Living History mit körperlichen Einschränkungen

Wir leben in einer Zeit, in der es glücklicherweise eine Vielzahl an Hilfsmitteln für Menschen mit körperlichen Gebrechen oder Einschränkungen gibt, die ihnen helfen, im Alltag besser zurecht zu kommen und mehr am normalen Leben teilzuhaben, als es ohne sie möglich wäre.

Auch wir beide, Benjamin Lammertz, der Autor dieses Blogposts, und meine Freundin Sabine (Bine), haben mit mehreren großen wie kleinen gesundheitlichen Problemen zu kämpfen, für die es dankenswerterweise moderne Hilfen gibt, um ihre Auswirkungungen auf unser alltägliches Leben zu mildern.

In unserem Hobby, der Living History, wollen wir aber einen Einblick in eine Zeit geben, in der viele dieser Hilfsmittel noch nicht existierten, oder zumindest vielen Menschen nicht zugänglich oder nicht weit verbreitet waren.

In diesem Blogpost möchten wir einige der Wege präsentieren, wie wir unseren Anspruch, mit unserer historischen Darstellung keine falschen Informationen zu vermitteln, mit den Bedürfnissen in Einklang zu bringen versuchen, die sich aus unseren körperlichen Einschränkungen ergeben.

Und vielleicht möchten ja einige von euch auch ihre Erfahrungen und Lösungen teilen, wie ihr historische Darstellung mit modernen medizinischen Erfordernissen in Einklang bringt?

Disclaimer 1:

„Historische Darstellung“ ist ein extrem weites Feld mit unzähligen sehr unterschiedlichen Ansätzen und Konzepten, aus denen sich jeweils ebenso unterschiedliche Ansprüche an historische Genauigkeit ergeben.

Die hier gezeigten Lösungen funktionieren für UNSER Konzept und UNSEREN Anspruch.
Andere Darsteller mögen Konzepte haben, aus denen sich Ansprüche ergeben, denen unsere Lösungen nicht genügen.

Disclaimer 2:

Den überwältigenden Großteil der körperlichen Einschränkungen, unter denen moderne Menschen leiden, gab es natürlich auch schon um 1300 A.D.

Trotzdem wollen wir uns ausdrücklich NICHT auf Spekulationen einlassen und sagen: „Die Menschen, die damals solche Einschränkungen hatten, werden sich doch auch was einfallen gelassen haben, um damit besser zurecht zu kommen!“

Es ist tatsächlich sehr wahrscheinlich, dass auch Menschen in der von uns dargestellten Zeit schon individuelle Lösungen gefunden haben, wie sie mit ihren gesundheitlichen Problemen besser zurecht kamen, aber solange wir über diese Lösungen keine überlieferten Quellen haben, können wir keine auch nur halbwegs gesicherten Aussagen darüber treffen, wie diese Lösungen aussahen.

Deshalb versuchen wir ausdrücklich nicht, uns irgendwelche spekulativen Lösungen auszudenken, wie Menschen mit unseren gesundheitlichen Problemen zu unserer Darstellungszeit wohl mit diesen Problemen umgegangen sind, sondern haben für uns Lösungen gefunden, die für die Besucher entweder kaum bis garnicht sichtbar sind, oder bei denen man sofort erkennt, dass es sich nicht um etwas historisches, sondern um ein modernes medizinisches Hilfsmittel handelt.

Disclaimer 3:

Dieser Beitrag dient dazu, Beispiele zu zeigen, wie wir unsere körperlichen Einschränkungen mit den Ansprüchen und Erfordernissen unseres Hobbys in Einklang bringen und vielleicht andere dazu zu ermuntern, das Selbe zu tun.

Er dient nicht dazu, ungefragte Gesundheitstipps zu erhalten (vor allem von Leuten, die keine Ärzte sind und/oder nicht alle Details zu unserer Gesundheit kennen) oder uns von Fremden für unseren Gesundheitszustand bewerten und beurteilen zu lassen.

Wenn in diesem Beitrag zu bestimmten Details unserer gesundheitlichen Probleme keine weiteren Angaben gemacht werden, dann hat das durchaus seinen Sinn.

Bine bekommt von längerem Hautkontakt mit Wolle schnell eine schmerzhafte Reizung oder sogar Ausschlag.
Dieses umgangssprachlich häufig (wissenschaftlich nicht ganz korrekt) als „Wollalergie“ bezeichnete Problem ist in der Szene garnicht mal so selten.

