Früher ist nicht gleich Früher

-Ein Diskutant nennt die Cholera-Epidemie im viktorianischen London, am Höhepunkt der Industrialisierung, als Beleg dafür, wie dreckig mittelalterliche Städte waren.

-Ein anderer nennt Galileo als Beispiel für die Wissenschaftsfeindlichkeit der mittelalterlichen Kirche.
-Oder den 30-Jährigen Krieg als Beipiel für die brutalen Religionskriege des Mittelalters.
-Aussagen, wonach die Landbevölkerung des Mittelalters garnicht so rechtlos und bettelarm war, wie immer erzählt wird, werden mit Verweisen auf die Situation der Bauern am Vorabend der französischen Revolution oder im Russland des 19ten Jahrhunderts abgewiesen.
-Und immer wieder antworten Leute hier und anderswo, wo ein differenziertes, dem aktuellen Forschungsstand entsprechendes Bild vom Mittelalter vermittelt werden soll:“Aber meine Großmutter hat mir erzählt, dass das zu ihrer Zeit ganz anders war!“

In der allgemeinen Wahrnehmung scheint alles, was vor der eigenen Geburt liegt, zu einem großen Ganzen zu verschmelzen.
Einem „Früher“, in dem all diese geschichtlichen Ereignisse, von denen man so hört, stattgefunden haben.

-„Früher“ gab es Ritter.
-„Früher“ gab es Julius Cäsar und die unbeugsamen Gallier.
-„Früher“ gab es den Sonnenkönig und die französische Revolution.
-„Früher“ gab es die Arbeiterslums der Industrialisierung.
-„Früher“ gab es die Hexenverfolgung.
-„Früher“ gab es die Cowboys im wilden Westen.
-„Früher“ war meine Oma eine junge Frau.

Für bemerkenswert viele Menschen scheint es zwischen all diesen Dingen, die „früher“ einmal waren, nicht wirklich eine zeitliche Trennung zu geben. War halt „früher“.

Ich will mich damit nicht über diese Leute lustig machen, sie nicht einmal wirklich kritisieren.

Ich sehe hier tatsächlich ein Symptom dafür, dass in der Schule, in Dokumentationen, populärwissenschaftlichen Büchern und auch in Museen vielleicht zu selten wirklich vermittelt wird, WIE lang die Geschichte wirklich ist und WIE weit bestimmte Ereignisse zeitlich voneinander und von heute weg lagen.
Und ich halte diesen Mangel an Perspektive für die Größe und die Distanz historischer Zeiträume für eines der größten Probleme, mit denen die Vermittlung historischen Wissens sich konfrontiert sieht.

Deshalb an dieser Stelle ein paar kleine Beispiele, um Perspektive für die Größenrelationen vergangener Zeiträume zu schaffen:

-Der T-Rex aus „Jurassic Park“ lebte zeitlich näher an uns heute dran, als an einigen der anderen Dinosaurier in besagtem Park.
-Cleopatra lebte zeitlich näher an der Mondlandung, als am Bau der Pyramiden.
Und mein persönlicher Favorit:
-Die gesamte Geschichte der Neuzeit, alles was seit dem Ende des Mittelalters passiert ist, von der Renaissance, Luther und der Reformation, dem 30-Jährigen Krieg, dem Sonnenkönig, dem alten Fritz, der französischen Revolution, der Industriellen Revolution, Bismark und dem deutschen Kaiserreich, über die gesamte Geschichte des Kolonialismus und aus ehemaligen Kolonien entstandenen Ländern wie den USA, bis hin zu den beiden Weltkriegen, dem kalten Krieg, der Mondlandung dem Mauerfall und dem Anschlag auf das World Trade Center… all diese Unmenge an historischen Ereignissen und umfassenden Veränderungen in Europa und der Welt…

Sind in einem Zeitraum passiert, der HALB so lang war, wie das Mittelalter.

Ein Gedanke zu “Früher ist nicht gleich Früher

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