht sauber… aber dann wollte man auch schnellstmöglich etwas an diesem Zustand ändern und blieb nicht einfach so!
Die Menschen waren nicht konstant mit einer daumendicken Schicht aus wochen- und monatealtem Dreck überzogen.

Verunreinigung und Vermüllung von Straßen und öffentlichen Plätzen sowie Verunreinigung von Brunnen und Wasserleitungen kam selbstverstädlich vor und das oft genug, um ein Problem zu sein, dem mit Gesetzen, Verordnungen und regelmäßigen Kontrollen begegnet werden musste.

Aber das genau ist der Punkt:
Dem Problem WURDE begegnet.
Wilde Müllentsorgung, Entleerung von Nachttöpfen auf die Straße, baufällige oder überlaufende Latrinenschächte und verunreinigte Trinkwasserquellen waren nicht der Normalfall, sondern eine Abweichung von selbigem, die man schnellstmöglich zu beenden und idealerweise schon im Vorfeld zu verhindern bestrebt war.

Auch heute noch sind verdreckte Straßen und öffentliche Plätze, wilde Müllentsorgung, baufällige Abwasserleitungen und die Verschmutzung von Grundwasser ein reales Problem, das in ausreichend großem Ausmaß auftritt, um obrigkeitliche Gegenmaßnahmen erforderlich zu machen.
Trotzdem würde man unserer Zeit und unserer Gesellschaft großes Unrecht tun, wenn man diese Dinge als den Normalfall darstellen würde.

Wir sehen also: Das Bild vom dreckigen Mittelalter ist weit von der Realität des 14ten Jahrhunderts entfernt.

Was für unser Thema hier aber eigentlich sehr viel wichtiger ist:

Mangelnde Sauberkeit, selbst WENN sie im Mittelalter tatsächlich so allgegenwärtig gewesen wäre, wie man sich das heute oft vorstellt, hätte exakt NICHTS mit der Verbreitung der Pest zu tun gehabt!

Wie oben schon gesagt, wurde die Pest vor allem auf zwei Wegen übertragen: Durch Flohbiss und durch Tröpfcheninfektion.

Flöhe (und andere blutsaugende Insekten, wie etwa Läuse) waren ein ständiger Begleiter des Menschen für den Großteil unserer Geschichte.
Dass sie das heute meist nicht mehr sind, liegt nicht daran, dass wir irgendwann im 20sten Jahrhundert plötzlich auf die geniale Idee gekommen sind, uns mal regelmäßig zu waschen, sondern vor allem daran, dass die meisten von uns erstens nicht mehr auf engstem Raum mit dutzenden im Stall gehaltenen Nutztieren zusammenleben, dass unsere modernen Baustoffe es Insekten wesentlich schwerer machen, durch Ritzen in Wänden, Böden und Decken in unsere Wohnräume zu gelangen und nicht zuletzt daran, dass wir heute einige sehr wirkungsvolle Insektizide für die Anwendung an Haustieren und Menschen haben.
Im Gegensatz zu den wesentlich hartnäckigeren und schwerer zu entfernenden Läusen wird man Flöhe meist recht einfach durch eine gründliche Reinigung des Körpers und der Kleidung  wieder los.
Allerdings genügte die Zeit von dem Moment, wo sich ein Floh etwa am Vormittag bei einem Menschen niedergelassen hatte, bis zur abendlichen Wäsche völlig, um denjenigen zu beißen und den Pesterreger zu übertragen.
Selbst tägliches Waschen konnte also nicht Verhindern, dass man hin und wieder von Flöhen gebissen wurde.