Zum Glück bietet zum größten Teil die leinerne Unterbekleidung genug Schutz, aber an Halsausschnitt liegt die Wolle leider immer wieder an der Haut an, sei es weil die Ausschnitte von Hemd und Oberkleid sich gegeneinander verschoben haben, sei es, weil das Obergewand einen etwas engeren Halsausschnitt hat, als das Hemd.

Aus diesem Grund haben wir hier den Halsausschnitt des Obergewandes auf der Innenseite mit einem leinernernen Teilfutter versehen.

Da die Quellenlage für Leinen-Innenfutter (seien es Teil- oder Vollfütterungen) um 1300 sehr schlecht ist, haben wir uns hier für Leinen in einem dem Wollstoff möglichst ähnlichen Rotton entschieden, um das eigentlich falsche Futter möglichst unauffällig zu halten und somit optisch keinen falschen Eindruck zu vermitteln.

Bei anderen Kleidern haben wir ähnliche Fütterungen im letzten viertel der Ärmel angebracht.

Andere Darsteller in unserem Bekanntenkreis arbeiten sogar mit vollständigen (unauffälligen) Leinenfütterungen für ihre Wollkleidung.

Die Brille wurde vermutlich in den 1280ern von einem leider unbekannten Handwerker in Venedig erfunden.

Die hier abgebildete Form der Nietbrille blieb bis zum Ende des Spätmittelalters in ihrer Grundkonstruktion weitgehend unverändert.
Diese Art der Brille hatte meist keine Bügel oder eine andere Möglichkeit, sie vor den Augen zu befestigen, sondern musste bei Benutzung festgehalten werden.
Zum Ende des Spätmittelalters gibt es Hinweise auf Brillen, die mit Fadenschlaufen an den Ohren befestigt werden konnten, aber das ist eher die Ausnahme.

Die Gläser bestanden normalerweise entweder aus wortwörtlich „lupenreinem“ Glas ohne Einfärbungen, Verunreinigungen oder Lufteinschlüsse oder aus dem Halbedelstein Beryll, dem die Brille vermutlich auch ihren Namen verdankt. Beide Materialien waren nicht eben billig…

Brillen wären für uns um 1300 A.D. also grundsätzlich durchaus belegt.

Warum tragen wir also keine historischen Nietbrillen, sondern unsere modernen?

1.
Die Brille ist, wie oben geschrieben, um 1300 noch eine völlig neue Entwicklung aus Venedig, die aus teuren Material besteht und einiges an Know-How in der Herstellung (vor allem der Gläser) erfordert.
Leute aus der Mittelschicht einer Stadt am Niederrhein haben sich zu dieser Zeit solche Brillen sehr wahrscheinlich schlicht nicht leisten können.

2.
Im Mittelalter (und auch noch lange danach) wurden Brillen nicht durchgehend im Alltag getragen, sondern nur bei Bedarf, etwa zum Lesen.

3.
Bis ca. 1500 gab es nach unserem gegenwärtigen Kenntnisstand nur Linsen, die sich zur Korrektur von Weitsichtigkeit eigneten.
Linsen, mit denen man Brillen für Kurzsichtige herstellen konnte, scheinen erst am Übergang zur frühen Neuzeit aufzukommen.

Aus diesen drei Gründen würde es also ein komplett falsches Bild vermitteln, würden wir in der Rolle mittelständischer nordwestdeutscher Städter um 1300 den ganzen Tag lang mit Nietbrillen vor der Nase herumlaufen, in denen sich Linsen für Kurzsichtige befinden.

Natürlich wäre es für den optischen Gesamteindruck zu bevorzugen, wenn wir Kontaktlinsen tragen oder komplett auf moderne Sehhilfen verzichten würden.
Da das aber bei uns beiden (und ganz besonders bei Bine) schlicht keine Option ist, ist unserer Ansicht nach eine moderne Brille, bei der die meisten Besucher mühelos erkennen können, dass es sich nicht um etwas historisches, sondern um ein modernes medizinisches Hilfsmittel handelt, die bessere Option, als eine Brille, die an sich zwar in unsere Darstellungszeit passt, aber trotzdem ein falsches Bild vermittelt, weil wir sie falsch verwenden.

