Evolutionstheorie im Mittelalter? – Das Werk des Wilhelm von Conches.



Mal wieder ein sehr schönes Beispiel gegen das verbreitete Bild der wissenschaftsfeindlichen Kirche oder sogar des wissenschaftsfeidlichen Mittelalters ingesamt:

In seinem Werk „Dragmaticon philosophiae“ überlegt der Gelehrte Wilhelm von Conches im 12ten Jahrhundert, ob die Beschreibung der Erschaffung Adams aus Staub, wie sie sich in der Genesis findet, nicht eine vereinfachende und allegorische Darstellung eines Prozesses ist, in dem aus unbelebter Materie zunächst sehr einfaches und kleines Leben erschaffen wurde, dann später daraus komplexere und größere Lebewesen und zuletzt, am letzten Schöpfungstag, der Mensch.

Klingt irgendwie bemerkenswert vertraut, oder?

Willhelms ganze Naturphilosophie gründet sich auf das Bestreben, die Schöpfungsgeschichte der Bibel mit der Beschreibung des Entstehens der Welt in Platons „Timaios“ in Einklang zu bringen. Er argumentiert dabei, Gott habe , ähnlich wie der Demiurg bei Platon, nur die Materie, Naturkräfte und Naturgesetze direkt geschaffen. Der Rest der Schöpfung habe dann ohne direktes Einwirken Gottes seine Form angenommen.
Nur die Seele habe er am Ende dem Menschen wieder direkt eingegeben, da diese nicht aus der materiellen Natur, sondern nur von Gott selbst käme.
Platons „Weltseele“ setzt er mit dem „Heiligen Geist“ gleich.

Der Fairness halber sollte man erwähnen, dass Wilhelm mit seinen Thesen durchaus auf Widerstand stieß:

Bernhard von Clairvaux, der zeitgleich eine ideologische und private Schlammschlacht mit dem Frühscholastiker Petrus Abaelard führte, erhielt ein flammendes Beschwerdeschreiben über Wilhelm.

Das 12te Jahrhundert war allgemein eine Zeit, in der zwischen den frühesten Vertretern der Scholastik, die Gottes Wirken in der physichen Welt logisch ergründen und die Bibel mit den Lehren der antiken Philosophen in Einklang bringen wollten, und denjenigen, die ein solches Unterfangen für blasphemische Anmaßung, Gott für unergründbar und eine allzugroße Beschäftigung mit der materiellen Welt als Zeitverschwendung und Ablenkung von wichtigeren spirituellen Dingen hielten, ein erbitterter Streit geführt wurde.
Am deutlichsten zeigt sich der Gegensatz der beiden Positionen in zwei Zitaten, einem von Bernhard von Clairvaux „Wenn du Gott suchst, studiere nicht, sondern gehe in den Wald und spüre dort seine Gegenwart.“ und einem von Petrus Abaelard „Nichts kann geglaubt werden, was nicht zuerst verstanden wurde.“.

Wichtig ist aber:Der entrüstete Aufschrei einzelner Kirchenmänner hatte für Wilhelm soweit wir wissen keinerlei negative Folgen. Er schrieb seinen „Dragmaticon philosophiae“ als Hofgelehrter von Gottfried Plantagenet (dessen Sohn als Heinrich II., König von England in die Geschichte eingehen sollte) und behielt diesen Posten auch weiterhin.

Letztlich setzte sich die Fraktion, welche die Welt und damit Gott, logisch ergründen und verstehen wollte, im theologischen Disput durch und das 13te Jahrhundert wurde zu einer Hochzeit der Scholastik.

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