Schreibt der Sieger die Geschichte?



„Der Sieger schreibt die Geschichte.“

Diesen Satz (der mal Churchill, mal Napoleon zugeschrieben wird, dessen genaue Herkunft allerdings ungeklärt ist) hört und liest man häufig, wenn über historische Ereignisse und Sachverhalte gestritten und diskutiert wird.

Er wird mal zur Rechtfertigung unbelegter pseudohistorischer Thesen und Behauptungen angeführt, die ja nur deshalb nicht belegt wären, weil „die Sieger“ (hier bevorzugtes Feindbild einfügen) alle Quellen darüber entweder unter Verschluss hielten, oder schon längst vernichtet hätten und jeden zum Schweigen bringen würden, der die geheimgehaltene Wahrheit ausspricht.

Mal wird mit diesem Satz argumentiert, die Frage, was (mit größter Wahrscheinlichkeit) in der Vergangenheit geschehen sei, sei Zeitverschwendung, da all unsere Informationsquellen über die Geschichte so oft wieder und wieder von der jeweils gerade tonangebenden Macht verfälscht worden seien, dass es völlig unmöglich sei, noch zu ermitteln, welches Bild von der Geschichte nun richtiger oder falscher, wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher als andere ist.

Doch was ist dran an diesem Sprichwort?
Schreibt der Sieger wirklich die Geschichte?

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Fälle, in denen nach einem Konflikt wirklich sämtliche Quellen, die die Perspektive der besiegten Seite wiedergeben, vom Sieger vernichtet oder unter Verschluss gehalten werden, sind extrem selten.

Und selbst in solchen Fällen gibt es heute meist genügend Historiker und auch andere Einzelpersonen und Gruppen, die versuchen, die Seite der Verlierer zu vertreten.

Sehr viel häufiger aber hinterlässt auch die unterlegene Seite eine große Menge an historischen Quellen, die ihre Sicht des Konfliktes darstellt.

Und garnicht so selten setzt sich auch die Perspektive der Unterlegenen am Ende durch.

Die Geschichte des Kolonialismus oder des Völkermords an den amerikanischen Ureinwohnern wird heute definitiv *nicht* primär aus der Sicht der damaligen Sieger erzählt.

Manchmal haben wir sogar die Situation, dass wir NUR vom Verlierer eines Konfliktes verwertbare historische Quellen haben (man denke zum Beispiel an die Varusschlacht)!

Es stimmt, dass historische Quellen oft einen einseitigen Blickwinkel haben oder sogar glatte Propaganda sein können. Geschrieben mit der Absicht, die Seite des Autoren oder seiner Auftraggeber in ein möglichst positives und die Gegenseite in ein möglichst negatives Licht zu rücken.

Das gilt übrigens nicht nur für die Quellen, die von der siegreichen Seite hinterlassen wurden. Auch Quellen, die von den Verlierern eines Konflikts stammen, können das, worüber sie erzählen oft massiv verfälschen. Sei es, weil der Ersteller das beschriebene aus seinem Blickwinkel wirklich so sah, sei es, weil man die Geschichte absichtlich verfälschen wollte, um sich selbst in ein besseres Licht zu rücken, sei es, weil man einfach nicht genug oder falsche Informationen hatte.

Aber genau deshalb besteht Geschichtswissenschaft nicht nur daraus, Quellen einfach unkritisch als absolut glaubwürdige Abbilder der Wahrheit zu behandeln und unhinterfragt wiederzugeben, sondern im krassen Gegensatz eben daraus, Quellen kritisch zu analysieren, mit anderen Quellen zu vergleichen, den Kontext ihrer Entstehung, mögliche Absichten des Erstellers und dessen möglicher Auftraggeber sowie andere Faktoren zu hinterfragen, die das von ihnen gezeichnete Bild verfälschen könnten und so am Ende das zur Zeit wahrscheinlichste Bild der Vergangenheit zu ermitteln.

Und dieses wahrscheinlichste Bild, das am Ende als aktueller Stand der geschichtswissenschaftlichen Forschung übrig bleibt, unterscheidet sich oft massiv von dem, was die Quellen an der Oberfläche erzählen.


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Der Sieger mag also manchmal einen großen Teil der Quellen schreiben und in seltenen Fällen sogar sämtliche Quellen… die Geschichte aber schreiben Historiker, Archäologen und andere Geschichtswissenschaftler.

Und die wissen, wie Quellenkritik funktioniert.


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