„Didaktische Reduktion“ – Keine Ausrede für Falschdarstellungen!

Will man ein kompliziertes Thema so erklären, dass Menschen, die kein großes Vorwissen über dieses Thema haben, der Erklärung trotzdem folgen und das Erklärte verstehen können, ist es zwingend notwendig, das Thema in der Erklärung wesentlich einfacher darzustellen, als es tatsächlich ist.

Der Fachbegriff für diese Vereinfachung ist „didaktische Reduktion“.

Wenn irgendwo Kritik an faktisch grob falschen Darstellungen historischer Sachverhalte in Dokumentationen, Büchern, Museumsausstellungen und dergleichen geübt wird, dauert es meist nicht lange, bis irgendjemand die kritisierten Falschdarstellungen mit dem Argument verteidigt, es handle sich dabei um „didaktische Reduktion“.
Die kritisierten Vermittlungsangebote würden sich ja schließlich an Laien richten und diese müsse man „da abholen, wo sie stehen“.
Die kritisierten Falschdarstellungen seien daher unvermeidlich.

Ich will im Folgenden anhand einiger Vergleiche erklären, warum das Argument der „didaktischen Reduktion“ meiner Ansicht nach in den meisten Fällen, in denen es zur Verteidigung schlechter Wissensvermittlung angebracht wird, den Kern der Kritik weit verfehlt.


Vereinfacht“ ist nicht das selbe wie „falsch“:

Wohl die wichtigeste Entgegnung auf den Versuch, schlechte Geschichtsvermittlung mit dem Argument der „didaktischen Reduktion“ zu verteidigen, ist die Klarstellung, dass es nicht eine VEREINFACHTE Darstellung der Geschichte ist, die kritisiert wird, sondern eine FALSCHE.

Es ist absolut möglich, ein komplexes Thema zu vereinfachen, ohne es komplett zu verfälschen.

Nehmen wir ein Beispiel:

Wenn ich etwa versuchen würde, eine möglichst stark vereinfachte Zeichnung meines Gesichts anzufertigen, wäre das Ergebnis vemutlich ein ovaler Smiley ohne Haare auf dem Kopf mit einer Brille mit rechteckigen Gläsern, einer kleinen Narbe unter dem linken Auge und einem Henriquatre-Bart.
Ohne Zweifel eine sehr einfache Darstellung meines Gesichts, aber eine, der man die Ähnlichkeit mit mir durchaus ansieht.

Würde man hingegen eine vereinfachte Zeichnung meines Gesichts anfertigen, die so viel Ähnlichkeit mit meinem tatsächlichen Gesicht besitzt, wie die Darstellung historischer Epochen in vielen schlechten Dokumentationen, Büchern, Zeitschriften, Museumsausstellungen u.s.w., sähe das Ergebnis wohl eher so aus:
Ein Smiley mit einem Irokesen-Haarschnitt, einem fehlenden linken Auge durch das eine große senkrechte Narbe läuft und ein langer Vollbart.
Dieses zweite Bild sähe mir nicht im Ansatz ähnlich. Es wäre keine stark VEREINFACHTE Zeichnung meines Gesichts, sondern eine grob FALSCHE.

Ebenso ist es bei der Vermittlung von Wissen über historische Epochen natürlich notwendig, die Dinge stark vereinfacht darzustellen.

Ich kann etwa bei einer kurzen Dokumentation über das Leben in einer spätmittelalterlichen Stadt unmöglich im Einzelnen auf all die unterschiedlichen Arten von Städten eingehen, die es gab. Um so weniger auf all die unterschiedlichen Arten, auf die das Zusammenleben, die Wirtschaft, die Verwaltung, die politische Machtverteilung, das Rechtswesen und die Infrastruktur innerhalb verschiedener Städte in verschiedenen Regionen und zu unterschiedlichen Zeitabschnitten organisiert und strukturiert sein konnten.
(Wobei es schon wünschenswert wäre, wenigstens zu erwähnen, DASS sich die Verhältnisse in verschiedenen spätmittelalterlichen Städten extrem voneinander unterschieden…)
Diese komplizierten Unterschiede zu vereinfachen und zusammenzufassen, könnte man dieser Dokumentation nicht berechtigt zum Vorwurf machen.

