Warum ich als Atheist regelmäßig die mittelalterliche Kirche verteidige.

Ich bin überzeugter Atheist und kann weder mit dem Christentum im Allgemeinen, noch mit der katholischen Kirche im Besonderen viel anfangen.
Tatsächlich kritisiere ich privat regelmäßig, welche Machtstellung und welche Sonderrechte die beiden großen Kirchen in Deutschland immernoch haben.

Und trotzdem finde ich mich, wenn ich versuche, fundiertes Wissen über europäische Geschichte zu vermitteln, immer wieder in der Situation, unwahren Anschuldigungen gegen die Katholische Kirche zu widersprechen.

Warum?
Sollte es nicht in meinem Interesse sein, eine Organisation und eine Religion, die ich aus Überzeugung ablehne, so negativ dargestellt zu sehen, wie irgend möglich?

Ich will versuchen, es in einem Beispiel zu erklären:

Würde jemand öffentlich behaupten, die Nationalsozialisten hätten 60 Millionen Juden ermordet und am Ende des Krieges zwei Städte mit Atombomben vernichtet, würde ich dem ebenso öffentlich widersprechen:

„Nein, es waren 6 Millionen und es waren die Amerikaner, die zwei Städte mit Atombomben ausgelöscht haben.“

Ich würde nicht deshalb widersprechen, weil ich die Nazis in Schutz nehmen will, sondern weil ich der Überzeugung bin, dass die Wahrheit ein Wert an sich ist und nicht verbogen und verdreht werden darf, um einem bestimmten Zweck zu dienen.
Selbst, wenn ich dem Zweck eigentlich zustimme.

Wer Geschichtsverfälschung oder andere Lügen benutzt, um eine Botschaft zu unterstützen, schadet dieser Botschaft damit in Wirklichkeit.

Denn wenn diese Lügen erst einmal als solche erkannt wurden, führen sie dazu, dass alle, die diese Botschaft vertreten, das Vertrauen der Menschen verlieren und auch wahrheitsgetreuen Belegen und Argumenten für die selbe Botschaft nicht mehr geglaubt wird.

„Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, wenn er auch die Wahrheit spricht.“

In diesem Zusammenhang ist es auch für Atheisten und sonstige Kirchenkritiker ratsam, die Worte des Kirchenvaters Augustinus zu bedenken, mit denen dieser sich gegen Christen wandte, die aus ideologischen Gründen die Erkenntnisse der Naturphilosophie ihrer Zeit ablehnten:

»Nichts ist nun peinlicher, gefährlicher und am schärfsten zu verwerfen, als wenn ein Christ mit Berufung auf die christlichen Schriften zu einem Ungläubigen über diese Dinge Behauptungen aufstellt, die falsch sind und, wie man sagt, den Himmel auf den Kopf stellen, sodass der andre kaum sein Lachen zurückhalten kann. Dass ein solcher Ignorant Spott erntet, ist nicht das Schlimmste, sondern dass von Draußenstehenden geglaubt wird, unsere Autoren hätten so etwas gedacht. Gerade sie, um deren Heil wir uns mühen, tragen den größten Schaden, wenn sie unsere Gottesmänner daraufhin als Ungelehrte verachten und zurückweisen. Denn wenn sie einen von uns Christen auf einem Gebiet, das sie genau kennen, bei einem Irrtum ertappen und merken, wie er seinen Unsinn mit unseren Büchern belegen will, wie sollen sie dann jemals diesen Büchern die Auferstehung der Toten, die Hoffnung auf das ewige Leben und das Himmelreich glauben, da sie das für falsch halten müssen, was diese Bücher geschrieben haben über Dinge, die sie selbst erfahren haben und als unzweifelhaft erkennen konnten.«

Zusätzlich zu den obigen eher taktischen Überlegungen bin ich auch schlicht aus ethischen Gründen der tiefen Überzeugung, dass wirklich JEDER ein Recht darauf hat, nur für die Verbrechen verurteilt zu werden, die er auch wirklich begangen hat.

Wenn man alles wegnimmt, was in späteren Jahrhunderten erfunden, übertrieben oder einseitig dargestellt und verzerrt wurde, bleiben immer noch mehr als genug ECHTE Verbrechen der Katholischen Kirche übrig, um damit eine mehr als kritische Haltung dieser Organisation gegenüber zu rechtfertigen.

Zu diesem Zweck die Geschichte zu verfälschen und Lügen zu verbreiten ist also nicht nur taktisch kontraproduktiv und ethisch falsch… es ist auch schlicht und ergreifend unnötig.

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