Wenn uns Besucher auf unsere modernen Brillen ansprechen, ergibt sich dadurch die Gelegenheit, ihnen etwas über die Geschichte der Brille zu erzählen und zu erklären, warum wir in der Darstellung keine historischen Brillen tragen.
Zu genau diesem Zweck haben wir die hier abgebildete Nachbildung einer spätmittelalterlichen Nietbrille dabei.

Aufgrund eines seit ihrer Kindheit bestehenden Hüftschadens benötigt Bine an manchen Tagen einen Gehstock.

Außerdem benötigt sie, auch wenn sie nicht völlig Blind ist, vor allem an schlechten Tagen und spät Abends manchmal die Hilfe eines Blindenstocks.

Dankenswerterweise haben wir hier ausnahmsweise tatsächlich eine belegte und gangbare historische Lösung für beide Probleme!

Das Portrait des „Hesso von Reinach“ aus dem Codex Manesse zeigt eine (vermutlich blinde) Bettlerin mit einem Stock, der in seiner Form ziemlich exakt den heutigen Gehstöcken mit gebogenem Griff entspricht.

Einen ebensolchen Stock verwendet Bine und er leistet sowohl als Gehhilfe als auch als behelfsmäßiger Blindenstock gute Dienste.

Die Tatsache, dass viele Menschen heute einen großen Teil ihrer Arbeits- und Freizeit im Sitzen verbringen, ist im Allgemeinen einer starken Rückenmuskulatur nicht unbedingt förderlich.

Kommen wie bei uns auch noch chronische Rückenprobleme dazu, wird ein Wochenende ohne Sitzgelegenheit mit Rückenlehne zu einer echten Qual.

Zwar gibt es für die Zeit um 1300 durchaus auch Belege für Stühle mit Rückenlehnen, allerdings sind diese zum einen eine kleine Minderheit verglichen mit der Masse an Belegen für Hocker und Bänke, zum Anderen sind meist Familienobehäupter oder andere „höherstehende“ Personen auf diesen Stühlen abgebildet.

Vielleicht verband man mit Stühlen mit Rückenlehnen eine gewisse „Thronsymbolik“, weshalb sie den Ranghöchsten im Haushalt vorbehalten waren, vielleicht war es aber auch ganz pragmatisch so, dass solche Stühle mehr Platz wegnahmen und aufwändiger (sprich: teurer) herzustellen waren, als einfache Bänke und Schemel, so dass ein Haushalt normalerweise nur einen oder zwei solcher Stühle hatte, in denen dann logischerweise auch normalerweise nur die Ranghöchsten Mitglieder des Haushaltes saßen.

Möglicherweise war der Bedarf an Sitzmöbeln mit Rückenlehne auch schlicht nicht so groß wie heute.
Vielleicht weil die meisten Menschen im Schnitt wohl wesentlich weniger Zeit im Sitzen verbrachten, als wir heute, und dadurch wesentlich besser trainierte Rückenmuskeln hatten, vielleicht aber auch, weil die vergleichsweise spärliche Möblierung der meisten Räume es einfach machte, seine Sitzgelegenheit an eine Wand zu stellen, wenn man eine Rückenlehne brauchte.

In jedem Fall wäre es wohl unpassend, sich mit einem der belegten Stuhltypen mit Rückenlehne an einen Verkaufstisch oder eine Werkbank zu setzen.

Zuletzt darf natürlich auch die Frage der Transportierbarkeit nicht ignoriert werden.
Ein zerlegbarer Schemel nimmt auf dem Weg von und zu einer Veranstaltung wesentlich weniger Platz weg, als es die belegten Stuhltypen mit Rückenlehne täten.

Aus all diesen Gründen haben wir uns für simple vierbeinige Schemel entschieden, wie sie für unsere Zeit sehr gut nachweisbar sind.
Diese Schemel sind zudem zerlegbar und damit gut transportabel.

Das moderne Zugeständnis an unsere schmerzenden Rücken besteht aus einer schmalen, in die Sitzfläche einsteckbaren Rückenlehne.
Während wir auf den Schemeln sitzen, fällt diese kaum auf und wenn wir gerade nicht darauf sitzen, oder Fotos gemacht werden sollen, kann sie leicht und schnell herausgenommen und beiseite gelegt werden.
Die Aussparung in der Sitzfläche, in welche die Rückenlehne gesteckt wird, fällt kaum auf und wird völlig unsichtbar, wenn eine Decke oder sonst etwas auf dem Schemel liegt.