Wenn diese Dokumentation aber erzählt, dass die Menschen in mittelalterlichen Städten sich selten bis nie wuschen, ihre Nachttöpfe auf die Straße entleerten und auch ihren Müll dorthin entsorgten, so dass man auf den Straßen konstant durch eine knöcheltiefe Schicht aus Unrat waten musste, dann ist diese Darstellung nicht VEREINFACHT, sondern sie ist FALSCH. Sie hat so viel Ähnlichkeit mit den tatsächlichen Verhältnissen in mittelalterlichen Städten, wie der einäugie Irokese im obigen Beispiel mit mir.


Richtige Details, die trotzdem ein falsches Gesamtbild ergeben:

Oft verteidigen sich schlechte Darstellungen der Geschichte, indem sie Details aufzählen, die sie doch völlig richtig dargestellt hätten und sogar belegen können.
Das Problem dabei ist, dass man auch mit einem Haufen an sich richtiger Einzelpunkte ein grob falsches Gesamtbild zeichnen kann.

Erklären wir auch das wieder am Beispiel der beiden Zeichnungen meines Gesichts:

Die Macher des einäugigen Irokesen würden ihre Zeichnung damit rechtfertigen, alle darin transportieren Informationen seien richtig:

-Die Seiten meines Kopfes sind rasiert
-Ich habe eine Einschränkung meines Sehvermögens
-Ich habe eine Narbe links im Gesicht
-Ich habe einen Bart

Und in der Tat, alle diese Aussagen sind richtig.
Aber jede dieser an sich richtigen Aussagen ignoriert wichtige zusätzliche Punkte, sodass insgesamt ein völlig falsches Bild meines Gesichts entsteht:

-Die Seiten meines Kopfes sind rasiert… aber die Rück- und Oberseite auch.
-Ich habe eine Einschränkung meines Sehvermögens… aber nicht, weil mir ein Auge fehlt, sondern weil ich kurzsichtig bin und eine Brille brauche.
-Ich habe eine Narbe links im Gesicht… aber die ist sehr klein, befindet sich UNTER dem Auge, anstatt mitten durch zu gehen und hat nichts mit meiner Sichteinschränkung zu tun.
-Ich habe einen Bart… aber keinen langen Vollbart, sondern einen kurzgestutzten Henriquatre.

Durch das Ignorieren dieser zusätzlichen Punkte entsteht ein Bild, das keine Vereinfachung meines Gesichts ist, sondern keinerlei Ähnlichkeit damit hat.

Ebenso könnten sich die Macher der Dokumentation, in der die Straßen in spätmittelalterlichen Städten als konstant knöchelhoch mit Abfall und Fäkalien bedeckt dargestellt wurden, damit rechtfertigen, es gäbe archäologische Befunde von dicken Schichten aus Unrat zwischen zwei Lagen mittelalterlicher Straßenbeläge.

Und auch diese Aussage ist in der Tat richtig.
Aber auch sie ignoriert wichtige Zusatzinformationen:

Wir wissen, dass Abfälle und Latrineninhalte als Füllmasse benutzt wurden, um Plätze und Straßen zu verfüllen und zu planieren, bevor ein neuer Straßenbelag aufgebracht wurde. Die archäologisch gefundenen Schichten aus Unrat haben sich also nicht einfach mit der Zeit angehäuft, bis man irgendwann einfach ein neues Straßenpflaster darübergelegt hat.

Auch hier wird durch das Ignorieren eines wichtigen zusätzlichen Punktes ein völlig falsches Bild gezeichnet, auch wenn die Aussage „Es gibt Funde dicker Abfallschichten zwischen zwei Lagen von Straßenpflaster“ grundsätzlich richtig ist.

Fazit:

Bei der Vereinfachung eines Themas muss darauf geachtet werden, welche Informationen ich wegstreichen kann, ohne, dass das Gesamtbild sich in eine Richtung verschiebt, die keine Ähnlichkeit mehr mit dem hat, was man eigentlich wiedergeben will.


Eine vereinfachte Darstellung ist nicht das selbe, wie eine einseitige Darstellung:

Bei der Auswahl, welche Informationen ich bei der Vereinfachung eines Themas weglasse und welche ich behalte, muss ich nicht nur wie gerade beschrieben darauf achten, keine notwendigen Zusatzinformationen auszulassen, ohne die andere Informationen ein völlig falsches Bild zeichnen würden.
Ich muss zudem darauf achten, dass meine Auswahl nicht einseitig nur einen bestimmten Aspekt eines vielseitigen Themas zeigt.

