Rote Kleidung für Nichtadlige? Kleiderordungen im 13ten Jahrhundert

Relativ häufig werden wir auf die bunte Kleidung angesprochen, die wir in unserer Darstellung tragen.

„Durften normale Leute so bunte Kleidung überhaupt tragen? Ich dachte, vor allem rote Kleidung sei nur Adligen erlaubt gewesen?“

Aus diesem Grund wollen wir uns einmal kurz anschauen, was die überlieferten Quellen aus der Zeit um 1300 zu diesem Thema sagen:

Es gab in der Zeit vor 1300 ein paar zaghafte Versuche, Bauern allgemein das Tragen farbiger Kleidung zu verbieten.

Vor allem der Bayrische Landfrieden von 1244 und die Mitte des 12ten Jahrhunderts vermutlich von mehreren geistlichen Autoren geschriebene Kaiserchronik, die ein angebliches Kleidungsgesetz Karls des Großen nennt (für dass es vor dieser Chronik keinerlei Belege gibt), werden oft zitiert.

Hier wird Bauern allgemein nur das Tragen grauer oder schwarzer Kleidung erlaubt (wobei „grau“ in diesem Kontext allgemein „naturfarben/ungefärbt“ meint, also für alle natürlichen Wollfarben von Wollweiß, über Braun- und Grautöne bis hin zu fast schwarz reicht), mit Ausnahme von Blau für den Kirchgang und Feiertage.

Zudem wird den Bauern nur das Tragen bestimmter einfacher und grober Stoffe, die Verwendung einfachen lohgegerbten Rindsleders für ihre Schuhe, einer bestimmten Maximalmenge an Stoff für ihre Kleidung und das Einsetzen von „Keile“ oder „Geren“ genannten Stoffdreiecken, um den Rock nach unten hin weiter zu machen, nur an den Seiten, nicht aber hinten und vorne erlaubt.

Beide Quellen sprechen übrigens explizit nur von der Landbevölkerung. Städter werden mit keinem Wort erwähnt.

Allerdings haben wir im weiteren Verlauf des Jahrhunderts immer wiederkehrende Klagen adliger Dichter und kirchlicher Bußprediger darüber, dass sich die wohlhabenderen Bauern so modisch und ausgefallen kleiden würden, dass man sie kaum von ihren Herren unterscheiden könne.

Verbunden mit der Tatsache, dass es keinen einzigen überlieferten Beleg für einen Fall gibt, in dem ein Bauer tatsächlich für die Übertretung dieser Regeln verurteilt und bestraft worden wäre, ist anzunehmen, dass diese Gesetze nie wirklich flächendeckend durchgesetzt wurden.

Das 13te Jahrhundert ist allgemein eine Zeit, in der die arbeitende Bevölkerung die stetig steigende Nachfrage nach Arbeitskräften ausnutzte, um massive Verbesserungen ihrer sozialen, rechtlichen und wirtschaftlichen Situation zu erzwingen.Ein Grundherr, der ernsthaft versucht hätte, seinen Bauern das Tragen bunter Kleidung zu verbieten, hätte damit dafür gesorgt, dass sich selbige Bauern (vor allem die jungen Leute, die sich noch nichts aufgebaut und damit nicht viel zu verlieren hatten) wortwörtlich „vom Acker machten“ und bei einem anderen Grundherrn oder in einer der wachsenden Städte Arbeit zu besseren Bedingungen suchten.

In den Städten des 14ten und 15ten Jahrhunderts gibt es dann Luxusgesetze, die tatsächlich einigermaßen durchgesetzt werden (wobei einige wohlhabende Städter die Geldbußen für den Verstoß gegen diese Gesetze wohl schlicht in ihr Kleidungsbudget mit einplanten).

Bei diesen Gesetzen handelt es sich allerdings nicht um Regeln wie „kein Rot / keine Farben allgemein für Nichtadlige“, sondern mehr um Dinge wie „keine Seide für Lehrlinge, kein Brokat für Gesellen, nicht mehr als 3 Pfund Goldschmuck für eine Bürgerin“.

Also nicht der Versuch, die Masse der Bevölkerung möglichst „arm“ aussehen zu lassen, sondern eher das Bestreben, dem stetigen Wettbewerb um die protzigste Kleidung bei der reichen Oberschicht einen Riegel vorzuschieben, damit die sich nicht bei dem Versuch, sich gegenseitig in ihrem Prunk zu übertreffen, selbst wirtschaftlich ruinierte (und damit die Wirtschaft der gesamten Stadt in Gefahr brachte).

Also kurz:

Bauern und Städter konnten im 13ten Jahrhundert und im weiteren Spätmittelalter an den meisten Orten und zu den meisten Zeiten wohl problemlos farbige Kleidung tragen, wenn sie sie sich leisten konnten, auch wenn das manchen in Adel und Klerus ein Dorn im Auge war.

Ein Gesetz, dass insbesondere Rot als Farbe nannte, die ausschließlich Adligen erlaubt war, ist überhaupt nicht überliefert.

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