Oft wird auch behauptet, die Ratten, deren Flöhe die Pest vor allem übertrugen, seien wegen der dreckigen Straßen in mittelalterlichen Städten so zahlreich gewesen.
Nun sind auf die Straße gekippte Fäkalien für Ratten nicht anziehender, als für andere Lebewesen. Essensreste und Küchenabfälle waren schon eher interessant, aber wie oben schon beschrieben, musste eine mittelalterliche Straße dahingehend den Vergleich mit einer Heutigen nicht scheuen.
Vor allem aber ist es ein gewaltiger Fehler, zu glauben, unsere Städte wären heute nicht immernoch von Millionen an Ratten bevölkert.
Ratten finden heutzutage in Mülltonnen, durch achtlos auf die Straße oder in Büsche entsorgte Lebensmittelreste und nicht zuletzt durch Lebensmittel, die durch die Toilette entsorgt wurden, immernoch mehr als genug Futter.
Die Tatsache, dass wir mit diesen Ratten heute wesentlich seltener direkt aufeinandertreffen, verdanken wir nicht etwa unserem gestiegenen Sinn für Sauberkeit, sondern der Tatsache, dass wir normalerweise keine leicht für sie zugänglichen Keller und Dachböden voller Lebensmittelvorräte in leicht durchzunagenden Behältern mehr haben, verbunden damit, dass die Moderne Kanalysation, U-Bahnschächte und ähnliches ihnen hervorragende Verstecke vor uns bieten.

Verschmutztes Trinkwasser war definitiv eine reale Gefahr für die Gesundheit der Mittelalterlichen Menschen, wovon uns sowohl die große Sorge und der große Aufwand, der vonseiten der Obrigkeit und der Gemeinden getrieben wurde, um die Versorgung mit sauberem Trinkwasser sicherzustellen, als auch das häufige Auftreten von Darmparasiten in Latrinenfunden und mittelalterlichen medizinischen Traktaten beredtes Zeugnis ablegen.
Im Gegensatz zu Darmparasiten und Darmbakterien wurde der Pesterreger allerdings nicht signifikant über durch Fäkalien verunreinigtes Trinkwasser übertragen sondern, wie schon mehrfach gesagt, primär über Flohbisse und Tröpfcheninfektion, weshalb die Frage, wie gut mittelalterliche Brunnen vor der Verunreinigung, etwa durch leckende Latrinenschächte, geschützt waren, für das Thema Pest nicht wirklich eine Rolle spielt (auch wenn es an sich durchaus ein interessantes Thema ist).

Der Vergleich zu Heute:

Durch Tröpfcheninfektion übertragbare Krankheiten sind auch heute noch hochgefährlich (wie uns allen im Moment dank Covid-19 sehr deutlich bewusst sein dürfte). Es benötigt keine apokalyptischen hygienischen Zustände dafür, es reicht völlig, sich beim Niesen nicht die Hand vor den Mund zu halten, eine Hand oder eine Oberfläche zu berühren, auf der sich noch Speicheltröpfchen mit Erregern befinden, und sich dann ins Gesicht zu fassen, bevor man sich die Hände gewaschen hat.
Wenn wir es heute nicht hinbekommen, das nötige Hygieneniveau zu erreichen, um uns effektiv vor Tröpcheninfektion zu schützen, sollten wir vielleicht nicht hochnäsig über die Menschen im Mittelalter richten, weil die das damals ohne unser heutiges medizinisches Wissen ebenfalls nicht geschafft haben…
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-Die Medizin.

Angeblich waren mittelalterliche Ärzte komplett unfähig. Medizin bestand quasi nur aus Gebeten und Aberglauben, gemischt mit grausigen Praktiken, die für den Patienten gefährlicher waren, als die Krankheit selbst.

Auch hierzu haben wir schon in der Vergangenheit ausführlich etwas geschrieben:
Medizin im Mittelalter

Kurzgesagt: Die Medizin hat ohne Fragen seit dem Mittelalter gewaltige Fortschritte gemacht und ich möchte insbesondere Dinge wie moderne Anästesie, Impfungen und Antibiotika nicht missen.
Trotzdem waren die Ärzte des Mittelalters sehr viel besser, als ihr heutiger Ruf.

Die mittelalterliche Medizin baute auf der römischen auf (man kann mit Fug und Recht sagen: Die Medizin zu Beginn des Mittelalters war IDENTISCH mit der römischen) und nahm im Laufe der Zeit Einflüsse und Entwicklungen aus dem Orient auf und entwickelte diese weiter.