Nehmen wir wieder ein Beispiel, diesmal aber ein anderes, als die Zeichnung meines Gesichts:

Nehmen wir an, ich würde versuchen, jemandem zu zeigen, wie ein Schachbrettmuster aussieht:
In der am stärksten vereinfachten Form würde ich diesem jemand nicht ein komplettes Schachbrett mit 8 mal 8 Feldern abzeichnen, sondern einen 2 mal 2 Felder großen Ausschnitt mit dem unteren linken und oberen rechten Feld in Schwarz und den anderen beiden Feldern in Weiß (oder anders herum).
Idealerweise noch eine Erklärung dazu, dass das nicht das komplette Schachbrett, sondern nur ein kleiner Ausschnitt ist und das komplette Schachbrett mit 8 mal 8 Felder mit dem selben Farbmuster hat, und fertig ist eine hervorragende vereinfachte Erklärung.

Was aber in schlechter Geschichtsvermittlung oft passiert, ist ein Schachbrettmuster, das ausschließlich aus schwarzen oder ausschließlich aus weißen Feldern besteht, also nur einen von mehreren Aspekten des behandelten Themas zeigt.

Ebenso kann eine schlechte Dokumentation beispielsweise über mittelalterliche Medizin durch Quellen belegte Beispiele für Behandlungsmethoden nennen, die aus heutiger Sicht unsinnig, wirkungslos oder sogar gefährlich sind.
Und in der Tat ist jedes einzelne dieser Beispiele an sich korrekt und zutreffend.
Wenn aber AUSSCHLIESSLICH solche Beispiele genannt werden und Beispiele für mittelalterliche Behandlungsmethoden, die auch aus heutiger Sicht durchaus Sinn ergeben und tatsächlich helfen, komplett fehlen, ist das Gesamtbild, dass diese Dokumentation von der mittelalterlichen Medizin zeichnet, trotzdem grundfalsch.

Für eine einseitige Darstellung ist es auch nicht zwingend notwendig, dass einzelne wichtige Aspekte komplett FEHLEN.
Es reicht auch, wenn sie stark unterrepräsentiert sind.
Wenn mein Ausschnitt eines Schachbretts, mit dem ich jemandem das Muster eines solchen erklären möchte, 3 schwarze Felder und nur ein Weißes hat, ist der vermittelte Eindruck immernoch falsch, auch wenn sowohl schwarze als auch weiße Felder abgebildet werden.

Ebenso muss, wenn ich ein historisches Thema vereinfacht wiedergeben will, der Anteil, den bestimmte Aspekte dieses Themas in besagter vereinfachter Wiedergabe einnehmen, wenigstens ungefähr ihrem realen Anteil an dem, was ich wiedergeben will, entsprechen.

Wenn es also, um auf unsere Dokumentation über mittelalterliche Medizin zurückzukommen, deutlich mehr sinnvolle als sinnlose mittelalterliche Behandlungsmethoden gibt, dann muss auch diese Dokumentation mehr Beispiele für sinnvolle Behandlungsmethoden aus dem Mittelalter präsentieren, als für sinnlose.
Oder allerwenigstens muss sie erwähnen, dass es deutlich mehr sinnvolle Behandlungsmethoden gibt, als sinnlose.


„Nur das Interesse für’s Thema wecken“

Ein häufiges Argument, mit dem versucht wird, schlechte Vermittlungsangebote über historische Themen zu verteidigen, ist die Behauptung, diese sollten ja nur dazu dienen, bei den Empfängern ein erstes Interesse für das Thema zu wecken.
Danach würden die Leute sich ja selbstständig über das Thema weiter informieren und lernen, was tatsächlich der wissenschaftliche Stand der Forschung dazu ist.

Und deshalb sei es ja nicht schlimm, wenn die ersten Informationen, die sie zu diesem Thema bekommen, falsch sind.

Ich will zwei Hauptgründe nennen warum dieses Argument meiner Ansicht nach Unsinn ist:

1.)
Kaum jemand fängt nach einer Dokumentation tatsächlich an, ausgiebig über das Thema dieser Dokumentation zu recherchieren.
Die überwältigende Mehrzahl der Menschen wird das, was sie in Dokumentationen, Büchern, Zeitschriften, Museumsausstellungen, Stadt- und Burgführungen und so weiter „gelernt“ haben, glauben, abspeichern und nicht hinterfragen, geschweige denn recherchieren, ob es stimmt.

Die meisten Menschen hinterfragen nichtmal Dinge, die sie irgendwo im Internet gelesen, von Bekannten gehört oder auch in Film und Fernsehen gesehen haben.
Viele Menschen ertrinken jedes Jahr vor den Augen mehrerer Zuschauer, die viel zu spät merken, was eigentlich passiert, weil sie aus Filmen und Serien „gelernt“ haben, dass Ertrinkende wild mit den Armen um sich schlagen und um Hilfe rufen.

