Vom „reinen Toren“ zum Hüter des heiligen Grals – Der Parzival von Wolfram von Eschenbach




Heute möchte ich euch gerne einmal meinen liebsten mittelalterlichen Roman vorstellen.

Keinen modernen Roman, der im Mittelalter spielt, sondern einen Roman aus dem Mittelalter.

Der Parzival von Wolfram von Eschenbach.

Wolfram schrieb diesen Roman Anfang des 13ten Jahrhunderts (wohl zumindest Teilweise auf der Wartburg, im Dienst des Thüringer Landgrafen Hermann I.) auf der Basis eines unvollendet gebliebenen Romans von Chrétien de Troyes.

Wie viele andere höfische Artusromane dieser Zeit ist auch der Parzival die Geschichte eines jungen, unerfahrenen Mannes, der auf eine Reise voller Abenteuer und Prüfungen aufbricht, an denen er wächst und reift, um schließlich als vorbildlicher Ritter seinen Platz an Artus‘ Tafel einzunehmen.
Aber der Parzival unterscheidet sich, sowohl in seiner Erzählstruktur, als auch in seiner Aussage doch stark von anderen Romanen.


Die Handlung:

Der titelgebende Name unseres Helden bedeutet wörtlich übersetzt so viel wie „durchdringe das Tal“ (vergleiche englisch: „pierce the valley“) und lässt sich sinngemäß ganz gut zu „mit dem Kopf durch die Wand“ übersetzen.
Und unser Protagonist wird diesem Namen im Verlaufe der Geschichte mehr als gerecht werden…

Parzivals Vater Gahmuret starb im Krieg in der Fremde, weshalb seine trauernde Mutter Herzeloyde um jeden Preis sichergehen will, dass ihr Sohn nicht das selbe Schicksal erleidet.

So zieht sie mit ihrem Hofstaat in die Wildnis und verbietet allen bei Todesstrafe, ihrem Sohn jemals etwas von Rittern zu erzählen, damit er ja nicht auf die Idee kommt, selbst einer werden zu wollen.


Parzival wächst also in der kleinen Waldsiedlung auf, in der die Hofdamen seiner Mutter die Felder bestellen müssen. Er wächst zu einem jungen Mann von atemberaubender Schönheit und zu einem großen Jäger heran.


Natürlich passiert, was passieren muss und er begegnet auf einem seiner Jagdausflüge drei durch den Wald reitenden Rittern.
Parzival ist unfassbar beeindruck von dem Anblick, der sich ihm bietet und nachdem er erkannt hat, dass es sich bei den Männern nicht um Götter handelt, sondern um Menschen, steht sein Entschluss fest: Er will werden, wie sie.


Trotz allem Widerstand seiner Mutter macht er sich also auf zum Hof von König Artus, der einen Mann zum Ritter machen kann, wie die drei Ritter ihm erzählt haben.


Der Rest der Handlung und die Probleme und Konflikte, die der Held überkommen muss, ergeben sich daraus, dass er zwar mit fast allem, was einen perfekten Ritter ausmacht (körperliche Stärke und Geschicklichkeit, Schönheit und ein mitfühlendes Herz) überreich gesegnet ist, aber eben keine Ahnung hat, wie das Leben und die Gesellschaft ausserhalb der Gehöfte auf der Waldlichtung funktionieren.


So versteht er vieles falsch, besonders die eigentlich gut gemeinten Ratschläge, die seine Mutter ihm zum Abschied mit auf den Weg gegeben hatte und macht schwerwiegende Fehler, nicht aus Böswilligkeit oder Dummheit, sondern weil er es einfach nicht besser weiß.


Mit der Zeit lernt er die Regeln der Gesellschaft und vor allem die Regeln ritterlichen Verhaltens und Benehmens, vollbringt große Taten und erringt Ruhm, Reichtum und Macht, nicht zu vergessen die Hand einer schönen Dame.
Andere höfische Romane würden an dieser Stelle glücklich enden.


Aber der Parzival ist nicht wie andere höfische Romane.


