Von den Waffen eines Dichters – Oder: Leg‘ dich niemals mit Walther von der Vogelweide an.




Thüringen, um das Jahr 1200 herum:

Gerhard Atze, Ritter und Ministerialer des Thüringer Landgrafen Hermann des 1., tötet das Pferd eines Spielmanns, der am Hof des Landgrafen lebt und spielt.

Wir wissen heute nicht mehr, was sein Motiv war.
Hatte er Streit mit dem Spielmann?
Hegte er irgendeinen Groll gegen ihn?
Oder hatte er einfach nur Lust daran, einem schwächeren und wehrlosen Menschen zu schaden, wie ein Kind, das am Strand die Sandburgen kleinerer Kinder kaputt tritt?

Was immer seine Gründe waren… er konnte sich ziemlich sicher sein, keine juristischen Folgen befürchten zu müssen.

Denn der Spielmann, dessen Pferd er gerade getötet hatte, war ein Fahrender.
Jemand, der außerhalb der Gesellschaft stand, weil er nicht Teil irgendeiner Sozialgemeinschaft war, die seine Rechte schützte und seine Interessen vertrat.
Damit war er effektiv rechtlos, denn er hatte keinerlei Anspruch darauf, dass irgendein Gericht und irgendeine Ordnungsmacht für ihn, seine Rechte und seine Interessen eintrat oder seine Klage auch nur anhörte.

Und ebendeshalb musste Ritter Atze auch nicht fürchten, dass der Spielmann vor dem Landgrafen Klage erheben und einen Ersatz für den ihm zugefügten Schaden oder eine Bestrafung des Täters fordern könnte.

Aber in einem wichtigen Punkt hatte der Ritter sich verrechnet.
Er hatte sich nicht mit irgendeinem Fahrenden angelegt… sondern mit Walther von der Vogelweide.

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Walther hat es vor allem als der mit Abstand bekannteste Vertreter des deutschsprachigen Minnesangs zu Berühmtheit gebracht.
Doch der „König der Minnesänger“ konnte noch mehr, als kunstvolle Liebeslieder an höhergestellte Damen dichten.
Das Talent, mit dem Walther sich vor Allem vermarktete und mit dem er seinen Lebensunterhalt bestritt, bestand aus einer Begabung für politische Satire und beißende Polemik, die ihresgleichen suchte.

Für die Fürsten, die ihn aufnahmen und versorgten, dichtete er Propaganda, pries ihre Tugenden und Taten in höchsten Tönen und stellte vor allem die Fehler ihrer Feinde bloß und gab sie der Lächerlichkeit preis.
Dabei war sein Spott stets treffsicher und oft abgrundtief bösartig.
Und die Nachfrage nach Propaganda und zielgerichteter Satire war hoch:

Walthers Schaffenszeit fiel mit dem Streit zwischen den hochadligen Familien der Staufer und der Welfen um die Krone des Heiligen Römischen Reiches zusammen.
Ein langer und erbitterter Konflikt, mit ständig wechselnden Allianzen und ständig hin- und herschwankendem Kriegsglück.
Ein günstiges Klima also für einen Mann mit Walthers Talenten.

Er wechselte im Laufe der Jahre oft die Seiten, sang Lobpreis auf Fürsten, die er einen Monat zuvor noch als das Böse und die Inkompetenz in Person dargestellt hatte.
Wenn er der Ansicht war, sein aktueller Auftraggeber würde ihn nicht genug wertschätzen (und nicht angemessen bezahlen) schreckte er auch nicht davor zurück, offen damit zu drohen, in Zukunft für seine Feinde zu dichten, die mit Sicherheit keine Mühen scheuen würden, um seine scharfe Zunge auf ihrer Seite zu wissen.
Walther selbst beschrieb sein Verhalten mit den bis Heute als Sprichwort erhaltenen Worten:
„Wes Brot ich ess, des Lied ich sing‘.“

Das klingt nach einem eiskalten Opportunisten, der treu- und gewissenlos sein Fähnchen nach dem Wind drehte und nur auf den eigenen Vorteil bedacht war.