Das Prinzip der Viersäftelehre, mit dem erklärt wurde, wie Krankheiten im Körper entstanden und wie bestimmte Behandlungen wirkten um die Krankheit zu heilen, ist heutzutage natürlich wissenschaftlich nicht mehr im Ansatz haltbar.

Das Erfahrungswissen „Wenn der Patient diese Symptome hat, kann diese und jene Behandlung helfen.“ funktionierte aber in sehr vielen Fällen trotzdem, auch wenn die Erklärung WARUM es funktionierte nach unserem heutigen Wissensstand falsch war.
Selbst die Vorstellung, dass Krankheiten durch „schlechte Luft“ und „üble Gerüche“ ausgelöst wurden, beinhaltete die durchaus zutreffende Beobachtung, dass Dinge, die schmutzig sind und stinken, oft ein Gesundheitsrisiko darstellen (unser Geruchssinn und unser Ekelgefühl haben sich nunmal evolutionär dazu entwickelt, uns so vor Gefahren zu warnen.).

Natürlich beinhaltete die mittelalterliche Medizin neben durchaus vernünftigem Erfahrungswissen auch einiges an Aberglauben, religiösen und „magischen“ Praktiken.
Allerdings sollten wir uns auch hier fragen, ob wir es im Zeitalter von Homöopathie, Impfgegnern, Reiki, MMS und anderem teils gefährlichen pseudomedizinischem Unsinn wirklich nötig haben, bei diesem Thema selbstgefällig auf das Mittelalter oder irgendeine andere Epoche herabzublicken…

Bei der Pest sahen sich die Mediziner des mittelalterlichen Europas mit einer Krankheit konfrontiert, die seit spätestens dem 9ten Jahrhundert nicht mehr in Europa aufgetreten war. 500 Jahre lang war diese Krankheit verschwunden gewesen! Kein Mensch hatte mehr Antikörper gegen den Erreger, kein Arzt mehr Erfahrung im Umgang mit der Krankheit.
Da wundert es nicht, dass die Ärzte der neuen Seuche zunächst hilflos gegenüber standen. Trotzdem waren die ersten Beobachtungen und die darauf basierenden Gegenmaßnahmen sehr vernünftig:

Man stellte früh fest, dass die Ansteckungsgefahr hoch war und dass noch von den Leichen der Opfer, sowie von ihren Habseligkeiten (insbesondere Kleidung) eine immense Ansteckungsgefahr ausging.
Deshalb wurden die Toten möglichst schnell in Massengräbern verscharrt und mit ungelöschtem Kalk überschüttet. Ihre Habseligkeiten wurden hingegen verbrannt.
Ebenso wurde schon früh geraten, Kranke zu isolieren, Verdachtsfälle für eine bestimmte Zeit in Quarantäne zu stecken (tatsächlich stammt das Konzept und der Name der Quarantäne aus Venedig, wo die Besatzung von Schiffen aus Gebieten, in denen die Pest ausgebrochen war, für 40 Tage auf einer isolierten Laguneninsel bleiben mussten, bis sie die Stadt betreten durften).
Ebenso erkannte man, dass auch von Tieren eine Gefahr ausging, sich anzustecken (ohne dabei aber zu erkennen, dass die Flöhe der eigentliche Übertragungsweg waren) und tötete nicht nur die Tiere von an der Pest verstorbenen, sondern auch herrenlos umherstreunende Tiere und verbrannte anschließend die Kadaver.
Städte und Siedlungen, in denen die Pest ausgebrochen war, wurden abgeriegelt. Niemand kam mehr herein oder heraus.

Die große Pestwelle des 14ten Jahrhunderts kam zudem zu einer denkbar ungünstigen Zeit:
Mit dem Beginn der sog. „kleinen Eiszeit“ Anfang des 14ten Jahrhunderts waren mehrere verheerende Wetterkatastrophen über Europa hereingebrochen.

