Galileo und die Kirche



Galileo Galilei gilt heute als Märtyrer für die Wissenschaft, der von der katholischen Kirche dafür bestraft wurde, eine wissenschaftliche Tatsache vertreten zu haben, die ihrer religiösen Ideologie widersprach.
Weil er Anfang des 17ten Jahrhunderts erklärte, die Erde würde sich um die Sonne drehen und nicht, wie das zu seiner Zeit seit fast 2000 Jahren allgemein akzeptierte Weltbild es sagte, die Sonne und die anderen Planeten um die Erde, sei er von der Inquisition verhört und verurteilt worden.
Der Inquisitionsprozess gegen ihn ist DAS Beispiel, das für die angebliche systematische Unterdrückung der Wissenschaft durch die katholische Kirche im Besonderen und das Christentum / die Religionen im Allgemeinen.

Skurrilerweise berufen sich aber nicht nur Vertreter der evidenzbasierten Wissenschaft, sondern auch Verschwörungstheoretiker und Anhänger pseudowissenschaftlichen Geschwurbels gerne auf Galileo als Beispiel für jemanden, dessen Thesen vom Mainstream seiner Zeit abgelehnt, verlacht, ja sogar verboten wurden, obwohl er Recht hatte.
Wie Galileo sehen auch sie sich als Vertreter einer Wahrheit,die von den Mächtigen unterdrückt wird, weil sie ihre Macht und Deutungshoheit gefährdet.

Es gibt dabei nur zwei Probleme:

1.)
Galileo wurde nicht für seine naturwissenschaftlichen Thesen angeklagt und verurteilt.

2.)
Galileos Kritiker hatten aus wissenschaftlicher Sicht Recht.

Bitte was?! Galileos Kritiker sollen Recht gehabt haben? Will ich hier etwa ernsthaft erzählen, die Sonne würde sich um die Erde drehen und nicht umgekehrt?

Nein, will ich natürlich nicht.
Das heliozentrische System hat sich letztlich als das wissenschaftlich Korrektere erwiesen.
Aber genau das ist der Punkt: Es musste sich erst als das korrektere System ERWEISEN.

Wissenschaft kann nicht mit 100%iger Sicherheit die Wahrheit ermitteln. Und das ist auch garnicht ihre Aufgabe.
Stattdessen geht es in der Wissenschaft darum, zu ermitteln und zu beweisen, welche Theorie die aktuell vorhandenen Daten für den Moment am besten erklärt.
Diese „für den Moment beste Theorie“ wird dann bis auf weiteres zum wissenschaftlichen Forschungsstand.
Wenn irgendwann neue Daten auftauchen, die sich durch die alte Theorie nicht mehr erklären lassen, oder eine neue Theorie entwickelt wird, welche die vorhandenen Daten noch besser erklärt, ändert sich der Forschungsstand.
Das ändert aber nichts daran, dass der alte Forschungsstand die zu seiner Zeit beste Erklärung darstellte und es damit wissenschaftlich korrekt war, davon auszugehen, bis eine andere Theorie beweisen konnte, dass sie eine bessere Erklärung darstellt.

Und genau da liegt der Knackpunkt:
Galileo konnte nicht beweisen, dass sein Modell eine bessere Erklärung für die vorliegenden Daten (in diesem Fall die Position der Gestirne am Himmel zu einem bestimmten Zeitpunkt) lieferte, als das etablierte Modell nach Ptolemäus, das den damaligen Forschungsstand bildete.

Versuchte man, auf Grundlage seines Modells zu berechnen, wo ein Himmelskörper zu einem bestimmten Zeitpunkt am Himmel sein würde, waren die Ergebnisse sehr viel ungenauer, als die, die auf Basis des alten geozentrischen Systems errechnet wurden.

Erst Johannes Kepler (der Übrigens weder menschlich noch fachlich viel von Galileo hielt und einige sehr böse Briefe mit ihm austauschte) gelang es, das heliozentrische System so anzupassen (vor allem, indem er von elliptischen anstatt kreisförmigen Planetenbahnen ausging), dass es tatsächlich präzisere und zuverlässigere Ergebnisse liefern konnte, als das geozentrische.

So schwer uns der Gedanke heute fallen mag:

Die kirchlichen Gelehrten, die Galileos Modell ablehnten, handelten wissenschaftlich korrekt, da sie dem Modell den Vorzug gaben, das die vorhandenen Beobachtungen (in diesem Fall die Bewegung der Planeten am Himmel) am besten und präzisesten beschreiben und rechnerisch wiedergeben konnte und das genau aus diesem Grund seit der Antike etablierter Forschungsstand war.

Trotzdem wurde Galileo für seine Thesen keineswegs sofort von der Kirchenführung verfolgt oder gar der Ketzerei angeklagt.

