Der Kinderkreuzzug und das Bild vom finsteren Mittelalter



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In letzter Zeit konnte ich online wieder viele Diskussionen und Beiträge über die Kinderkreuzzüge lesen.
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Im Sommer des Jahres 1212 machten sich in Deutschland und Frankreich zwei große Züge junger Leute unter charismatischen jungen Anführern, die daran glaubten, in einer Vision von Gott auserwählt worden zu sein, auf den Weg um gewaltlos, nur mit der Kraft ihres Glaubens und Gottes Hilfe, das heilige Land von den Sarazenen zurück zu erobern.

In Frankreich sammelte sich der Zug in St. Denis unter einem Hirten namens Étienne aus Cloyes, der in einer Vision von einem Engel den Auftrag erhalten zu haben glaubte, eine göttliche Nachricht an den französischen König Philipp August zu überbringen und dann mit seinen Nachfolgern nach Jerusalem zu ziehen.
In Paris angekommen jedoch befahl der König dem Zug nach Beratungen mit den Theologen der dortigen Universität, sich aufzulösen.
Étienne und die meisten Teilnehmer befolgten den königlichen Befehl.
Einige zogen vermutlich nach Osten und schlossen sich dem deutschen Zug an.
Ob eine weitere Gruppe auf eigene Faust weiter versuchte, nach Jerusalem zu ziehen, ist in der heutigen Forschung umstritten, wird aber eher verneint.

Der deutsche Zug begann in Köln unter der Führung eines jungen Mannes namens Nikolaus, der ebenfalls glaubte, in einem Traum den himmlischen Auftrag zur Befreiung Jerusalems von den Sarazenen erhalten zu haben.
Dieser Zug machte sich auf den Weg über Trier und Speyer, über den Brenner in die Lombardey und schließlich nach Genua, wo, so glaubten sie, Gott das Meer vor ihnen teilen und sie trockenen Fußes nach Jerusalem ziehen lassen würde.
Als die wundersame Teilung des Meeres jedoch ausblieb, zerstreute sich der Zug.
Der Papst entband die Teilnehmer offiziell von ihrem Kreuzzugsgelübde, woraufhin sich einige wieder auf den beschwerlichen Heimweg machten, andere in Italien blieben und sich dort als Knechte und Mägde verdingten, wieder andere hingegen weiter versuchten, irgendwie ins Heilige Land zu kommen.
Eine Gruppe wurde von Schiffern, die ihnen angeboten hatten, sie kostenlos nach Akkon zu bringen, in Alexandria als Sklaven verkauft.
Schon auf dem Weg waren viele durch Hunger oder Kälte gestorben. Die jungen „Pilger“ waren nicht im geringsten vorbereitet gewesen auf das, was sie sich vorgenommen hatten und hatten ganz auf den Schutz und die Hilfe Gottes gesetzt.
Die wenigen, die wieder zu Hause ankamen, wurden den zeitgenössischen Quellen zufolge mit Hohn und Spott begrüßt.

Das ist eine SEHR grobe Zusammenfassung der Ereignisse, die heute als „Kinderkreuzzug“ bekannt sind. Viele Details sind in der heutigen Forschung hoch umstritten und beziehen sich auf wenige, nicht immer sehr zuverlässige, zeitgenössische Quellen.

Aber ich will in diesem Beitrag weniger über die Kinderkreuzzüge selbst sprechen, sondern mehr über die Rahmenbedingungen, unter denen die Bewegung entstand.
Und über das falsche Bild vom finsteren Mittelalter, zu dessen Rechtfertigung und Untermauerung dieses Ereignis immer wieder gerne herangezogen wird.

Zunächst werden wir uns mit der Frage beschäftigen müssen, ob der „Kinderkreuzzug“ wirklich primär aus Kindern im heutigen Wortsinne bestand.

Vor Allem aber werden wir uns mit dem verbreiteten Narrativ beschäftigen, die Teilnehmer des Kinderkreuzzuges wären vor der Armut, Hunger, Unfreiheit und Unterdrückung im mittelalterlichen Europa geflohen und hätten in ihrer Verzweiflung ihr Heil in der Hoffnung auf das verheißene Land der Bibel gesetzt.
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Wirklich ein Kreuzzug der Kinder?