So die große Hungersnot von 1313 bis 1316, als in drei Jahren hintereinander durch völlig verregnete und verhagelte Sommer ein großer Teil der Ernte ausfiel.
Ausgerechnet die Menschen, die in den 1340ern zur Altersgruppe Anfang 30 gehörten, die normalerweise mit die beste Konstitution hat, Seuchen zu überstehen, hatten daher in ihrer Kindheit zu einem großen Teil unter Mangelernährung gelitten und dadurch ein ungewöhnlich schwaches Immunsystem.
Nur wenige Jahre vor der Pest, 1342, hatte zudem das sog. „Magdalenenhochwasser“ in weiten Teilen Europas für Überschwemmungen und Ernteausfälle gesorgt.

Die Pest traf also nicht nur eine immunologisch und medizinisch unvorbereitete, sondern auch eine stark geschwächte Bevölkerung.

Spätere Pestwellen traten meist nurnoch regional begrenzt auf und forderten nie wieder derart apokalyptische Opferzahlen, wie es der schwarze Tod in den 1340ern getan hatte (was die Situation für die betroffenen Individuen natürlich trotzdem nicht besser machte).

Das Berühmt „Pestarzt“-Outfit mit der ikonischen Schnabelmaske gehört übrigens *nicht* ins Mittelalter, sondern taucht das erste Mal im 17ten Jahrhundert auf.
Diese oft belächelte Schutzkleidung aus der frühen Neuzeit war ebenfalls tatsächlich nicht so nutzlos, wie heute gerne dargestellt.
Das dicke Gewand aus Öltuch oder Leder mit Handschuhen und Kapuze bot einen substanziellen (wenn auch natürlich nicht vollkommenen) Schutz gegen Flöhe, während der „Schnabel“ der fest in die Kapuze integrierten Maske mit Schwämmen oder Tüchern gefüllt war, die in Kräuteressig oder andere Flüssigkeiten getränkt worden waren. Das sollte eigentlich vor den „schlechten Lüften“ und „üblen Ausdünstungen“ der Kranken schützen, bot aber ganz real einen durchaus ernstzunehmenden Schutz gegen Tröpfcheninfektion.

Der Vergleich zu Heute:

Auch heute liegt die Gefahr von Covid 19 vor allem in der Tatsache begründet, dass es sich um einen komplett neuen Virus handelt, der hochansteckend ist, gegen den logischerweise noch niemand Antikörper ausgebildet hat und gegen den auch eine Behandlung und/oder Impfung erst einmal entwickelt werden muss (und natürlich in der Tatsache, dass es sich bei Covid 19 im Gegensatz zur Pest um einen Virus handelt und nicht um ein Bakterium, Antibiotika also nichts bringen).

Genau wie bei der Pest besteht auch heute die vorerst beste Maßnahme zum Schutz vor Ansteckung aus Abstand, Quarantäne und Isolation.

Und genau wie damals versuchen auch heute Menschen, sich mit allem möglichen pseudomedizinischem und esoterischem Unfug zu schützen.

Letzten Endes können wir im Moment nur verdammt froh sein, dass die aktuelle Pandemie nicht im Ansatz die Mortalitätsrate der Pest hat und dass wir aktuell nicht durch zurückliegende Hungersnöte geschwächt sind.
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Andere Ursachen:

Vom 11ten bis ins frühe 14te Jahrhundert hatte Europa eine Phase rasanten Wirtschafts- und Bevölkerungswachstums erlebt.
Neues Land wurde Urbar gemacht, Wälder gerodet und Sümpfe trockengelegt.
Städte wurden gegründet und wuchsen scheinbar unaufhörlich.
Die Bevölkerungsdichte und damit auch der Grad an Arbeitsteilung und Vernetzung in der Gesellschaft stieg.
Selbst auf dem Land waren viele Haushalte nicht mehr reine Selbstversorger sondern konzentrierten sich darauf, Überschüsse für den Verkauf auf dem städtischen Markt zu produzieren, um dort wiederum Dinge des täglichen Bedarfs (und hin und wieder auch mal ein Bisschen Luxus) einzukaufen.