Im Gegenteil:

Die Kirche und insbesondere Papst Urban VIII. förderte ihn sogar ausdrücklich und zeigte sich ausgesprochen fasziniert von seiner These.

Aber da besagte These eben noch keine genaueren (oder auch nur ebenso genaue) Berechnungen erlaubte, wie das altbewährte Modell, war man (wissenschaftlich wie gesagt völlig korrekt) noch nicht Gewillt, das geozentrische Modell nach Ptolemäus aufzugeben.

Stattdessen sollte Galileo in offiziellem päpstlichen Auftrag (und mit päpstlicher finanzieller Förderung) ein Buch schreiben, in dem sowohl das alte als auch sein neues Modell gleichberechtigt nebeneinander präsentiert werden.

Galileo hingegen war erzürnt, dass sein Modell nicht sofort als neuer alleiniger Stand der Wissenschaft anerkannt wurde und schrieb sein Buch, den „Dialog über die zwei Weltsysteme“ als ein Gespräch zwischen einem Weisen (der Galileos Modell vertritt) und einem Dummkopf (der das Ptolemäische Modell vertritt und offensichtlich dem Papst nachempfunden war, teilweise sogar bekannte Aussprüche desselbigen wortwörtlich zitierte).

Galileo hatte damit nicht nur gegen die Bedingungen des kirchlichen Auftrages verstoßen, den er angenommen hatte, und gleichzeitig seinen größten Förderer beleidigt.

Indem er erklärte, seine Kritiker innerhalb der Kirche seien ja nicht einmal in der Lage, die Bibel richtig auszulegen, hatte er aus einem naturwissenschaftlichen Streit (in dem er bis dato eigentlich garnicht so schlecht gestanden hatte) einen theologischen Konflikt gemacht.

Entgegen dem Klischee der wissenschaftsfeindlichen Katholiken unterschied die Kirche allerspätestens seit Augustinus sehr deutlich zwischen naturwissenschaftlichen Fragen, welche mit menschlicher Vernunft zu ergründen waren und bei denen die Beschreibungen in der Bibel nicht zwingend wortwörtlich zu verstehen waren, und theologischen Fragen, bei welchen die Bibel und deren Auslegung durch die Kirche absolute Autorität hatten.

So hatte etwa Augustinus als Beispiel die Schöpfungsgeschichte genannt. Die sechs Tage, in denen Gott laut der Bibel die Welt erschuf, müssten nicht unbedingt wörtlich genommen werden, schon alleine, weil die Sonne ja erst am fünften Tag erschaffen worden sei und es vorher daher garkeine „Tage“ im wortwörtlichen Sinne hätte geben können.
Stattdessen sei die Schöpfungsgeschichte nur als vereinfachte und auch für einfache Menschen verstehbare Beschreibung dafür zu verstehen, dass Gott die Welt Stück für Stück in mehreren Schritten schuf.

Der am Prozess gegen Galileo beteiligte Kardinal Robert Bellamin schrieb 1615 in seinem “ Brief an Foscarini“, wenn das heliozentrische Modell tatsächlich bewiesen werden könne, müsse man „mit großer Vorsicht daran gehen, die Schriften zu erklären, die dem zu widersprechen scheinen und eher sagen, dass wir sie bislang nicht richtig verstanden hätten, als dass das, was uns demonstriert wurde, falsch sei.“. Allerdings fügte er auch hinzu: „Ich werde allerdings nicht an solche Beweise glauben, ehe sie mir gezeigt werden.“
Was aus wissenschaftlicher Sicht eine durchaus berechtigte Einstellung ist.

Galileo wurde letztlich also nicht für seine naturwissenschaftlichen Thesen angeklagt, sondern für seinen Vertragsbruch, seine Beleidigung gegenüber dem Papst und vor allem dafür, dass er sich unnötigerweise auf theologischem Gebiet gegen die Kirche aufgelehnt hatte.

Im ohnehin schon gespannten politischen und theologischen Klima der Gegenreformation, in der liberale und reaktionäre Fraktionen innerhalb der Kirche um Einfluss und Macht rangen, konnte so ein Akt offener Rebellion nicht unbeantwortet bleiben…

Dennoch viel seine Strafe verhältnismäßig milde aus:

Er musste seine Thesen öffentlich widerrufen und wurde zu Hausarrest verurteilt. Erst unter der Aufsicht des Erzbischofs von Siena, der sein glühender Bewunderer war, und es ihm an nichts fehlen ließ, später gut versorgt in seiner Villa.

