Der Kreuzritter als rechte Identifikationsfigur

Die Tage sah ich auf Facebook mal wieder ein rechtsextremes Meme.

Auf der einen Seite war ein pseudohistorischer „Kreuzritter“ in Kettenhemd und Waffenrock abgebildet, das Schwert kampfbereit erhoben und ein grimmiges entschlossenes Gesicht unterm Nasalhelm.
Auf der anderen Seite ein Teilnehmer einer Demonstration mit rosa Crocs, Leggins, einer rosa Handtasche und rot gefärbten Haaren, der ein „Refugees welcome“ Schild hält.

Die Überschrift:
„Men then vs ‚men‘ now. WHAT THE HELL HAPPENED?!“

Die Botschaft ist klar:

Der Kreuzritter verkörpert aus Sicht des Memeerstellers ein Ideal von Männlichkeit, dem der Demonstrant auf der anderen Seite so gar nicht entspricht. Nach Meinung des Memeerstellers stellt die Entwicklung vom Kreuzritter zum Demonstranten einen sittlichen, moralischen und gesellschaftlichen Verfall dar, den es zu beklagen und zu bekämpfen gilt.

(Wir zeigen dieses Meme hier ganz absichtlich nicht, weil wir ihm und der Botschaft, die es transportieren soll, keine weitere Reichweite verschaffen möchten. Stattdessen haben wir als Titelbild Wolfram von Eschenbach, in dessen höfischen Romanen muslimische Charaktere ausgesprochen positiv dargestellt wurden, in einen Antifa-Ritter verwandelt. Einfach, weil wir wissen, dass sich Leute, denen das oben beschriebene Meme gefallen würde, über dieses Titelbild ärgern werden.)

.

Neben Wikingern und Germanen sind „Kreuzritter“ eine der beliebtesten Identifikationsfiguren für Rechte und Rechtsextreme und das nicht erst seit den letzten Jahren, sondern durchgehend seit dem 19ten und erst recht dem frühen 20sten Jahrhundert.

Der Kreuzritter verkörpert hierbei natürlich einerseits den Kampf gegen das Feindbild Islam (und überhaupt die Verteidigung der eigenen Kultur gegen alles Fremde, was als Bedrohung gesehen wird).
Andererseits steht er aber auch, ebenso wie Germanen und Wikinger, für ein Männlichkeitsideal, das sich durch Stärke, Dominanz, Aggressivität, Misogynie, Homophobie sowie generell eine Ablehnung von allem, was als verweichlicht oder „weibisch“ angesehen wird, auszeichnet.

Wieviel hat dieses als Identifikationsfigur genutzte Bild des Kreuzritters aber mit realen Rittern aus dem Zeitalter der Kreuzzüge gemeinsam?

Entsprachen sie tatsächlich dem „Idealbild“ eines „echten Mannes“, das Rechte heute gerne auf sie Projizieren?

.

Schauen wir uns einen Ritter zu Beginn des 13ten Jahrhunderts an (also der Zeit, in die der Klischee-Kreuzritter in Kettenhemd und Waffenrock, mit Nasal- oder Topfhelm, den man immer wieder auf Memes sieht, noch am ehesten passt):

-Seine Kleidung bestand aus engen, hüfthohen Strümpfen, die an einem Hüftgürtel befestigt wurden (ähnlich heutiger Strapse) und fließenden, mindestens bis zum Knie aber gerne auch bis zu den Knöcheln reichenden Gewändern (die in der Sprache der Zeit auch noch „Röcke“ genannt wurden!), gerne in bunten Farben und mit verspielten (gerne floralen) Verzierungen.
Rosa galt als absolut männliche Farbe (eine Kombination aus Rot mit all der damit verbundenen Blutsymbolik und Weiß als Farbe der Reinheit und Rechtschaffenheit).

-Er legte nicht nur großen Wert auf Reinlichkeit (neben einem mindestens wöchentlichen Bad wusch er sich täglich mit einem Tuch und einem Gefäß voll Seifen- oder Laugenwasser), sondern stylte auch aufwändig seine Haare (schulterlange, blonde und gelockte Haare waren Mode und es gibt Belege für Blondierungen, Lockeneisen und sogar Haarverlängerungen und Perücken), rasierte sich gründlich und trug sogar Makeup und Duftöle/Duftwasser (sehr zum Ärger einiger Prediger).