Entgegen dem, was man beim Wort „Kinderkreuzzug“ vermuten würde, bestand die Bewegung laut den zeitgenössischen Quellen vor Allem aus jungen Erwachsenen, mit kleineren Anteilen wirklich kleiner Kinder und durchaus auch älterer Pilger.
Man muss sich hierbei klarmachen, dass das Wort „Kinderkreuzzug“ eine moderne Wortschöpfung ist.

Die mittelalterlichen Quellen sprechen von der „Peregrinatio Puerorum”.

“Puer” kann hierbei als “Kind” übersetzt werden, bedeutet im mittelalterlichen Sprachgebrauch aber auch “Knecht”, “Diener” oder “einfacher/armer Mensch”.
Diese mittelalterliche Verbindung der Worte für Kinder und Bedienstete hat auch im Deutschen Spuren hinterlassen. “Knabe” klingt nicht zufällig sehr ähnlich wie “Knappe”, was im Mittelalter nicht nur den jungen Ritter in Ausbildung, sondern Knechte ganz Allgemein bezeichnete (Aus diesem Grund hießen auch Bergarbeiter “Knappen”). Und auch das Mädchen ist dem Namen nach ein “Mägd-chen”.

Der Begriff “Kreuzzug” ist ebenfalls modern und wurde im Mittelalter nicht verwendet. Man sprach davon, “das Kreuz zu nehmen”, “auf Pilgerfahrt” zu gehen oder sich der “Heerfahrt ins heilige Land” anzuschließen.
Eine treffendere Übersetzung als “Kinderkreuzzug für die “Peregrinatio Puerorum” wäre also die “Pilgerfahrt der einfachen Leute”.
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Der Kinderkreuzzug – eine Flucht vor Hunger und Unterdrückung?

Europa im frühen 13ten Jahrhundert war alles andere, als eine von Unterdrückung und Not geprägte Dystopie, aus der junge Menschen, die ihren einzigen Trost und ihre einzige Hoffnung in religiösem Wahn fanden, in ein verheißenes Land in der Ferne fliehen mussten.

Das 12te und 13te Jahrhundert waren für Europa eine Zeit rasanten Wachstums und gewaltiger gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und politischer Umwälzungen.

Durch eine lang anhaltende Phase stabilen und günstigen Klimas (das sogenannte “hochmittelalterliche Klimaoptimum” oder auch die “hochmittelalterliche Warmzeit”) sowie durch neue Anbaumethoden und neue Technik in der Landwirtschaft (Dreifelderwirtschaft, bessere Pflüge, das Kummet, Pferde statt Ochsen als Zugtiere, größere Verbreitung von Metallwerkzeugen, flächendeckender Einsatz von Wassermühlen…) verdoppelten sich die Ernteerträge.
Missernten waren selten und die Bevölkerung wuchs.
Da gleichzeitig im großen Maßstab Wälder gerodet und Sümpfe trockengelegt wurden, um neues Ackerland zu schaffen, neue Städte entstanden und bestehende Städte schnell wuchsen, sowie der Grad an Arbeitsteilung in der Gesellschaft stetig zunahm, vermehrte sich der Bedarf an Arbeitskräften sogar noch schneller, als die Bevölkerung.

Das führte wiederum dazu, dass die einfachen Leute nun ihren Herren gegenüber einen langen Hebel in der Hand hatten, um Verbesserungen ihrer Rechte, Lebens- und Arbeitsumstände zu verlangen.

Die wachsenden Städte sowie die adligen Grundherren, die neues Ackerland erschlossen hatten, warben mit Versprechen wie persönlicher Freiheit, stark reduzierten Steuern, weitgehender dörflicher Selbstverwaltung und dem Wegfall von Frondiensten um die ebenso begehrten wie knappen Arbeitskräfte und konkurrierten dabei konstant miteinander und mit den Herren auf Altsiedelland, die ihren Bauern und sonstigen Bediensteten ebenfalls ein Angebot machen mussten, damit diese (vor Allem die jungen Leute und ganz besonders die Zweit- und Drittgeborenen ohne Aussicht auf ein Erbe, die sich noch nichts aufgebaut und damit wenig zu verlieren hatten) sich nicht buchstäblich “vom Acker machten” und sich anderswo Arbeit zu besseren Bedingungen suchten.