Entgegen den Behauptungen, die man manchmal ließt, wurde Galileo nie gefoltert (das zeigen der Folterinstrumente gehörte zum festen Ablauf eines Inquisitionsverfahrens und war kein besonderer Akt der Drohung oder Grausamkeit gegenüber Galileo).

Und erst recht sagte Galileo selbstverständlich nach der Verkündung des Urteils nicht vor Gericht: „Und sie bewegt sich doch.“
Eine solche trotzige Aussage hätte ihn zum rückfälligen Ketzer gemacht, was dann definitiv keine milde Strafe mit Hausarrest mehr nach sich gezogen hätte.

Mit Johannes Keplers Werk „Astronomia Nova“, das von elliptischen Planetenbahnen und unterschiedlichen Umlaufgeschwindigkeiten der Planeten an unterschiedlichen Punkten in der Ellipse ausging und damit nun seinerseits sehr viel präzisere Berechnungen erlaubte, als Galileos *und* das Ptolemäische Modell es konnten, kam von katholischer Seite bezeichnenderweise keinerlei Widerspruch, geschweige denn ein Vorfurf der Ketzerei.

Ebenso, wie bei Copernicus, der schon 100 Jahre vor Galileo ein heliozentrisches Weltbild entworfen hatte, auf dem Galileos Modell basierte.
Und ebenso, wie bei Nikolaus Cusanus, der noch einmal fast 100 Jahre früher bereits die Ansicht vertreten hatte, das Universum habe keine Grenzen, die Erde sei nicht sein Mittelpunkt, stünde nicht still, sondern bewege sich und sei nur eine Welt unter vielen.

Beiden, besonders Cusanus, wurde durchaus widersprochen und beide wurden teilweise heftig kritisiert. Aber beide wurden von der römischen Kirchenführung nie verfolgt oder gar bestraft, ja nichteinmal ein Verfahren gegen sie wurde eröffnet.

Kurz:

Galileo war kein Märtyrer für die Wissenschaft, sondern jemand, der darauf, dass seine bis dahin unbewiesene These nicht sofort als alleiniger Forschungsstand anerkannt wurde, reagierte, indem er sich offen und völlig unnötigerweise mit seinem größten Förderer und einer der mächtigsten Organisationen Europas anlegte und dafür sogar noch relativ glimpflich davonkam.

Wenn sich also heutige Pseudowissenschaftler, Verschwörungstheoretiker und sonstige Schwurbler mit Galileo vergleichen, haben sie damit sogar durchaus Recht…

Nur halt nicht ganz so, wie sie denken. 😉


Zum Weiterlesen:

Über das Verhältnis der katholischen Kirche zur Wissenschaft, vor allem im Mittelalter (in welchem der Fall Galileo in der populären Wahrnehmung erschreckend oft verortet wird, weil das Narrativ einer ignoranten Kirche, die einen Wissenschaftler als Ketzer verurteilt, weil er die Wahrheit sagt, so gut in das populäre Bild des Mittelalters passt):

https://inforo1300.wordpress.com/2017/05/10/die-katholische-kirche-und-die-wissenschaft/

Ein hervorragendes Interview mit Dr. Ludwig Neidhart, dass sich sehr viel detaillierter und fundierter mit dem Fall Galileo auseinandersetzt, als es dieser kurze Blogpost hier kann:

https://www.philso.uni-augsburg.de/institute/philosophie/Personen/Lehrbeauftragte/neidhart/Downloads/InterviewGalileo.pdf

Zwei Artikel von Tim O’Neills sehr lesenswertem Blog „History for Atheists“ über Copernicus, der seine wissenschaftlichen Arbeiten angeblich aus Angst vor der Inquisition erst auf dem Sterbebett veröffentlicht habe, und über Giordano Bruno, der ebenso (und teilweise noch mehr) wie Galileo als Märtyrer für die Wissenschaft gilt:

https://historyforatheists.com/2018/07/the-great-myths-6-copernicus-deathbed-publication/

https://historyforatheists.com/2017/03/the-great-myths-3-giordano-bruno-was-a-martyr-for-science/

Da in der Vergangenheit oft eingeworfen wurde, die Entdeckung der Jupitermonde sei doch ein eindeutiger Beweis gewesen, dass das alte Ptolemäische System nicht hätte stimmen können, verlinke ich hier zudem den Link zum Wikipedia-Eintrag über die sogenannte „Epizykeltheorie“, der zeigt, dass die Vorstellung von Himmelskörpern, die sich nicht in einer Kreisbahn direkt um die Erde, sondern um einern anderen Punkt drehen, der seinerseits wieder auf einer Kreisbahn um die Erde läuft, zu Galileos Zeit beiweitem keine neue oder radikale Idee war, die Jupitermonde sich also problemlos in das Ptolemäische Modell integrieren ließen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Epizykeltheorie

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