Ist doch nur ein Film! – Warum wir über historische Genauigkeit in Medien reden



Ein großer Teil dessen, was wir bei der Wissensvermittlung tun, besteht darin, die Bilder, die Filme, Serien, Comics, Romane, Videospiele und andere Medien von vergangenen Epochen und Kulturen zeichnen, mit dem gegenwärtigen Stand der Geschichtswissenschaft zu vergleichen und zu zeigen, in welchen Punkten, die Darstellung in den Medien der (wahrscheinlichsten) historischen Realität entspricht und in welchen Punkten sie von ihr abweicht.

Wann immer wir das tun, bekommen wir früher oder später immer einen bestimmten Kommentar zu lesen:

„Das ist doch nur ein Film [wahlweise anderes Medium einfügen]! Wen interessiert es, ob das damals wirklich so war? Das hat doch überhaupt nicht den Anspruch, historisch korrekt zu sein! Die Macher wollen eine unterhaltsame Geschichte erzählen, keine langweilige Geschichtsstunde abhalten! Wenn ich wissen will, wie es damals war, schaue ich eine Dokumentation, keinen Film!
Die Leute wissen doch, dass das nicht echt ist! Warum verlangt ihr, dass Filme [wahlweise anderes Medium einfügen] historisch korrekt sein sollen?“

Ich will im Folgenden einmal Stück für Stück auf die wichtigsten Argumente dieser Aussage eingehen, in der Hoffnung, dadurch besser verständlich zu machen, worum es uns bei dem, was wir hier tun, eigentlich geht und warum wir es für notwendig halten.

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„Die Leute wissen doch, dass das nicht echt ist!“

Dass den Menschen theoretisch und in einer idealen Welt klar sein sollte, dass Theaterstücke, Romane, Filme, Fernsehsendungen, Computerspiele etc. nicht die Realität abbilden, ändert nicht das Geringste an der Tatsache, dass all diese Medien trotzdem unsere Wahrnehmung der Realität prägen.

Ob bewusst oder unbewusst.

Und das betrifft bei weitem nicht nur historische Stoffe:

Menschen ertrinken regelmäßig vor den Augen mehrerer Zuschauer, die zu spät erkennen, was passiert, weil sie im Fernsehen gelernt haben, dass Ertrinkende wild mit den Armen um sich schlagen, prusten und nach Hilfe schreien.

Menschen in Deutschland widersetzen sich bei Verhaftungen, weil sie aus amerikanischen Krimis gelernt haben, dass die Verhaftung nicht rechtmäßig ist, wenn die Polizisten ihnen dabei nicht ihre Rechte vorlesen.

Menschen in Deutschland sprechen vor Gericht den Richter mit „euer Ehren“ an, statt mit „Herr/Frau Vorsitzende/r“ und schreien „EINSPRUCH!“

Menschen in Erste-Hilfe-Situationen versuchen Herzstillstand mit einem Defibrillator zu beheben, statt mit einer Herzdruckmassage.
Schauspieler, die Schurken gespielt haben, werden in der Öffentlichkeit bedrängt, beleidigt, bedroht oder sogar körperlich angegriffen wegen Dingen, die der von ihnen gespielte Charakter getan hat.

Der Hinweis darauf, dass fiktive Werke nicht als glaubhafte Darstellungen der Realität gedacht sind, ist in der Theorie richtig… geht aber in der Praxis an der Realität vorbei.

Wir erleben in unserer alltäglichen Vermittlungsarbeit einfach immer wieder, dass Filme wie „Braveheart“, Serien wie „Vikings“, Spiele wie „Assassin’s Creed“ und Romane wie „Der Medicus“ einfach ganz massiv die Vorstellung der Menschen von Geschichte prägen, völlig unabhängig davon, ob diese Menschen das wollen oder ob es ihnen überhaupt bewusst ist.

Ein Bild, das ich immer und immer wieder sehe, prägt sich irgendwann ein, das lässt sich gar nicht vermeiden.
Je öfter ich mit einer bestimmten Behauptung, Darstellung oder Aussage konfrontiert werde, desto weniger hinterfrage ich sie.
Das ist ein bekannter, gut erforschter psychologischer Effekt, dem entgegen zu steuern gar nicht so leicht ist, selbst wenn man sich seiner bewusst ist.

Ein anderer, ebenso wichtiger Punkt:

Den Leuten mag klar sein, dass eine fiktive Geschichte von der realen Historie abweicht… aber ist ihnen auch klar, wie sehr und in welchen Punkten sie abweicht?

Die meisten Leute, die einen historischen Film oder eine andere fiktive Geschichte in einem historischen Setting sehen, gehen vielleicht davon aus, dass die Handlung selbst entweder frei erfunden ist oder sich zumindest (wenn sie auf realen historischen Ereignissen basiert) einige Freiräume nimmt.
Wovon sie meist NICHT ausgehen, ist, dass das gesamte Setting wirklich so keinerlei Ähnlichkeit mit der historischen Epoche hat, die es angeblich darstellen soll.

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„Wenn ich wissen will, wie es damals war, schaue ich eine Dokumentation, keinen Film!“

Das wäre ein Argument, wenn die Dokumentationen zu historischen Themen besser wären, als sie es im Moment sind.