Für junge Leute aus der einfachen Schicht am Beginn des 13ten Jahrhunderts war es völlig normal geworden, ihr Heimatdorf zu verlassen und in die Fremde zu ziehen, um sich dort ein besseres Leben aufzubauen.
Der adlige Grundherr wandelte sich mehr und mehr von einer Person mit absoluter Autorität zu jemandem, mit dem man verhandeln und dem gegenüber man seine eigenen Interessen und Rechte durchsetzen konnte.

Auch gegenüber der kirchlichen Autorität hatte sich zu Beginn des 13ten Jahrhunderts eine sehr offen kritische Haltung in der Bevölkerung verbreitet.
Vor allem der Reichtum und die politische Machtgier der Päpste und Kirchenfürsten bei gleichzeitiger Vernachlässigung der seelsorgerischen Aufgaben innerhalb der einzelnen Pfarren wurde vielfach angeklagt.

Im Heiligen Römischen Reich kritisierten Dichter und Sänger wie Walther von der Vogelweide und Wolfram von Eschenbach die Päpste scharf für ihre skrupellose Machtpolitik. Im Thronstreit zwischen Staufern und Welfen unterstützte Rom immer jeweils den Gegenkandidaten des im Moment regierenden Königs oder Kaisers, um das Königtum an sich zu schwächen, das mit dem Kirchenstaat um die Oberhoheit um Italien konkurrierte.
In Südfrankreich hatten sich sogar ganze Regionen der Katharerbewegung angeschlossen und sich offiziell vom Papst und vom gesalbten französischen König für unabhängig erklärt.

Diese offene Rebellion gegen kirchliche wie weltliche Macht wurde von Papst und König mit vereinten Kräften blutig niedergeschlagen, doch der Kirche war klar, dass es Reformen geben musste, wenn solche Aufstände nicht europaweit wieder und wieder passieren sollten.

So wurden Anstrengungen unternommen, die Ausbildung (und die Anzahl) der einfachen Priester auf dem Land und in den Städten zu verbessern und vor Allem die neuen Bettelorden massiv gefördert, die sich nicht mehr in ihren Klöstern abschotteten, sondern unter die Menschen gingen und dort große Anstrengungen in der Mission der Seelsorge und der Armenpflege unternahmen (und damit natürlich hervorragende Öffentlichkeitsarbeit für die Kirche leisteten).

Die Kinderkreuzzüge liegen zeitlich genau in der heißen Phase dieses Prozesses, als die gewaltsame Beendigung der Katharer Rebellion noch in vollem Gange, der Thronstreit im Heiligen Römischen Reich in seinen letzten Zügen und die Bettelorden gerade im Entstehen begriffen waren.

Auch dem Krezzugsgedanken gegenüber hatte sich eine zunehmend skeptische Haltung eingestellt.

1187 war das Kreuzfahrerkönigreich Jerusalem an den Ägypten und Syrien beherrschenden Sultan Saladin gefallen.
Der dritte Kreuzzug, an dem sich mit Richard 1. von England, Philipp August von Frankreich und dem römischen Kaiser Friedrich Barbarossa die drei mächtigsten Herrscher des Abendlandes beteiligt hatten, konnte bis 1192 zwar die Küste des heiligen Landes und ein Besuchsrecht für christliche Pilger in Jerusalem sichern, aber die heilige Stadt selbst blieb unter muslimischer Kontrolle.
Der vierte Kreuzzug 1204 hatte sogar, nach einer beeindruckenden Abfolge von unklugen und/oder unethischen Entscheidungen aller beteiligten Parteien, mit der Eroberung des christlichen(!) Byzantinischen Reiches und der brutalen Plünderung seiner Hauptstadt Konstantinopel geendet.