Ein solches Urteil würde aber die Situation verkennen, in der Walther sich die meiste Zeit seines Lebens befand:

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Wie eingangs gesagt, hatte er als Fahrender keinerlei Rechtssicherheit.
Und in einer Zeit vor der GEMA hatte er trotz seiner Berühmtheit und der Tatsache, dass seine Lieder im gesamten deutschen Sprachraum gespielt und gesungen wurden, kein gesichertes einkommen.
Der „König der Minnesänger“ und gefürchtetste Satiriker seiner Zeit führte das Leben eines rechtlosen Bettlers.
Ein Herr, der sich entschied, ihn zu fördern, mochte ihm Obdach, Kleidung, Speise und gelegentlich auch Geschenke in Form von Geld und Naturalien geben, aber auf nichts davon hatte Walther einen einklagbaren Anspruch.
Es gab für ihn kein festes und geregeltes Rechtsverhältnis von einander in Eiden versicherten gegenseitigen Rechten, Ansprüchen und Pflichten zwischen ihm und seinem Förderer, wie es selbst der niederste Leibeigene hatte.
Der Fürst, für den er dichtete und sang, konnte sich jederzeit entscheiden, ihn vom einen auf den nächsten Tag ohne Obdach, Nahrung und Einkommen dastehen zu lassen und Walther konnte nicht das Geringste dagegen tun.

Aus genau diesem Grund sind auch unzählige inbrünstige Bitten von ihm an seine diversen Förderer erhalten, sie mögen ihn doch fest als Hofdichter anstellen oder noch besser ihm ein Lehen übertragen, damit er abgesichert sei und frei von Sorge um sein Überleben dichten und leben könne.

Als spät in seinem Leben und nach dem Ende des Thronstreits Friedrich II. der staufische Sieger des Konfliktes Walther endlich tatsächlich ein Lehen übertrug, dichtete dieser über sich vor Freude:
„Ich hab‘ mein Lehen! Alle Welt, ich hab‘ mein Lehen! Jetzt muss ich fürchten nicht den Winter an den Zehen! Und nicht mehr alten Männern um die Bärte gehen. Der edle König, milde König hat für mich gesorgt.“

Da Walther also meist aus schierer notwendigkeit das dichtete, was derjenige, der im Moment seine Existenzgrundlage sicherte, hören wollte, können wir aus den meisten seiner Gedichte nur wenig darüber schlussfolgern, was er tatsächlich dachte.

Die wenigen seiner Gedichte, die nicht offenkundige Propaganda für einen seiner Auftraggeber sind, zeigen einen desillusionierten, bitteren Mann, der eigentlich gerne ein Idealist wäre, aber durch die Umstände, in denen er lebt, gezwungen ist, ein Zyniker zu sein.
In einem seiner berühmtesten Gedichte, der „Reichsklage“ (besser bekannt als „Ich saß auf einem Steine“) beklagte er, dass es in einer Welt, in der Frieden und Recht zu tode verwundet sind und an ihrer Statt Verrat und Gewalt herrschen, unmöglich sei, ein Leben zu führen, in dem man sowohl öffentliches Ansehen und Wohlstand erlangt (zwei Dinge die, wie er selbst hinzufügt, einander oft schaden) als auch sein Seelenheil bewahrt und sich nicht versündigt (was er für wichtiger hält, als Wohlstand und Ansehen zusammen).

Er beklagt oft, dass im unsicheren politischen Klima des Thronstreits Treue und Loyalität nicht mehr existent seien und die großen und kleinen Herren des Reiches ständig von einer Seite zur anderen wechseln würden, je nachdem, was ihnen gerade den größten Vorteil bringt.
Und doch tut er selbst genau das Selbe, weil er ebenso wie sie keine Wahl hat, wenn er überleben will.

Trotz seiner unsicheren Situation bewahrt er sich seinen Stolz, verkündet in einem seiner Gedichte etwa selbstbewusst, er habe es niemals nötig gehabt, gebrauchte Kleidung zu tragen, sondern stets neue Kleider (oder Geld zur Anschaffung derselben) bekommen.

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Eine persönliche Überzeugung Walthers, die sich quer durch sein Werk zieht, egal für welche Seite im Konflikt er gerade dichtet, ist seine extrem kritische bis ablehnende Haltung gegenüber den Päpsten, die den Thronstreit von Anfang an genutzt haben, um das Kaisertum als Konkurrent um die Macht in Italien und die Hegemonialstellung über die Könige Europas zu schwächen.
Zu diesem Zweck hatten Rom meist den Gegner des im Moment regierenden Königs oder Kaisers unterstützt, bis dieser an die Macht kam und damit selbst zur Konkurrenz wurde, woraufhin der Pontifex auf die nun unterlegene Seite wechselte.

Walther kritisierte die skrupellose Machtpolitik und Geldgier der Kirchenführung und führte als Gegenbeispiel häufig die Kunstfigur des armen Einsiedlers an, den er zu seinem Rat und seiner Meinung die aktuelle Kirchenpolitik betreffend befragte.
(Eine Haltung, mit der Walther am Übergang vom 12ten zum 13ten Jahrhundert alles andere als allein war, die aber kaum jemand so drastisch in Worte kleidete, wie er.)