So wird das Bild nur minimal gestört und uns bleiben am Ende des Wochenendes trotzdem furchtbare Rückenschmerzen erspart.

Ich habe starke Lymphödeme (Umgangssprachlich: „Wasser in den Beinen“), die zu einer massiven Schwellung meiner Unterschenkel und Füße führen.

Aus diesem Grund mussten meine Schuhe natürlich zunächst einmal sehr groß sein und selbst für diese Größe eine immens weite Öffnung haben.

Da die Schwellung, vor allem an den Unterschenkeln, zudem von Tag zu Tag und selbst im Verlauf eines Tages stark zu- oder abnehmen kann, benötige ich Schuhe, die nicht nur weit genug für die größtmögliche Schwellung sind, sondern deren Weite ich auch dem Grad der Schwellung anpassen kann.

Aus diesem Grund habe ich mich bei meinen Schuhen gegen die um 1300 vermutlich üblichste Form des Schuhverschlusses entschieden, die aus einem durch Schnürung verschlossenen Längsschlitz auf der Innenseite der Schuhe bestanden hätte, und stattdessen ein um das Fußgelenk laufendes Band gewählt, mit dem ich die Weite des Schuhs am Unterschenkel je nach Bedarf anpassen kann.

Da Halbschuhe bei mir leider die Angewohnheit haben, durch das über dem oberen Schuhrand anschwellende Bein nach unten und über die Ferse vom Fuß gedrückt zu werden, trage ich zwei Varianten von Halbstiefeln, die einen festen Halt am Unterschenkel bieten.

Bei der Variante links im Bild handelt es sich um eine Stiefelform, die auch als „Bundschuh“ bekannt ist (nicht zu verwechseln mit dem gleichnahmigen aber völlig anders konstruierten Antiken Schuhwerk!) und sich bis ins frühe 16te Jahrhundert als typischer Bauernschuh gehalten hat, wo er sogar in den Bauernkriegen von einigen Aufständischen Bauern als Symbol auf ihrer Flagge verwendet wurde.

Auch im 13ten Jahrhundert sieht man diese Schuhform vor allem bei Bauern.
Ich trage sie zu Reisekleidung, sowie zu meiner Darstellung eines einfachen Hausknechtes.

Die rechten Halbstiefel, die ich zu meiner etwas „besseren“ Kleidung trage, sind grob an Vorlagen aus den Londonfunden angelehnt und waren eher im 12ten Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 13ten populär.

Ich würde sie um 1300 nicht als grundsätzlich falsch ansehen, aber schon durchaus als „altmodisch“ bezeichnen.
Ohne die Lymphödeme hätte mich definitiv für eine „typischere“ Schuhform entschieden, etwa schlichte Halbschuhe mit geschnürtem Längsschlitz auf der Innenseite.

Beide Paare Schuhe sollen dem Anspruch genügen, für mich einigermaßen bequem und tragbar zu sein, mir nicht ständig vom Fuß zu rutschen und trotzdem optisch zumindest keinen grundfalschen Eindruck zu hinterlassen.

Bine benötigt aufgrund eines seit ihrer Kindheit bestehenden Hüftschadens eine Schuherhöhung am rechten Fuß.

Da klassische Sohlenerhöhungen bei wendegenähten Schuhen nicht wirklich funktionieren, haben wir uns nach langem Hin- und Herexperimentieren schließlich für eine vielleicht etwas extreme Lösung entschieden:

Ich habe ein paar alte Hausschuhe mit Schuherhöhung von Bine genommen und um diese herum ein Paar wendegenähte Schuhe genäht, um diese zu „verstecken“.

Glücklicherweise hat Bine ziemlich kleine Füße, sodass die Wendeschuhe mit den Hausschuhen darin nicht übermäßig klobig aussehen.

Da auch Bine mit an- und abschwellenden Fußgelenken zu kämpfen hat (wenn auch im Gegensatz zu mir nicht ansatzweise im selben Ausmaß und aus anderen Gründen) haben wir uns auch bei ihren Schuhen für die Variante mit umlaufendem Zugband entschieden, um die Weite am Gelenk variabel zu halten.

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