Zudem war spätestens im 12ten Jahrhundert mit den Kreuzzügen auch der Fernhandel mit dem Orient und Nordafrika wieder aufgeblüht.
Im 13ten Jahrhundert erlebte die Seidenstraße unter der „Pax Mongolica“ eine nie vorher dagwesene Menge an Waren- und Personenverkehr.

Es ist wohl leicht zu verstehen, warum in einer für das damalige Technologielevel derart eng vernetzten Welt auf den selben Handelswegen, die Waren und Menschen von China bis nach Italien und von den großen europäischen Handelsstädten in die abgelegensten Dörfer brachten, auch Krankheiten mit verheerender Geschwindigkeit reisen konnten.

Die hohe Bevölkerungsdichte in den Städten und die verglichen mit Heute sehr großen Haushalte in der Stadt wie auf dem Land, in denen nicht nur die „Kernfamilie“ sondern auch sämtliche Angestellten unter einem Dach zusammenlebten, taten natürlich ihr Übriges.

Der Vergleich mit Heute:

Man muss kein Genie, kein Mediziner und kein Historiker sein, um zu erkennen, dass auch heute die Globalisierung, der weltweite Handel und Personenverkehr bei all ihren Vorteilen die Ursache dafür ist, dass sich ein Virus innerhalb kürzester Zeit über weite Teile der Welt ausbreiten konnte.
Die Vernetzung, der wir unseren Wohlstand verdanken, birgt auch Gefahren und macht uns verwundbar. Damals wie Heute.
(Das soll jetzt keine Stellungnahme GEGEN einen internationalen Verkehr von Waren, Menschen und Ideen sein. Lediglich eine sachliche Feststellung, dass wir als Gesellschaft auch auf die damit verbundenen Gefahren vorbereitet sein müssen.)
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Auswirkungen:
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Die Menschen reagierten sehr unterschiedlich auf die Katastrophe.

Manche versuchten zu helfen, wo sie konnten. Gerade viele Ärzte und Priester nahmen ihren eigenen Tod in Kauf um möglichst vielen Kranken eine Linderung ihrer Leiden und den Trost der Sterbesakramente geben zu können.
Reiche Wohltäter stellten Land für Massengräber zur Verfügung, bezahlten Träger und Helfer und organisierten Armenspeisungen.
Einige isolierten sich selbst beim ersten Anzeichen von Smyptomen und schickten Verwandte und Angestellte weg, um sie zu schützen.

Viele suchten Hoffnung und Trost in der Religion.
Bittgottesdienste und Prozessionen wurden abgehalten, Menschen legten Eide ab, ihren Lebenswandel zu ändern und all ihre Besitztümer den Armen zu spenden, wenn Gott sie nur verschonen würde.
Auch die Bewegung der Geißler oder Flagellanten erlebte in dieser Zeit einen gewaltigen Aufschwung.

Andere sahen das Ende der Welt gekommen und entschieden, dass jetzt ja ohnehin alles egal sei.
Es kam zu Plünderungen, gewalttätigen Ausschreitungen und regelrechten Orgien.

Wieder andere dachten zuerst an sich selbst, ließen erkrankte Freunde, Nachbarn und Familienmitglieder hilflos allein aus Angst, sich selbst anzustecken.

Wer es irgendwie konnte, floh oft vor der Seuche auf abgelegene Landgüter und isolierte sich dort. Der Dichter Boccaccio beschrieb in seinem Werk „Decamerone“ sehr lebensnah, wie eine Gruppe junger adliger Freunde vor der Pest auf ein Landhaus flieht und sich dort die Langeweile vertreibt, indem sie sich gegenseitig lustige und anzügliche Geschichten erzählen.