Warum also sollten die selben Menschen auch nur auf die Idee kommen, Informationen zu hinterfragen, deren Quelle eigentlich den Anspruch hat, glaubwürdig zu sein?
Warum sollten sie auch nur auf die Idee kommen, dass ein Informationsangebot, das doch eigentlich den Anspruch erhebt, von oder zumindest mit Fachleuten erstellt worden zu sein und Wissen zu vermitteln, ihnen etwas komplett Falsches erzählt hat?

Die allermeisten Menschen, mit denen ich bislang in der Wissensvermittlung zu tun hatte, gehen fest davon aus, dass das, was in Dokumentationen, Sachbüchern, Zeitschriften, Museumsausstellungen und so weiter vermittelt wird, vielleicht hier und da etwas ungenau aber im Großen und Ganzen schon richtig sei und fallen aus allen Wolken, wenn man ihnen sagt, dass dem nicht so ist.

2.)
Selbst WENN Leute nach dem Ansehen einer Dokumentation, dem Lesen eines Buches oder Zeitschriftenartikels oder dem Besuch einer Museumsausstellung auf die Idee kommen, selbst zu recherchieren und nachzuprüfen, ob das, was ihnen da vermittelt wurde, auch wirklich so stimmt:

Was bringt das, wenn bei manchen Themen (zum Beispiel die Mythen vom „finsteren Mittelalter“) die überwältigende Mehrheit der populärwissenschaftlichen Vermittlungsangebote die selben Falschaussagen verbreitet?

Wenn man schon wissenschaftliche Fachpublikationen lesen oder selbst Quellenstudium betreiben muss, um zu merken, dass das Bild, das man bislang fast überall vermittelt bekommen hat, nicht die geringste Ähnlichkeit mit dem tatsächlichen Stand der Wissenschaft hat?

3.)
Wenn ich, etwa mit einer Dokumentation oder einem Sachbuch, bei meinem Publikum ein Interesse an einer bestimmten Epoche wecken möchte, muss das, was ich meinem Publikum präsentiere, wenigstens ansatzweise Ähnlichkeit mit der Epoche haben, für die ich es beheistern will.

Wenn ich jemanden für japanische Küche begeistern will, würde ich mit Ramen anfangen, mit Sushi oder Mochi.
Ich würde nicht versuchen, jemanden für Japanische Küche zu begeistern, indem ich diesem Jemand Spaghetti Carbonara gefolgt von Tiramisu serviere!
Diese Gerichte können in dem Essenden vielleicht eine Begeisterung für italienische Küche wecken, aber ob japanische Küche etwas für ihn ist, das kann ihm dieses Essen nicht sagen.

Ebenso kann eine Dokumentation oder ein Buch, worin beispielsweise die skandinavische Wikingerzeit als eine Epoche präsentiert wird, in der die Menschen zwar in Fell, Leder und Schlamm gehüllt herumliefen, aber dafür ganz furchtbar „frei“ und „naturverbunden“ waren und in der Frauen und Männer selbstverständlich gleichberechtigt waren, bevor die Christianisierung kam und alles zum schlechten veränderte, beim Publikum unmöglich ein Interesse für die Wikingerzeit wecken.
Denn mit dieser hat das, was hier als „Wikingerzeit“ präsentiert wurde, so viel zu tun, wie Spaghetti Carbonara mit japanischer Küche.

Das Publikum weiß danach, ob es sich für die Fantasy-Barbaren interessiert, die ihm präsentiert wurden, aber ob es sich für die Kultur der späten skandinavischen Eisenzeit interessiert, so wie sie (mit größter Wahrscheinlichkeit entsprechend dem aktuellen Stand der Forschung) tatsächlich war, das weiß es immer noch nicht.


Die Leute erwarten das“

Eines der für mich am wenigsten nachvollziehbaren Argumente, warum populärwissenschaftliche Vermittlungsangebote oft ein komplett falsches Bild der Geschichte wiedergeben, anstatt eines, das bei aller Vereinfachung wenigstens erkennbare Ähnlichkeit zum tatsächlichen Stand der Wissenschaft zu diesem Thema besitzt, ist die Erklärung, man MÜSSE das so machen, weil die Leute ERWARTEN würden, genau diese Informationen zu diesem Thema zu hören/sehen/lesen.

