„Resistance is feudal“ – Das Widerstandsrecht im Feudalismus



Bemerkenswert oft, wenn es um die Lebensumstände und vor allem die Rechte der „einfachen Bevölkerung“ im Mittelalter geht, argumentieren Menschen mit Beispielen für eine unterdrückte, wehr- und rechtlos der Willkür ihrer adligen Herren ausgelieferten Bevölkerung, die überhaupt nicht aus dem Mittelalter stammen, sondern aus der Neuzeit.
Darauf angesprochen sind diese Leute oft verwundert von der Idee, die rechtliche Stellung der Menschen im Mittelalter sei so großartig anders gewesen, als in späteren Zeiten bis zur französischen Revolution.
Es gab den Adel und den König oben und die Bauern unten. Was soll da schon der große Unterschied sein?

Genau darum soll es im Folgenden gehen:

Im Gegensatz zum neuzeitlichen Absolutismus (und zum populären Bild mittelalterlicher Machtverhältnisse) basiert das Verhältnis zwischen Herrschenden und Beherrschten im Feudalismus nicht auf absoluter und bedingungsloser Unterwerfung des einen unter die Willkür des anderen, sondern auf einem komplexen Geflecht gegenseitiger Rechte und Pflichten.

Die Beherrschten schuldeten dabei den Herrschenden vor Allem Gehorsam und Dienst (wobei dieser Dienst von Abgaben und Steuern, über diverse Arbeitsleistungen bis hin zu den militärischen Aufgaben reichen konnte, die ritterliche Vasallen ihrem Lehnsherrn schuldeten).

Die Beherrschenden wiederum schuldeten den von ihnen Beherrschten im Gegenzug Schutz und Fürsorge (Schutz bedeutete hierbei nicht nur den Schutz vor äußeren Feinden, sondern auch die Verfolgung und Bestrafung von Rechtsbrechern. Fürsorge konnte daraus bestehen, Hörigen ein Stück Land zum Bewirtschaften zu überlassen, bedeutete aber beispielsweise auch, diesen Hörigen nach einer Missernte mit neuem Saatgut zu helfen.).

Kam eine der beiden Seiten ihren Pflichten nicht nach, war damit auch die andere Seite von ihren Verpflichtungen befreit.

Damit konnte ein Herr einen Untertanen verstoßen, der seinen Pflichten nicht nachkam oder sich untreu verhielt und ihm eventuell übertragene Landgüter (vom Hof des Hörigen bis zum Lehen des Vasallen) wieder entziehen.
Aber ebenso hatten Untertanen, deren Herr ihre Rechte verletzte und seinen Pflichten nicht nachkam, das Recht diesen zu verlassen und sich einen anderen Herrn zu suchen.

Das konnte bedeuten, sein Lehen oder seine Scholle zu verlassen und sich in der Ferne bei einem anderen Herrn Arbeit zu besseren Bedingungen zu suchen.

Manchmal kam es aber auch vor, dass adlige Vasallen, Städte oder sogar Dörfer sich bei einem der Nachbarn ihres Herrn über die schlechte Behandlung durch diesen beschwerten und anfragten, ob ER nicht lieber ihr Herr wäre.
Für den so um Hilfe gebetenen Herrn eine willkommene Rechtfertigung, seinem Nachbarn die Fehde zu erklären und sich (natürlich völlig selbstlos und nur um dessen arme Untertanen aus der Unterdrückung zu befreien…) dessen Ländereien anzueignen.

Als Thomas von Aquin im 13ten Jahrhundert verschiedene mögliche Staatsformen beschrieb und verglich, nannte er vor allem drei Regierungssysteme:

-Die Republik (womit er sich vor Allem auf die römische Republik bezog), die zwar sehr gerecht sei, weil alle Entscheidungen von der Bevölkerung gemeinsam getroffen würden (oder zumindest vom freien, männlichen, landbesitzenden Teil der Bevölkerung), dafür aber in Krisensituationen nicht schnell genug handeln könne, zumal die meisten Stimmberechtigten nicht gebildet und verständig genug seien, um die richtigen Entscheidungen zu wählen.