Für die Päpste hebt er sich seine beißendste Kritik und seinen hämischsten Spott auf.

So fragt er den Nachfolger Petri etwa in einem seiner Gedichte gespielt unschuldig, bei welchem der beiden aktuell um den Thron streitenden Könige er eigentlich gelogen habe, als er ihn als den von Gott gewollten Herrscher ausrief. Es ginge ihm bei der Frage selbstverständlich nicht darum, den Papst als Lügner anzuklagen, er müsse halt nur *wirklich* wissen, bei welchem der beiden Könige er gelogen habe, da ja schließlich nicht *beide* der von Gott gewollte Kandidat auf den Thron sein könnten und er sich einfach nicht versündigen wolle, indem er unwissend den falschen Kandidaten unterstützt.

Ein anderes Mal fordert er seine Zuhörer auf, Gott anzurufen und ihn zu warnen, dass sein Kämmerer ihm die Schatzkammer leerräume und sein Hirte zum Wolf geworden sei, der seine Schafe frisst.

Den Papsttreuen Bischöfen wirft er vor, sie würden den Chor ihrer Kirche (also den Bereich, der ausschließlich den Klerikern, nicht aber der Gemeinde zugänglich war) mit einem schönen und kostbaren Dach decken, aber den Altar ungeschützt im Regen stehen lassen.

Er vergleicht den Papst mit Judas Iskariot und wirft ihm vor, die Schrift von den Seiten der Bibel abgeschabt und stattdessen neue Worte aufgeschrieben zu haben, die ihm der Teufel eingeflüstert habe. Aus diesem Buch würde er nun predigen.

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Aber auch ehemalige Förderer, die Walther seiner Ansicht nach nicht genug gewürdigt (und nicht angemessen bezahlt) haben, müssen seinen scharfen Spott fürchten.

Besonders heftig erwischt es Philipp von Schwaben, Sohn von Kaiser Friedrich Barbarossa, jüngerer Bruder von Kaiser Heinrich VI. und für einen großen Teil des Konflikts der Thronkandidat der Staufischen Seite.

Philipps Vater war 1190 auf dem Kreuzzug gegen Sultan Saladin gestorben. Sein Rivale auf seiten der Welfen Otto von Braunschweig hatte seine Jugend am englischen Hof verbracht und war der Neffe des englischen Königs Richard Löwenherz, der nach dem Tod seines Vaters sein Vormund und engster Vertrauter geworden war. Ottos Vater und Richards Schwager war Heinrich der Löwe gewesen, seines Zeichens einer der erbittertsten und gefährlichsten Rivalen von Philipps Vater.

Mit diesem Hintergrundwissen versteht man, was für ein monumentaler Tiefschlag es war, als Walther Philipp nicht nur für seine mangelnde Mildtätigkeit kritisierte, sondern dem jungen König in völlig unschuldigem Ton empfahl, sich doch einmal ein Beispiel an Königen wie Saladin oder Richard Löwenherz zu nehmen, die wegen ihrer Freigiebigkeit die uneingeschränkte Liebe und Loyalität ihrer Untertanen genossen hätten…

Ein anderes Spottgedicht über Philipps mutmaßliche Knausrigkeit schnitt sogar noch ein Stück tiefer:

Philipp hatte die Byzantinische Prinzessin Irene geheiratet, Tochter des Oströmischen Kaisers Isaak II. der zunächst einen Thronstreit gegen seinen Bruder verloren hatte, entmachtet und eingekerkert worden war. 1204 war es seinem Sohn Alexios IV. gelungen, die hoffnungslos bei Venedig verschuldeten Teilnehmer des vierten Kreuzzugs zu überreden, den Thron für seinen Vater zurückzuerobern. Dafür hatte er ihnen versprochen, ihre Schulden zu bezahlen und sie mit Schiffen und Soldaten bei der Rückeroberung des heiligen Landes zu unterstützen. Als die Kreuzfahrer ihren Teil der Abmachung erfüllt, die Stadt erobert und Isaak wieder auf den Thron gesetzt hatten, musste Alexios allerdings feststellen, dass er nicht in der Lage war, ihnen den versprochenen Lohn zu zahlen.
An diesem Punkt geschah das, was quer durch die Geschichte immer geschah, wenn jemand Söldner nach getaner Arbeit darüber informierte, dass sie nicht bezahlt werden würden.
Als das Chaos, die Plünderungen und das Morden vorbei waren, waren Isaak und Alexios tot und Konstantinopel Sitz eines „lateinischen“ Kaiserreiches.