Würden die populärwissenschaftliche Vermittlungsangebote ein wenigstens halbwegs dem aktuellen Forschungsstand entsprechendes Bild der Vergangenheit zeichnen, hätten interessierte Menschen eine realistische Chance, dieses mit dem Bild zu vergleichen, dass in den Unterhaltungsmedien präsentiert wird und zu merken, dass beide kaum Gemeinsamkeit miteinander haben.

So lange aber Dokumentationen, Museumsausstellungen, Sachbücher, Burg-, Stadt- und Museumsführungen und andere populärwissenschaftliche Präsentationen ihrem Publikum genau das selbe von Klischees, Mythen und der Projektion moderner Vorstellungen und Sehnsüchte auf die Vergangenheit geprägte Zerrbild zeigen, wie es Filme, Serien, Romane und Spiele tun, hat das Publikum doch überhaupt keinen Anlass, überhaupt auf die Idee zu kommen, das ihnen gezeigte Bild vergangener Epochen zu hinterfragen.

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„Das hat doch überhaupt nicht den Anspruch, historisch korrekt zu sein!“

Das ist in manchen Fällen richtig, aber leider nicht im Ansatz in allen.
Einige der medialen Machwerke, die am wenigsten mit der Epoche, in der sie angeblich spielen sollen, zu tun haben, wurden sogar ausdrücklich als historisch akkurat beworben.

„Vikings“ etwa, oder der zurecht gefloppte „King Arthur“ von 2004.

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„Die Macher wollen eine unterhaltsame Geschichte erzählen, keine langweilige Geschichtsstunde abhalten!“

Es spricht nichts dagegen, eine unterhaltsame Geschichte zu erzählen. Wir sind einfach nur der Ansicht, dass eine unterhaltsame Geschichte nicht im Widerspruch zu einem akkuraten Setting steht.

Im Gegenteil: Die echte Geschichte und die reale Kultur und Lebenswelt vergangener Epochen könnte unserer Ansicht nach eine Grundlage für sehr viel spannendere und interessantere Settings und Geschichten bilden, als die immer selben Kopien lange durchgekauter Klischees.

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„Warum verlangt ihr, dass Filme [wahlweise anderes Medium einfügen] historisch korrekt sein sollen?“

Und hier kommt der springende Punkt:

Verlangen wir gar nicht.

Es ist völlig okay, mehr oder weniger stark historisch angelehnte Fantasy zu produzieren.
Es ist völlig okay, diese Geschichten als Konsument zu mögen und zu genießen.

Wir sagen nicht, dass historisch angelehnte Fantasy böse ist und alle fiktiven Geschichten, die in historischen oder historisch angelehnten Settings spielen, 100% historisch korrekt sein müssen.

Wir sagen folgendes:

-Wir würden uns wünschen, dass historisch angelehnte Fantasy auch offen und ehrlich als solche bezeichnet wird, anstatt (wie etwa bei Vikings) zu Unrecht mit einer historischen Genauigkeit zu werben, die einfach nicht da ist.

-Wir finden, dass die echte Geschichte wesentlich interessantere und vielfältigere Settings und Handlungen anzubieten hat, als die immergleichen Klone der selben Handvoll Vorlagen.

-Wir würden uns wünschen, dass die populärwissenschaftliche Vermittlung ein Bild vergangener Epochen und Kulturen zeigt, das wenigstens halbwegs dem aktuellen Forschungsstand entspricht.
So könnte das Publikum historisch angelehnte Fantasy auch dann von echter Geschichte unterscheiden, wenn sie nicht deutlich als solche gekennzeichnet ist.

Und vor Allem:

-Es geht uns bei dem Vergleich zwischen historisch angelehnter Fiktion und wissenschaftlich fundierter Historie nicht darum, auf ersterer herumzuhacken, sondern darum, Wissen über letztere zu vermitteln.

Wir ziehen den Vergleich zu historisch angelehnten Medienproduktionen deshalb, weil die meisten Menschen, die wir mit unserer Arbeit erreichen wollen, nunmal mit diesen Produktionen vertraut sind und ihr Bild der Vergangenheit zumindest teilweise durch diese Produktionen geprägt wurde.

So können wir auf dem aufbauen, was sie schon kennen und wissen (oder zu wissen glauben) und haben einen Ansatzpunkt, um zu sagen:
„Okay, so ist das im Film [wahlweise anderes Medium einfügen], jetzt schauen wir uns mal an, wie es mit größter Wahrscheinlichkeit wirklich war.“

Diese Art Vergleich kann spannend, unterhaltsam und informativ sein und soll in keiner Weise den Spaß an der Fiktion schmälern, auch wenn wir feststellen, dass diese nicht viel mit der realen Geschichte zu tun hat, auf der sie basiert.

Was natürlich nicht heißt, dass wir uns in diesem Vergleich nicht gelegentlich ein wenig Ironie und das eine oder andere Augenzwinkern erlauben.
Auch Menschen mit einem Hang zu historischer Korrektheit wollen zwischendurch einfach mal Spaß haben. 😉

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Fazit:

Ja, ein historisch angelehnter Film ist nicht die Realität und zumindest theoretisch sollte das dem Publikum auch klar sein.
Ja, historisch angelehnte Fiktion soll nur unterhalten, ist keine Doku und muss nicht zwingend historisch korrekt sein.

Trotzdem gibt es Dinge, die man zurecht kritisieren kann und vor Allem gibt es trotzdem Dinge, die man aus dem Vergleich zwischen Fakt und Fiktion lernen kann, ohne dass die Fiktion dadurch ihr Daseinsrecht aberkannt bekommt.

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