-Die Tyrannei, die mit einem fähigen und wohlmeinenden Alleinherrscher an der Spitze zwar sehr effizient und handlungsfähig sei, in der die Bevölkerung dafür aber bei einem unfähigen und ungerechten Herrscher diesem wehr- und hilflos ausgeliefert sei und nur hoffen könnte, dass nach dessen Tod wieder jemand besseres übernehmen möge.

-Und schließlich die Monarchie (womit er das Herrschaftssystem seiner eigenen Zeit, also den Feudalismus, meinte), die seiner Ansicht nach eine Art goldenen Mittelweg zwischen den beiden anderen Systemen bilde, weil der Herrscher hier zwar nicht über jede einzelne Entscheidung erst abstimmen lassen müsse, sondern gerade in Krisen schnell und effizient handeln könne, gleichzeitig aber nicht stark genug sei, um auf Dauer gegen den Widerstand der Mehrzahl seiner Untertanen zu handeln.

Dieses Verständis der Beziehung zwischen Herren und Untertanen änderte sich erst am Ende des Mittelalters mit der weiten Verbreitung des sogenannten „römischen Rechts“.
Dieses basierte vor allem auf den Gesetzen Diokletians (beziehungsweise auf einer oströmischen Gesetzessammlung aus dem 6ten Jahrhundert, die ihrerseits größtenteils auf Diokletians Gesetzen basierte), der nach der Krise des dritten Jahrhunderts, in der sich das römische Imperium beinahe an ständigen inneren Machtkämpfen und einem gleichzeitigen Zweifrontenkrieg gegen Germanen im Norden und Sassaniden im Osten zerbrochen wäre, den Staat umfassend reformierte und vor allem sehr viel zentralisierter und autoritärer ausrichtete.

Im römischen Recht galt das Staatsoberhaupt automatisch in allem, was es tat, sagte und entschied, als im Recht.
Der Souverän ist dabei seinen Untertanen gegenüber zu nichts verpflichtet und diese haben keinerlei Recht, Forderungen an ihn zu stellen, ihn für Verfehlungen zur Rechenschaft zu ziehen (die er ja nach diesem Rechtsverständnis garnicht begehen kann!) und natürlich erst recht nicht, Widerstand gegen eine als ungerecht empfundene Herrschaft zu üben, sich aus dieser zu lösen oder einen als ungerecht empfundenen Souverän zu entmachten.

Dieses Verständnis von Herrschaft und Staatswesen bildete die Grundlage für den Absolutismus, wie er sowohl in Niccolò Machiavellis Buch „der Fürst“ (bei dem bis heute umstritten ist, ob es als ernsthafte Anleitung zur Führung eines absolutistischen Staates oder als satirische Bloßstellung des Absolutismus gedacht war) als auch in Thomas Hobbes Werk „Leviathan“ beschrieben wird. Letzterer prägte für den absoluten Anspruch des Herrschers auf Recht und Wahrheit die kurze aber treffende Formulierung: „The king can do no wrong.“


Wir sehen also:

Das Verhältnis zwischen Herrschern und Beherrschten im Absolutismus mit dem im mittelalterlichen Feudalismus gleichzusetzen und damit so zu tun, als sei die rechtliche, soziale und wirtschaftliche Situation der einfachen Bevölkerung am Vorabend der französischen Revolution nicht großartig anders gewesen, als am Höhepunkt des hochmittelalterlichen Wirtschaftsbooms, könnte kaum weiter vom aktuellen Stand der Geschichtsforschung entfernt sein.

Zum Weiterlesen:

Über die vielfältigen Faktoren, die im Hoch- und Spätmittelalter dafür sorgten, dass die Untertanen eine so verhältnismäßig starke Position gegenüber ihren Herren hatten und warum dieses Kräfteverhältnis sich am Übergang vom Mittelalter zur frühen Neuzeit massiv zu Gunsten der Herrschenden verschob.

https://inforo1300.wordpress.com/2017/05/10/dezentralisierung/

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