Über dieses tragische Ende von Philipps Schwiegervater und Schwager spottete Walther, als er im „Spießbratenspruch“ den Köchen am Hof des Staufers riet, den Spießbraten so achtsam aufzuschneiden, dass auch ja immer genug für alle Gäste da sei. Er habe letztens von einem Festmahl in Griechenland gehört, da sei der Spießbraten so schlecht aufgeschnitten und verteilt worden, dass der Gastgeber am Ende draußen sitzen musste, weil für ihn nichts mehr übrig war…

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Es ist wenig verwunderlich, dass Zeitgenossen wie Wolfram von Eschenbach und Thomasin von Zerclaere Walther einen schwierigen Charakter und eine wenig umgängliche Persönlichkeit attestierten. Thomasin kritisierte Walther zudem scharf für seine antipäpstliche Haltung.
Gleichzeitig waren sich die Autoren des frühen 13ten Jahrhunderts, die Walther in ihren Werken erwähnten aber auch durch die Bank einig, dass er der größte Dichter und Sänger ihrer Zeit war.

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Das war also der Mann, dessen Pferd Ritter Gerhard Atze getötet hatte, in der sicheren Gewissheit, keine juristischen Folgen fürchten zu müssen.

Doch, wie man sich inzwischen denken kann:
Dass Walther keine Möglichkeit hatte, Ritter Atze vor Gericht auf Schadensersatz zu verklagen oder seine Bestrafung zu verlangen, bedeutete noch lange nicht, dass er keine anderen Möglichkeiten hatte, Vergeltung zu üben.

Walther griff für den Gegenangriff zur mächtigsten Waffe, die er hatte: Seinen Fähigkeiten als Dichter.

Im Gedicht „Mir hat Her Gerhart Atze ein Pfert eschozzen“ lässt er den Ritter in einer fiktiven Gerichtsverhandlung vor dem Landgrafen (zu der es in der Realität durch Walthers Status als Fahrender natürlich nie kam) seine Tat verteidigen.
Zur Rechtfertigung seines Handelns legt Walther ihm in den Mund, das Pferd des Sängers sei mit einem anderen Pferd verwandt, dass ihm einige Jahre früher einen Finger abgebissen habe. Er habe also lediglich Blutrache an der Familie des Täters geübt.
Diese Rechtfertigung war natürlich auch nach mittelalterlichem Rechtsverständnis Unfug.
Walther schließt das Gedicht ab, indem er schwört, dass sein Pferd und das Pferd, dass Herrn Atze verstümmelt hat, nicht miteinander verwandt seien, ja einander nicht einmal gekannt hätten.
Auch dieser abschließende Schwur ist doppeldeutig und ein Hieb in Richtung von Herrn Atze, denn der Verlust eines Fingers an der Schwurhand galt im Mittelalter oft als göttliche Strafe für Meineid.

In einem anderen Gedicht befielt ein Ritter seinem Knappen, schnell zum Hof zurückzukehren.
Der Knappe erwiedert, er habe kein Pferd und der Weg sei weit.
Daraufhin bietet der Ritter ihm zwei Reittiere zur Auswahl:
Eine goldene Katze und den Ritter Gerhard Atze.
Der Knappe wählt Atze, mit der Begründung, wenn er dessen dummes Gesicht anschauen könne, würde ihm auf dem langen Ritt nach Hause wenigstens nicht langweilig.
Daraufhin wird er vom Ritter gescholten und muss zur Strafe zu Fuß zum Hof laufen.
Nicht etwa, weil er einen Ritter beleidigt hat… sondern weil er sich ein so miserables Reittiert ausgesucht hat.

Das Beste an dieser Geschichte:

Die Lieder um Gerhard Atze waren nicht etwa obskure Werke Walthers, die er einmal vorgetragen und für die sich danach niemand mehr interessiert hat… Im Gegenteil.
In den meisten Sammlungen von Walthers Liedern und Gedichten (auch denen, die lange nach seinem Tod zusammengestellt wurden) finden sich auch die Stücke über den Ritter Atze, der ihm sein Pferd getötet hatte.

Es liegt also nahe, dass diese Gedichte sich einer nicht geringen Beliebtheit erfreuten.

Ich frage mich oft, ob Gerhard Atze sich in den folgenden Jahren, wann immer er irgendwo jemand Walthers Spottlieder über ihn singen hörte, nicht jedes Mal gewünscht hat, er hätte das Pferd von jemandem getötet, der ihn nur vor Gericht gezerrt hätte…

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Die Moral von der Geschicht‘:

Die Zunge eines Dichters kann wesentlich schärfer sein, als das Schwert eines Ritters.

Und:

Leg‘ dich niemals mit Walther von der Vogelweide an!

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