Nicht nur wurden die Kreuzzüge als fehlgeschlagene Unternehmung empfunden, auch die Zustimmung für die Idee eines heiligen Krieges gegen die Muslime verlor zunehmend Unterstütung.
Die Literatur dieser Zeit verehrte Sultan Saladin als das leuchtende Beispiel eines perfekten Königs und Ritters. Muslimische Ritter tauchten als Charaktere in höfischen Romanen auf, die kein Stück weniger tugendhaft, ehrbar und tapfer sind, als ihre christlichen Standesgenossen.
Theologen wiesen zunehmend darauf hin, dass es sich bei dem Jerusalem, nach dem ein jeder Christ streben sollte, um die himmlische Stadt handelt, nicht um die irdische.

Medizin, Wissenschaft und Kulturelemente aus der muslimischen Welt waren nach Europa gelangt und dort begeistert aufgenommen worden. Das Bild der Muslime als teuflische böse Barbaren funktionierte schlicht nicht mehr.
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In diesem gesellschaftlichen Klima und Umfeld entstand die Bewegung, die heute als “Kinderkreuzzug” bekannt ist.

Es waren keine Kinder, die so verzweifelt waren, dass sie in religiösem Wahn und der Verheißung vom heiligen Land die einzige Möglichkeit sahen, aus der alltäglichen Not und Unterdrückung zu entkommen, sondern junge Leute, die in einer Zeit immensen wirtschaftlichen Aufschwungs eine selbstbewusste und kritische Haltung gegenüber der Kirche, dem Adel und den vergangenen Kreuzzügen entwickelt hatten.
Junge Leute, für die es völlig normal war, den Wohnort ihrer Eltern zu verlassen und auf der Suche nach besseren Chancen in die weite Welt hinaus zu ziehen.

Die meisten jungen Leute dieser Generation nutzten den hohen Marktwert ihrer Arbeitskraft und bauten sich auf den neu erschlossen Ländereien eines Grundherrn oder in einer der schnell wachsenden Städte ein neues Leben zu besseren Bedingungen auf, als ihre Eltern es gehabt hatten.

Aber einige gingen sehr viel weiter, gaben sich nicht zufrieden damit, ihren Herren nur eine Verbesserung ihrer Lebenssituation abzuringen, und entschieden, es den Reichen und Mächtigen zu zeigen.
Der Adel und die Kirche hatten es in ihren Augen nicht geschafft, das heilige Land von den Sarazenen zu erobern, weil sie korrupt, macht- und geldgierig waren, weil sie gegen Gottes Gebote verstoßen und damit seinen Segen und seine Unterstützung verloren hatten.
Aber ihnen, den einfachen, ehrlichen, tugendhaften Menschen, würde Gott mit seiner Macht den Weg ebnen und ihnen die heilige Stadt ohne Waffengewalt in die Hände fallen lassen.
Schließlich waren sie doch die Armen, denen laut der Bergpredigt das Himmelreich gehören sollte.

Wir wissen heute, dass es nicht so kommen würde, wie die jungen Pilger es sich erhofften.

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Unterm Strich waren die Kinderkreuzzüge also nicht als Fluchtbewegung vor Armut und Unterdrückung entstanden, sondern im krassen Gegenteil das Produkt einer Zeit des Aufschwungs und des Wohlstandes, in der junge Leute wesentlich mehr Möglichkeiten zum wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufstieg hatten, als die Generationen vor ihnen, in der junge Leute begannen, weltliche wie kirchliche Autoritäten zu kritisieren und massive Veränderungen in den wirtschaftlichen, politischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Strukturen um sich herum zu bewirken.
In diesem Klima des allgemeinen Aufschwungs und des Aufbegehrens gegen alte Macht- und Gesellschaftsstrukturen “radikalisierten” sich einige der jungen Leute, wie man heute sagen würde, und schlugen einen Weg ein, der im Nachhinein betrachtet nicht besonders klug oder zielführend war.

Wenn ich den Kinderkreuzzug mit einem Ereignis aus der Moderne vergleichen müsste, würde ich nicht Flüchtlingsströme aus von Krieg, Armut und Diktatur gezeichneten Ländern wählen, sondern die Mitglieder der 68er Bewegung, die auf dem “Hippie Trail” nach Indien reisten, um sich spirituell ausbilden zu lassen und mit Meditation und positiver Energie den kalten Krieg zu beenden.

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