An seiner größten Prüfung scheitert der junge Held, weil er vor lauter höfischem Benehmen nicht mehr auf sein naives instinktives Mitgefühl gehört hat:

Den kranken Gralskönig Amfortas, zu dessen eigentlich für Fremde unauffindbaren Burg er auf seinen Reisen unabsichtlich (durch göttliche Führung) gelangt und wo er festlich empfangen und bewirtet wird, hätte er von dem Fluch, der auf ihm lastet, erlösen und selbst der nächste Gralskönig werden können, wenn er ihn nur aus ehrlichem Mitgefühl gefragt hätte, was ihm fehlt.
Doch Parzival ignoriert seine Instinke und sein Mitgefühl und hält sich stattdessen an die Lektion seines Lehrmeisters, bloß nicht zu viele Fragen zu stellen und damit dumm und aufdringlich zu wirken.
So schweigt er und muss am Morgen in Schimpf und Schande von der Gralsburg ziehen.


Er zürnt schließlich mit Gott und der Welt. Hatte er nicht genau die Regeln befolgt, die ihm beigebracht worden waren? Warum hatte er trotzdem versagt? Warum wurde er trotzdem so beschämt? Es ist nicht seine Schuld!

Er bricht den Kontakt zu Freunden und Familie ab, reist rastlos von Ort zu Ort, immer auf der Suche nach der Gralsburg, besessen von dem Wunsch, seine Ehre wieder herzustellen und seinen Fehler zu beheben.

Letztlich muss Parzival lernen, das richtige Gleichgewicht zwischen den sozialen Spielregeln der Gesellschaft und seinem Gewissen zu finden. Erst als er diese Lektion verstanden und seine Schuld eingesehen hat, wird er erneut an den Hof des Gralskönigs gerufen.
Geläutert und gereift stellt er Amfortas die erlösende Frage und wird sein Nachfolger.



Die Aussage:

Das Buch äußert mit Parzivals Prüfung und dem Grund seines Scheiterns an selbiger eine sehr intelligente und zu seiner Zeit sicherlich beißende Sozialkritik:

Sich an die Regeln guten und höfischen Benehmens zu halten ist nicht immer gleichbedeutend damit, das ethisch Richtige zu tun.
Manchmal ist es sogar das exakte Gegenteil.

Im Thronstreit zwischen Staufern und Welfen, der die Entstehungszeit von Wolframs Parzival prägt, müssen die Fürsten und kleineren Adligen des Reiches häufig ihre Loyalität wechseln, wenn sie überleben wollen.
Die Feinde von Gestern werden schnell zu den Verbündeten von Heute und wieder zu den Feinden von Morgen. Sehr oft ist es notwendig, gut Freund mit Leuten zu spielen, mit denen man vor kurzer Zeit noch im Krieg stand (und mit denen man vermutlich in kurzer Zeit auch wieder im Krieg stehen wird).
Nicht wenige der Adligen, die Wolframs Parzival lasen oder hörten, werden sich in der Situation wiedergefunden haben, sich regelmäßig zwischen der diplomatisch klugen und der ihrem Gewissen nach richtigen Handlung entscheiden zu müssen.

Ebenso sozialkritisch und zur Entstehungszeit des Buches hoch politisch aktuell ist die Tatsache, dass im gesamten Werk die organisierte Amtskirche quasi keine Rolle spielt.

Die (als utopisch präsentierte) Gemeinschaft der Gralsburg hat keinen Bischof und keine Priester sondern empfängt gottes Willen direkt durch den Gral.
Die religiösen Autoritätsfiguren, die Parzival zurechtweisen und ihm helfen, wieder auf den rechten Weg zu finden, sind keine Mönche oder Priester, sondern Klausner, religiöse Eremiten.

Das Buch fügt sich damit in eine unter mehreren Dichtern und Autoren im Reich Anfang des 13ten Jahrhunderts verbreitete Stimmung ein, als immer wieder harte Kritik an einem als macht- und geldgierig empfundenen Papsttum, sowie die Forderung nach einer armen, bescheidenen Kirche laut werden.

Die selbe kirchenkritische Stimmung, die auch im Rest Europas zu dieser Zeit herrscht zeigt sich auch im Erfolg der ketzerischen Katharerbewegung und führt schließlich zur Förderung der Bettelorden als kirchliche Reaktion auf die Kritik.

Vergleiche auch die gleichzeitige scharfe politische Papstkritik Walters von der Vogelweide, in welcher die Figur des armen, rechtschaffenen, gottesfürchtigen Klausners immer wieder als Gegenpol und Spiegel der in seinen Augen macht- und geldgierigen Kirche dient und oft genug selbst derjenige ist, der Walters Kritik an der Kirche ausspricht.