Und nicht zuletzt suchten leider auch viele Menschen nach Antworten, Erklärungen und einem damit verbundenen Gefühl von Sicherheit und Kontrolle, indem sie Verschwörungstheorien sponnen, glaubten und weitergaben.
Die wohl Folgenschwerste dieser Verschwörungstheorien war die, die Juden hätten die Brunnen vergiftet, um so die Christen zu töten.
Diese ebenso falsche wie unsinnige Behauptung (die jüdischen Gemeinden litten genauso unter der Pest, wie der Rest der Bevölkerung) führte während und nach der Pandemie in vielen Orten zu verheerenden Pogromen, Vetreibungen und Massenmorden an Juden.

Der Vergleich mit Heute:

Auch wenn die aktuelle Pandemie nicht im Ansatz die Opferzahlen der Pest erreicht, sind (wenn auch in wesentlich geringerem Ausmaß) doch ganz ähnliche Verhaltensmuster bei den Menschen zu beobachten:

Während die einen in systemkritischen Berufen, wie dem Einzelhandel, Lieferdiensten oder Krankenpflege Schwerstarbeit leisten und sich dabei einem immensen Infektionsrisiko aussetzen, andere zuhause Atemschutzmasken für Krankenhäuser und Pflegeheime nähen, ihren Nachbarn Einkäufe mitbringen, kleine selbstständige Gewerbe unterstützen, denen im Moment die Verdienstmöglichkeiten wegfallen und nicht zuletzt die Anweisungen zur Distanzwahrung einhalten, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen… gibt es andere, die nur an sich selbst denken, Toilettenpapier und Nudeln horten und damit dafür sorgen, dass für andere nicht mehr genug übrig ist, Vorsichts- und Schutzmaßnahmen ignorieren, Krankenwagen mit Steinen bewerfen, die Corona-Infizierte in eine Klinik in ihrer Nähe verlegen oder gar, wie vor zwei Tagen in Texas, ernsthaft fordern, man sollte diejenigen die zur Risikogruppe gehören opfern, um so die Wirtschaft zu retten.

Und natürlich florieren auch heutzutage die Verschwörungstheorien und Vorurteile und zeigen ihre Wirkung etwa in Beschimpfungen gegen und sogar Angriffen auf chinesische oder allgemein auf mehr oder weniger asiatisch aussehende Menschen.
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Langfristige Auswirkungen:
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Die Pest prägte nachhaltig die europäische Kunst und Kultur.
In Motiven wie dem Totentanz oder den schwermütigen und tiefgründigen Werken Petrarcas wurde die Endlichkeit und die Zerbrechlichkeit der Menschen und ihrer Werke thematisiert.

Ein massiver Umbruch in der Mode hin zu enger, kurzer, körperbetonter Kleidung war Ausdruck der Freude, überlebt zu haben, und der Entschlossenheit, das Leben, dessen Endlichkeit man gerade so drastisch erlebt hatte, in vollen Zügen zu genießen.

Skurrilerweise führte die Pandemie nach ihrem Ende für sehr viele Menschen zu einer deutlichen Verbesserung ihrer wirtschaftlichen, sozialen und rechtlichen Situation.
Der radikale Bevölkerungsrückgang führte zu einem massiven Mangel an Arbeitskräften, was steigende Löhne nach sich zog und dazu führte, dass Grundherren und Städte sich gegenseitig damit überboten, bessere Arbeits- und Lebensbedingungen sowie rechtliche Privilegien zu bieten, um Siedler und Arbeitskräfte anzuwerben und zu halten.

Dadurch, dass sie ihren Arbeitern nun höhere Löhne zahlen mussten, ihre Bauern weniger Abgaben und Dienste zu leisten bereit waren und sie insgesamt schlicht und ergreifend weniger Bauern übrig hatten (und gleichzeitig die Kosten für eine standesgemäße militärische Ausrüstung immer weiter stiegen), verarmten viele adlige Grundherren im Laufe der folgenden eineinhalb Jahrhunderte zunehmend, was es den Landesherren ermöglichte, viele Herrschaftsrechte, Steuereinnahmen und Privilegien wieder an sich zu bringen, die ihre Vasallen während des Hochmittelalters für sich beansprucht hatten.
So war die Pest einer der Faktoren, die die Entstehung des zentralisierten Fürstenstaats der frühen Neuzeit begünstigten und ermöglichten.