-Als Ritter wurde von ihm nicht nur körperliche Fitness und kämpferisches Geschick erwartet, sondern auch die Fähigkeit, zu tanzen, zu singen, zu musizieren, Liebeslieder zu dichten und Brettspiele wie Schach zu spielen.
Er musste eine komplexe höfische Etikette beherrschen und ein angenehmer Gesprächspartner sein.

-Er besiegelte Friedensverträge oder Bündnisse mit anderen Männern mit einem Friedenskuss, schlief manchmal sogar vor Zeugen in einem Bett mit seinem Bündnispartner, um ihre enge Verbundenheit zu demonstrieren.

-Mildtätigkeit gegenüber Armen und Wertschätzung sowie soziale Verantwortung gegenüber seinen Bediensteten und Untergebenen galt als eine der wichtigsten Tugenden eines Ritters und Christen.

-Auch wenn er in einer Zeit lebte, in der Frauen weit davon entfernt waren, gleichberechtigt zu sein, waren Frauen, die selbstständig einen Betrieb führten, Verwaltungsaufgaben wahrnahmen und sogar politische Macht ausübten, keinesfalls etwas Ungewöhnliches oder gar Anstößiges für ihn.

Auch wenn er in den Krieg zog, um Jerusalem und das Heilige Land wieder unter christliche Herrschaft zu bringen, betrachtete er Muslime keineswegs als barbarische Monster:

-Saladin, der Sultan, der über Ägypten und Syrien geherrscht und den Kreuzfahrern Jerusalem 1187 wieder abgenommen hatte, genoss zu seiner Zeit in Europa höchsten Respekt und wurde als eines DER Beispiele für einen idealen König und Ritter geführt.

-Wissen und Technologien aus der arabischen Welt wurden zu seiner Zeit begierig in Europa aufgenommen und bildeten eine wichtige Grundlage der Hoch- und Spätmittelalterlichen Wissenschaft.

-Luxusgüter aus der arabischen Welt waren an Europas Höfen hochbegehrt, von Seidenstoffen, über parfümierte Seifen bis zu Gewürzen.

-Die europäische Küche, Mode und Kunst (insbesondere Musik und Dichtung) übernahmen im großen Stil muslimische Einflüsse.

-Unser Ritter wuchs mit höfischen Epen auf, in denen die muslimischen Kämpfer zwar den Makel des „falschen“ Glaubens haben, aber ansonsten kein Stück weniger tapfer, ehrenvoll und tugendhaft sind, als ihre christlichen Gegenparte.

.

Fazit:

Ein Ritter aus der Ära der Kreuzzüge hätte vermutlich viele Ansichten und Überzeugungen, die modernen progressiven Werten und unserem Verständnis von Aufklärung, Menschenrechten und Gleichberechtigung massiv widersprechen würden.

Aber genauso würden viele seiner Ansichten, Überzeugungen und kulturellen Gewohnheiten nicht ins Weltbild der heutigen extremen Rechten passen.

Vieles von seinem Verhalten und seiner Kultur würde ihnen weibisch und unmännlich vorkommen. Seine Einstellung zur muslimischen Kultur wäre eine völlig andere, als ihre.
Und selbst sein Frauenbild, so sehr es von einem modernen Verständnis von Gleichberechtigung entfernt ist, wäre immer noch besser, als das Frauenbild der Nachkriegs-BRD, das sich heutige Reaktionäre zurückwünschen.

In seinem Modegeschmack und seiner Einstellung zu Muslimen und Hilfsbedürftigen hätte er vermutlich mehr mit dem „Refugees welcome“ Demonstranten auf dem Meme gemein, als mit dem rechten Ersteller des Memes oder der Karikatur seiner Selbst, mit der das Meme diesen Demonstranten vergleicht.

.

Abschließend möchte ich den geneigten Lesern einen äußerst hörenswerten englischsprachigen Vortrag ans Herz legen.

https://youtu.be/Fxmamrfbizo

Dr Rory MacLellan spricht über die Faszination, welche die Kreuzzüge allgemein und der Templerorden im Besonderen auf die extreme Rechte ausüben und wie pseudohistorische Mythen über die Templer und die Kreuzzüge dazu genutzt werden, um rechtsextreme Narrative zu transportieren und zu legitimieren.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s