Der Gral:

Der heilige Gral und die von einer Gemeinschaft von Auserwählten bewohnte Gralsburg sind der zentrale Punkt der Handlung des Parzival.
Aber umgekehrt ist auch der Parzival von immenser Wichtigkeit für den Mythos des heiligen Grals.

Chrétiens unvollendetes Werk und Wolframs Adaption und Vollendung desselben sind tatsächlich das Erste mal, dass der Gral in der europäischen Dichtung und Literatur überhaupt auftaucht!

Bei Chrétien handelt es sich um eine Juwelenbesetzte goldene Schale, bei Parzival um einen heiligen Edelstein.
Beide sind in der Lage, aus dem Nichts Lebensmittel in scheinbar unbegrenzter Menge, von erlesener Qualität und nach den Wünschen jedes Einzelnen, der am Tisch des Gralskönigs Platz nimmt, zu erschaffen.
Wer regelmäßig von den Speisen isst, die der Gral zur Verfügung stellt, altert nicht über das körperliche Alter von 35 hinaus (lediglich die Haare werden mit der Zeit weiß) und wird nicht krank.
Auf dem Gral erscheinen bisweilen Buchstaben, mittels derer Gott persönlich dem Gralskönig und seinem Hofstaat Befehle und Anweisungen erteilt.
Seine Macht bezieht das Objekt aus einer geweihten Hostie, die jeden Karfreitag von einer weißen Taube aus dem Himmel herabgetragen und auf den Gral abgelegt wird.

Der Gral wird hier noch nicht ausdrücklich als der Abendmahlskelch Jesu Christi angesprochen, der bei der Kreuzigung sein Blut aufgefangen habe (diese Verbindung zieht erst Robert de Boron einige Jahre nach Chrétien), obwohl eine starke symbolische Verbindung des Grals zur Passion und dem letzten Abendmahl auch hier schon vorhanden ist (dem Gral werden in einer feierlichen Prozession unter anderem eine blutbefleckte Lanze und ein Messkelch vorangetragen).


Nachwirkung:

Der Parzival gilt als das Hauptwerk Wolfram von Eschenbachs und wurde im Verlauf des Mittelalters häufig kopiert, was für seine Beliebtheit spricht.

Außerhalb des deutschen Sprachraums allerdings konnte das Happy Ending, in dem Parzival seinen Fehler wieder ausgleichen und doch noch Gralskönig werden kann, sich nicht als „Kanon“ in der Artuslyrik durchsetzen.
Spätere französische und englische Werke (allen voran „Le Morte Darthur“ des englischen Schriftstellers Thomas Malory) gehen davon aus, dass Parzivals Versagen am Hof des Gralskönigs das Ende seiner Geschichte war. Hier ist es erst Lancelots Sohn Galahad, „der vollkommene Ritter“ dem es gelingt, den Gral zu erringen.

Wolfram schrieb zudem auch noch eine Fortsetzung zum Parzival, den Loherangrin (heute vor allem durch Wagners darauf basierende Oper „Lohengrin“ bekannt), in welchem Parzivals Sohn die titelgebende Hauptrolle spielt.


Fazit:


Trotz all dieser gesellschaftskritischen Aussagen und der wichtigen Rolle in der Entstehung des Gralsmythos ist der Parzival nicht nur etwas für Literaten, die gerne die tiefere Botschaft und kulturelle Bedeutung eines Werkes ergründen, sondern auch einfach eine tolle Abenteuergeschichte, mit sympathischen (wenn auch nicht besonders mehrdimensionalen) Charakteren, und vor Allem in der ersten Hälfte jeder Menge Humor, der sich aus Parzivals Naivität, Dickköpfigkeit und Impulsivität ergibt.


Ich habe das Buch schon in vielen Varianten gelesen.

Empfehlen würde ich die Übertragung ins Neuhochdeutsche vom Anaconda-Verlag.

(ISBN 976-3-86647-283-9)

Die Übertragung gibt den Sinninhalt des Ursprungstextes gut wieder, ohne dass allzuviel verloren geht, ist aber trotzdem leicht und angenehm zu lesen.

Ein Gedanke zu “Vom „reinen Toren“ zum Hüter des heiligen Grals – Der Parzival von Wolfram von Eschenbach

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