Auch das Siedlungsbild Europas veränderte sich deutlich. Dörfer wurden aufgegeben und vielererorts erholten sich Waldflächen und Viehbestände. Noch heute finden Archäologen Spuren solcher „Wüstungen“, die inzwischen vom Wald bedeckt sind.
Die rasante Neugründungswelle von Städten, die vor allem das 13te, aber auch noch das frühe 14te Jahrundert geprägt hatte, kam zu einem abrupten Ende (wenngleich viele bestehende Städte durch den Zuzug vom Land auch weiterhin wuchsen), ebenso wie der Zuzug von Siedlern aus dem deutschen Raum in die slawischen Gebiete Osteuropas.

Der Vergleich mit Heute:

Natürlich kann man jetzt noch nicht sagen, welche langfristigen Auswirkungen die momentane Pandemie auf unsere Gesellschaft haben wird und ich will ungern Spekulationen darüber anstellen.

Da Covid 19 mit ziemlicher Sicherheit nicht ein Drittel bis die Hälfte der europäischen Bevölkerung töten wird, werden die Auswirkungen wohl kaum so einschneidend und radikal sein, wie sie es bei der Pest waren.

Wenn ich allerdings ein paar fromme (und vielleicht naive) Wünsche äußern dürfte:

Es würde mich freuen, wenn wir uns auch nachdem wieder Normalität eingekehrt ist daran erinnern, welche Berufsgruppen unsere Gesellschaft wirklich am Laufen halten und diese Erkenntnis nach der Krise nicht nur durch Beifall Klatschen und Ständchen Singen umsetzen, sondern indem wir uns dafür einsetzen, dass diese Menschen eine faire Bezahlung, sichere Arbeitsplätze und menschenwürdige Arbeitsbedingungen bekommen, die der Wichtigkeit ihrer Arbeit für das Funktionieren unseres Systems gerecht werden.

Auch schön wäre es, wenn diejenigen, die jetzt panisch Toilettenpapier und Mehl bunkern, mal etwas Selbstreflektion zeigen und in Zukunft damit aufhören würden, Menschen dafür anzufeinden, dass sie vor Krieg und Hunger fliehen.

Und zu guter Letzt würde ich es natürlich begrüßen, wenn wir angesichts unserer momentanen Hilflosigkeit in Zukunft etwas weniger überheblich auf die Menschen zu Zeiten der Pest blicken würden.
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Zum Weiterlesen:

„Stadtluft, Hirsebrei und Bettelmönch. Die Stadt um 1300.“
von Nikolaus Flüeler

Hervorragendes Stadardwerk zur Stadt am Beginn des Spätmittelalters, das sich auch ausgiebig mit den Städtischen Maßnahmen zur Sauberhaltung von Straßen, Plätzen und Trinkwasserquellen beschäftigt.

„Mittelalterliche Heilkunst. Das Arzneibuch Ortolfs von Baierland (um 1300): Eingeleitet, übersetzt und mit einem drogenkundlichen Anhang versehen (DWV-Schriften zur Medizingeschichte)“
von Ortrun Riha

Exzellenter Einstieg in den Stand der mittelalterlichen Medizin am Vorabend der Pest.

„Bäuerliches Leben im Mittelalter: Schriftquellen und Bildzeugnisse“
von Siegfried Epperlein

Sehr empfehlenswerte kommentierte Quellensammlung zur Lebenssituation mittelalterlicher Bauern, die sich auch sehr ausführlich mit den Veränderungen der rechtlichen, wirtschaftlichen und sozialen Situation der Landbevölkerung im Hoch- und Spätmittelalter beschäftigt (unter anderem auch den Veränderungen im Nachgang der Pest).

https://www.uni-salzburg.at/fileadmin/oracle_file_imports/1151214.PDF

Sehr spannende Arbeit über die Art, wie der Dichter Beccaccio seine Erlebnisse mit der Pest beschrieb und in seinem Werk „Decamerone“ verarbeitete.

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