Zwei kurze Punkte dazu:

1.)
Es ist nicht die AUFGABE von Bildungsangeboten, den Leuten das zu erzählen und zu zeigen, was sie hören/lesen/sehen WOLLEN oder zu hören/lesen/sehen ERWARTEN, sondern das, was (mit größter Wahrscheinlichkeit nach gegenwärtigem Stand der Forschung) WAHR ist!
Ebenso wie es nicht die Aufgabe eines Arztes ist, einem Patienten das Medikament zu geben, das dieser sich wünscht oder mit dem er gerechnet hat, sondern das Medikament, das der Patient braucht.

2.)
Vielleicht erwarten die Leute deshalb, bestimmte falsche Informationen zu historischen Themen zu hören/lesen/sehen, weil sie genau diese falschen Informationen schon bei mehreren anderen Vermittlungsangeboten gehört/gesehen/gelesen haben?
Wenn die populärwissenschaftliche Vermittlung genau die Erwartungshaltungen der Empfänger bedient, die sie selbst mit ihren vermittelten falschen Bildern erst bei diesen Empfängern schafft und bestärkt, dann befinden wir uns in einem Teufelskreis, aus dem es auszubrechen gilt.


Es funktioniert bei anderen Themen

Das mit Abstand beste Argument, warum „didaktische Reduktion“ nicht zwingend gleichbedeutend mit grober Falschdarstellung sein muss, ist die Tatsache, dass es bei anderen Themen und anderen Wissenschaften doch auch funktioniert.

Nehmen wir einmal das Thema Astronomie:

Natürlich muss bei diesem Thema sehr vieles extrem vereinfacht und verkürzt werden, um für Laien auch nur ansatzweise verständlich zu sein.
Trotzdem scheint es möglich zu sein, hochkomplexe Dinge wie Gravitation oder Kernfusion so zu erklären, dass an der Erklärung nichts grob falsch ist und es dennoch auch für Laien verständlich bleibt.

Würde man versuchen, eine Dokumentation über das Sonnensystem zu machen, die auch nur ansatzweise so schlecht ist, wie die Mehrzahl der Dokumentationen über das Mittelalter, müsste diese Dokumentation ihren Zuschauern erzählen, die Sonne und andere Sterne seien gigantische Bälle aus Kohle, die langsam in der Atmosphäre des Weltalls verglühen.

Ich weigere mich zu glauben, dass ein Mittelalter, das nicht nur aus Hunger, Armut, Schmutz, Unwissen, Unterdrückung, Gewalt, Krankheiten und Fanatismus besteht, ernsthaft komplizierter und schwerer zu verstehen sein soll, als die komplexen astrophysischen Konzepte, die ein Harald Lesch oder ein Neil deGrasse Tyson regelmäßig für ein Publikum aus Laien erklären!


Fazit:

Selbstverständlich ist „didaktische Reduktion“ notwendig, das will ich hier keine Sekunde bestreiten.

Dieser Blog hier beinhaltet ausdrücklich keine wissenschaftlichen Facharbeiten, sondern rein populärwissenschaftliche Texte, die einen allerersten Ein- und Überblick zu diversen Themen anbieten und diese Themen dementsprechend natürlich zwingenderweise stark vereinfacht wiedergeben.

Aber ich behaupte, dass die Informationen, die ich in diesem Blog, bei der Vermittlungsarbeit in Museen, auf Living History Veranstaltungen und anderswo über das Mittelalter vermittle, nach meinem besten Wissen und Gewissen weitgehend korrekt, wenn auch vereinfacht, sind.
Und wenn mir jemand nachweist oder ich selbst feststelle, dass eine hier vermittelte Information tatsächlich grob falsch oder grob missverständlich ist, korrigiere ich das.

Und genau das gilt für viele populärwissenschaftliche Vermittlungsangebote für Wissen über die Geschichte leider nicht im Ansatz.

Um diesen Beitrag in drei Sätzen zusammenzufassen:

„Vereinfacht“ ist nicht das selbe wie „komplett unwahr“.

Was ich und viele andere an weiten Teilen der Populärwissenschaftlichen Vermittlung historischer Themen kritisieren, sind nicht ein paar kleine nebensächliche Detailfehler in einem Gesamtbild, das im Großen und Ganzen schon stimmt, sondern ein grundfalsches Gesamtbild, in dem sich hier und da mal ein paar zutreffende Details finden.

Es IST möglich, historische und sonstige wissenschaftliche Themen so zu vereinfachen, dass sie auch für Laien verständlich und unterhaltsam sind, ohne sie dabei bis zur Unkenntlichkeit zu verfälschen!

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